Vivarium Seite 47


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Politiker sind die Leute, die sich um die Probleme kuemmern, die ohne sie gar nicht existieren wuerden.
Ralph Waldo Emerson




"Indogermanen"

Dez war mit Ola frueh auf dem Weg durch die Passage zur Markthalle,
mit dem vollbepackten Esel und Packtaschen auf den Ruecken hatten sie schon einen laengeren Marsch hinter sich,
als endlich die Skyline Frankfurts auftauchte.
Die Stroeme von Menschen aus den Wohnvierteln waren noch nicht in Gang gekommen,
die sich zu den Zentren durch den chaotischen Verkehr drueckten - man konnte das nur als "druecken" bezeichnen.
Einmal war Ola dort hinein geraten und anschliessend ihr Erlebnis daheim erzaehlt.
Sie hatten geradezu freie Bahn, bis auf die Bummler, die noch von der Nacht waren.
Als sie ihre Landwaren gut verkauft hatten-
fast immer an den gleichen Haendler der riesigen Markthalle, den Us,
ging es ganz schnell noch an den Stand mit Zucker und Schokolade,
den sich Ola gerne goennte.
Die Kinder "Es, Die, Da" werden sich freuen, dachte sie.
Dez hatte keine eigenen Wuensche, so dicke hatten sie es nicht und so sparte er eben an sich selbst.
Die buddistische Gemeinde verkuendete diese Bescheidenheit immer wieder und vermutlich hatte sie recht damit.
Sie taten sich auf und nahmen unterwegs noch einen Sparten mit, der gerade von einem der vielen Strassenhaendler angeboten wurde.
Sie freuten sich, als sie den Menschenstroeme in die Metropole gehen sahen, Mensch an Mensch, alle Strassen voll und alles verstopft.
Sie drueckten und wurden gedrueckt.
Dez meinte nur lakonisch:
Mein Grossvater hatte einmal das Wort "Pedding" genannt, das wird wohl so etwas gewesen sein..
Die Taunushoehen waren in Sicht, als sie das Nordend Frankfurts erreicht hatten-
Die Haeuser waren teilweise ueber den Strassen gebaut, so dass die Strecke oftmals wie ein einziger langer Tunnel vorkam, egal nach welcher Richtung man ging-
die Dunstglocke der Stadt wetteiferte mit dem Feldberg-Turm, um Aufmerksamkeit, wenn man kurz vor dem Bergkamm stand.
Flugzeuge konnte nur noch bei bestimmten Wetterlagen landen, so dicht ist die Suppe geworden.
Der Main und der Rhein gleichen einer Kloake, sie sind dem Hindus sehr aehnlich geworden.
Die Metropolen sind so arg angewachsen, dass sie ineinander uebergehen.
Die Bevoelkerungszahl Europas ist von 450 Millionen auf 1,5 Milliarden angestiegen,
weil die Voelkerwanderungen aus allen armen Laendern der ganzen Welt sogar die laengst begonnenen Islamisierung
gestoppt und ueberschwappt haben- nun teilen sich alle Arten von Menschen und alle Religionen zugleich den europ. Kontinent bis zum Ural.
Nach dem Zusammenbruch Chinas und Russlands sind allerorten indische Verhaeltnisse gekommen,
auch in Europa, das sich im Gegensatz zu den beiden Riesenstaaten freiwillig ueberfremden lies.
Dez Urgrosseltern kamen aus Sri Lanka, Ola hatte Vorfahren aus Uri in der Schweiz.
Die alten Nationalstaaten hatten mit der grossen Vermischung irgendwann aufgegeben,
der sogenannte Genscherismus war einer der Gedanken gewesen, dem die "Multikultur" und die "Willkommenskultur" gefolgt war.
Diese Begriffe der Vergangenheit wurden nur noch selten am Lagerfeuer genannt,
so man sich das ab und an leisten konnte.
Waelder waren laengst abgeholzt und eine weite Steppe mit weiten Anbauflaechen des Landes wurde nur noch von den Ackerbauern bewohnt, die sehr bescheiden in Lehmhuetten lebten.
Die Landflucht war vollendet, nun waren nur noch die kleinen Bauern mit ihren kleineren Parzellen draussen, ausserhalb der Staedte.
Doerfer gab es schon lange keine mehr, die sind nicht mehr rentabel gewesen
und so hat man sie abgetragen, um noch mehr Anbauflaeche zu bekommen.
Nicht mal kleinere Landstaedte blieben von dieser Abraeumaktion verschont.
Denkmale, Schloesser und was auch immer herum stand-
alles verfiel und wurde abgeraeumt.
Vorbei die Zeit, als sich das Wasserwirtschaftsamt um den Erhalt
der Wasserwege kuemmerte - bald war alles halb ueberwuchert.
Strom, Gas und Wasser oder Abwasser hat keiner mehr bezahlen koennen,
so waren die Leitungen auf dem Land marode und wurden schlicht abgeschaltet.
Niemand kuemmerte sich um die "Registrierung" von Personen, irgendwelche Register auf dem Land-
die Landbewohner wurden zu einer Randgruppe,
waehrend die Stadtbewohner noch deutlicher in Kasten eingeteilt waren,
aber ohne dieses offiziell zuzugestehen, man nannte das "Demokratie", wo niemand wusste wer wen vertritt.
Indische Verhaeltnisse sozusagen, das Chaos war wohl Programm - aber es war "multiethnisch" und frei,
die "besseren Leute" waren wohl eindeutig freier, von denen kannte unsere Landarbeiterfamilie aber niemanden.
Die haetten mit dem Landvolk auch niemals gesprochen, ausser beim Handeln.
Die indische Sorte Mensch hat wohl -zumindest optisch- die Dominanz errungen,
selbst Afrikaner konnten sich in diesem Voelkergemisch nicht behaupten:
Viele haben es versucht, aber viele sind auch wieder abgewandert nach Afrika,
weil sie ganz einfach keinen wirtschaftlichen Vorteil sahen, nach Europa oder Asien einzuwandern.

Viel wusste unsere Familie nicht von den globalen Verhaeltnissen, nur eben das,
was die Zentralregierung kundtat auf den Infotafeln in der Stadt.
Dez und Ola haben von ihren Grosseltern noch lesen gelernt, mit dem Schreiben taten sie sich aber bereits schwer.
Wozu etwas schriftlich aufbewahren, wem haetten sie schreiben sollen, wozu etwas schriftlich hinterlassen,
wenn abzusehen ist, dass die nachfolgenden Generationen damit nichts mehr werden anfangen koennen?
Auf dem Land wurden nicht mal Steuern gezahlt- die hat man gleich beim Handel in der Stadt abgezogen.

So gingen sie mit ihrem Esel langsam und sich unterhaltend durch die weiten Felder mit den Hecken, Knicks, Haine und Buesche,
die wegen der Bodenerosionensgefahr angepflanzt wurden..
"Eigentlich haben wir es sehr schoen bei uns auf dem Land, meinte Ola, da hat man wenigstens seine Ruhe."
In den Staedten brachen immer und immer wieder Seuchen aus, die tausende Tote forderten- mal war es diese, mal jede Krankheit.
Das Wasser war laengst rationiert, die Wasserleitungen in der Stadt belieferten nur Zapfstellen vor den Haeusern.
"Was hat Grossvater damit gemeint, als er sagte-
damals waren in jedem Haus Wasserleitungen, es gab Strom und Gas?"
meinte Ola nach einer Weile des stillen Marsches, der nur durch gelegentliche "Eselhalte" unterbrochen wurde.
Dez wusste es nicht, woher auch - seine Vorfahren stammen nicht gerade aus einem solch "noblem Gebiet", wie er sich ausdrueckte.
Wir koennen uns gluecklich schaetzen, hinter dem Taunuskamm in dem kleinen Tal zu wohnen, wo man aus dem Bach Wasser schoepfen kann.
Durch die duenne Landbesiedlung ist die Verschmutzung noch gering, die einstige "Ueberduengung" war Vergangenheit,
niemand hatte Geld fuer kuenstliche Duenger oder Spritzmittel-
womit haetten Herbizite oder Pestitide oder Funghizide auch auf die Felder aufgebracht werden sollten?
Mit dem Esel, ohne Maschinen?
Oel gab es keines mehr, das war rationalisiert und streng limitiert fuer die Kraftwerke reserviert.
Die Bevoelkerungsobergrenze ergab sich sozusagen "natuerlich", weil die Masse der Menschen das 50. Lebensjahr
kaum ueberlebte und nur die Oberklasse ein hohes Alter in Luxus geniesen konnte.
Die Forschung war ebenfalls nur noch fuer diese Klasse da, mit Genmanipulationen und bester Versorgung,
Wohnambiente, Dienstboten und Springbrunnen.

Nun waren sie wieder daheim angekommen, in ihren Trullis aus Lehm.
Eines war den Grosseltern, eines ihnen und je ein kleineres Trullo als Scheune oder Stall.
Nein, unzufrieden waren sie nicht, arm zwar und hier draussen recht einsam,
aber unzufrieden konnte man sie nicht nennen.
Sie kannten nichts anderes und fuegten sich - typisch indische Mentalitaet - ihrem Schicksal.
Hier draussen gab es keine Moscheen, keine Tempel und auch keine Kirchen oder Synagogen,
keine Regierungsgebaeude, Theater oder Museen, nicht mal mehr Wasserwerke oder Klaeranlagen -
kein Funkturm oder Aussichtsplattform, keine Strassen oder Autobahnen, Eisenbahnen oder Fabriken-
alles hat sich von selbst aufgerieben und aufgeloest.

Der Arzt war weit weit weg in der Stadt, hier auf dem Land gab es nur Kraeuter.
Langsam, aber sicher setzte sich die muendliche Ueberlieferung wieder durch:
Fernsehen oder Radio waren hier nicht denkbar, es war kein Strom da.
Fuer Solarzellen hatte man kein Geld und wenn, waeren die sowieso der Stadt vorbehalten.
Die Kinder kannten keine Schule und keinen Kindergarten-
es waren ja keine anderen Gebaeude auf dem Land vorhanden,
nur eben ab und zu eine winzige Ansammlung von Trullis und aehnlichen Huetten.
Es gab Schmiede, die aus gesammelten Alteisen-Teilen Messer und Sparten und anderes Geraet fertigten,
und als Gegenleistung Naturalien nahmen - Geld hatte hier kaum einer und wenn,
dann vom Eintausch auf dem Markt.
Die Klimazonen aenderten sich entsprechend,
weil der Wald ein Garant fuer feuchtes Wetter und Niederschlag gewesen war-
heute ist zwar durch das "Knick-Programm" der letzten Jahrzehnte einiges verbessert worden,
das aber das alte Wasserniveau nie wieder erreichte.
Folglich war Europa nun waermer und trockener geworden.
Die Landarbeiter hatten nicht mal Geld fuer Folien, mit denen sie die Verdunstung
aus dem Boden haetten reduzieren koennen.
Deshalb haben sie sich einige Tricks ausgedacht,
die wohl direkt aus der Urzeit der Menschen haetten stammen koennen..
Da sie keine Medikamente bekamen, konnte sie bedenkenlos die menschlichen Faekalien
mit denen der Tiere mischen und auf die Felder ausbringen.

Eines Tages erzaehlte Grossvater vor dem Trullo den Enkeln wieder einer seiner Geschichten:
"Es begab sich zu der Zeit, als in unserem Wohngebiet Menschen mit weisser Hautfarbe lebten,
die wohl daher kam, dass sie immer im Dunkeln der Waelder lebten, die so dicht waren,
dass einer den anderen nur sehen konnte, wenn er sich bewegte."
Die Enkelchen Es, Die und Da staunten und fragten:
"Und woher kamen die Doerfer, von denen du uns erzaehlt hast
und die breiten Strassen,
auf denen sich die Autos so schnell bewegt haben?"
Das will ich euch sagen, meint der Grossvater- als mein Vater auszog um besser leben zu koennen,
in die Fremde, wo diese Unglaeubigen wohnten, wie er sie nannte.
Dort hat man ihm geholfen sesshaft zu werden, mit Geld und mit einer Wohnung,
sie gaben ihm Arbeit und Einkommen.
Aber es kamen immer mehr und mehr und mehr in dieses gelobte Land..
Die Grossmutter meinte:
Dann musst du auch sagen, dass dadurch heftige Kriege entstanden sind.
Kriege, die durch die unterschiedlichen Glauben ausgeloest
und immer wieder geschuert worden sind.
Die Menschen sind immer mehr geworden, die Resourcen der Natur aber schwanden.
"Fuer diesen Tag soll das reichen, ich habe ja schon einen ganz trockenen Hals"
sagte Grossvater, lasst mich mal wieder in Ruhe, ich muss mein Mittagsschlaefchen halten.

Die naechsten Nachbarn waren Lothar und Claudia,
ein kinderloses Paar, das sich mit Gefluegelzucht befasste.
Sie waren noch Abkoemlinge der einstigen Urbevoelkerung,
sie war blond und er hatte einen starken Bartwuchs,
war kraeftig gebaut.
Dann kamen einzelne Holzbaracken mit je einer Schicksalsgemeinschaft,
die wie die Ola und der Dez sich mit Obst und Gemuese befassten.
Ein Wanderprediger sprach von der Autobahn, die heute eine Holperpiste ist-
"siehe das Ende der Welt ist nah!"
So ein dummes Zeug meinte der Grossvater,
es geht immer weiter, geh am besten weiter..
Anschliessend ging man auf das Feld um Saemlinge zu ernten,
die muehsam wieder kultiviert wurden, nachdem die grossen Pharmafirmen sich aus der Flaeche
zurueck gezogen haben, die nicht kollektiv zu den grossen Agrarfabriken der flachen Ebenen zugehoerten.
Die kleinraeumigen Taunus- Westerwaldgebiete und andere huegeligen Regionen
waren freilich vernachlaessigt, es hat sich fuer die grossen Betriebe nicht gelohnt.
Wie auch immer, die Kleinbetriebe waren alleine und machten ihr eigenes Ding.
Abnehmer gab es genug, die Metropolen vertilgen Unmengen an Lebensmitteln !

Die Kinder spielen im Dreck, das ist der schoenste Spielplatz -
so lernen sie den Umgang mit der Erde, die langsam aber sicher wieder "Mutter Erde" genannt wird.
Aber nur, wenn vollmundige Politiker sprechen- davon bekommt man auf dem platten Land nichts mit
und auch die einfachen Schichten der staedtischen Bevoelkerung werden davon bestimmt nicht berieselt..
Die Leute stehen an bei Lebensmitteln, an der Wasserzapfstelle, an der Bahn oder Bus-
die einzigen Verkehrsmittel funktionieren.
Zwischen den Metropolen fahren nur die Schnellbahn und Gueterzuege,
die Autobahnen sind von der Natur bereits ein ganzes Stueck eingenommen.
Geisterhafte Tankstellenanlagen, Kleinflugplaetze, Viadukte und Bruecken,
ueber die nur noch Eselskarren humpeln.

Grossvater, erzaehl uns doch nochmal von frueher!
Die Kinder bohrten- kein Wunder, sie hatte keine Schulen, Kindergaerten,
keine Spielplaetze und kein Fernsehen und kein Radio oder gar Computer oder Smartphone-
nicht mal batteriebetriebenes Spielzeug oder gute Schuhe,
die bei weitem wichtiger gewesen waeren.
Grossvater trug nur Schuhe, die er sich aus Rinde und Stroh und Kordel selbstgemacht hatte.
Selbst Kordel hat er selbst gemacht und das war sein "Gefach";
er nannte sich "Kordelmacher".
Brenn-Nesseln gab es mehr als genug, ueberall wuchs dieses Kraut und daraus
"hechelte" er die Nessel-Bahnen, die einzelne Faeden ergaben- hart, zaeh und langlebig.
Diese wurde gesponnen, gedreht, bis man daraus eine gleichmaessige Kordel aufwickeln konnte.
Das haben die Kinder oft bei ihm gesehen.
"Was soll ich euch von frueher erzaehlen?"
Nun, sagte da die kleine "Die"- wie war das mit dem Herd und dem Wasser im Haus?
Nun, wenn man einen Knopf drueckte, wurde die Herdplatte heiss,
man konnte den Topf oder die Pfanne darauf schnell erhitzen um Essen zu kochen.
Wie soll das denn gehen, ohne ein brennendes Holzscheit ?
Und das Wasser kam einfach so aus der Wand und abstellen konnte man das auch ?
Welche unheimlichen Wunderzeiten hast du denn erlebt?
"Wenn ihr gross seid, nehme ich euch mal mit in die Stadt,
dann koennt ihr vor jedem Haus einen Wasserhahn sehen und auch bestimmt mal kurz ausprobieren.."
Ich will das aber jetzt sehen!
Die Wanderung ist viel zu weit fuer dich, das schaffst du noch nicht..
Aber warte, ich habe da ein Lexikon aufgehoben, das mir mein Vater geschenkt hat,
dort muesste das eigentlich zu sehen sein..
Er holte das gut eingepackte dicke Buch hervor, das mit allerlei Kleinkram aus alten Tagen aufgehoben wurde.
W...w.... wasser.. Wasserhahn, gut, dass ich noch lesen gelernt habe!
Schau: Da ist das Ding zu sehen..
Unglaeubig schauten die Kinder und wollten wissen, was dort im Text alles zu erfahren war.
Ihr solltet lesen lernen, dann ist das ganz einfach.
Keines der Kinder hat je ein Buch gesehen, geschweige denn in einem geblaettert..
Nun hatte der Grossvater einiges zu tun.
Ola kochte auf dem Solarkocher, einer altmodischen Erfindung,
die mittels parabol gebogenem Spiegelblech die Hitze auf einen Punkt fokusiert.
Mit Brennholz musste man immer sparsam umgehen, seit die Waelder weg waren.
"Heilige Maenner" aller Weltreligionen zogen durch die Lande,
ab und zu kam mal einer dieser seltsamen Leute vorbei:
Sie lebten von den Glaeubigen, die bereitwillig etwas gaben.
Die Grossmutter war immer ganz wild auf eine "Segnung" dieser heiligen Leute.
Grossvater schuettelte nur den Kopf, wenn er das sah.
Die Verbrennung der vielen Toten in der Metropole
verbreitete in der ganzen Talsenke Frankfurts einen bestialischen Gestank,
aber religioese Tradition muss halt sein- offen wurden die Leichen verbrannt,
auf allem, was irgendwie brannte, auch auf Kunststoffteilen.
Anschliessend hat man alles "dem Fluss uebergeben", wie eben diese Traditon war.
Irgendwo am Unterlauf des Rheins haben Menschen davon gelebt,
Muell aus dem Wasser zu fischen und auf Brauchbarkeit zu untersuchen.
Heilige Kuehe sind eine Landplage, meinte Grossvater,
sie fressen uns nochmal die Haare vom Kopf-
und trotzdem darf man sie nicht mal verscheuchen.
Heimlich warf er mit Steinen nach diesen Tieren,
wenn es Grossmutter nicht sah.
So manche Ernte hat er dadurch retten koennen.

Am taeglichen Ablauf loesten sich Tristesse und Arbeit und Schlaf ab.
Dez meinte:
Die Kinder werden kaum jemals schreiben muessen,
dennoch werde ich sie beim Grossvater lernen lassen,
auch wenn ihre Arbeitskraft auf dem Feld gebraucht wuerde.
Im Winter lebte man auf dem Land nur von dem,
was eingelagert wurde - immer auf der Hut vor ungebetenen Vagabunden,
die das Land durchzogen.
Milde Gaben der Mitmenschen haben das fruehere Sozialsystem ersetzt.
Er hat auf dem Weg zur Markthalle oft Tote auf dem Gehweg gesehen,
die von den staedtischen Kraeften weggeraeumt wurden.
Nein, dieses neue Europa war kein Zuckerschlecken,
selbst Afrikaner mieden es.
Zu den Indogermanen zaehlen freilich auch Tuerken und Slawen,
mit all ihren ethnischen Minderheiten, die sich noch immer bis aufs Messer befeinden.
Ein falsches Wort und der Konflikt war da-
in der Stadt musste er immer aufpassen und allem aus dem Weg gehen.
Hier auf dem Land war der Tag Arbeit, aber auch Ruhe und Frieden.

Eines Tages im Fruehjahr wollte Ola die Claudia besuchen um etwas Wolle einzutauschen,
Als sie ihr Trulli schwarz verbrannt sah-
Pluenderer waren da, die zuweilen in Horden durch die Gegend zogen.
Deshalb hatte Dez seine Steinschleuder gebaut und Grossvater immer seinen Stock dabei.
Sie sah, dass sie hier zu spaet gekommen ist.
Lothar - oder das was noch von ihm war, lag unweit als Gerippe herum.
Die Dingos werden im Winter ihr Mahl gehalten haben,
dachte sie entsetzt ueber diesen Anblick.
Weggeraeumen wird das niemand, also werde ich die beiden verscharren.
Mehr kann ich nicht tun.
Den Rest wird die Natur gnaedig zudecken.
Um das Geschehene wird sich kein Polizist kuemmern,
niemand wird das interessieren..
..ihre Gedanken waren truebe und lagen bei den Erzaehlungen des Grossvaters,
wenn er von frueher erzaehlte, wo noch kein Multikulti war.
Daheim angekommen, waren die Kinder schon auf dem Feld und
stecken kleine Pflanzen in die Erde, heute waren die Gurken dran.
Wasser holen gehoerte zu den Hauptbeschaeftigungen,
in der Vegetationsperiode nochmal mehr.
Eines Tages kam Dez schwer verletzt nach Hause,
er war auf dem Weg vom Markt beraubt worden-
auch der Esel ist ihm weg gekommen.
"Die ganze Arbeit umsonst gemacht" stammelte er die ganze Zeit,
bis er von der beginnenden Sepsis geheilt wurde.
Ola und Grossmutter mit ihren Kraeutern waren noch zeitig dabei
und konnten ihn retten -
die Genese brauchte aber sehr lange
und hat ihm eine leichte koerperliche Behinderung hinterlassen,
er zog die Schulter immer hoch, wenn sie schmerzte.
Diesen Sommer kam eine arge Trockenheit,
die durch den Klimawandel kam..
.. selbst groessere Baeche sind ausgetrocknet, Tiere verendeten,
viele Menschen verdursteten,
bei den Reichen lief der Springbrunnen und am Schwimmbad lagen die reichen Frauen,
waehrend ihnen die Dienstboten kuehle Getraenke brachten..
..bis der Gatte mit dem Flugzeug von der Dienstreise zurueck kam,
er war auf dem Umweltkonvent der UN in New Jork
und hat bestimmt wieder feinen Schmuck und Konfekt mitgebracht.
Ueber die Hintertreppe ist der Latino davon, als er den Ehemann heim kommen hoerte.
Der Chauffeur hat die Limousine auf Glanz gebracht,
heute sollte sich das Gefaehrt wieder hupend durch die total verstopften Strassen draengen,
die Gattin wollte ein wenig "shoppen" und sich mit einer Freundin zum Plausch treffen.
Vorbei am Elend der Stadt, die langen Schlangen der am Wasserhahn wartenden Leute
beflissentlich uebersehend.
Von den "Unberuehrbaren" will ich nicht mal anfangen, die aus den "Harzern" kamen,
die niemand mehr bezahlen konnte.
Sollen sie doch sehen, wie sie durchs Leben finden,
dachte sie sich, ich muss das ja auch!
Sie schuettelte ihr langes schwarzes Haar, das zuvor vom Hausfriseur gepflegt wurde.
Der Polizist auf der Kreuzung machte dem schweren schwarzen Wagen die Strecke frei.
An der Flanierzeile der Stadt waren spezielle "VIP-Parkplaetze",
die von eigens dafuer eingestellten Ordnungskraeften frei gehalten wurden.
Der Chauffeur musste im Auto bleiben, sonst haetten bald die Raeder oder sonstige Teile
des Autos gefehlt.
Selbstverstaendlich trug jede Schutzperson der Reichen eine Waffe und einen Stock,
um den "Poepel" abzuhalten.
Die Wohngebiete der besseren Leute wurden speziell bewacht und genau kontrolliert.
Der Kordelmacher, der Grossvater, hat seinen Enkeln die Technik der Herstellung
vermittelt, damit sich die Kinder spaeter auf ein festes Tauschmittel verlassen konnten.
Er fand, das ist die beste "Erbschaft", die ich hinterlassen kann.
Allemal sicherer, als die grossen billig aussehenden Papierscheine, die man Geld nennt.
Gefragt waren essbare Landprodukte und die waren das Gewerk von Dez und Ola,
die irgendwann einen ehemaligen Soldaten einstellten, der den "Hof" bewachte.
Etwas Mitleid, besonders aber die unsicheren Zeiten waren der Grund dafuer.
Bald hat man die Trullis von den Nachbarn wieder aufgebaut und mit
zwei einfachen Wanderarbeitern aus Sizilien besetzt.
Nun konnte das andere Land ebenfalls bewirtschaftet werden-
hoch waren die Flaechenertraege nun wirklich nicht!
Wenn keiner keinen versteht und doch dessen Beweggruende begreift,
dann ist das Indogermanien, meinte der Grossvater.
Dieses Chaos wird ewig bestehen, so lange sich die Erde dreht..

"open End"






https://www.youtv.de/tv-sendungen/2075229-re

Der TV Beitrag des Senders A rte zeigt mir deutlich, wie sehr meine obige Fiktion stimmt:
Abfallsammler in Rumänien leben von illegalen Mülldeponien, sie sammeln alles auf, was irgendwie verwertbar ist. Dabei wird auch abgefackelt, was nicht gebraucht wird. Von der Hygiene und der Wasser und Luftverschmutzung ganz zu schweigen. Wir in Europa werden so enden, wie dieser Bericht zeigte - dann kam auch noch ein anderer Report von sizilianischen Erntehelfern aus Afrika - es ist nur noch erschütternd, wie sich die Dinge von Multikulti entwickeln..

17.Oktober 2018 ab 19.30 Uhr

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