Vivarium Seite 34


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Es gibt drei Sorten von Luegen: Luegen, gemeine Luegen und Statistiken

Mark Twain

***

Jahrzehnte lang ging er jeden Morgen puenktlich zu seinem Schreibtisch,
machte seine Buecher, verglich Ausgaben- und Einnahmelisten,
hielt die Bilanzbuecher in Ordnung.
Man konnte sich auf ihn verlassen, er kam immer, auch mit Erkrankungen -
die zum Glueck keinen Krankenhausaufenthalt noetig gemacht haetten.
Er packte seine Stullen aus und den heissen Tee aus der Thermoskanne,
die auch schon in die Jahre gekommen war- wie die Brotbox aus Aluminium,
um die ein Einmachgummi gespannt werden musste, damit sie nicht auseinander ging.
Dem alten Ranzen hat der Schuhmacher damals die Trageriemen entfernt und einen Griff angebaut, wie bei einer richtigen Aktentasche..
Dieses dunkelbraune Ding mit der typischen Ledermaserung trug er all die Jahre zum Bahnhof,
all die Jahre die Strasse entlang zum Geschaeft.
All die Jahre stellte er diese in eine Ecke des kleinen Raumes,
oeffnete das Fenster, sah einen Moment hinaus, schloss es wieder und hing seine Jacke ueber die Lehne des Holzstuhles.
Dann wurde der Asperacus gegossen und ein wenig in die Sonne gedreht.
Dann wurden die Roll-Laeden der Registratur hochgeschoben, die Schreibtischlampe angemacht und
die ersten Vorgaenge der Eingangs-Ablage abgearbeitet.
Ein alter Wecker stand vernehmlich tickend auf dem uralten Schreibtisch, der in den Seiten
die Personal-Unterlagen des Unternehmens enthielt.
Eigentlich war er fast den ganzen Tag allein, das trockene Buero war keinem so recht geheuer,
der in dem Betrieb arbeitete.
Frueher hat er die Lohngelder in Tueten verpackt und zur Auszahlung bereit gehalten,
die letzten Jahre ging alles per Kontoueberweisung raus.
Dann stellte der Chef einen Computer ins Buero und damit kam er nicht klar:
Das fing schon mit der "Ergonomie der Maus" an und dann war noch die "Tastatur" und seltsame "Eingabebefehle".
Von den fehlenden Schreibmaschinen-Kenntnissen mal ganz zu schweigen.
Auf alle Faelle dauerte es ihm viel zu lange, bis einfachste Aufgaben damit erledigt werden konnten..
..irgendetwas sperrte sich in ihm und wehrte sich mit Haenden und Fuessen.
Er solle gefaelligst einen Kursus mitmachen, so der Chef.
Wolfgang war nicht stur, er meldete sich auf einer Fortbildung an und ..
..dort waren Leute juengeren Alters, die schon mit solchen Geraeten zu tun hatten
und nun die professionelle Buchhaltung mit einem "Softwareprogramm" erlernen wollten.
Er verstand schon die einfachste Funktion und Bedienung des Computers nicht,
wie sollte da ein "Programm" verstanden werden?
Als er dachte, er haette es verstanden, "haengte sich der Computer auf",
der heute als "PC" Personalcomputer genannt wird.
Ein anderer Versuch endete in einem Fiasko des Programmes, das seine Eingaben nicht verstand.
Das Geheimnis seines Misserfolges kam erst sehr viel spaeter heraus:
Er hatte gelernt die alten Kladden zu fuettern und zu pflegen, Soll und Haben zu unterscheiden-
diese "Programmierer" der Computersoftware waren wohl Amerikaner,
die Umsetzung ins Deutsche war kaum verstaendlich, weder bei der Software noch beim Betriebssystem -
zumindest entsprach es nicht seinem Verstaendnis, wie dort gearbeitet und verarbeitet wird,
weder in der Sprache noch im Sinn.
Das war ja nicht alles, die Blamage im Betrieb war nicht von schlechten Eltern,
als ein junger Bursche, der eigentlich Verpacker war, helfen musste.
Nun sollte damit auch noch "Online-Banking" gemacht werden,
"Passwoerter" gemerkt und der Computer "hoch und runter gefahren" werden..
Es kam wie es kommen musste - er wurde entlassen:
"Mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns und mit dem Dank fuer erwiesene treue Dienste"
wolle man sich von ihm "verabschieden" und wuensche fuer die Zukunft alles Gute..
Das war also der Dank- hm, das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Ein letztes Mal ging er zu seinem Schreibtisch und nahm seine persoenlichen Dinge mit.
Eine Wolljacke, ein paar Puschen, ein paar alte Fueller mit Tintenfass
und die Ellenbogenschoner, die Lesebrille mit Etui,
den Kleiderbuegel und .. den Asperacus, den niemand im Buero behalten wollte.
Er war allein beim Ausraeumen und allein ist er zur Tuer hinaus,
die Strasse zum Bahnhof entlang - zu total ungewohnter Stunde.
Deshalb setzte er sich auf eine der drei Baenke an der kleinen Strauchgruppe
gegenueber der Geschaeftszeile, die reges Leben zeigte-
wenn er sonst dort entlang ging, war noch alles geschlossen und am fruehen Abend
auf dem nach Hause - Weg schob man schon wieder die Gitter vor.
Er war immer laenger im Betrieb geblieben als er eigentlich musste -
bis zur Abfahrt es Zuges war noch eine dreiviertel Stunde Zeit und fuer den Weg
zum Bahnhof waren nur zehn Minuten zu gehen - hoechstens.
Nun saß er also auf dieser roten Bank, neben sich die Aktentasche,
auf dem Schoss der Asperacus.
Er ueberlegte:
Soll ich mir ein Eis goennen oder gleich zum Arbeitsamt gehen?
Er sprach zu sich selbst:
Erst kommt die Pflicht, dann der Lohn, so war er eben.
Erst kommt die Pflicht, dann die Lohntuete.
Er war noch einer von der alten Sorte, ohne Girokonto, aber mit Sparbuch.
Sicher war die Bezahlerei in den letzten Jahren immer beschwerlicher geworden,
die Ueberweisungsformulare auszufuellen war ihm leicht, aber was,
wenn immer mehr Schalter und Banken geschlossen worden sind?
Im Arbeitsamt, was nun "Arge" genannt wird, erklaerte man im die "dringende Notwendigkeit eines Girokontos",
sonst koenne man ihm sein "AluI" nicht auszahlen.
Alu? Arbeitslosenunterstuetzung - aha.
Die "Dame" am "Kundenterminal" hat sich dann einfach weggedreht und die naechste Nummer aufgerufen.
Stehengelassen -mit Asperacus im Arm- stand er verdutzt da,
bevor der Weg zur Bank angetreten wurde.
Freilich bei ebendieser Bank, wo sein Sparbuch schon seit etlichen Jahrzehnten angelegt war.
Die letzten Jahre durfte er sich sein Gehalt vom Geschaeftskonto per Auszahlungsanweisung auszahlen lassen,
das war ein Entgegenkommen seines Chefs gewesen.
Heute sollte er selbst zum Girokontoinhaber werden, was sehr ungewohnt war.
Ein wenig unheimlich die Scheckkarte, die er nicht verstand und
die sichtlich genervten "Bediener" am "Terminal" veranlasste,
einen laessigen Hinweis auf ein mitten im Raum stehenden Computer mit "Touchscreen" zu schicken.
Niemand muss ein Hellseher sein, dass das nicht geklappt hat.
Also nahm er sich div. "Flyer" mit und hoffte, damit klar zu kommen.
Zig Unterschriften, wie damals - trotz Computer, so dachte er bei sich.
Buchhalter sind ja nicht dumm- irgendwann wuerde er mit dem neuen Bezahlsystem schon klar kommen.
Er sprach immer mit sich selbst- wen haette er sonst anreden sollen?
Im Buero fast immer allein und daheim, so man das als solches bezeichnen konnte,
war auch niemand.
Mutter war schon vor vielen Jahren gestorben, sie war Kriegs-Witwe.
Das kleine alte Haus war so herab gekommen, dass er es verkaufte
um sich in diesem heimatlichen Ort - in Bahnhofsnaehe - ein Zimmer zu nehmen.
So saß er nun auf der roten Bank, den Asperacus auf dem Schoss, die Aktentasche neben sich.
In seinem Kopf ratterte es ununterbrochen:
Punkt 1 abgehakt, Punkt 2 geschafft, Punkt 3..
Sein Denken war wohl wie die Registratur in Schubkaesten eingeteilt, festgeschraubt, sicher und eingefahren.
Mit bleicher Buero-Haut und der Pflanze auf dem Schoss muss er wohl etwas weltentrueckt gewirkt haben,
als ein paar junge Maenner in seltsamen Klamotten an ihm vorbei gingen:
Hee Alter, biste rausgeflogen?
"Alter"? Sehe ich so alt aus?
Wer hat heute noch Bundfaltenhosen an und Hosentraeger, die unter dem kurzen Regenmantel hervor blitzen..
Hmm, brummte er, wodran sieht man das?
Lachend gingen die Jungen weiter "willkommen im Club"!
Das haetten wir uns damals mal trauen sollen, so knurrte er in sich hinein.
Sein erster Gedanke war:
Soll ich diese daemliche Bueropflanze irgendwo stehen lassen oder mit in mein Zimmer nehmen?
So stellte er das Ding auf die andere Seite der roten Bank um erst einmal Luft zu holen.
Aber halt, haemmerte es im Kopf - du musst ja noch zum Arbeitsamt, pardon zur "Arge",
die Kontonummer angeben, sonst kann ja kein Geld ueberwiesen werden..
..er kam gerade noch zeitig, ein paar Minuten spaeter waere das Amt geschlossen gewesen.
Ungehalten nahm man seine Kontonummer entgegen - nicht ohne Hinweis darauf,
dass beim naechsten Besuch die auf den persoenlichen Hinweisen eingetragene Nummer "unbedingt anzugeben ist".
"Ist zu tun, ist anzugeben" ging es in ihm herum.
Ein wenig freundlicher haette man schon sein koennen,
er war es ja schliesslich auch immer gewesen in seinem Beruf, den man heute "Job" nennt.
Kaum war er daheim, war auch schon ein Brief im Kasten,
grau und behoerdenmaessig, von der Arge.
Es wird wohl eine Vermittlung sein, so dachte er-

***

Es stand schwarz auf weiss: "Sie haben sich zur Fortbildung Computer-Bewerbungen einzufinden".
Er tat wie im befohlen und stand mit einer bunten Mischung an Menschen vor einem Buerogebaeude in der Stadt,
sogar etwas zu frueh, wie das seine Art ist.
Nach und nach kamen ein paar Leutchen und rauchten erst einmal, klimperten dabei auf dem Handy,
niemand nahm vom anderen Notiz.
Der Lehrgang war eine glatte Katastrophe, weil alle PC-Erfahrungen hatten und er nicht.
(Telefon und Internet hat er auch keines..)
Wie der beruehmte Ochs vor dem Tor wusste Wolfgang so absolut nicht,
um was es dabei ging und wie man "ein Feld" neu anlegt und wie "abzuspeichern" waere..
..dabei hat er immer gedacht, er waere nicht dumm und eigentlich immer gute Noten nach Hause gebracht!
Als zwei Computer wegen ihm oder besser seiner Fehlbedienung "abgestuerzt" sind,
durfte er Bewerbungen schreiben, immer schoen nach einer gewissen modernen Form.
Am naechsten Tag ging es weiter, wobei diesmal die anderen Teilnehmer kicherten
und sich zuraunten:
Guckmal unser Oldtimer kommt mit seiner steinzeitlichen Aktentasche und der Thermosflasche..
Die Lehrkraefte haben schnell aufgegeben, Wolfgang malte weiter seine Bewerbungen und schrieb und schieb,
was letztlich wohl alles "falsch" war, obwohl nach alten Normen exakt ausgefuehrt..

Bald wurde er zur Arge geladen und "ein persoenliches Gespraech" fand statt,
ueber das weitere Wohl und wehe und dass ihm ein Jahr Arbeitslosengeld 1 zustehen wuerde,
er aber nach wie vor mit einer Vermittlung rechnen und weiter so und so viel Bewerbungen im Monat schreiben muesse..
.. das wird genau kontrolliert.
Wir koennen uns denken, wie die Sache ausging-
er strich durch die Gegend und fragte bei Firmen nach,
wurde aber ueberall abgelehnt oder bekam keine Antwort.
"Viel zu alt" oder "fehlende Qualifikationen".
Er hat bei einem Baumarkt den Besen geschwungen und sich etwas zuverdient,
bekam prompt etwas abgezogen vom Arbeitslosengeld.
Der Rest war in etwa so viel, wie das Pausenbrot und die weitere Busfahrt gekostet hat,
um diesen "Job" auszufuehren.
Abends muede und nix in der Kasse.
Die Nachricht der Rentenkasse war auch nicht ermutigend:
In seiner alten Firma hat er nie viel verdient,
genau gesagt hat es gerade mal so zum Leben und fuer die billige Miete gereicht.
"Ihre Rente in 5 Jahren betraegt monatlich 541,99 Euro, vorausgesetzt, die Einzahlungen gehen weiter"
Oh, das lohnt sich ja richtig, dachte er.
Das Girokonto hat dann auch noch Geld gekostet, weil er zu wenig Umsatz hat, wie man ihm mitteilte.
Eigentlich kann ich davon weder leben noch sterben, selbst wenn ich kein Auto und keine Versicherung habe-
da sind noch die Strom- und Wasser- und Muellgebuehren, die Miete, die Heizung usw.
Er hat alle Kosten vom Girokonto abbuchen lassen, was eine ganz neue Erfahrung fuer ihn war.
"Beantragen sie doch Armenhilfe", riet man ihm auf der Gemeindeverwaltung.
Er murmelte irgendwas und dachte sich:
Das ist also das Resultat, der Saldo meines Lebens.

Um nicht "aufzufallen" schlich er jeden Morgen mit der Aktentasche und seinem Umhang aus der Bude
und tat so, als ginge er zur Arbeit.
So ein Tag ist sehr schwer herum zu bekommen, wenn das Geld fehlt, irgendwo einzukehren oder etwas zu besichtigen.
Es reichte nur fuer den Second-Hand-Laden und fuer den Diskounter und auch da nur fuer das Noetigste.
Inzwischen war Wolfgang froh, von der Arge "eingeladen" geworden zu sein -
immerhin, dieser Tag waere gerettet, sagte er sich.
Bei der "Tafel" wollte er nicht auftauchen, was haetten wohl die Leute gesagt?
Sein alter Beruf war zwar nicht gut bezahlt, er war aber geachtet und irgendwie unabkoemlich gewesen -
und heute?
Und heute ist er Treibgut in einer ihm fremden Zeit geworden.
"Noch nicht mal Strandgut, wie er lakonisch dachte- das ist wenigstens am festen Ufer, hat Halt gefunden!"
Als er so sinnierte und dabei von der stillen Bank im Park auf die Tulpen sah,
die in grosser Zahl aufgingen, kam ihm eine Idee:
So geht es nicht weiter, ich werde nicht gebraucht und habe keine Chancen-
selbst wenn ich die Rente erreichen sollte, waeren bis dahin noch 5, wenn nicht sogar 6 Jahre zu darben und zu zittern.
Zittern, weil nach einem Jahr das "AluII" mit Sozialhilfegeld-Niveau beginnt
und er fuer jeden Groschen extra Bittgaenge antreten muesste..
Davon kann man nicht mal die Miete bezahlen, die muss extra als "Mietbeihilfe" beantragt werden.
Eine solche Bevormundung kam ihm als Erniedrigung vor:
Kein Wunder, dass die anderen Lehrgangsteilnehmer so mies drauf sind, sagte er zu sich selber.
Wolfgang ging mit seiner freundliche Art eines Gummibaumes den Aemtern auf den Zeiger,
wie man in diesen Kreisen so sagt.
Dann kam ein Angebot von der staedtischen Muellentsorgung, dass er als Mitarbeiter beim Biomuell eingesetzt werden koenne.
Das hat er auch gerne wahrgenommen und ein paar Tage gemacht, als er dann zusammengeklappt und im Krankenhaus gelandet-
erkennen musste:
Ich habe immer nur auf dem Buerostuhl gesessen und keinen Sport getrieben..
.. der naechste "Job" war bei der Tafel, wo er von allen uebervorteilt wurde,
kaum hatte er sich herum gedreht..
.. und besonders schnell war er auch nicht:
Die "Kunden" bildeten schnell lange Schlangen und so war er seinen Posten wieder los.
Dann hat er als Hilfskraft bei einer Autowasch-Strasse gearbeitet,
aber auch da war er nicht beweglich genug, bei einem Zeitungszustell-Dienst ging es ihm aehnlich.
Er brauchte viel zu lange und war zu schnell muede.
Blass und muede, wie so ein Buero-Wurm nach so vielen Jahren aussieht, so fuehlte er sich auch.
Er fasste einen "Plan X" und der sah so aus, dass er nun jeden Tag ein wenig mehr trainierte,
um wenigstens koerperlich ein wenig "fit" zu werden.
Das ging auch eine Zeit gut, dann wurde er unterwegs ueberfallen und war seine Geldkarte los,
was einige Komplikationen gebracht hat.
Er dachte, dass nur Rad- und Autofahren gefaehrlich waere,
dass man nun auch schon als Fussgaenger mit allem rechnen muss, ist wohl neu.
Wie sich die Zeiten aendern- besser sind sie wohl nur fuer die anderen Leute geworden,
fuer ihn jedoch nicht.
Man ist nie allein und so kamen doch einige interessante Gespraeche vor dem Arbeitsamt auf!
Es ging wohl einigen "alten Hasen" aehnlich wie ihm - und so trafen sich drei "potentielle Langzeitarbeitslose",
wie sie sich fortan nannten zum Plausch auf der roten Bank, dort wo er mit dem Asperacus saß wie ein ausgesetzter Hund.
Paul sagte:
Mein Zimmer ist bei meiner Schwester, nachdem ich die Wohnung verloren habe und meine Frau abgehauen ist.
Dort koennte auch Walter unterkommen, wir stellen eben 2 Betten zusaetzlich rein und
behaupten, das ist eine "WG", eine Wohngemeinschaft.
Das spart Geld und hilft die Einsamkeit zu vermeiden!
Oder haengt einer von euch an seiner Bude?
Nee, wohl eher nicht!
So hat man sich zu dieser "plawg" (Wohngemeinschaft potentieller Langzeitarbeitsloser)
zusammen gefunden.
"Gekocht" wurde auf einem alten 2 Flammen-Elektro-Herdchen, der neben der wackeligen Spuele stand.
Es hat immer allen geschmeckt, jeder war mal dran, mal mit dem Kochen, mal mit dem Spuelen.
Die Schwester hat das Zimmer als "vermietet" mit etwas Geld vom Amt bezahlt bekommen.
Das Zimmer war in einer ausgebauten Waschkueche, wie sie die Haeuser der Ostaussiedler nach dem Krieg gebaut haben.
Der Zugang zu dem Zimmer war also frei und keiner musste durch das Haus -
die alte Waschkueche gab ein ganz einfaches Bad ab.
Nun war nur noch der Fernseher von Paul aufzustellen, Walter hatte einen Kuehlschrank und einen Tisch mit Stuehlen.
Die Betten sah man grosszuegig als "Sofas" an.
Sie zimmerten an einer Bank, die vor der Wohnstatt aufgestellt werden sollte.
Ein paar Bretter waren vom Sperrmuell und fanden so eine neue Verwendung.
Das Kaff gab auch nicht viel her, wo die Schwester ihr Haus hat-
deshalb gingen die drei oefter hinaus in die Natur.
Sie unterhielten sich ueber dies und das, es waren sehr unterschiedliche "Vita"
aus welchen die drei schoepfen konnten.
Paul ist mit seiner Baufirma "baden gegangen", Walter ist nach einem Verkehrsunfall ausgeschieden und
war lange Zeit nicht mehr einsatzfaehig und wurde auf diese Weise ausgesteuert.
Schlimm fuer einen, der seinen Kindern eine teure Ausbildung ermoeglicht hat.
Pauls Frau ist abgehauen, Walters Frau hat seinen Krankenstand nicht ueberwunden, Wolfgang war nie verheiratet.
Ein schoenes Trio, so war man sich einig..
"Hauptsache, man kann noch alles essen und das Bier schmeckt"

***

Diese drei "Sozialfaelle" haben ihr ganzes Leben lang "eingezahlt" und sind ihren Verpflichtungen nachgegangen,
trotzdem sind sie letztenendes gescheitert, wie man das einstuft.
Wohl nicht vom Amt, wohl aber von der Gesellschaft.
Ganz deutlich von den Zuwanderern, die veraechtlich schauen, wenn ein Deutscher ein solches Schicksal hat.
Ja, man "vergibt sich was", wenn auf dem Amt oder der Gemeinde etwas besorgt werden muss oder man hinbestellt wird.
Deshalb gingen die drei immer zusammen zu einer solchen Vorladung, auch wenn es den Damen und Herren nicht passte.
Zu dritt sieht und hoert man mehr, was an Gemeinheiten oder Vorderungen kommt.
Es kamen immer wieder Vermittlungsvorschlaege und sogar Kuerzungen der Sozialleistungen,
wenn entehrende oder zu seltsame oder harte Arbeitsbedingungen abgelehnt wurden.
So manche Schikane kam und wurde zu dritt besser bewaeltigt.
Immerhin half diese Wohngemeinschaft gegen Depression und Alkoholismus.
Mit Hilfe einer Beratungsstelle hat man es endlich geschafft,
kleine Zuverdienste und den Mietzuschuss unter einen Hut zu bringen.
Die Anschaffung von drei gebrauchten Fahrraedern lies den Aktionsradius deutlich groesser werden.
So lebten sie noch drei Jahre recht gut beieinander, bis Wolfgang eines Tages tot im Bett lag.
Noch vor seinem Rentenantritt.
Zur Beerdigung kamen nur die zwei Mitbewohner..

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