Vivarium Seite 45


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Gluecklich ist nicht, wer andern so vorkommt, sondern wer sich selbst dafuer haelt.

Seneca

***

Der Optimismus.

Eine ganz selten anzutreffende Sorte Mensch ist die, welche frohgemut und optimistisch ist, wie man so schoen auf Neudeutsch sagt.

Wer es schafft, sich von den Manipulatoren zu entfernen, wird eher zum Optimismus kommen!
Doch was sind "Manipulatoren"?
Das sind alle oder ist alles, was die Menschen in Massen beeinflusst,
wobei die Gruende zu einer Manipulation immer Macht und Geld ist, waren und sein werden.
(Vollkommen gleich, ob es sich dabei um amerikanische Webgiganten, politische Parteien und Ideologien,
Religionen und deren Splittergruppen oder grosse Verbaende sind,
grosse Firmen, die Presse und auch der Rundfunk und das Fernsehen.)

In den Zeiten, in denen die Nachrichten von allen Seiten auf uns einstroemen,
ueber zig "Endgeraete" und Zeitungen, Zeitschriften und Gratis-Blaettern, die unsere Briefkaesten verstopfen,
bis zum Fernseher und Computer, heute eher "Tablet-PC" oder "Smartphone",
wo "Apps" sogleich alles lautstarkt ankuendigen,
was sich irgendwo in der weiten Welt getan hat.
Ob eine Koenigin Schnupfen hat oder ob in China ein Sack Reis umgefallen ist,
ob eine Partei, die von den "Buergerinnen und Buergern" nicht genug Stimmen bekam,
nunmehr "koalieren muss" oder ob man mit einer "Minderheitsregierung" vorlieb nimmt..
Ob irgendwo Hochwasser oder Erdbeben war, wie die Aktien stehen,
wie sich das "Bruttosozialprodukt" entwickelt und was ein gescheiter Professor dazu sagt.
Zwischen der Werbung fuer Fleischwaren und "ff-Wurst", die sinnig neben Todesanzeigen patziert wurde,
einschlaegigen "Damen" die "Partner oder Partnerinnen" suchen,
der Anzeige "Suche HO- Eisenbahn",
"Renovierungsbeduerftige Hofreite zu verkaufen" oder der neue "6Zylinder mit Turbolader"
alles will an den Mann oder die Frau gebracht werden.
Jeden Tag.
Und wenn nicht, dann sinken die Aktien und die Firmen muessen "Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen" entlassen.
Die Krankenkasse, der Bund der ehemaligen Fluechtlinge, der Naturschutzverein und die Massagepraxis schalten Anzeigen.
Dann kommen regionale Meldungen der Vereine und der Tourismuszentrale,
Von der "Flusskreuzfahrt" bis zum Kletterabenteuer im Himalaya, von dem Badeurlaub in der Karibik
oder dem "Survivaltrip" in Kenia ist alles im Angebot.
Ein Politiker "beleidigt" den anderen - schnell sind "robuste Mandate" verschickt und
Uebungen veranstaltet, werden "Luftschlaege" gemacht.
Ein Politiker der Partei fuer die Arbeiter versucht die Rentenkuerzung
als Erfolg zu verkaufen.
In Bruessel entstehen die skurrilsten Gesetze in Zusammenarbeit mit "Lobbyisten".
Das alles und noch viel mehr prasselt pausenlos auf den armen "Konsumenten oder Konsumentin" ein.
Ob man will oder nicht, es kommt niemand aus, jeder wird irgendwie beschallt oder berieselt.

Was nur, um Himmels Willen, haben die Leute frueher gemacht, als es noch kein Radio, Fernsehen und Computer gab?
Was haben die nur gemacht,
wenn nicht mal ein Telefon oder "Handy" Aufmerksamkeit einforderte?
Damals, in der angeblich so "guten alten Zeit", als "die Bilder noch laufen lernten",
in der Zeit, als man nur ganz wenige Fotos machen lies,
die auch noch in schwarz-weiss waren?
Wie sind die Leute frueher eingeschlafen, als das Sofa nur den Blick auf das Vertiko und die Wohnzimmertuer ergab?
Haben die damals tatsaechlich stundenlang in diese Ecke gestarrt oder taten die etwas anderes?
Heute jagen die jungen Frauen mit der Grossraumlimousine mit den "Kids"
von "Event" zu Event, von deren Freunden zum Tennisverein, von dort zur Nachhilfe,
dann zur Musikschule oder zum Reiten..
..die armen Muetter sind dabei staendig mit dem Smartphone beschaeftigt,
sogar waehrend der Fahrt - oder beim Kochen oder Reinigen im Haushalt-
vermutlich auch noch im Bett.
Ich kenne Faelle, die haben den Fernseher im Schlafzimmer.
Will man Kinder heute fuer ein absichtliches Fehlverhalten bestrafen,
darf man sie nicht in ihr Zimmer schicken:
In dem Zimmer der "Kids" ist so viel Spielzeug, Suessigkeiten und Suess-Getraenke,
Unterhaltungselektronik und wer weiss was sonst noch -
bis zum Abwinken untergebracht, dass diese "Strafe" eher keine waere.

Ich bin der Meinung, dass die Kids ihr Mittagessen
-ohne zuvor irgendwelchen Suesskram zu konsumieren- am Tisch einnehmen
und dabei einigermassen annehmbare Tischmanieren ueben sollten..

Heutige Muetter ueben staendig "Multitasking" - mehrere Dinge gleichzeitig ausfuehren.
Was wird aus diesen Kindern?
Nun, nach meinen Beobachtungen (ich habe eine solche Mutter zur Tochter und die hat 3 kleine Maedchen)
hoeren die Kleinen nicht mal mehr hin - alles rauscht an denen vorbei.
Sie antworten nur, wenn sie Lust dazu haben und dann auch nur mit einem "jaja".
Man darf bezweifeln, dass die irgendetwas davon mitbekommen haben,
womit der Lehrer oder Opa sie "zugetextet" hat?
Bei einem der ersten Besuche in deren neuen Zuhause-
die Bande war zuvor aus dem staedischen Raum vom "Multikulti" weg gezogen-
um endlich auf dem Land zur Ruhe zu kommen-
hoerte keines der Kinder -auch nur irgendwie- zu,
es war nicht mal ein "hallo" als Antwort zu erhalten..
Die Kinder sind irgendwie immer in sich gekehrt, dh. scheinbar abwesend.
Wie sich spaeter herausstellte, waren sie einfach ueberreizt,
reizueberflutet, ueberfordert durch die neuen Situationen:
Neue Schule, neues Wohnumfeld, neue Gegend.
So dachte ich zumindest- die Lage war eher noch tiefergehend -
Kinder schotten sich ab, wenn "es zuviel" wird.
Wir Erwachsene sollten das auch tun, wenn es "zuviel" wird -
lieber weniger Luxus, weniger Auto, weniger Urlaub
und vor allen Dingen weniger Nachrichten "konsumieren"..

Wer in der Tretmuehle steckt, merkt das meistens erst, wenn es zu spaet ist
wenn sich koerperliche oder seelische Probleme eingenistet haben.
Alles zusammen, die Nachrichten und das taegliche Treiben um den Beruf und um die Familie ist schnell zuviel:
Den "Beweis" gebe ich mit diesem Tipp:
Mal ganz unauffaellig die Mienen der anderen Kunden anschauen,
die sich in den Einkaufs-Laeden bewegen.
Der Ausdruck "froehliches Grau" waere dabei noch geschoent.
Die allermeisten Menschen machen ein muerrisches, ja unzufriedenes Gesicht.
Selbst wenn sie sich irgendwelche Genussmittel aussuchen, sind sie ernst und muffig.
Klar, dass sich im Strassenverkehr diese Laune widerspiegelt !
Laesst man jemanden "rein", ist zuvorkommend und freundlich zu anderen Verkehrsteilnehmern,
dann wirkt das wie ein Multiplikator:
Ich beobachte, dass ebendieser Fahrer beim naechsten Anlass ebenso reagiert und so fort.
Heute sind alte Leute an der Ladenkasse dankbar,
wenn man sich geduldig zeigt und nicht draengelt.
Im Alter geht alles langsamer, es faellt auch schon mal was runter,
was nur schwer wieder aufgehoben werden kann.
Das Kleingeld wird nicht gleich "passend" abgezaehlt- schlicht,
weil sie die Zahlen kaum mehr lesen und die Groessen der Muenzen schlecht auseinander halten koennen..
Ein kleiner freundlich gemeinter Hilfsgriff, die Tuer aufhalten oaehnl. kann viel bewirken.
Man kann an der Kasse den eiligen jungen Mann mit dem Overall vorlassen -
er kauft das Fruehstueck fuer sich und seine Kollegen ein und hat nur wenig Zeit.

Freilich gibt es Leute und Situationen, die ich nicht "verbessern" oder "optimieren" kann -
hochmuetige Personen sind mir schon immer suspekt gewesen,
weil sie im Leben das Wichtigste nicht gerafft haben:
Auch sie scheissen ins gleiche Loch!

Was ist nun "Optimismus"?
Ich kann nur aus meinem Fundus schoepfen und sagen,
dass Optimismus fuer mich die positive Einstellung zum Leben ist.
Und eben diese wird offenbar immer seltener.
Von Anfang an war mir die Gabe gegeben, als "Stimmungsaufheller" zu fungieren,
ja fungieren zu muessen - bis ich mich irgendwann in dieses Schicksal ergeben habe.
Wo andere ernst gucken und launig werden, beginnt bei mir das Programm:
"Ist doch nicht schlimm und wenns schlimm wird, binden wir einen Lappen drum!"

Diese innere Leuchten darf man sich nicht auspusten lassen -
das kann nur erhalten werden, wenn man zuweilen beherzt einen Strich zieht.
Mit dem Nachbarn das Spiel "Reset" uebt und von vorne beginnt,
beruflich einen Neustart wagt oder die Beziehung hinterfragt-
wobei man aber zuerst bei sich selbst beginnen muss!
(Ich schimpfe, wenn mal irgendetwas nicht auffindbar ist und was soll ich sagen?
in 99% der Faelle war ich derjenige, der das Ding verlegt oder verschlampt hat!)

Deshalb beginnt Optimismus immer in uns selbst,
mit einer sich selbst nicht so hoch einschaetzenden Grundhaltung.

Besondere Freude macht mir die dunkelblaue Bommelmuetze,
schon dicht handgestrickt, wie die Kuddels von der Kueste haben..
mit dieser seltsamen Kopfbedeckung gruesst irgendwie jeder, selbst in Gegenden, wo mich niemand kennen kann.
Warum ist das so?
Mein Reim darauf ist:
Mit einer solchen zeitlosen Kopfbedeckung (ich habe oben leider kaum noch Haare) ist man immer schoen warm,
ueber den Kopf geht eine ganze Menge Koerperwaerme verloren.
So eine Muetze haelt sogar die Ohren warm!
Wie auch immer, damit erscheint man bodenstaendig und nicht "spinnert" oder "hochgestochen" oder "spleenig".
So eine Muetze kann JEDER Mann tragen, ohne dabei "sein Gesicht zu verlieren".
(Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sein Gesicht verloren, dh. keines mehr hatte)

Optimismus ist, wenn man bescheiden bleibt und menschlich, mit dem Blick nach vorne:
Alles wird gut !

***

Nachtrag:
Optimismus ist auch ein "stueckweit" Positivismus, der nur das sieht oder sehen mag, was angenehm und bequem ist.
Wenn man ganz bewusst sein Denken soweit treibt, bis man nur noch das "Gute" sieht.
Ganz sicher geht das und ist auch zu einem "behuetetem Leben" geeignet, aber nur solange,
wie man sich um das taeglich noetige Einkommen nicht sorgen muss.
Wird man so gluecklich oder eher als einfaeltig eingestuft?
Fakt ist, dass der Blick zu den taeglichen Nachrichten und vor allen Dingen
zu den Sensationsmeldungen der Presse zum Thema "Gesundheit" und
Umweltschutz eher dazu angetan ist, wie ein schleichendes Gift krank zu machen.
Wer Optimist bleiben oder diese Lebenseinstellung erringen will,
muss in allen Dingen staendig und immer den "Aufschwung"
oder die Hoffnung auf "bessere Zeiten" oder "Morgendaemmerung" sehen.
Aus diesen Gruenden wurde die Religion erfunden, die ein stabiles Geruest von Maerchen-Sektionen aufgebaut hat,
das ueber Jahrtausende - in einer Art gigantischem Staffellauf der "Seher" - erhalten wird.
Glaeubige werden durch Luftgeister und Heils-Versprechungen bei der Stange gehalten:
Echte Optimisten sind wie Felderbsen, die das Geruest der Gartenerbsen nicht brauchen.
Glaeubige sind also Optimisten, die eine "Rankhilfe" noetig haben.

.. hat man sich also endlich von diesen "Manipulatoren" ein wenig befreien koennen,
ist der Weg zum Optimismus schon so gut wie geschafft:
Ploetzlich ist das beruehmte Glas nicht mehr halbleer, sondern noch halbvoll!

Freiheit ist die des Geistes und den darf man sich nicht gefangen nehmen lassen:
Das geht nur, wenn man kein Mitglied in einer engen Ideologie wird -
eng kann Gewerkschaft / Kirche / Partei allemal sein,
wenn man nicht nur "zahlendes Mitglied" bleiben will;
das verstellt den objektiven Blick,
der vermutlich bereits durch die Mitgliedschaft beeinflusst wird.

Meine Meinung zu diesen Dingen kommt nicht nur aus meiner eigenen Lebenserfahrung,
(41 Jahr v.h. 2 Kinder, 3 Enkel)
sondern auch aus unzaehligen Gespraechen mit bekannten Leuten und zufaelligen Begegnungen.

Nachrag:
Unsere Tochter erzaehlt von den Zustaenden in der Grundschule, wo die Lehrerin
kaum mit den lieben Kleinen zurecht kommt, weil die sich sofort in 5er Gruppen kloppen
wie die Kesselflicker, weil sie von zuhause so gut sozialisiert auf die Menschheit losgelassen worden sind.
Uebrigens ist nur ein fremdes Kind in der Klasse, daran liegt der Zwist nicht.
Es sind vielmehr Kinder von Besserverdienern, wie die Tochter sagte, die sich am wenigsten anpassen koennen oder wollen.
Diesen fremden Jungen will niemand neben sich sitzen haben, obwohl dieser ein schlimmes Schicksal hat,
seine Mutter ist tot, der Vater in Haft in der Tuerkei..
die beiden Geschwister sind alleine hier in Deutschland.
Die Erklaerungsversuche dieser Situation verliefen im Sand..

***


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Stadtchronikel 1




Einleitung:
Diese "Stadtchronikel" orangenen Anhanges sollen eine Ergaenzung der 14 Seiten "Geschichtlicher Exkurs" sein,
welche mehr auf die Zustaende alter Tage in den Staedten als in den Landgemeinden eingehen.
Selbstredenend wieder mit dem Fokus auf das Leben der einfachen Leute, was mit den Seiten "Geschichtliches" bereits der Fall war.
Die Stadtbewohner haben auch ihre Sorgen und Noete in den Chroniken hinterlassen,
man muss diese nur zu finden wissen und aus den Texten und Hinterlassenschaften der offiziellen Stellen extrahieren.
Somit werde ich aus der Stadtbuecherei 14 dieser Chroniken ausleihen und gruendlich lesen -
wenn ein Band nicht ergiebig genug ist, wird wohl etwas mehr daraus werden.
So ein Vorhaben ist keine Kurzzeitbeschaeftigung, das kann schon eine Weile dauern - ich war sowieso auf dem Weg einen anderen Lesestoff zu suchen, so kam diese Idee gerade recht.
Nun, durchgehalten habe ich nur bis Nr8, dann hat mich die Lust verlassen- Stadtgeschichten behagen mir nicht und die Buecher sind auch schlecht zu bekommen. Eigentlich ist mit den Seiten "Geschichtliches" laengst genug gesagt, was zu sagen war.

..ich darf anmerken, dass mir bei der Stadtchonik Frankfurts richtig uebel wurde vor Wut:
Immer und immer wieder steinreiche Bankleute und Fuersten oder Adlige, die den Karren in den Dreck fuhren.
Diese Leute waren und sind bis heute ein Quell steten Aergers und Kriegen,-
zusammen mit Religionen ein sehr garstiges Gespann.
Nach der Frankfurter Chronik nehme ich mir eine "Auszeit" zur inneren Sammlung.
Danach will ich nie wieder etwas von "Geschichte" hoeren oder lesen!

***


Diez

In der Stadtbuecherei habe ich eine Chronik der Stadt Diez (Bei Limburg / Lahn) und eine von Braunfels gefunden.
Die Chronik Frankfurts stoesst von A mazon aus dazu.
Flankiert durch das Buch "Menschen und Staedte an Neckar, Lahn und Main
aus dem Jahr 1980 - es dreht sich dabei um Auszuege aus den Buechern
"Small Boat to Bavaria", Small Boat on the lower Rhine" und ist aus dem Englischen uebertragen.
Vielleicht ersehe ich daraus dies oder das, was meiner kleinen Mission "Stadtchronikel" helfen kann -
man weiss ja nie, manchesmal schon habe ich auf diese Weise Dinge gefunden, die sonst nirgends behandelt worden waren..
(Das Buch sieht aus wie neu und war so billig, dass ich mich fast schaeme.)

Ein ausgeliehenes Buch aus der Buecherei zu Weilburg "Menschen und Staedte an Neckar,
Lahn und Main" Koehler Herford 1980 ist so schoen geschrieben,
dass ich es bei Am azon gerade nachbestellt habe, damit dieses in der Familie herum
gereicht werden kann - gerade die Kinder und Enkel sind ganz versessen auf die alten,
schaurig schoenen Sagen des Lahntals.
Um es kurz zu machen - 3,56 Euro incl. Fracht.
Du meine Guete, warum sind gute Buecher so billig?
Auf alle Faelle moechte ich dieses Werk ganz warm ans Herz gelegt haben:
Gerade aus den alten Sagen und Geschichten wird das Wesen der Menschen aus alter Zeit
wieder lebendig, fuehrt uns in einen sanften Strudel der Gefuehle hinein, die kein Film bieten kann.
Wer hat schon mal was von "Kettenschiffen" gehoert,
die sich mittels spezieller Winden-Technik an der Kette Flussaufwaerts zogen?
Gewuerzt mit kl. alten Geschichten.
Hier gibt es viel zu lernen und zu lesen..
z.B. auf Seite 298 und 299, wo die Wegkreuze erklaert werden, die keine Kruzifixe sind - mehr will ich nicht verraten !
Seite 344/349 erzaehlt davon, wie der Adel und der Klerus zusammenhielt,
um den Bauernaufstand nieder zu kaempfen.
Seite 352 erzaehlt, wie die gefloesst wurde. (hunderte Meter lange Verbaende)

Hier geht es nicht um Schnelligkeit, diese Anhaenge "Stadtchronikel 1-14"
werden ein ganz schoenes Zeitchen in Anspruch nehmen.
Meine Homepage ist nicht unbedingt auf Aktualitaet oder Geschwindigkeit aus,
es geht vielmehr sehr langfristig zu, um es mal salopp zu formulieren.
Ich werde mit dem Band der Stadt Diez beginnen..

Diez also, die Stadt im Schatten Limburgs?
Mitnichten, der Dom mag gross sein, aber so schoen wie die Kirche St. Peter,
die leuchtend gelb auf dem Felsen vor der Stadt Diez steht, ist der Limburger Dom nicht.
St. Peter und Diez bleibt im Gedaechnis, auch wenn die Stadt heute eher einen heruntergekommenen Eindruck macht
und zuerst mit Billigsupermaerkten dabei ist, die leider den Blick kontaminieren.
Die alten Haeuser der Innenstadt sind nicht sonderlich in Ordnung, sie sind eher alt als gepflegt.
Wie ueberall ist heute Multikulti in den Innenstaedten,
was auf keinen Fall heimelig macht oder zum Einkehren verfuehrt.
Der Autoverkehr ist praegend, zuweilen ruecksichtslos und flott, der Fussgaenger hat das Nachsehen.
Und da ist noch das Schloss. (Wer's braucht)

Die Buecherei hatte eben auch eine Chronik ueber Diez, aus welcher hier im Anschluss etwas gesagt werden soll.

***

Ich lese dazu das ausgeliehene Buch der Weilburger Stadtbuecherei:
Diezer Chronik von Robert Heck, vom Buergermeister der Stadt 1988 in Druck gegebenes Werk als Neuauflage.
Die Inhalte sind aus dem Orginaldruck von 1923, Diezer Chronik oder die wichtigsten Ereignisse
aus der Vergangenheit der Stadt Diez (Lahn) und ihrer Dynasten: 1606 - 1866

Ich lese von der Pest, von Schweden-Einfaellen und davon, dass der Winter streng
und die Hochwasser an der Lahn wochenlang dauerten, ich lese, dass im Sommer,
wo alle auf dem Feld waren um das Korn zu ernten ein Habicht durch das offene Zimmerfenster flog
und ein Kleinkind darin attackierte, das an den Augen- und Gesichtsverletzungen kurz darauf starb..
ich lese von diesen "Dynasten", die untereinander heirateten, von 10 Kindern aber auch nur 2 durch brachten.
Die kamen zur Welt und waren bereits steinreich, weil irgendwann irgendwer sich durch Gewalt
etwas an Land nahm, Halunken oder Soldateska verdingte und ein Machthaber wurde,
der dann seinen "Besitz" verteidigte und weiter vererbte:
Land mit Mann und Maus, Gewaesser, Waelder und allem, was im Bezirk zu finden war.
Immer das alte Lied, der Klerus war sofort mit dabei !

Berichte, wie die Sache mit dem Habicht, muss man mit der Lupe suchen, weil alle,
die schreiben konnten, entweder Pfaffen oder zu den Schreibern des "Dynasten" gehoerte.

Tragisch waren die oft zu 100.000enden einrueckenden fremden Heerscharen, die alles verwuesteten
und wie die Pest heimsuchten - sie nannten sich "Feldherren" und waren doch nur handgemeine Pluenderer,
die von der Bevoelkerung versorgt werden mussten.
Andernfalls haben sie eben gepluendert und sich alles genommen, wo gerade der Sinn nach stand.
Die Verknuepfung zwischen den Offizieren oder Feldmarschall und wie diese Bezeichnungen
sonst noch heissen - waren so, dass der Sohn des Herrschers immer gleich in hohen militaerischen
Raengen landete, wie das heute noch in England zu sehen ist.
Irgendwie haben diese Burschen die Akademie im Sturmschritt durchlaufen..
und wenn sie nicht gestorben sind, haben sie geheiratet und ihr ererbtes Gebiet verdoppelt.
Die einen Heerscharen zogen von Schweden, die anderen von Spanien oder Holland
oder Bayern aus durch die Region Diez, garstig und handgemein waren sie alle.
Unterdessen hat man mal eben zwei Frauen verbrannt,
die hartnaeckig der Hexerei verdaechtigt wurden und als die zwei Wagen mit Holz,
die von der Gemeinde gestiftet wurden vor Ort waren, schickte die Nachbargemeinde gleich die Anfrage,
ob man deren Hexen nicht gleich auch.. und so kam das dann auch, ueber zig und zig Jahre hinweg.
Die Bevoelkerung wurde von zig durchziehenden Obersten, Feldmarschalls und anderem hohen Geruempel
ausgepluendert und gequaelt bis aufs Blut.
Mal fluechteten diese Herrschaften dorthin, mal paktierten sie mit anderen militaerischen oder adligen Halunken, zahlten Loesegelder wie bei Erpressern ueblich.
Die Bevoelkerung kam kaum zu Wort, kleine Leute schon mal ganz und gar nicht.
Die ganze Chronik der kl. Stadt Diez liest sich wie der Leidensweg Christi,
die hohen Herrschaften hatten Macht und Einfluss und Geld um rechtzeitig zu tuermen,
die Bevoelkerung durfte alles ausbaden und den Ort nicht verlassen.
Junge Maenner wurden "ausgehoben", dh. gemustert und als Soldaten verdungen.
Verraten und verkauft, ausgehoben wie ein Elstern-Nest.
Diese Vorkommnisse, Raub, Diebstahl, Brandschatzungen, Vergewaltigung, Hexenverbrennungen, Folter und Erpressungen
zogen sich wie ein roter Faden durch all die Jahre hindurch.
Mich wundert, dass ueberhaupt noch ein Mensch ueberlebt hat.
Die Geschichte wird in dieser Stadtchronik wieder einmal ganz deutlich zum Sittenbild des
Verfalls oder Niedergangs bei Adel und Klerus und bei den Heeresfuehrern jedwelcher Sorte und Herkunft.
Es zeigt, dass die bis dahin tausend Jahre waehrende Christianisierung nichts verbesser hat -
im Gegenteil, die Menschheitsgeschichte ist eindeutig roher geworden und das kann man bis heute verfolgen:
Die Spaltung der Religionen, die Verfuegbarkeit von Waffen, die gesetzlichen Knebeln bringen bis heute Hass und Willkuer zu Welt.
Ich frage mich, welches Geistes Kind Leute sind, die bis heute die eigene Bevoelkerung,
fuer welche diese eigentlich da sein sollten, knebeln und knechten, bevormunden und in Kriege schicken,
die legitimen Menschenrechte vorenthalten.
Wer ist mehr als der andere wert? Wer nimmt sich das recht zu bestimmen?
Wieso gelingt es bis heute der Menschheit nicht, sich aus ihren eigenen mentalen Fesseln zu befreien?
Tut mir leid, aber das ist die duesterste Ortschronik, die ich bisher habe lesen duerfen !

Man wuenscht sich angesichts obiger Lektuere, dass die damaligen Bauernaufstaende gewonnen haetten:

"Wir sind des Geyers schwarze Haufen,
Hei a ho ho!
Und wollen mit Tyrannen raufen,
Hei a ho ho!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Wir wolln's dem Herrn im Himmel klagen
Kyrieleis!
dass wir die Pfaffen nicht duerfen totschlagen
Kyrieleis!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Als Adam grub und Eva spann,
Kyrieleis!
Wo war denn da der Edelmann?
Kyrieleis!

Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Jetzt geht's auf Schloss, Abtei und Stift,
Heia hoho!

uns gilt nichts als die Heilge Schrift,
Heia hoho!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Uns fuehrt der Florian Geyer an,
Heia hoho!
Den Bundschuh fuehrt er in der Fahn,
Heia hoho!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Bei Weinsberg setzt' es Brand und Stank,
Heia hoho!
Gar mancher ueber die Klinge sprang,
Heia hoho!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Des Edelmannes Toechterlein,
Kyrieleis!
Wir schicktens in die Hoell hinein,
Kyrieleis!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

Geschlagen ziehen wir nach Haus,
Heia hoho!
Unsre Enkel fechten's besser aus,
Heia hoho!
Spiess voran, drauf und dran,
Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!"

Der Link zeigt jedoch, dass auch dahinter nicht unbedingt die befreiende Absicht steckte,
sondern damals persoenliche Rache, sowie die unterschiedlichsten Ideologien bis in spaetere Zeiten hinein -
und deshalb gingen solche Ansaetze gruendlich in die Hose(n)..

***

Die Diezer Chronik hat auf Seite 36 einen Elias Berlin benannt, der als Oberstleutnant der Bayern die Stadt auf das Uebelste quaelte und pluenderte.
http://www.30jaehrigerkrieg.de/berlin-elias/ Die Bayern haben gegen die Heimischen schlimmer als die Schweden gewuetet oder die Franzosen.
Waehrend der Graefin Aufenthalt in Diez erlies sie eine Judenverordnung, wo genau festgehalten war, wie diese Gruppe sich zu verhalten habe.
(Dazu muss man sagen, dass Waldenser und Hugenotten in Diez Zuflucht fanden)
Die Juden jedoch bedurften wohl besonderer Edikte, dass sie sich in die Stadt einfuegten.
Nicht nur religioeser Befall oder solcher von Soldateska oder Truppen von diesen oder jenen Ecken Europas kamen, sondern auch die Pest und die Tollwut, Hunger und Not.
So fiel mehrfach die Ernte aus, weil das Wetter verrueckt spielte, die staendigen hohen Zwangsabgaben an herumziehende riesige Heere brachten Hungersnoete, einmal war es so schlimm, "man bediente sich unnatuerlicher Speisen.
Als Hunde und Katzen, Ratten und Maeuse nicht mehr ausreichten, vergriff man sich sogar an Leichnamen, bis die Regentin endlich reichliche Mengen an Getreide verteilen lies"
Immer wieder lagerten Truppenverbaende zu Tausenden auf dem Land, oft fuer Wochen und Monaate, manchmal auch ueber den Winter und frassen alles auf, was die Bauern hatten, sogar die Saat.
Staendig gab es mutwillige Verwuestungen aus Hass oder Neid, Felder und Ernten wurden angezuendet, Leute erschossen oder abgeschlachtet, die sich widersetzten. Heeresfuehrer wurden mit Geld geschmiert, dass sie weiter zogen oder diese forderten dreist enorme Summen.
Immer wieder war die Willkuer der Soldatenfuehrer wie eine Peitsche ueber der Stadt Diez und der Region.
Die Fuersten und Regenten konnten sich zu Verwandten absetzen oder gingen zigmal in Kur fuer Monate - das war den kleinen Leuten selbstverstaendlich nicht erlaubt, weil sie ohne Genehmigung des Herren nichts durften - bis 1818, wo die Leibeigenschaft vielerorts endlich aufgeloest wurde..
Vor schierer Raserei wurden ganze Orte abgefackelt, wenn die Stadt ihre Tore nicht oeffnen und zum Pluendern freigeben wollte.
Oft bekamen die Feldherren Order die Stadt zu pluendern und auszurauben - der Kriegsverbrecher sitzt immer oben, nie unten in der Hierachie.
Die adligen Familien oder Dynasten genannt haben untereinander geheiratet und hatte so ganz Europa im Griff - nur wenn sie sich untereinander stritten gab es Kriege unter den Kleinstaaten, die als Vasallen zu groesseren Maechten, wie Frankreich, England, Spanien und Oesterreich-Donau-Monarchie gedungen waren.

Noch heute fallen Truppen in andere Laender ein, es hat sich also nach ueber 2000 Jahren Christentum NICHTS verbessert, was kriegerische Grausamkeiten anbelangt - nur die Gruende und die Deckmaentelchen dazu sind andere.
Frueher waren es Koenige und Fuersten, heute lenken Industrie und Waffenlobby die Geschicke, angefeuert von den Boersen, wo wilde Spekulanten noch mehr Gewinne als im Vorjahr haben wollen und das geht eben nur, wenn man anderen was wegnimmt.

***

Seite 84 des obigen Buches behandelt die "Fraeuleinsteuer", welche die Untertanen abfuehren mussten -
des Fuersten Toechterchen sollte es gut haben..

Seite 85 berichtet von 5 Brauhaeusern und 18 Baeckern, die in dieser sehr kleinen Stadt waren..

Seite 94 Steuern und Stapeln verteuerten alle Waren

Seite 95 durch den Stapel-Streit (Umladen von Waren vom Schiff per Wagen) mit Limburg konnten Diezer zwar in Limburg Fleisch einkaufen, es wurde ihnen aber an der Stadtgrenze wieder weggenommen - und gegen den halben Kaufpreis von den Haeschern den Metzgern wieder verkauft..

Seite 99, der Prinz hatte ein blausamtnes Kleid mit Goldbestickung und Knoepfen aus Diamenten, jeder 300 Pfund wert zur Hochzeit getragen.

Seite 100 - als Mohren verkleidet standen links und rechts der Strasse die Lateinschueler Spalier
Seite 101 - ein Malter Korn (300Pfund) kostete 6 Taler oder 9 Gulden.
Seite 105 - die Bestattungsfeier des Fuersten kostete 300.000 Gulden !
Seite 108 - Im Jahr 1848 hat man die Beisetzungen in den Kirchen verboten.
In den Jahren 1777/78/79 waren alle seltsamen Unwetter und Katastrophen aneinander gereiht.
Seite 116 - fuer Fahnenflucht nach England gab es fuer "Bessere" eben mal 60.000 Pfund Jahressold, einfache Soldaten wurden erschossen.
Seite 120 Immer wieder waren angebliche Kriegsschulden von der Stadt zu begleichen, mal an die Feldherren oder Heere, mal an die Fuersten.
Simultanschule, Realschule und Volksschule kamen.
Seite 122, wieder ein Januar - Unglueck oder Katastrophenjahr.
Seite 123/4 Oranienstein und seine Protz-Suchten
Seite 125 Ein schraeges Gedicht endet mit dieser Zeile:
"Sieh, wir schwoeren heute Dir aufs neue, Alte, deutsche Unterthanentreue, die dem Fuersten ew'ge Ehrfurcht zollt"
Warum eigentlich "Ehrfurcht"? Die sind doch auch nur geboren wordne - allerdings mit dem goldnen Loeffel im Mund..

Seite 126 - "Festball mit Hoch und Niedrig"
Seite 135 - Nassau hob 1808 die Leibeigenschaft auf.
Seite 136 - Im Jahr 1813 hat der letzte Stadtpfeifer aufgehoert und ging in den Ruhestand.
Seite 137 - ein Gedicht:
" Unser Fuerst zu Bieberich,
Der hat kein Kreuzer ueberig,
Der stellt die Soldaten auf die Brueck
Die nehmen den armen Leut das Holz vom Rueck"
Weiter gehts:
"Aber unser Fuerst von Oranien
Der spendet gern den Armen
Der hat kein Geld in Engeland
Und ist in der ganzen Welt bekannt"

Seite 138 Alle Einberufenen des Landsturms gegen Napoleon mussten ihre Bewaffnung selbst bezahlen.
Seite 140 - aus Wilhelm VI wurde der niederlaendische Koenig Wilhelm I
Seite 147 - Kaelterekord bei Minus 20 Grad, die Kartoffeln sind in den Kellern erfroren
Seite 155 - Diez bekam Gaslicht
Seite 156 - die Lahntalbahn wurde gebaut und brachte guenstige Lebensmittelpreise
Im Jahr 1866 wurde Nassau Oranien aufgeloest und von Preussen uebernommen - was allerdings friedlich geschah und mit einer grossen Feierlichkeit. (Schinkenregiment)



Anhang Thema: Stadtchronikel 1 Diez an der Lahn

Anhang Thema: Stadtchronikel 2 Braunfels / Lahn

Anhang Thema: Stadtchronikel 3 Frankfurt am Main

Anhang Thema: Stadtchronikel 4 Pompeji

Anhang Thema: Stadtchronikel 5 Limburg

Anhang Thema: Stadtchronikel 6 Trier

Anhang Thema: Stadtchronikel 7 Speyer

Anhang Thema: Stadtchronikel 8 Frankfurt/M

Anhang Thema: Stadtchronikel 9 Husum



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Der Schluss - Akkord - Steckenpferde: