Vivarium Seite 49


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Ach, was soll ich dir hier schreiben,
ein langes, schmalziges Gedicht?
Ich moechte in Erinnerung bleiben
und schreibe dir:
"Vergiss mich nicht!"

von unbekannter Hand.

***

Wir schreiben das Jahr 1968 an der mittleren Lahn:

Eine nicht ganz fiktive Geschichte.
Aufgewachsen ist er in einem Arbeiterhaushalt mit drei Kindern in einem Dorf nahe der Kreisstadt:
Am Fruehstuecktisch der Familie mit drei Kindern wurde ueber den Tagesablauf,
kleine und groessere persoenliche Probleme bis zur Politik ueber alles gesprochen,
"was sich nicht gewehrt hat".
Das war Tradition und gehoerte dazu - in demokratischer Abstimmung fanden Vorschlaege von der Sonntagsfahrt bis zur Gartengestaltung statt -
ueber die Koepfe der Kinder wurde eigentlich nichts gemacht, sie wurden selbstverstaendlich miteinbezogen,
wenn es sie tangierte oder interessierte.
(Heute bin ich der Meinung, dass sich das unsere politische Kaste hinter die Ohren schreiben sollte)
Die Zeit war noch recht arm, "aus dem Nichts" wurden Haeuser gebaut,
junge Familien gruendeten sich, "Fluechtlinge" (Damals Deutsche)
haben sich untereinander und auch anderen geholfen,
bezahlten konnte kaum einer was und wenn das oft genug in Naturalien oder mit Dienstleistungen.
Die Bauern waren im Dorf eine Gruppe fuer sich,
die nahmen diese Arbeiterhaushalte nicht fuer "voll" und sahen regelmaessig darauf herab.
Die Zeit war zwar neu, aber noch mit den alten "Honoratioren", wie Pfarrer, Lehrer und Buergermeister
oder "besseren" Bauern am Stammtisch stets dabei, die Leute zu massregeln, wenn es ihnen passte.
Junge Leute und Kinder hatten die Alten zu gruessen, die meistens aus obiger Schicht stammten,
den "Arbeitern" war das nicht so wichtig, die waren sowieso leichter miteinander naeher bekannt.
Der Uebergang von der dritten Person zu dem "Sie" war noch nicht ganz getan,
der Gruss war wichtig, man legte grossen Wert darauf und hat sich sofort beschwert,
wenn die Kinder ohne diese Ehrenbezeugung vorueber gegangen sind.
Man sprach dann sogleich mit der Oma, die sich dann an ihre Tochter wandte um die Enkel "zu firmen"..
Arme Leute waren arm und blieben das auch zeitlebens, sie hatten "nichts zu melden" und hielten sich zurueck.
Jeder ging - daran gab es keinen Zweifel - zur Konfirmation
und die Fluechtlingskinder zur Kommunion, Abweichler wurden geaechtet.
(Genau wie Verbindungen zwischen den beiden Konfessionen)
Damals waren private Autos noch recht selten,
die Pendler fuhren in die benachbarte Kreisstadt
oder wenn es hoch kam in eine der beiden weiter entfernten Staedte mit der Eisenbahn.
Man musste noch eine Bahnsteigkarte kaufen, wenn man Reisende begleiten wollte-
richtige Fahrkarten, die vom Schaffner gelocht wurden, waren allen bestens bekannt.
Im Bahnhof war noch eine Toilette und Automaten mit Suessigkeiten und Zigaretten,
das unvermeidbare V ivil, in der Stadt auch Schuhputz- und Waagenautomaten.
Bahnhofsgaststaetten waren in jeder Stadt, wie Zeitungsstaende.
Fahrkartenschalter waren in jedem Bahnhof.
Die alten Dampflokomotiven und alte Wagen mit "Holzklasse" sind noch vereinzelt im Einsatz-
nicht immer, aber doch noch anzutreffen.
Langsam, aber sicher fuhren immer mehr Diesel-Lokomotiven oder Triebwagen
auf der zweigleisigen Strecke der Lahn entlang,
die mit ihren wunderbaren Tunnels und Ausblicken recht einmalig ist.
Mit eben dieser Eisenbahn, wie man dazu sagte, fuhren die Leute in die Stadt- um 7 Uhr;
die Schueler der weiterfuehrenden Schulen und die Arbeiter und Verkaeufer,
die Angestellten und Mitarbeiter der Behoerden.
Die alte Klasseneinteilung war zwar ungeschrieben, aber war deutlich zu spueren,
weil sich die Grueppchen, die gemeinsam den Kilometer bis zum Bahnhof gingen,
irgendwie an diese Regeln hielten - die wohl wichtiger waren, als persoenliche Sypmathien.
Man huetete sich, "unter dem Stand zu verkehren", auch wenn niemand darueber gesprochen hat.
So hatten manche Gruppen direkten, andere eingeschraenkt
und die der Arbeiter meistens keinen Zugang zu hoeheren Schulen,
weil die Foerderung von zuhause entweder persoenlich oder geldlich nicht geleistet werden konnte.
Kindergeld war noch recht neu und nicht so viel.
Das trennte schon mal "die Spreu vom Weizen", wie man so schoen sagte.
Der Arbeiterstand spuerte die Herabsetzung bei jedem Besuch in der Sparkasse oder Bank,
in den Schulen und sogar in der Gastwirtschaft.
Irgendwie wie in Suedafrika, wo die Einheimischen von der weissen Minderheit gedrueckt wurde.
Einheimische hatten weniger vom Staat zu erwarten als Fluechtlinge,
das hat nicht immer gut getan und hielt die Kluft fast bis zum heutigen Tag offen.
Eine aehnliche Kluft haben die damaligen Fluechtlinge zu den "Russlanddeutschen" entwickelt,
die noch mehr Zuwendungen bekamen- Neid ist nicht natuerlich,
sie wird durch ungeschickte Behandlung provoziert.
Wie auch immer, die Zukunft von Arbeiterkindern sind meistens im handwerklichen Bereich angedacht gewesen,
wenn es hoch kommt im kaufmaennischen als Einzelhandelskaufmann.
Wer etwas bessere Foerderung hatte, hat die mittlere Reife machen koennen
und ist techn. Zeichner geworden oder konnte in Behoerden untergebracht werden.
Aufgewachsen in dem Dorf besuchte er die Volksschule bis zur 8. Klasse,
dann eine 9. Klasse in der Kreisstadt, um dann gleich im Anschluss in eine Ausbildung zu gehen.
Ein alteingesessener Glas-Porzellan-Spielwaren-Laden war das Ziel der Suche-
und es hat auch gleich geklappt, weil seine Mutter dort schon vorgefuehlt hatte:
"Er soll selber kommen und die Zeugnisse mitbringen, das wird schon.."
Und so war es auch- die Einstellung war nur eine Formalitaet, es gab viel zu tun und so ging es bald los:
2 Kittel kaufen, etwas Schreibkram und den Vertrag unterschreiben, wo genau drin stand:
1. Lehrjahr 55 DM, 2. Lehrjahr 85 DM, 3. Lehrjahr 105 DM.
(Davon musste freilich die Monatskarte "Eisenbahn" gekauft werden, was gut 33 DM gekostet hat.)
Der Chef hat den Lehrling gefragt:
Willst du die vordere Haelfte des Ladens putzen, dann gibt es 5 Mark extra?
Klar, 5 Mark sind viel Geld, mache ich!
Alle haben sich gefreut: Arbeit schaendet nicht und dieses Inhaber-Paar
hat ganz ganz klein mit ganz wenig Geld angefangen,
hat einen winzigen Laden gemietet und von der "Eingliederungshilfe" von 40 DM
nach dem Krieg die ersten Sachen erworben, die dann verkauft werden konnten.
(Nach und nach wurde noch ein Zimmer, dann noch eines dazu gemietet-
es waren nicht mehr als Zimmer, wo im Hinterstuebchen die Inhaber wohnten,
wie das in ganz alter Zeit der Fall war.)
Es wird so im 2. Lehrjahr des jungen Mannes gewesen sein, da haben sie das alte Stadthaus gekauft und umgebaut.
Die Fuesse sind dabei immer fest auf dem Boden geblieben:
Die Kunden waren meistens einfache Leute aus den umliegenden Doerfern,
aber auch die einfacheren Leute der Stadt.
Hier bekam man Bestecke, Toepfe, Geschirr, Glaeser
und Kuechenkram aller Art bis zu Geschenken fuer Hochzeiten, Konfirmation etc.
Als Ergaenzung kamen Spielwaren dazu, ein recht interessantes Thema,
das vielschichtig war und irgendwann einmal das Thema "Camping" bekam:
Die Zeit der ersten Urlauber der unteren Schichten begann gerne mit Camping -
alle moeglichen dafuer notwendigen Utensilien- sonderbarer Weise keine Zelte.. vermutlich war nicht genug Platz dafuer in dem Laden.
dafuer aber Luftmatratzen, aufblasbare Boote und Gartenstuehle / Tische und Sonnenschirme..
Der Chef hat mit seinem schwarzen 58er Opel Kapitaen die Sachen persoenlich ausgeliefert-
ab und an hat er sich den Lehrling zur Hilfe genommen.
Der Lehrling "musste" auch mit dem Chef die Schwaene fuettern,
die zahlreich auf der Lahn schwimmen - direkt hinter dem Fenster,
durch das die Kunden ueber den Tresen mit der Kasse schauen konnten, war der Fluss zu sehen.
Wenn der Chef seiner Frau irgendwie auf den Wecker ging, hies es: Geht mal die Schwaene fuettern..
Die groesste Freude des Chefs waren die grossen Kisten mit "Ramsch",
den er irgendwo guenstig erstanden und geliefert bekam:
Meistens Geschirre und Glaeser oder Vasen etc. - so manches Knickei
hat fuer billiges Geld den Besitzer gewechselt-
wer weiss denn schon, dass die riesige Keramik-Bodenvase undicht ist,
wenn nur Trockengesteck darin stehen soll?
Die Kunden hat es gefreut, den Chef auch - verschwiegen hat er die Maengel nicht,
dafuer war das Zeug richtig billig-
lange vor der Zeit, als die Ramschlaeden aufkamen.
Wir hatten im Laden auch genug feines Geschirr von namhaften Herstellern,
die viele Jahre Nachkaufgarantie in allen Einzelteilen hatten-
das war gewiss eine besondere Dienstleistung dieses Geschaeftes, das geschaetzt wurde.
Damals achteten die Frauen noch darauf, dass das "gute Geschirr"
immer komplett fuer 12 Personen im Buffet stand.
Wenn ein neuer Artikel oder ein selten gefragter - nicht vorhanden war,
wurde dieser umgehend besorgt - Ehrensache.
(Die Konkurrenz schlaeft nicht und - wenn ein Kunde erst einmal woanders nachfragen muss, ist er meistens weg.)
So hat der Lehrling die meiste Zeit die Sachen im Laden abgestaubt oder abgespuelt-
einfach mal so staubig in den Regalen ausstellen,
wie das heute der Fall ist, war damals ein absolutes "nogo" !
Alles musste ganz akkurat in Reih und Glied stehen und zwar so,
dass man damit nicht versehentlich ein anderes Ding herunter warf,
wenn jemand ins Regal griff.
Hier lernt man, wie ein Kunde behandelt werden sollte:
Der Chef achtete sehr darauf, dass alle Angestellten- ja,
wir galten nicht als Arbeiter oder "Mitarbeiter",
wir waren Angestellte und die waren schon etwas "feineres",
man hatte einen Ruf zu verlieren !
Die Kunden wurden unaufdringlich begruesst und gefragt,
ob sie sich umsehen wollen oder konkrete Wuensche haben-
dann gab es -entsprechend der Situation- fachlichen Rat und Tipps, die zum jeweiligen Geldbeutel passten.
Wem ein hoeheres Geschenk im Moment etwas zu teuer war,
konnte dieses reservieren lassen oder gleich mitnehmen und anschreiben lassen,
kein Problem - und das lange vor der Scheckkarten oder gar Kreditkarten - Zeit.
Es war nicht zu entsinnen, dass man nach dem Ausweis gefragt hat..
Die Kontrolle der freiwilligen Putztaetigkeit war immer da- wenn auch sehr subtil.
Dreckecken wurden nie geduldet - der Lehrling hatte den Schluessel zum Geschaeft -
und das schon im 1. Lehrjahr - heute undenkbar.
Bevor der Chef wach wurde,
(Chef und Chefin wohnten ueber dem Laden - dort war auch eine grosse Terrasse,
von der man auf die Lahn sehen konnte)
war das Scherengitter weggezogen, die schweren Sicherheitsschloesser geoeffnet,
die Ladentuer stand auf und es wurde geputzt.
So trocknete alles schnell ab, - Durchzug mit den Fenstern zur Lahn, eben die hinter der Kasse.
Ab und an kam auch mal ein Kunde herein, der selbstverstaendlich vor der eigentlichen Oeffnungszeit seine Ware bekam,
auch wenn Lehrlinge nicht an die Kasse durften.
(Die Kasse hatte zu dieser Zeit auch noch kein Wechselgeld)
Abgezaehltes Geld ging immer- nur noch geschwind den Kassenzettel im Quittungsblock ausfuellen,
Artikel, Anzahl und Preis, Namenskuerzel darunter.
(Die Quittungen waren durchnumeriert.)
Einen Zettel bekam der Kunde, der 2. Zettel als Durchschlag wurde auf einen Spiess an der Kasse gepinnt.
Nun nur noch die Waren sorgfaeltig in Geschaeftspapier einpacken -
zuvor wurde das Preisschild entfernt..
Das war eine kleine Kunst in sich- es durfte nicht "laienhaft" aussehen,
darin hat der Lehrling einige Stunden Schulung ertragen muessen.
Irgendwann kamen die anderen Mitarbeiter an- der Lehrling fuhr einen Zug frueher,
eine Viertelstunde spaeter kommen, nee, das haette man nie geduldet.
Die Fahrt mit dem fruehen Zug hat er gerne gemacht,
daran hat man den Grad der "Willigkeit" abgelesen.
Nun war der Lehrling wieder der "Stift" und musste gehorchen, wenn die Gesellen etwas sagten.
So mancher Schleimigel war unter diesen Gesellen, hinterhaeltig und aalglatt.
Die Chefin arbeitete fast nur im Buero, dessen Tuer immer offen stand -
sie bekam vieles mit und achtete immer auf korrekte Abwicklung aller Dinge,
die man irgendwie beeinflussen kann.
Ich habe nie gemerkt, dass eine Nervoesitaet aufkam, wenn der Steuerpruefer kam.
Nun bekam der Lehrling eine flache Ledertasche in die Hand gedrueckt:
Hier sind 2 Ueberweisungen drin und die Tageslosung:
Bringe das zur Sparkasse.
Kein Problem, mit dem blauen Nylon-Kittel an und dem Geschaeftsemblem auf der Brusttasche ging es zur Bank.
Und es handelte sich immer um einen recht hohen Betrag, der dort einzuzahlen war -
auf den Gedanken, dass der Stift damit Missbrauch treiben wuerde, ist keiner gekommen:
Man kannte die Eltern, auch wenn das "nur" Arbeiter waren, war genug Vertrauen da.
Oberste Losung war immer:
Bei uns wird nicht geklaut, wenn du Geld brauchst,
sagst du das gefaelligst - Vorschuss kann immer gewaehrt werden.
"Denk immer dran: Bei uns geht es ordentlich zu, kein boeses Wort in der Stadt,
wenn Besorgungen zu machen sind und erst recht nicht zu den Leuten von der Konkurrenz -
Wir haben einen Ruf zu verlieren!"
Zuvorkommenheit und Hoeflichkeit war ganz einfach Pflichtfach, genau wie das Kopfrechnen..
Kopfrechnen!
Welcher Schulabgaenger hat das nicht gehasst wie die Pest?
Der Chef: Das kriegen wir hin, wenn du hier fertig bist,
kannst du das - das waere ja nochmal schoener..
..ein Kaufmann muss schneller im Kopf rechnen, als dass der Kunde merkt, dass er beschissen wurde!
..und lachte dabei so laut, dass die Chefin aus dem Buero kam
und nach dem Grund dieses Heiterkeitsausbruchs fragte.
"Nix, man wird ja wohl mal lachen duerfen.."
Will zu Willig?
Wo ist denn der Chef schon wieder, fragt die Chefin - niemand will etwas sagen.
Nur der Lehrling: Er wird nebenan sein, in der Baeckerei..
Geh rueber und hole ihn- wenn er nicht gleich kommt, fliegt ihm das Haehnchen entgegen!
Oh, finster- ob sie das machen wird?
So geht der Lehrling ins Nachbarhaus und dort sitzen schon die ueblichen "Verdaechtigen" beim Bier.
Bier? In einer Baeckerei mit Kaffee-Stube?
Ja, das war damals so, wenn die Alten mit dem Zug aus den Doerfern kamen,
gingen sie gerne nach dem Einkauf dort eine Kleinigkeit essen;
die Frauen nahmen ein Stueck Kuchen und tranken Kaffee,
die Maenner ein Bier und ein Stueck Fleischwurst mit Broetchen,
die Wurst wurde vom Metzger direkt gegenueber geholt -
dafuer war sich der Baecker nicht zu schade.
Wurst, Broetchen und Senf dazu - fertig war das schnelle Stadt-Essen.
Dort hockten im Halbdunkel dieser seltsamen Baeckerei
auf altmodischem Gestuehl, ein paar "Geschaefts - Konkurrenten" beim Bier-
es werden wohl einige Glaeser gewesen sein, so wie ihre Augen glaenzten -
wie bei Kindern zu Weihnachten!
Nun platzt der Lehrling dort hinein und sagt:
Die Chefin meint, wenn er nicht gleich komme, dann fliegt ihm das Haehnchen entgegen..
Alles prustet und lacht, der Chef erschrickt und war eher boese auf den Lehrling,
der keinen Plan hatte, warum ihn nun der Zorn trifft..
(Von Partnerschaftsproblemen hatte ein so junger Mann noch keine Ahnung,
geschweige denn genaue Vorstellung, er hatte nicht mal eine Freundin,
nur ein paarmal herum geblinzelt- wo so viele feine Exemplare mit im Zug
und auf dem Fussweg in die Stadt zu sehen waren)
Nun versuchte der Chef sich dort zu verabschieden- was recht wackelig schien-
der Lehrling war fix wieder ins Geschaeft geeilt, denn der Chef hat schon mal eine Ohrfeige verteilt.
Einmal hatte er eine abgekriegt- aber wie.. und das auch noch,
obwohl er unschuldig am Porzellanbruch war:
"dann haste eine gut, wenn du es nicht warst!"
Die Chefin stand noch immer wuetend herum und ging erst die Treppe aufwaerts
in die Kueche, als sie sah, dass ihr Mann kam.
Die Gesellen meinten:
Oh, die pfeift wieder auf dem Kochloeffel und so verduennisierten sie sich an irgendwelche Aufgaben,
die sie mit schielem Blick besonders intensiv zu machen schienen..
Der Chef hatte wohl im Sturm getankt-
schwankend wie ein Matrose ist er durch den Laden und die Treppe hoch-
wie der daemliche kleine Modehund, den der Lehrling oft genug durch die Stadt ziehen musste -
von seinen Besitzern wurde das Vieh immer getragen und wenn das andere versuchten,
schnappte er schon mal zu oder lies es einfach laufen..
An diesem Tag ist der Chef nicht mehr im Laden aufgetaucht -
nach und nach zogen seine Trink - Kumpanen an der Schaufensterscheibe des Ladens vorbei-
feixend und schwankend, - daheim wird es denen nicht besser ergangen sein..
Einmal haben die Gesellen den Lehrling zu einem Bier eingeladen-
weit weg in der Bahnhofswirtschaft, damit es sonst niemand mitbekommt.
Ohje, das war niederschlagend und total ungewohnt - die Gesellen hatten Muehe,
den Lehrling so gerade zu halten, dass es nicht aufgefallen ist.
Die Haelfte der Arbeitszeit hat er im Pack-Raum verschlafen-
mit dem war nichts mehr anzufangen an diesem Nachmittag..
Wenn gefragt wurde, wo denn der Lehrling steckt, hielten alle seltsam zusammen:
Der hat einen Spezialauftrag im Keller.
Der aelteste Geselle hat immer V ivil gegessen, nun weiss man auch warum..
Vermutlich, so der Lehrling zu sich, als er im Zug noch immer benommen war:
Die Gesellen werden wohl Uebung haben - mir bekommt das nicht..
Die Jacke schief geknoepft, zerzauste Haare kam er zuhause an- seine Mutter roch den Braten sofort.
Dieser Vorfall wurde nie wieder erwaehnt.
Die "Kneipe" der Chefinnen war wohl schraeg gegenueber, dort war ein Friseursalon mit einem besonders weichen Inhaber-
dort wurde getratscht und geratscht- stundenlang.. direkt daneben die Boutique, die kein Kleiderladen sein wollte.
(Dort hat man sie auch schon bei einem Glas Sekt gesehen)
In der Kurve der Strasse, rechts von der kl. Metzgerei war die Drogerie des "Leo", wie alle ihn nannten-
das war ein echtes Original, dort gab es alles- egal was gefragt worden war, er hatte es vorraetig.
Ein total verwinkelter Laden mit tausend kleinen Schubladen und Regalen,
Treppchen und Hintertueren zu Kammern und mehreren Kellern
uebereinander, in dem seltsame Gefaesse standen.
Ein typischer Drogerie-Geruch hing darin.
Eine Mischung aus Petroleum und Parfuem -
dort fand der Lehrling auch das "irische Moos" oder "russische Leder",
das die Frauen angeblich so liebten - genuetzt hat es nix,
obwohl das Zeug fuer einen Lehrlingslohn kaum erschwinglich war..
Dafuer schmiegte sich die Frisoese eng an ihn, wenn er sich gegenueber der Arbeitsstatt die Haare schneiden lies!
Dieses Event konnte er sich nur selten leisten und nicht immer war das Glueck hold,
dass eine der juengeren Frisoesen die Arbeit taten.
Mit frischer Frisur ging er aus dem Frisoerladen in das Geschaeft-
die Pause war weg, die Pausenbroten mussten nun heimlich zwischendurch gefuttert werden:
Mensch, das stinkt hier wie ein ganzer Friseursalon- spotteten die Kollegen.
Diese Duefte betaeuben irgendwie und auch die Kunden schauten immer ganz irritiert,
wenn im Porzellan-Laden ein solcher Geruch lag.
"Heu - was ist es so hell geworden!"
"Pierre Pomade" - und aehnliche Sprueche gab es unterwegs und zuhause..
Einmal im Fruehjahr nahm ihn der Chef mit in den Garten,
der auf der anderen Seite der Lahn in einer Bauluecke angemietet war-
dorthin hatte die Chefin ihren Mann geschickt:
Mach das Unkraut weg!
Der Lehrling hatte nicht viel Ahnung von solchen Sachen - was war nun Unkraut und was nicht?
Der Chef zog sein Hemd aus und schwitzte wie ein Baer- was er wieder mit Bier auffuellte-
unter der Gartenhuette waren ein paar Flaschen Bier versteckt..
All zu wild hat er nicht gewerkelt- und den Stift nach kurzer Zeit wieder ins Geschaeft geschickt..
auf dem Weg dorthin kam ihm schon einer der Kumpels des Chefs,
der Gaerntereibesitzer unweit des Gartens - entgegen.
Auch dieser war bekannt fuer seine Trinkfestigkeit.
Einmal die Woche ging die ganze Bande zum Aeppelwein-Wirt am Ende der Strasse,
dort, wo im Hinterhof die Aepfel aus der Region angekarrt wurden.
Dieser Wirt hat im Hinterhof eine Kelterei gefuehrt, sehr praktisch.
Wie die Stammtischbrueder von dort nach Hause kamen,
wollte niemand wissen- weit war es ja nicht.
Ein besonders weicher Geselle half der Chefin beim Spuelen in der Kueche..
"Immer dran denken:
Wir muessen die Geschaefte in der Stadt stuetzen und sollten immer dort kaufen!"
Diesen Spruch hat der Lehrling oft hoeren muessen,
wenn er mit dem Einkaufszettel durch die Stadt geschickt wurde-
ein paar Lebensmittel und Kleinkram zu holen, war immer beliebt.
(Dabei konnte der Lehrling sich gut umsehen und sich viel Zeit lassen- "Stau an den Kassen")
Was dem Chef sein Bier war der Chefin die Kopfschmerztablette, immer eine Sorte, T ogal oder so.
"Immer bei den Mitgliedern des Wirtschaftsvereins einkaufen"
Hat sie allen Mitarbeitern eingepraegt.
Ab und zu bekam man doch mit, dass der dicke schwarze Wagen in die Garage fuhr -
der Ruecksitz war mit Decken zugehaengt, im riesigen Kofferraum war alles voll mit..
Lebensmitteln und guenstig beim Grosshandel erstandenen Dingen,
die auch bei den "Mitgliedern des Wirtschaftsvereins" zu haben gewesen waeren.
Die Chefin hat sich am Obstsekt einer ital. Marke festgehalten,
die der Lehrling in einem abgesperrten Kellereck verstauen musste.
Beim Ausliefern von sperrigen Gegenstaenden hat der Chef dem Lehrling auch schon mal angeboten,
den Wagen fahren zu duerfen - was aber mangels Fuehrerschein nicht ging -
vermutlich hat er unterwegs an eine Einkehr gedacht.
Einmal haben wir einen Schwan mit gebrochenem Fluegel auf der Lahn schwimmen sehen-
das war ein Ding!
Fix wurde das fein gewuerfelte Brot geschnappt und mit einem Waeschekorb losgezogen - der Chef und der Lehrling.
Das war ein Drama, bis wir das Vieh, das sich heftig wehrte und schnappte
schliesslich doch eingefangen und in den Korb verbracht hatten.
Mit dem Auto zum Tierarzt..
"Hansi" hat er den Schwan genannt und noch lange nach der Genese kam der Schwan
immer wieder und mit weniger Scheu zur Fuetterung.
Irgenwann hat "Hansi" auf der Lahninsel, zwischen dem Fluss und dem Muehlgraben-
ein grosses Nest gebaut und bald kamen die grauen Pluesch-Kneuel,
die hinter dem Schwan her in den Wellen huepften.

Die Berufsschule war einmal die Woche, wieder Schule- er war eigentlich froh,
diese Zeit hinter sich gehabt zu haben..
dort trafen sich in einer Klasse alle moeglichen Gewerke - Elektriker,
Metzger, Baecker, Anstreicher und auch Kaufleute.
Das Lehrberichtsheft musste gefuehrt werden,
wo seltsame kleine Aufsaetze ueber Warenkunde und berufliche Erfahrungen eingetragen werden sollten.
Die Hefte waren meistens so lange leer, bis ein paar Wochen vor der Pruefung-
es fand sich immer ein Geselle, der aus seinem eigenen Heft abschreiben lies..
Die Warenkunde war aber sehr gruendlich beim Chef,
alles wurde sehr gut erklaert und da legte auch die Chefin hoechsten Wert drauf-
der Kunde hatte ein Anrecht auf sachgerechte Beratung.
Nachlaessigkeiten wurden nicht geduldet.
Bald konnte er den Klang der irdenen Gefaesse und edlen Porzellanen und Glaesern erkennen,
der einen "Sprung" oder Riss offenbarte, den man mit dem Auge nicht erkennen kann.
Bald kannte er die Muster und Namen von Bestecken und Servicen,
wusste ob und wie man diese Dinge einzeln nachbeordern kann.
Nein, fachlich war die Ausbildung sehr gruendlich, auch wenn nichts schriftlich gemacht wurde:
"Das ist Bloedsinn, der gehoert in die Schule, nicht in den Laden" -
der Chef hielt nicht viel vom Lehrberichtsheft.
Dennoch musste das Zwischenzeugnis immer gleich gezeigt werden,
damit man evtl. Defiziten gleich auf den Grund gehen konnte.
Der Laden achtete auf seinen Ruf:
Bei uns ist noch keiner bei der Pruefung durchgefallen.
Das Kopfrechnen ging im Laufe der Zeit immer schneller- wer haette das gedacht?
Widersprueche gab es aber auch in der Ausbildung:
Kalkulieren haben die Lehrlinge nur theoretisch in der Schule gelernt,
im Laden war es immer irgendwo ein Geheimnis, das nur der Chef und der aelteste Geselle durfte.
Ab und an tuschelten die Inhaber:
"Im Blaettchen steht dieser und jener- wir muessen aufpassen,
dass wir an unser Geld kommen"
Lustig war es bei Preisausschreiben oder besser "Gewinnspielen",
deren vom Kunden ausgefuellte Karten in einer Box stattfanden..
Als die "Ziehung" der Preise war, wurden die Namen vorgelesen- und nur die,
von denen man als "gute Kunden" oder "gelegentlichen Kunden" gewahr war, kamen in den Topf,
aus dem dann die Gewinne gezogen wurden.
Unbekannte Namen wurden ein wenig "vergessen" ;)
Immer wieder kamen Waren an, da wurde der Kapitaen auf einen Parkplatz an der Lahn verdammt
und die Gueter wurden in der Garage, die einen Zugang zum Lagerkeller hatte, sortiert und kontrolliert.
(Das musste bald getan sein, denn nur so konnte zeitgerecht reklamiert werden,
wenn mal etwas fehlte oder kaputt war)
Neben dem Heizungskeller mit der lauten Oelheizung war der Pausenraum- mit Gitter vor dem Fenster,
damit nichts hinein- und nichts heraus konnte.
Sogar eine kleine Kochplatte war da, damit man sich ein Sueppchen machen konnte.
(Allemal besser, als diese seltsamen "Essens-Tender" von Zuhause mitzubringen,
die nie so ganz dicht waren- einfach mal mittags etwas kaufen, das war bei dem Lehrlingslohn nicht drin.)
Lustig war es bei den "Saisonartikeln" zu Weihnachten oder Ostern,
wo Geschenkkoerbchen mit allerlei Dingen - so auch Schoko- oder Zuckerwerk - verpackt war.
Wie es vom Grosshaendler kam, so wurde es ausgestellt und .. wenn etwas uebrig war,
oben im Speicher in der Ecke "Saisonartikel" verstaut, bis zur Saison im ..naechsten Jahr ;)
oben war es immer so schoen heiss im Sommer.
Die einzige Toilette war irgendwie zwischen den Treppen, in einem Kaemmerchen ohne Fenster -
dafuer war eine Kerze da, die bei dem grossen Geschaeft eben angezuendet wurde.
Zum Haendewaschen musste man in den Keller, eine Treppe tiefer.
Staendig wurde irgendwas geputzt- mal der Laden, mal die Treppe- oben in der Wohnung putzte der weiche Geselle..
Im Winter wurde Schnee geraeumt- ratet mal, wer dafuer abgestellt wurde:
Der Lehrling und der Chef.
In der Schubkarre wurde der damals noch kraeftig vorhandene Schnee in die Lahn gebracht-
wohin haette das Zeug auch sonst gesollt?
Der Buergersteig war nicht so breit und bald war mir klar,
warum der Laden von aussen bis ueber die Fenster gekachelt war-
wenn sich zwei LKWs in der recht schmalen Strasse mit Steigung und Kurve begegneten,
schlugen die Raeder den Matsch bis ueber das Schaufenster..
Wischen, putzen, wischen, schrubben-
der Lehrling hatte allemal ein Putzabitur gemacht, wenn die Lehrzeit zuende war.
Damals waren die schweren heulenden Bundeswehr Tanklastwagen von Magirus unterwegs-
fuer den Lehrling immer ein sehenswertes Event-
zusammen mit dem Chef rannte er zu Tuer um das gebuehrend zu bewundern..
Es wird wohl so gewesen sein,
dass zum Fuenffachen des Lehrlingsgehaltes das Geburtstagsgeschenk der Chefin fuer den Chef gekauft wurde-
das diese stolz praesentierte:
Die erste Digitalarmbanduhr!
Der Laden hatte mehrere Angstgegner, die heftig Konkurrenz machten-
manche nur in Teilbereichen, andere mit dem ganzen Sortiment- ein Exklusiv-Laden
fuer Glas und Porzellan war auch in der Stadt.
Trotzdem sind die Inhaber des Ladens, in dem der Lehrling war,
immer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben.
Einmal gab es den "Oelkannenkrieg":
3 Laeden machten sich den Preiskampf um die billigste Oelkanne zum Sport -
diese Plastikkannen, die wie Giesskannen ausschauten waren es,
mit denen die Kunden Heizoel in die Zimmeroefen fuellten..
Abwechselnd wurden Gesellen und der Lehrling -mit der Order in "zivil",
dh. ohne Dienstkittel- an den Konkurrenzlaeden vorbei zu gehen,
um die aktuellen Preis auszuspionieren..
..anschliessend wurde der Preis in der Auslage herab gesetzt,
um das guenstigste Angebot zu offierieren.
Irgendwann sind die Dinger draussen vor der Tuere angebracht worden- mit riesengrossem Schild dabei:
Oelkanne 1,99 DM !
Das war freilich unter dem Einkaufspreis- aber wer von den Kunden ahnte das oder wollte das wissen?
Gut, dieses "Geschaeft" war eher keines - bis es der Chefin mal zu bunt wurde und sie schimpfte:
Warum sollen wir 50 Oelkannen am Tag verkaufen und bei jeder eine Mark drauflegen,
hoere endlich auf mit dem Bloedsinn, sonst zahlst du das von deinem Taschengeld-
-dieser "Appell" war an den Chef gerichtet, so laut, dass es bestimmt jeder der Beschaeftigten mitbekommen haben muss.
Inoffiziell - unter den Verkaeufern - hies das damals "der Oelkannen-Krieg".
Im Zug hat man sich sowieso das eine oder andere schraege Ding erzaehlt-
jeder Laden hatte so seine kleinen Absonderlichkeiten.
Bei dem einen war es die Witwe, die sich einen "Geschaeftsfuehrer" zulegte-
der praktischer Weise auch gleich in ihrer Wohnung wohnte, in einem anderen Laden war ein Frauenheld,
der gerne mal hier mal da schaute, nebenan war eine "stadtbekannte Dame"- aber ohne Firmenschild,
dann war ein Schwiegersohn mit der Firmenuebernahme betraut-
was einen schwunghaften Ausbau des Kleidungsladens brachte-
und bald die Pleite, nachdem einige Haeuser zugekauft wurden.
Die Inhaber der Laeden wechselten zuweile nicht gerade selten.
Mit wechselnden Geschicken und Schicksalen kam neues Leben auf.
Die Zustaende in dem Geschaeft, wo unser Lehrling taetig war, blieben konstant und sehr zuverlaessig.
Es gab eine Inhaberin eines Reiseladens, die sehr alt wurde- ein Urgestein der Stadt,
die immer mit ihrem Dackel unterwegs war- wie so einige Originale,
mit denen man sich wunderbar unterhalten konnte.
Ein Delikatessenladen oder Feinkost, wie man frueher sagte, hatte edle Dinge und feines Personal,
ein Fisch- und ein Gemueseladen, eine Konfiserie, mehrere Cafes -
je nach Klientel einfach oder fein -
ich weiss nicht wieviele richtige Baecker und Metzer in der kleinen Stadt angesiedelt waren.
Ein Metzger oder Baecker hatte staerkere, der andere milder gewuerzte Waren, es war fuer jeden Geschmack was dabei.
Wenige der alten Laeden sind geblieben,
so macht der Milch- und Kaeseladen nur noch leckeres Speise-Eis,
das einer der Nachkommen sich zur Kreativ- Aufgabe gemacht hat,
Baecker sind nur noch Filialisten, genau wie die Metzgereien, von denen nur noch zwei im Ort sind.
Dafuer baute man in Buergerinitiative einen Buergerladen - mit maessigem "Erfolg",
weil dort nur wenige aeltere Leute kaufen, die nicht immer an den Stadtrand fahren wollen,
um ihre paar Sachen einzuholen.
Die Neubuerger der Stadt kaufen bei ihresgleichen - wohl aus "religioesen" Gruenden.
Nur noch selten trifft man einen der alten Stadtbewohner, die immer jammern,
weil sie mit "den neuen Bewohnern" nicht klar kommen:
Wenn wir Abends den Fernseher einschalten, kommen die aus den Loechern und machen Krach,
dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht..
..die haben eine seltsame suedlaendische Mentalitaet zu uns gebracht.
Die Stadt ist eine andere geworden, multikultureller, aber wohl nur fuer Touristen attraktiver.
Zwar faehrt nun ein Stadtbus regelmaessig herum-
das kann aber von der sterbenden Altstadt kaum ablenken,
wo die hinteren Strassen recht marode geworden sind.
Doch zurueck zu der Zeit des Lehrlings,
der gegenueber seiner Wirkungsstaette noch eine ganze Geschaeftszeile sah,
die am Felsen unterhalb des Schlosses klebte.
Heute ist das alles abgerissen- Denkmalschutz hin oder her.
Weg ist das grosse Lederwarengeschaeft, weg der Friseur und auch die "Dame",
weg der Metzger und weg die Boutique und sogar der Leo - der aus Altersgruenden aufgab.
(Heute ist die ehem. Drogerie ein Cafe, es blieb als einziges Gebaeude dieser Zeile stehen.)
Aber auch auf der Seite des Porzellanladens hat sich viel geaendert,
so mancher Inhaber hat gewechselt, die Weinstube ist einem Hotel gewichen,
der Hutladen blieb, der Schuhladen ist nun eine seltsame Italo - Billiardstube,
selbst der Porzellanladen selbst ist nurmehr eine Bodenbelag-Ausstellung,
nachdem ein tuerk. Besitzer wieder dichtgemacht hatte.
Der Hinterhof der Apfelweinkneipe wurde eine kunterbunte Pizza-Ecke,
die absolut nicht zur Stadt passt.
Auch die Kneipe, pardon Baeckerei neben dem Laden unseres Lehrlings ist schon lange zu-
aus Altersgruenden und weil zwei grosse Anker das Kellergewoelbe zusammen halten mussten..
In der Bluetezeit dieser Baeckerei hat die uralte Mutter des Inhabers den winzigen Verkaufsraum bewirtschaftet -
und ganz genau auf alles aufgepasst..
Die Zeit der Inventur war immer so eine Sache, die bei geoeffnetem Geschaeft, mitten im taeglichen Betrieb stattfand.
Manchmal wurde auch eine Sonderschicht am Sonntag oder Samstagnachmittag eingelegt,
wo der Chef fuer Bier, heisse Fleischwurst und Broetchen sorgte.
Auf diese Weise wurde auch so mancher kleinere Umbau in "Eigenhilfe" bewaeltigt.
Es gab noch etwas Taschengeld auf die Hand und jeder hat gerne mitgemacht..
Der Lehrling war irgendwie in diesem Betrieb so eingebunden, als waere es ein entfernteres Familienmitglied.
Unbedingte Loyalitaet zum Unternehmen war selbstverstaendlich,
hier gab es kein vertun:
"Wessen Broetchen ich ess, dessen Liedchen ich sing"
War ein Spruch dieser Zeit, den jeder kannte.
Freilich wurde es gerne gesehen, wenn Bedienstete im Verwandten- und Bekanntenkreis
den Laden emfohlen haben - was auch immer getan wurde.
Gehalt gab es immer puenklich und bar in der Lohntuete.
Sogar mit Weihnachtsgratifikation- auch ohne gewerkschaftlichen Zwang.
Ladendiebstaehle waren eigentlich unbekannt- weil jeder,
ja wirklich jeder wie ein Schiesshund aufpasste.
Es gab auch Faelle, wo sich die Kundin leicht und gerne mehr
verkaufen lies, als sie eigentlich wollte:
Der Chef meinte- na wunderbar, du hast die Kundin xxx erwischt,
die bekommt schon nicht mehr angeschrieben, weil sie das Zahlen "vergisst"
und im Blaettchen ssschhh.. ach, das darf ich dir ja nicht sagen.
Zu seinem Erstaunen kam die Kundin bald wieder und wollte etwas nachkaufen,
als ich sie dezent an den ausstehenden Betrag erinnerte.
Sie zahlte!
So war diese Kuh vom Eis und der Anpfiff erspart,
den der Chef unweigerlich verpasst haette.
Die Samstagsarbeit war noch ueberall, dh. der Dienst ging sechs Tage die Woche.
Samstags nur bis 13.00 Uhr, was aber durch die Eisenbahn-Fahrzeiten
nicht als freier halber Tag kam, hoechstens als viertel-freier Tag.
Die besseren Schueler, die mittlere Reife oder Abitur hatten,
bemuehten sich am Samstag nicht zum Dienst, die hatten frei.
Irgendwann wurde der Laden offiziell von einem Verwandten uebernommen
und die Inhaber haben sich aus Altersgruenden zurueck gezogen-
von nun an wehte ein anderer Wind, "feinere Sachen" kamen ins Sortiment,
"einfache Dinge" wurden zurueck gedreht.
Die Lehrzeit war im letzten Jahr angekommen,
der Lehrling hat mit Sondererlaubnis ein halbes Jahr frueher die Pruefung abgelegt-
das Wissen war so fundiert, dass kaum Angst aufkam.
Es war noch die Zeit, wo alte Kriegskameraden das grosse Sagen hatten,
deshalb sind die Noten niemals richtig gut ausgefallen:
Wer selbst ungerecht behandelt wurde, goennt auch den Anderen keine Bestnoten.
Wie auch immer- die Zeit des "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" -
Geredes war nun endlich vorbei
und laenger als noetig wollte er, der ehemalige Lehrling,
der Stift, der nun den Gesellenbrief in der Tasche hatte,
nicht mehr dort bleiben, wo doch ein "anderer Wind" eingezogen war.
Neue Besen kehren gut?
Man darf seine Zweifel haben, ob "H ummelfiguren" fuer 250 DM
in einer so kleinen Stadt wirklich besser zu verkaufen waren, als Kochgeschirre und Kaffee-Poette.
Der Lehrling sah sich um und fand auch bald eine neue Anstellung in der naechstgroesseren Stadt-
endlich gab es mehr Geld und irgendwann das erste gebrauchte, sehr billige Auto !
Die Aktentasche, die er all die Jahre tapfer zur Arbeit trug,
behinhaltete auch den Gesellenbrief, den es am letzten Berufsschultag gab-
seine Mutter sagte morgens noch:
Bring mir aus der Stadt "Haehnchenklein" vom Lat scha mit, ich will Huehnersuppe machen.
Verstreut wie junge Maenner nun mal sind, hat er zwar an den Einkauf gedacht,
dieses tiefgekuehle Huehnerzeugs aber nicht extra transportiert,
sondern in die Aktentasche gesteckt und sich
-nach dem 14 taegigen Urlaub gewundert, warum es so entsetzlich stank in seinem Zimmer..
Die neue Anstellung war -trotz des Flecks auf dem Gesellenbrief,
der noch immer stank- daran nicht gescheitert oder auch nur etwas beeinflusst worden.
Soviel zur Lehrlingstaetigkeit in dieser Zeit,
diese Begebenheiten sollen ein wenig aufheitern und nicht ganz vergessen gehen:
Der "Vollkaufmann" war im Rang eines Meisters,
er konnte sich selbstaendig machen und Lehrlinge ausbilden,
nicht zu verwechseln mit dem Beruf des Verkaeufers,
der eine einfachere und leichtere und kuerzere Ausbildungszeit hatte.
Unser Lehrling war ein solcher Vollkaufmann,
den man heute durch "400- Euro- Kraefte" und studierte "Wirtschaftler" ersetzt hat.
Der eigentliche oder urspruengliche Kaufmannsberuf ist tot.

Was mir damals an diesem Beruf am besten gefallen hat,
war die Entscheidungsfreiheit und die gewisse Selbstaendigkeit,
die ein erfolgreiches Arbeiten ohne staendige Bevormundung war.
Heute nennt man "kaufmaennische Berufe" auch die,
welche eigentlich nichts mit dem urspruenglichen Kauf-Mann zu tun haben -
eine echte Fehlentwicklung, die "Jobs" gebracht und Berufe vernichtet hat.
Diese Entwicklung wird - da bin ich sicher -
auch andere Berufe ergreifen und deren Leute zu Taschengeldempfaengern werden lassen -
das ist nur eine Frage der Zeit.
Massenhaft eingeschleuste Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verbilligt Arbeit ganz allgemein.
Ein altes kaufm. Gesetz,
das unsere politischen Entscheider nicht zu wissen scheinen?
Oh doch, die sind aber auf der Seite der Unternehmer, die ihre Lobby in allen Entscheidungsbereichen installiert hat.
Sie haben ihre Stimme AB gegeben, damit ist das Recht auf weitere Mitbestimmung futsch.

***

Ein paar fiktive ? Geschichten:
Der Kraemer
Der alte Buchhalter
Der Ottilienhof
Freund Bernd.
Das Alter
Der Optimismus
Gedicht der alte Hirte
Indogermanen
Vier Freunde und der Moenchshof
Wir schreiben das Jahr 1968
Virtuelles Krautfeld
Murmelspiel
Rasensport
Der Runkler
Drei Schwestern

***




Stadtchronikel 5;
Limburger Stadtbuch von 1548 - ein Ausschnitt, mehr nicht.

Hessen und Kurtrier rangen im spaeten Mittelalter um die Macht, Limburg war die Nahtstelle und Handelsplatz, sowie religioeses Zentrum der Katholiken an der Lahn.
Trotz allem war 1525 die Bauernkriegsbewegung auch hier, in der die Stadt, deren Einwohner man bis heute "Saecker" nennt.
Die Herrscher geben sich die Klinken in die Hand, die Bevoelkerung wurde von der Fegmuehle der Macht von Adel und Klerus immer schoen klein gehalten.
Pleite waren diese Halunken aus Herrscherhaeusern immer - das Geld war stets von den kleinen Leuten abzupressen, wenn die da oben sich wieder einmal vezockt hatten.
Die Fuersten verpfaendeten ihre Besitzungen, manche Gebiete hat man dazu geheiratet, auch wenn die Schrulle noch so furchtbar aussah - ich empfehle die Galerien in den Schloessern einmal genauer zu betrachten ..

Der Limburger Markt war schon im 13. Jahrhundert bekannt, in der Stadt waren gleich ein paar Maerkte angesiedelt, weil rundherum eine sehr fruchtbare Gegend ist und weil gleich 6 Laender oder besser Kleinstaaten aneinander grenzen. Die Lahn ist bis Limburg schiffbar - was nochmal zugute kam: Man fuhr darauf in den damaligen Welthandel.
Im 15.Jhd. kamen die Reichssteuern dazu, was die Einwohner zusaetzlich belastete. Die Stadt wurde zum Verwaltungsstuetzpunkt. Im 15. und 16.Jhd. wuchs nach den Pestwellen die Bevoelkerung wieder stark an, was zum Lohnverfall fuehrte und wegen der hoeheren Nachfrage zu hoeheren Preisen. Das fuehrte zu einer verschuldeten Bevoelkerung. Die Tuchweber erlebten ihre Krise, die Stadtvaeter kamen in Verruf ob ihrer Misswirtschaft. Die "Kommunalisierung der Gesellschaft" erzwang die Kontrolle ueber die Stadtraete, des Stadtsaeckels und aller oeffentlichen Angelegenheiten. Der Rat hatte sich Verstaerkung bei dem Kurfuersten geholt und so wurden die Bauern wieder zurueck gedrueckt: Schwups, die alten schwarzen Kirchenraben hatten wieder das grosse Sagen, was sie gerne taten und jedem Bewohner, jeder Gruppe haarklein jedes Ding vorschrieben - bis zu den Ausgangszeiten - ins taegliche Leben hinein diktiert. "Gott" bestimmte nun wieder ueber die "Sitten". Die Buergerversammlung wurde wieder abgeschafft, angeblich um Unruhen zu vermeiden. Der Rat wurde fortan von der Obrigkeit gestellt. Das Umland war protestantisch und so leiteten diese katholischen Stadtspitzbuben eine "Gegenreformation" ein. Umfangreiche Regelungen gab es fuer die wichtigsten Gewerbe: Markt, Kaufleute, Weinschenken, Metzger, Tuchmacher, Baecker und Kraemer. Es gab Vorschriften fuer Gruppen, welche wo und wann bis wieviel Uhr auf die Strasse gehen durften in ellenlangen Katalogen, die in einer kaum mehr lesbaren Sprache geschrieben wurden: Selbstgebasteltes "Hochdeutsch". Heute ist man wieder auf dem gleichen Weg der Verordnungswut, die aus Bruessel kommt - diese Stadt ist wie eine Ameisenkoenigin staendig am Gesetzes-Eier legen, pausenlos.. Damals ging es um Speck, Eier, Judenwucher, Gotteslaesterer und Gewichtseinheiten, heute um die Bananenkruemmung und Strassenmaut.

Seite 29 zeigt den Originaltext des Stadtbuches von 1548 auf dutzenden an Folgeseiten - ich halte dieses fuer kaum noch uebersetzbar, weil die "Rechtschreibung" grauenvoll ist; die Juden hatten sich bescheiden zu kleiden und zu kennzeichnen. sie durften mit Christen weder essen noch trinken. (Was diese Religionsgruppe wohl eher kaum tun wuerde) Der Stadtbach entsorge die Schlachtrueckstaende von der Schirn, Ploetze und Fleischgasse in die Lahn..

Soviel zum 1. Buch zur Stadt Limburg.
Das zweite Buch lautet: "Geschichte des Bistums Limburg" von Klaus Schatz aus dem Jahr 1983

Dieses Werk faellt in die Zeit des Bischofs Kamphaus, der einmal sagte:
"Kirche ist und kann nicht demokratisch sein!"
Das war der Grund, warum wir beide aus der Kirche austraten.
Hier wird viel von "Amtskirche" und "Erwachsenenbildung" und von "Marianischer Froemmigkeit" geschwurbelt, eine nicht in die Zeit passende Anmaßung von Leuten, die von uns allen bezahlt werden,
von Kirchenmitgliedern doppelt.
Es wird erzaehlt, wie die "Entstehung kirchlicher Behoerden" im Limburger Raum zustande kam, als 1801 der Friede von Luneville die linksrheinischen Erbfuersten durch diese Grenzziehung durch den Strom auf dessen rechter Seite entschaedigt worden sind. Diese Erbfuersten waren auch Kirchenfuersten - dann folgte der Kampf der Bistuemer untereinander um Gebiete. Gebietsabgreifungen waren damals normal, denn es ging um Einnahmen, die man der Bevoelkerung abpresste: Es wurde mit Tod und Teufel und dem Entzug des Himmels gedroht, mit "Exkommunizierung" und der Rache Gottes, wenn man nicht tat, was diese Maenner in Frauenkleidern wollten.
Mir ist klar, dass es Leser kostet, wenn ich so offen schreibe - das darf mich an der Wahrheit nicht hindern!

Ich werde mich auch durch dieses schraege Buch beissen, immer in der Hoffnung etwas von den normalen Menschen in dieser Zeit und in dieser Stadt zu erfahren. (Die mir unsympatisch sind, was nicht nur mir so geht - auch meine Eltern und Grosseltern mochten dieses rabenschwarze Katholikennest nicht.)

(25.4.2018 - Eben hoere ich, dass der bayrische Minister So eder Kreuze in oeffentlichen Gebaeuden und Schulen aufhaengen lassen will, damit der deutliche Bezug zu der christl. abendlaendischen Trallala - gehoert das noch in die Zeit oder gehen wir rueckwaerts in der Entwicklung, nur weil die Muslime zu uns stroemten? Der Hickhack mit dem Ueberfall auf einen jungen Kipa-Traeger -der dieses Kappe nur aus provokanten Gruenden trug um zu beweisen, wie gefaehrlich das in unserer immer macho-artigen arab. Maennerwelt geworden ist.. da gehen tausende Leute aus Solidaritaet mit der Kipa auf die Strasse in Berlin, nur um Solidaritaet zu beweisen und zu zeigen, dass "Antisemitismus" in Deutschland nichts zu melden hat. Gut gemeint, aber provokant sind ALLE Zeichen EINER Religion gegen die jeweils anderen Glaubensfreaks IMMER)

Seite 13 des Buches: "zumindest die niedere Klasse scheint weniger als das mittlere und hoehere Buergertum die Arrondierung begruesst zu haben. Die aufgeklaerten Reformen haben die Unterschichten wirtschaftlich und geistlich entwurzelt. Die Saekularisation kam nicht zuletzt wegen schlechter Wirtschaftlichkeit kirchlicher Gebiete und Besitzungen.

18 Maenner- und 8 Frauenkloester wurden aufgeloest, es folgte eine Austrittswelle, die von der weltlichen Regierung gestuetzt wurde. Die Nutzlosigkeit des Ordenslebens wurde oeffentlich propagiert. Die Priester stroemten in eintraeglichere Dioezesen. Viele Kloester und Kirchengebaeude wurden auf Abbruch verkauft, das Kloster Eberbach (ein Riesending), heute Tagungsstaette und hochpreisiger Staatsweinbau und Domainengut, wurde 1808 ein Munitionsdepot, 1811 ein Zuchthaus, 1815 eine Irrenanstalt. (Das hies damals so) Klosterausstattungen wurden in aermere Kirchen vergeben, ganze Bibliotheken sollen verramscht worden, nur "das Nuetzliche" erhalten worden sein.

Durch diese Arrondierungen fielen den kleinen Herrscherhaeusern grosse ehem. katholische Gebiete zu, die zu verwalten aber die Erfahrung fehlte. Die freigewordenen Franziskaner und Kapuziner sollten vakante Pfarrstellen "begleiten", weil dadurch die Pensionslasten geringer werden.. das fuehrte wohl im Jahr 1825 zu Disziplinarmassnahmen gegen viele Geistliche wegen "staendiger Trunksucht". Die Saekularisation hatte einen enormen Wandel in den bisherigen Religionszugehoerigkeiten gebracht: "Cuius regio, eius religio" galt nicht mehr, jeder konnte die Religion frei waehlen. 1791 wurde das Verbot katholischer Gottesdienste in den reformieren (evangelischen) Gebieten aufgehoben. So entstanden in diesen ev. Gebieten ueberall kath. Pfarreien. 1806 hat das "Heilige Roemische Reich" aufgehoert zu existieren. Der Rheinbund unter Napoleon kam. Bischoeflicher Despotismus kaempfte gegen paepstlichen Despotismus in dieser Zeit. 1808 - Landesfuerstliche Verordnung fuer "die religioese Erziehung in gemischen Ehen" sorgte fuer wahre Gesetzesmonster. (Man verstand darunter nicht die Ehe zwischen Mann und Frau, vielmehr die von verschieden religioesen Verbindungen in der Ehe, heute hat man noch weitere seltsame Unterscheidungen parat..)

Der allzeit hochgelobte Marschall von Bieberstein wollte 1815 die monarche Gewalt sichern, indem er die Domaenen (staatl. Vorzeigebetriebe) zum herzoeglichen "Hausgut" erklaerte, statt diese zum Staatseigentum zu zaehlen!

Seit 41 unten, "der Pfarrer.. hatte bei der Handhabung der Kirchenpolizei an dem strengen nassauischen Amtmann mit seinen Gendarmen eine kraeftige Stuetze. Religionsunterricht in der Schule, Christenlehre in der Kirche, Ordnung bei den Prozessionen, Beaufsichtigung der Jugend in der Kirche, auf der Strasse, Wahrung von Zucht und Sitte in der Oeffentlichkeit - alles im Rahmen der in Geltung stehenden staatlichen Gesetze und Regierungsverordnungen, liesen nichts zu wuenschen uebrig .. und es waere in der Gegenwart wohl um vieles im oeffentlichen wie im haeuslichen Leben weit besser gestellt, wenn eine Reihe jener Verordnungen noch in Kraft staenden" (Das Bistum Limburg S. 115)

Seite 47 Anwerbung: Durch den staatlichen allgemeinen Religionsunterricht wuerden "die Unterscheidungslehren zur Nebensache". Das Vikariat sah das als "katastrophal" an, da Religion "in den Sog des Rationalismus gerate, ueber alles reden zu koennen" das hielt diese Stelle fuer "autoritaetszerstoerend, die Menschen von der Maeßigung ab und fuer "Tugendschaedlich".

Auf Seite 52Punkt3 : "dass dem Bischof wieder die Schulinspektionen und die Aufsicht ueber das sittliche Verhalten der Lehrer zukomme.." (Sowie die Einrichtung einer Korrektionsanstalt fuer schuldig gewordene, bzw. eines Demeritenhauses, fuer entgueltig unwuerdige gewordene Geistliche)
1791 gab es eine Fassung der kath. Lehre nach franz. Muster, die von dem "aberglaeubigen Verstaendnis der Volksfroemmigkeit abwich: Heilige sind keine Guenstlinge, die es zu bestechen gilt.. 1815 bestand das staatl. Verbot bei Prozessionen die Pfarr-Grenzen zu ueberschreiten. Wallduern im Odenwald, Wallfahrtsort "zum heiligen Blut" - hier soll im Jahr 1500 ein Priester konsektrieren Wein verschuettet haben, als auf dem Korporale ein "Bild des Gekreuzigten erschienen und statt der Blutstropfen in roter Farbe rote Christuskoepfe" zu sehen gewesen sein. Das wurde als Aberglaube bekaempft, als im 17.Jhd grosse Glaeubigenstroeme dorthin fuhren.
Im spaeten 19.Jhd setzte man sich verstaerkt fuer deutsche Kirchenlieder und Gottesdienste ein, was sogar zuvor am Widerstand des Volkes gescheitert war. Seite 72 - Frankfurt kam 1818 unter die Fuchtel des Limburger Bischofs - zumindest seine Glaeubigen. Zuerst hatte Nassau dieses gemacht, weil die Mainzer den Frankfurtern schon von jeher spinnefeind waren. Diese Limburger Heiligen betrachteten die Eingliederung der Katholiken als Eingliederung Frankfurts unter ihre Herrschaft - und bezeichneten diesen Vorgang als "Dienstbotenkatholizismus", den man hinzu gewonnen habe. (Frankfurt hatte 2500 Einwohner kath. Glaubens und Nichtbuerger gesamt 6000 Personen, die davon betroffen waren. Diese Nichtbuerger sollen zum erheblichen Teil Dienstboten gewesen sein..
Damals hies es: Die Lutheraner haben die Macht, die Reformisten das Geld, die Katholiken die Kirchen in Frankfurt.
Nichtbuerger waren Fremde mit Aufenthaltsgenehmigung, Beisassen und Juden. Ausser durch Heirat war die Buergerschaft damals kaum zu erreichen. Die Katholiken hatten ihrerseits in Ffm keinen leichen Stand, Gottesdienste waren in der Oeffentlichkeit nicht erlaubt, auch keine privaten. Es gab aber genug Kirchen, die fuer Ehesachen zustaendig waren - wie ein Staat im Staate. Der neue Volksgottesdienst kam mit deutschen Kirchenliedern, das Fridericianum, ein Gymnasium in Frankfurt wurde beidkonfessionell, aber mit getrenntem Geschichts- und Religionsunterricht. Erst 1866 kam fuer die Katholiken die volle buergerliche Gleichberechtigung, obwohl der Limburger Bischof fuer die freie Reichsstadt Frankfurt ein Auslaender war. 1802: Herzogliches Landesbistum Limburg gegruendet. (Seite84)

Seite 103 Nr95 Der Dekan zu Ruedesheim 1828 zu dem Bischof: (Thema Wallfahrten) "dass wenigstens in unseren Gegenden nicht sowohl Mangel an Belehrung und Einsicht, als der immer mehr einreissende Hang zu Saufereien, Zerstreuungen, Zusammenkuenften, Vergnuegungen der Hauptgrund der oefteren Excursionen seyn mag - ein Uebel, welches nicht durch sanfte, sondern mehr durch heroische Mittel gehoben werden kann; 2. dass der Standpunkt jener Pfarrgeistlichen, nach deren Kirchen solche Excursionen geschehen, eben nicht der angenehmste ist, weil mehrere ihrer Parochianen wegen des dabei zu erwartenden Gewinns die Wallfahrten moeglichst beguenstigen, obgleich dieselben durch Verordnungen der Kirche und des Staates entweder eingeschraenkt oder verbothen sind - abgesehen von manchen anderen Gruenden ist es Unverstand und Roheit unbedingt das Wallfahrten verbieten zu wollen. Der arme Bauer, das ganze Jahr geplagt und oft geaergert, verlaesst da seine schmutzige Stube und das Kindergeschrei und Weibergebell, und die Gasse, wo sein Glaeubige wohnt und die Kirche, wo der Anblick des Nachbarn, der mit ihm Prozess fuehrt, oder des unbeliebten Pfarrers ihm die Andacht verdirbt. Und wenn er aus dem Ortsbann hinaus ist, bekommt er erst wieder zur rechten Besinnung ueber sich selbst und sein Leben und ist Gott ihm gegenwaertiger und sein muedes Herz atmet wieder auf, und ihm ist wie dem Vogel, der, halb erstickt im Garn, losgeloest nun iweder in freien Himmelsraum hinausfliegt"

Seite 108: "Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden, souveraener Herzog zu Nassau"

Seite 111 Nr145 "..aber dass das Volk nicht weiss das Unwesentliche vom Wesentlichen zu unterscheiden". Seite 131 "Pauperismus des Industrie-Proletariats.. (Genannt auf dem Limburger Kongress)

Wegen seltsamer Gesetze kamen bald mehr Glaeubige aus Trier als aus Limburg zu den Wallfahrtsorten. Nach Bornhofen und Montabaur kamen barmherzige Brueder und Redemptoren zugewandert. In diesem Umland gab es eine breite Stimmung gegen Nassau, deren Fuerst immer noch zu Preussen und selbst zu Napoleon stand, dieser war fuer die Wallfahrerei nicht zu haben - auch wenn inzwischen 20.000 Pilger im Jahr kamen. Wo viele Verwirrte sind, kommen noch mehr hin: Die Jesuiten hielten Vortraege, die 6-8000 Zuhoerer hatten. Die "einfachen Bauernmaedchen", die Dernbacher Schwestern, die auch die Klostergemeinschaft der armen Dienstmaegde Christi gruendeten. Hintergrund war die schlimme Lage der Leute im damaligen Westerwald, die ihre Kinder verkaufen mussten, damit diese als Tingeltangel im Ausland Musik machen und Kram verkaufen mussten. Diese Dinge habe ich in der geschichtl. Exkursion" genuegend beleuchtet. Diese extreme Armut fuehrte zur extremen Froemmigkeit, die z.T. heute noch zu spueren ist. Es gab dort viele Kinder und keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen. Die Dernbacher Schwestern sollen viele Fabrikarbeiterinnen vor der Verwahrlosung gerettet haben, wie das Buch meint. Ambulanz und Krankenpflege waren deren weitere Standbeine, spaeter unterrichteten diese Schwestern auch hoehere Toechter, wie man damals sagte und trat dabei fuer die Emanzipation ein. (Gottes Suffragetten?) Der Kaplan Jakob Wittayer soll dabei tuechtig gegen diese- inzwischen von Rom bestaetigte - Gemeinschaft integriert haben. (Wie sonst kommt man auf der Karriere-Leiter nach oben?) Trotzdem kamen staendig neue Gruendung dieser Dernbacher Schwestern zustande, nach Boehmen, Holland nach England und Amerika sind sie gezogen mit ihrer Mission. Und warum hatten sie einen solchen Erfolg? Nun, weil die Amtskirche verkrustet und verkrueppelt war, von Menschenfreundlichkeit soll nichts zu spueren gewesen sein, nichts von sozialem Engagement, nichts von Christus' Naechstenliebe.

Die barmherzigen Brueder als Maennerorden tutete in das gleiche Horn, angesport von dem Erfolg der Schwestern. Bei so viel Armut in dieser Zeit wundere ich mich ueber die vielen Adelssitze und Herrschaftshaeuser mit enormem Prunk ! Dieses neue Industrie-Proletariat lies viele neue Katholiken-Vereine unter div. Bezeichnungen wie Pilze aus dem Boden wachsen: In dieser Zeit der schwachen Kleinstaaten schwang sich die Kirche auf, wieder die totale Kontrolle fuer Land und Menschen zu gewinnen: Jeder Protest wurde sogleich "widerkatholisch" genannt. Seite 192 Absatz 125: "Staat und Kirche sind nach Gottes Willen durch ihre Grundlagen, ihre Organisation, und ihre Aufgabe so eng miteinander verschwistert und so zwingend aufeinander angewiesen, dass sie sich immer wieder suchen werden, auch wenn sie sich zeitweilig noch so heftig bekaempft haben"

Seite 194 spricht von der "Concordia zwischen Kirche und Kaiserstaat". Genau das gleiche Vorgehen wie im 3. Reich -immer schoen Schulterschluss zur Macht halten, nur so rutscht man nach oben. Nach dem Edikt von 1874, wo viele Kloester aufgehoben wurden, existierten die Ursulinen und Schervier - Schwestern Frankfurts nur noch im Untergrund, wie die Chronik sagt. "Sie schuetzten weibliche Dienstboten vor den Gefahren der Gross-Stadt" (Doch wohl eher vor den Uebergriffen ihrer Dienstherren -oder?) Wie auch immer, dieses Gesetz hatte bis 1917 Gueltigkeit. Spaetere Kloster-Neugruendungen wurden nur fuer Maennerorden zugelassen, unter der Bedingung, "ausschliesslich Aushilfe in der Seelsorge" zu stellen und sich sonst nirgends einzumischen. Vermutlich hat man die sozialen Engagements zu mindern gesucht, damit die neuen Industriebarone ein leichteres Spiel hatten. Danach gruendeten die armen Dienstmaegde Jesu Christi und die englischen Fraeulein hoehere Maedchenschulen, eine davon ist die bekannte Limburger Marienschule. Die Missionspallottinerinnen missionierten in Kamerun - wohl heute ohne nennenswerten Erfolg, die Muslime haben das gruendlicher getan - ganz Afrika ist wohl eingenommen worden von dieser Religion. Unter dem Limburger Bischof kamen die Alexianerinnen, die Benediktiner und Kapuziner in die Region.

1891 Die Schwestern von der Liebe des guten Hirten kamen ins Land, 1904 wurde die Abtei der heiligen Hildegard von Bingen neu gegruendet- ehedem aus dem Jahr 1165 bekannt, diesmal unter dem Limburger Bischof und mit dem Fuersten Karl zu Loewenstein. 1888 lesen wir von der Wallfahrtsstaette Marienthal. Im gleichen Jahr sind die Franziskaner gekommen und die Zistersienser nach Marienstatt im Westerwald, wo es zuvor eine "Erziehungsanstalt" gab, die nach Marienhausen in den Rheingau abzog. Der Hickhack zwischen den Orden, der Kirche und Preussen war beachtlich.

Auf Seite 213 NR194 - Simon Peter Paul Cohensky, geb. 1838 in Limburg bekam in Le Havre am eigenen Erleben mit, wie das Elend der Auswanderer im Zwischendeck war, wo er selbst oft genug nach Amerika geschippert ist. Er kuemmerte sich um italienische Saisonarbeiter. Als Kaufmann kam er mit vielen dieser Leute in Kontakt. Spaeter wurde er Abgeordneter im Reichstag und war auch als Seelsorger dabei. (Cohenskyismus)

Jesuiten und Franziskaner wurden misstrauisch beaeugt, setzten sich aber dennoch in Frankfurt fest. Katholische Maennervereine wollten weltanschauliche Irrtuemer meiden, was aber wohl von daneben ging- es kam die Weimarer Republik, die bekanntlich zum 3. Reich fuehrte, die aus Bayern durch den Oesterreicher ins Land ausstrahlte und unsere Elite mit sich riss. Man muss sich den Irrtum einmal vorstellen: Germanischer Nationalismus aus Oesterreich ! wenn das kein "weltanschaulicher Irrtum" war, dann weiss ich auch nicht mehr weiter. Aus diesen Maennervereinen erwuch aber auch Soziales, wie die Sterbekassen - es werden Arbeitervereinge gewesen sein. 1899 hat sich die christliche Gewerkschaft daraus gegruendet und die Caritas und Heime fuer geistig behinderte Kinder.

Von 1913-1930 war Augustinus Kilian Limburger Bischof, er soll aus "einfachen Verhaeltnissen" aufgestiegen sein. Sein Vater war Schuhmacher. Der Augustinus absolvierte das Priesterseminar, studierte auf Wunsch und Promotion des Bischofs kath. Recht, Spezialwissenschaften. Er wurde zum Domkaplan und Religionslehrer. Damals nannte man die Taetigkeit des Bischofs mal "Amtszeit", mal "Regierungszeit" - er war also ein Kirchenfuerst und rief "dem deutschen Volk zu, dass Gott am Ende den Sieg schenken wird.."

Nach dieser gewaltigen Aufstachelung oder Luege warnte er vor den Gefahren des Pessimismus und vor Resignation.

1920 kam der Umbruch, die Kirche misstraute den Gewerkschaften und den Sozialisten. Immerhin wurde der Druck von der Kanzel herab, "saeumige" namentlich vorzulesen, endlich fallen gelassen.. aber nur, weil eine Austrittswelle war.

Das hielt die Franziskaner nicht auf, in Frankfurt ein "Exerzitienhaus" zu gruenden. 1919 kamen die "Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria" (OMI) auf den Allerheiligenberg bei Niederlahnstein. Die dort lebenden "Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung" zogen nach Johannisburg in den Rheingau ab.

Salesianer Don Bosco erziehen Knaben, katholische Juenglingsvereine und die Pfadfinder wurden Ende der 20iger Jahre gegruendet. 1932 gab es 225 Jungmaennervereine allein in der Dioezese Limburg:
"Christusjugend an die Front!" Jungschar und aehnliche Dinge folgten. (hinterher ist alles nicht wahr gewesen)

***

Seite 237 steht das Gedicht des Ulrich von Hutten:

Dank Loyalas schwarze Juenger
mit den Intrigantenminen,
welche weniger dem Himmel,
als dem Gottseibeiuns dienen,
sind zur Freude aller Frommen,
endlich auch zu uns gekommen.

Was das Kaiserreich verboten,
weils ein guter Geist beschattet,
ein'ger hellrer Diplomaten,
hat die Republik gestattet,
die doch fuehren scharfe Waffen,
sollte wider alle Pfaffen.

Sind DAS des Novembers Fruechte,
der die Schwerter uns entrissen,
dass wir nur fuer England schuften,
und als Sklaven frohnen muessen,
um auch noch mit Schleicherschritten
nah'n zu sehn die Jesuiten?

Sollten alle Stricke reissen -
was wir kaum zu denken wagen,
weil es zu entsetzlich waere -
und die Staatskunst ganz versagen,
setze man an Eberts Stelle
einen Jesuiten schnelle -

Besser werden ohne Zweifel
diese schwarzen Herren regieren
und im Sinn von Petri Stuhle
sicherlich das Zepter fuehren,
wie sie's in so vielen Staaten
unsichtbar schon fuehren taten.

Doch dann macht die Freiheit pleite
und von eifernden Zeloten
wird mit einem Federstriche
jedes freie Wort verboten
und die Tote Hand schlaegt wieder
die Gedankenfreiheit nieder.

***

Seite 245 kam eine Spaltung des Katholizismus durch progressive Jugendbewegungskraefte, die von "der Faszination des Nationalsozialismus" kam, wie in dem Buch von Klaus Schulz "Geschichte des Bistums Limburg" zu lesen ist.

In Frankfurt waren fast nur kleine Leute Katholiken, wir erinnern uns an das Wort des "Dienstboten-Katholizismus", wo praktisch keine Buerger oder Grossbuerger oder Adlige dabei waren, wie in Limburg, Mainz oder Trier..

Friedrich Ressauer, geb.1831 in Aschaffenburg, ein Industrieller baut 1907 Roentgenapparate in Frankfurt, erlitt Strahlenschaeden, hatte davon Narben. 1921 wurde er Professor fuer physikalische Grundlagen der Medizin in Frankfurt, 1924 Reichstagsabgeordneter, 1939 ging er wegen der Nazis nach Istanbul, dann nach Fribourg, seit 1951 war er wieder in Frankfurt wohnhaft, gestorben 1963. Das Zusammenbringen des Glaubens, der Technik und der Naturwissenschaften war sein Ziel und Lebenswerk. Sicherlich war die Zeitschrift RMV (Rhein-Mainische-Volkszeitung) der Grund fuer diese Flucht, andere Mitwirkende dieses Blattes wurden spaeter in der DDR, andere in Russland hart bestraft, obwohl die "Eingliederung der Arbeiter in die Gesellschaft" und die "Aussoehnung Deutschlands mit Frankreich" gefordert worden war. Fuer diese Zeitung war Limburg das "Symbol der normalen katholischen Rueckstaendigkeit" - diese Seite warf dem Blatt "modernistische Tendenzen" vor. Mir klingt das doch schon sehr nach dem Ausdruck "Querulatorisch", was immer wieder beweist, wie einfaeltig Akademiker sein koennen !

Bischof Kilian lies der RMV als Warnung zukommen, eine Reihe der Artikeln in diesem Blatt habe Gedanken verfochten, "die sich als offene Haeresie darstellen und zur Gefahr fuer die katholische Gesinnung der Leser wuerden" Alle Wege, diese Absicht Kilians durchzupeitschen standen offen, er mobbte nach allen Seiten, sowie einer oder etwas nicht auf Linie war. Seite 251 Nr118 "..zu verhueten, dass weniger reife Menschen beunruhigt werden" Aha. Er ist also ein ganz "reifer"!

Seite 259 - Das Blatt zeigte eine Karrikatur, wo Christus am Kreuz haengend, mit Gasmaske und Handgranate gezeigt worden sein soll, drunter stand: "Maulhalten, weiter dienen!" Seite 255 Nr132: "..dass das deutsche Nationalgefuehl nach all den unerhoerten Demuetigungen sehr empfindlich geworden ist" (Kapitulation nach dem 1.WK, die extrem teuer geworden war) Seite 257 NR138: Hier findet man Konkordanzen zu Werken, die jene Haltung der Katholischen Kirche waehrend der Zeit des 3. Reiches behandeln. Die RMV milderte die die progressiven Kraefte der Kirche ab, zu sehr mit dem N SRe gime zu kokettieren, wie es heisst.. Einzelne Geistliche haben aus taktischen Gruenden zum Beitritt in die SA oder HJ geraten.. Auch die RMV hat die Zustimmung der Zentrumspartei zum Ermaechtigungsgesetz zugunsten des Hitl er verteidigt ! Franziskanerpater Hygin Lattek wollte Kolping - Mitglieder zum Eintritt in die SA ermutigen, damit durch deren wirken die Geistlichen ihren Einfluss wiederbekaemen - er meinte wohl das typische Buettelwesen der Pfarrer, die sich an die Staatsmacht klemmten. Die politische Loyalitaet des Klerus zu den staatlichen Stellen war allenthalben groesser als gedacht! Trotzdem fanden Schlaege der NS Partei gegen den Verbandskatholizismus und gegen die Zentrumspartei statt. Inzwischen bestellten die Abonnenten die RMV ab, als diese im NS-Stil weitergefuehrt wurde unter Georg Schmidt. Die Stiche der NS gegen einzelne Katholiken nahmen zu, einzelne Mahner traten auf, aber die Bischoefe schwiegen.

Das "Landjahr" fuer die Jugend war dazu angedacht, der Kirche die jungen Leute zu entziehen. Der Reichskultusminister Rust: "Die Kinder gehoeren dem Volk und nicht den Eltern!" (dieses Denken wird es immer noch geben.. bei denen da oben, da bin ich mir sicher - zudem es aehnliche Tendenzen auch und gerade im Kommunismus gab- Sozialisten und Kommunisten sind aus einer Wiege entstanden)

Die Sorge um die Seelen der Kinder (was immer noch nicht nachgewiesen ist - die Seele) die von der Kirche "diasporafaehig" gehalten werden sollten, lag nun nur noch auf dem Gutwillen der Eltern und der Kinder selbst. (Aha, nicht mehr vom Druck des Klerus abhaengig, taten sie was sie wollten und nicht was sie sollten - ganz so war es wohl nicht, denn auch bei den Pfadfindern und anderen katholischen Verbaenden ging es nicht viel anders zu, als in diesem Landjahr, die Kids sollten auf Linie gebracht werden, wie im Kommunismus: Der Kampf um die Steuerung in den Koepfen ist der gleiche, stets der gleiche Druck, die gleiche Beeinflussung.)

Die "Erfuellung religioeser Pflichten", Einkehrtage und "vorbereitende Exerzitien" wurde eingefordert vom Klerus. Die Arbeitervereine der Kirche und des Staates nahmen sich gegenseitig die Mitglieder weg, dadurch wurden die Konflikte und Sanktionen staerker, Ordensvisitationen als "Sexualsumpfbekaempfung" durchgesetzt, Hirtenbriefe wurden als Angriffe auf den Staat beschlagnahmt. die Kirche wurde aus den Schulen verbannt, die kath. Jugend wurde zunehmend unterdrueckt, das bekam auch bald die Caritas zu spueren. Festnahmen, Entwidmung kirchlicher Feiertage und aehnliche Dinge kamen - wie spaeter in der DD R, wo alles in deren Sinne umbenannt wurde. Es wurde sogar versucht, innerhalb der Anstalt der barmherzigen Brueder fuer geistig Behinderte - Euthanasie-Aktionen durchzufuehren..

Verhaftungen, Pruegel, Folter gegen Geistliche, denen man staatsfeindliche Propaganda vorwarf. (auch aehnlich den Vorkommnissen in der spaeteren D DR!) Hadamars Heimleiter soll zuweilen die Eltern "schwachsinniger" Kinder vorsorglich gewarnt haben, vor dem was da kommen sollte.. Andere Anstalten kirchlichen Hintergrundes in dieser Sache wurden geschlossen, die Schwestern und Brueder entlassen. 1938 war dem "konfessionellen Volksschulwesen" ein Ende bereitet. (Ebenfalls wie in der spaeteren DD R) Proteste nutzten nichts, obwohl man als Katholik in Frankfurt besser mit den Juden als mit den evangelischen Christen ausgekommen sein soll, wollte der Kardinal nur "den getauften" Juden helfen. Das grosse Schweigen zu der "Reichskristallnacht" war laut genug - die Zerstoerung der Synagogen und die Verschleppung der Juden sahen die Christen nicht als ihre Angelegenheit an.. es folgte ein verbales hin- und her Geschwurbel um die Herkunft des Christentums aus dem juedischen Teil, mit den seltsamsten Begruendungen - teils durch den Staat, der die Religionsstroemungen aus dem "heiligen Land" als "undeutsch" ansah, aber auch durch den Klerus, der ohne Legitimation fuer diese Teilnahmslosigkeit gegen das Unrecht an den Juden zu finden suchte. Die "Verherrlichung des juedischen Verbrechervolkes" sollte an den deutschen Schulen verboten werden, sie bezogen das darauf, dass Christus auf Druck der Juden hin gekreuzigt worden war. Interessant daran ist, dass das NS Regime auch die Christen des "undeutschen" bezichtigten und bekaempften - so war man stolz darauf, dass ein ganzer Gau dem F uehrer als "klosterfrei" geschenkt wurden ist, zu dessen 50. Geburtstag. Nach und nach sind also alle kirchl. Orden aufgeloest worden. Staatfeindliches Treiben und sexuelle Uebergriffe und Exzesse waren die Begruendungen der damaligen Ordnungshueter..

Ich muss sagen, dass mir diese verflixte Historie langsam, aber sicher gegen den Strich geht- aber verschweigen darf man das nicht, wenn es um eine ehrliche Aufarbeitung geht.. auch heute sind so viele Schieflagen zu beklagen, die durch seltsame Koalitionen und "Zuverdienste" dunkler Art der Entscheidungstraeger, die Macht der Parteien, dem Lobbyismus und dem Treiben der Geldwirtschaft kommen. Unter den roten und schwarzen und blauen und gruenen Faehnchen ist viel Muff und Hinterhalt versteckt, Wortklaubereien statt klarer Texte. Viel hat sich da nicht geaendert. Mir graust es vor den naechsten Wahlen, vor denen man blank wie am FKK Strand erscheint und nicht weiss wohin - ist "Enthaltung" die bessere Entscheidung?

Seite 234- die "Fluesterpropaganda" in Hadamar sprach davon, dass 10.000 geisteskranke Menschen durch Kohlendioxyd vergast sein sollen. Spaeter hat sich der Bischof mit einem Schreiben an den Reichsjustizminister aufgeschwungen. (von den Kirchenkanzeln kam kein Ton darueber herab) Die Kranken wurden weiter umgebracht, eine paepstliche Antwort kam wohl auch keine. Weder der Klerus noch das Volk wussten von dem bischoeflichen Protest, geschweige denn "das gemeine Volk", wie woertlich im Buch zu lesen ist. Man vermutet, dass es in dem Brief eher nur um die Wegnahme dieser caritativen Anstalt ging. Spaeter wurde von mehrere Bischoefen Proteste laut, angeblich wurden die Toetungen "nicht mehr in dem bisherigen Umfang fortgesetzt", d.h. es werden wohl keine "Geisteskranke" mehr da gewesen sein. So kamen "missgebildete und schwer erziehbare Kinder" in diese Anstalt, sowie polnische und russische Kriegsgefangene. Wo dieses 3. Reich so gegen die Kirche war, wunderte sich der Klerus sehr wohl, weshalb der "Fuehrer" den "Beistand Gottes gegen den gottlosen Bolschewismus" beschwor. Die Pallottiner hat man wegen "defaetistische und staatsabtraegliche" Taetigkeiten vorgeworfen. (Dieser Sprachduktus kommt mir auch heute noch unter, wenn Kommunen publizieren) Einzelne Geistliche werden abtransportiert und ermordet, weil sie Gefangenen etwas zu essen gaben oder am Gottesdienst teilnehmen liesen oder Polenkinder tauften. Auf der anderen Seite warf der Staat den Kirchen vor, die "Zivilehe" nicht anzuerkennen - was uebrigens heute noch ist..

Die Nadelstiche der Parteifuehrer gegen alle und jeden, besonders gegen mildtaetige Hilfe an Nichtdeutschen und Juden und andere separatistische Bevoelkerungskreise wurden boesartig umgesetzt und durch seltsame Verordnungen und Anordnungen in Mengen ueber die Bevoelkerung ausgekippt - hier sind Behoerden entgleist und mit Partei-Denke vergiftet worden. Unter uns gesagt, gibt die Macht kleinen Despoten Instrumente in die Hand, die auch im heutigen Bruessel bereits seltsame Formen annehmen. Eine "Abwehrkampf" der kath. Jugend, wie das Buch meint, kann ich nicht erkennen, der damals gegen diese Nadelstiche erfolgt sein soll.

Die positive Wachstumsentwicklung des Limburger Raumes, so das Buch, sei von dem Bistum gekommen, was vorher nicht gewesen sein soll. Das halte ich fuer eine Luege, denn Limburg war eine Handelsstadt, wie Frankfurt - nur eben kleiner und mit einem aermeren Hinterland (Westerwald). Der Bischofssitz hat nochmal mehr Leute angezogen - mehr nicht. Die Armut es Westerwaldes - noch in den 1960iger Jahren - lag eher an der fehlenden oder sehr schlechten Verkehrsanbindung an die Grossraeume - es gab nur geschlungene, steinige und ungepflasterte enge Strassen, heute sind die geraden Linien alle sogenannte "Umgehungsstrassen", die zu den Bundesstrassen und Autobahnen fuehren. Das Buch spricht von einem "radikalen Wandel" durch das Bistum und von Umbruechen, die ich nicht zu sehen vermag- ganz sicher hatte die Bevoelkerung nichts davon: Das selbstaendige Denken wurde den Menschen schon von jeher und bis heute durch die Kirche nicht leichter gemacht, im Gegenteil- sie wurden immer bevormundet- mal durch das Fuerstenhaus, mal durch den Klerus. Dann kamen Heimatvertriebene (Deutsche) in grosser Zahl, die wohl meist katholisch waren.

Nach dem Krieg waren in Limburg wenigere in Frankfurt um so mehr Ruinen zu beklagen - wie ueberall in Deutschland, wo der Krieg -unverhaeltnismaessig- gegen die Zivilbevoelkerung gefuehrt worden ist. Suppenkuechen: "Fuer Christi Reich im armen Deutschland" war in der Stadt oft die einzige Moeglichkeit an etwas Nahrung zu kommen, um junge Menschen von der Prostitution und Kriminalitaet fern zu halten.. Enteignete und zerstoerte Gebaeude und der Dom zu Frankfurt wurden repartiert. Ein kirchl. Siedlungswerk gegruendet, damit die Familien ein Zuhause hatten. Tausende neue Wohlstaetten brachten auch Beschaeftigung. Nun ging das neue Konzept auf - "Stundenlohnsparen" - jeder gab eine Stunde dem Fond, damit von 1951-1974 5800 Eigenheime finanziert werden konnten.

Die kath. Kirche protestierte immer wieder dagegen, dass Kinder div. Konfessionen zusammen in den Schulen unterrichtet wurden. Das grosse Ziel fuer den Generalvikar war eine glaubwuerdige und sendungsbewusste Gemeinschaft der Katholiken. Die Aufloesung des kath. Milieus, eine lebendige Pfarrgemeinde, als aktive, caritative und apostolisch taetige Gemeinde, die vom Altar her .. wurde propagiert. Neuer Wein in alten Schlaeuchen oder umgekehrt? Der Unterschied zwischen Stadt- und Landgemeinden sollte eigentlich aufgehoben werden - das Gegenteil passierte: Die Leute zogen in die Stadt, weil es dort Arbeit gab. (Epoche der 2. Dioezesansynode) Religionspaedagogische Arbeitsgemeinschaften, Brautleutekurse, Sozialschulungen folgten im Angebot der Kirche, wie Bibelkreise und Gespraeche mit Evangelischen. Italiener, Spanier und Kroaten kamen in Massen kamen nach den Kriegsfluechtlingen und mussten ebenso integriert werden. Auslaenderraete und Heimatvertriebenenverbaende wuchsen wie Pilze aus dem Boden - und so viele Forderungen nach Gottesdiensten in der jeweiligen Muttersprache.

Der Bau supermoderner Kirchengebaeude steht allerdings diametral dem weiterhin verkrusteten Denken des Katholizismus entgegen, der immer nur sendete, aber den Empfaenger auf "stumm" geschaltet hat. Die Verbreitungsinhalte blieben gleich. Eines der typischen Missverstaendnisse war die "Demokratisierung der Kirche", was viele Leute hoffen lies, war aber anders gemeint: (Haec sancta" - Die Glaeubigen dachten, dass sie nun endlich ein wenig mitbestimmen duerften, dabei war die paritaetische Mitregierung der Kirche am Staat gemeint.. sind oder waren diese Zweideutigkeiten Absicht, Berechnung oder Dummheit? "Evangelizare pauperibus" (unterweist die Armen) "..nur derjenige kein Dieb und Raeuber sei, sondern ein wirklicher Hirte, der durch die Tuer in den Schafstall eintrete und darum nur derjenige rechtmaessige Pfarer den Christus durch den Bischof sende" (S372) Auf Seite 399: "in einzelnden Faellen sah man auch davon ab, Unterschriften aus sozial niedrigen Schichten zu sammeln, um die Liste nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie enthalte nur Namen von Leuten, deren Urteil ohne Gewicht sei.." Pfarrer uebten sehr wohl Druck aus, gingen von Haus zu Haus und sollen dabei nicht zimperlich gewesen sein, sie sagten, dass ein Verweigerer gegen die Kirche sei..

Seite 403 "..die Kirche gibt von ihrem Prinzipien nichts auf..!" (Soviel zur Wiedervereinigungsabsicht der Kirche) Es wurde klar auf die Zustaende vor der "Reform" gesetzt, als eine Annaeherung beider Konfessionen zu wollen. "Konversion nach Rueckwaerts".

Nach 1933 wurden katholische Jugendorganisationen als "staatsfeindlich" eingestuft.
Durch den Eintritt in die Partei entgingen viele Leute der drohenden Arbeitslosigkeit, was schon alles sagt.
Die Katholischen wurden als "schwarze Pest" bezeichnet und sollten als Menschen 2. Klasse behandelt werden,
(S416 Abs6) Auch wenn die Reichsregierung den Kirchenoberen etwas anderes garantiert hat.
Verhaertete Fronten bei der Partei und bei der Kirche, die beide versuchten, sich jeweils ganz Deutschland unter den ideologischen Nagel zu reissen.
"Ein Volk zu sein, das ist die Religion unserer Zeit" oder "Volksdienst ist Gottesdienst" oder "Du -die Nation- bist ewig, wir vergehn, um in dir aufzuerstehn".
Bald wurden die Namen der Beamtenkinder weitergegeben, die sich trotz Anordnungen von oben noch zur Pfarrstunde oder den kath. Jugendgruppen trauten. Was das dienstlich fuer die Vaeter bedeutete, kann man sich vorstellen. Ich erinnere daran, dass in den 1970iger Jahren in der Bun desrepublik Brieftraeger sofort entlassen wurden, wenn bekannt wurde, dass sie Mitglied in einer kommunistischen Partei sind. So weit ist das also nicht her..
"Den grossen Christenkampf fuehren wir mit Christus-Waffen!" oder "Ihr seid nicht geistig besiegt, ihr weicht der obrigkeitlichen Gewalt.."

So, nun ist es aber gut, das Buch ist durchgeackert.



Anhang Thema: Stadtchronikel 1 Diez an der Lahn

Anhang Thema: Stadtchronikel 2 Braunfels / Lahn

Anhang Thema: Stadtchronikel 3 Frankfurt am Main

Anhang Thema: Stadtchronikel 4 Pompeji

Anhang Thema: Stadtchronikel 5 Limburg

Anhang Thema: Stadtchronikel 6 Trier

Anhang Thema: Stadtchronikel 7 Speyer

Anhang Thema: Stadtchronikel 8 Frankfurt/M

Anhang Thema: Stadtchronikel 9 Husum



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