"Der Runkler"


Eine Idee einer Existenz ohne die Segnungen der Moderne?





Oberhalb der Ruebenaecker der Stadt wohnt der alleinstehende Runkler
in einem heruntergekommenen Haeuschen,
das wohl noch nie "bessere Tage" gesehen hatte.
In der Feldgemarkung, die man "in den Runkeln" nennt, war also sein Zuhause.
"Runkel oder Runkeln" kommt von "Runkelrueben", also Wasserrueben,
die man frueher fuer die Schweinemast brauchte.
Diese Rueben baut heute kaum noch einer an,
weil die Fertigfutter aus der Fabrik billiger sind.
(Soja vom anderen Ende der Welt und Getreide von hier bilden heute das Viehfutter,
leider oft genug mit Dingen versetzt,
die man lieber nicht wissen will)
Die Bearbeitung dieser Hackfruechte ist zudem auch noch arbeitsintensiv,
deshalb wird dort im Ruebenfeld nur noch Mais und Getreide angebaut.
Die weite Ebene mit ihren Wiesen "Streuobst" zeigt
heute meistens mit diesen modernen Pferdehoefen
oder "Hofreiten" ihr modernes Gesicht der Wohlhabenheit.
Am Rande der Felder und Wiesen, kurz vor dem unwirtlichen Gestruepp und Gestraeuch,
wo der kleine Bach knapp im Wald entspringt,
geht ein grob geschotteter Weg aus der Gemarkung hinaus,
durch den Wald hindurch und an Feldern und Wiesen vorbei bis in die naechste Stadt.
Irgendwo fast im "Niemandsland", Brachland oder unwirkliche Flaeche
zwischen zwei Kommunen also liegt das Haeuschen
des Runklers etwas abseits zwischen Holundern halb versunken.
Der Zuweg vom dem Schotterweg ist nur ein Trampelpfad mit winziger,
selbst gezimmerter Holzbruecke,
unter welcher dieser Bach hindurch gurgelt.
Wer es nicht weiss, wuerde an eine vergammelte kleine Feldscheune denken,
aber es war ein Haus, das des alten Forstgehilfen,
der sein Vater war, der fast zusammen mit seiner Mutter
-noch im gleichen Jahr- in hohem Alter verstarb.
Hier sagen sich Hase und Fuchs gute Nacht,
nur ab und zu gehen in 30-40 Metern Entfernung ein paar Spaziergaenger oder Wanderer entlang,
auf eben diesem Schotterweg.
Ab und zu faehrt ein Traktor, eher noch ein Gemeinde-Auto entlang oder man sieht ein paar stolze Reiter.
In dem Haeuschen des Runklers, wie man es das schiefe Ding nennt,
war nie Strom gelegt worden, nur ein Wasseranschluss war da,
der einfach von der Waldquelle gespeist wurde.
(Wie damals so manches Forsthaus oder Einoed-Haus)
Ein Plumpsklo mit Grube war die "Entsorgung".
Der Inhalt dieser Grube wurde im Herbst auf das Gartenland ausgebracht,
das war ein guter Duenger und nur deshalb brauchbar,
weil der Runkler keine Chemie zu sich nahm und keine Antibiotika, Rohrreiniger war ihm ebenso fremd.
Dort kommt auch kein Faekalwagen hin,
weil das Gelaende rundherum sumpfig ist, eine sogenannte "Sauerwiese",
auf welcher selbst im Hochsommer noch alles nass war.

Dort wohnte der Runkler, der Einsiedler,
der keine Zeitung und kein Fernseher und kein Radio hatte, keine einzige Gluehbirne,
keine Mikrowelle und keinen Staubsauger oder Handy-
alles was irgendwie Strom braucht, sucht man hier vergebens !
Dafuer gab es keine Roll-Laeden und kein Schloss im Haus,
nicht mal einen Schornstein hatte diese Bude !
Ein alter Gusseisenofen stand in dem einzigen Raum, den das Gebaeude hatte -
ein schraeges Ofenrohr ragte durch den Raum,
einfach durch die Wand hindurch einen Meter ins Freie,
mit einem Haeubchen darauf, dass keine Funken daraus stoben-
unweit unter dem Dach in Pultform.
Nicht mal Fachwerk, einfach nur einfach.
So war das schon immer und hat auch immer funktioniert.
Einen richten Keller im Haus hat er auch nicht,-
der waere sowieso immer voller Wasser gestanden.
Eigentlich bestand das Haeuschen aus einem einzigen Raum,
der mit runden und halbrunden Holzscheiben "gepflastert" war.
Die Waende waren gekalkt, die Decke muss frueher irgendwann mal
einen Giebel mit einem kleinen Obergeschoss getragen haben,
bevor man ein Flachdach darauf zimmerte.
Er hat dieses stabile alte Blechdach mit Gras bepflanzt,
so war alles gut isoliert und hielt die Waerme lange genug im Raum.
Das war schon wieder modern und wohl hat er das irgendwo bei diesen tollen Neubauten abgeguckt.
An ein Auto hat er nie gedacht, kein Motorrad oder aehnliches-
nicht mal Plastik - Artikel irgendwelcher Art waren in dieser Bude zu finden:
Er hatte nur irdenes Geschirr und ein paar Messer,
Gabeln und Loeffeln billigster Art und Weise.
Ein windschiefer Schuppen war noch da, in dem Holz gehackt und gestapelt wurde,
in diesem waren ein paar einfache Gartengeraete und eine Saege untergebracht,
die an der Latten-Wand hing.
Auf einer Seite - zum Schuppen hin - war der Dachueberstand groesser,
dort war eine einfache Holzbank und ein alter Kuechentisch,
wo er am liebsten seine karge Mahlzeit einnahm.
Seine Bettstatt war aus einfachen Brettern mit Leinensaecken bestueckt,
die jede Saison frisch mit Stroh und Heu gefuellt wurden.
Ein paar Bienenstoecke versorgten ihn mit Honig
und Wachs fuer die Kerzen, ein paar Huehner gaben das uebrige.
Der Runkler war bescheiden, sich selbst genug und "kommunikativ" konnte man
ihn auch nicht gerade bezeichnen.
Er schrieb Kriminal- und Heimatromane
und baute sein eigenes Essen im grossen Garten an, der Richtung Waeldchen war;
sehr gepflegt und vielfaeltig, mit einigem Wissen bearbeitet.
Diese Romane verkauften sich recht leidlich,
sein Bruder in der Stadt verlegte diese
und gab die Haelfte des Gewinnes an den Runkler,
der dafuer das Papier und die mechanische Schreibmaschine gestellt bekam.
Der Runkler hat nur kurze Zeit in dem Verlag seines Bruders gearbeitet,
was ihm so ganz und gar nicht behagte:
Zu viele Leute!

So war dieses "Anwesen" von Schotter-Weg her eigentlich nicht zu sehen,
es standen rundherum Wacholderbuesche,
die 8 - 10 Meter hoch alles verdeckten - nicht mal von oben war die Bude auszumachen,
weil das Grasdach wie eine Wiese aussah.
Nur der schmale Trampelpfad, der nicht oft begangen wurde
und der Briefkasten an dem Schotterweg wiesen auf ein Haus hin.
Das Grundstueck wurde als "Oedland" ausgewiesen und kostete nicht viel Steuern,
obwohl die Grundflaeche wohl an die zweitausend Quadratmeter hatte.
(Die Haelfte davon war viel zu nass um etwas anzubauen)
Der Trampelpfad gehoerte noch der Gemeinde, er war nicht mal sein Eigentum..
.. von dieser Gemeinde hoerte er nicht viel,
denn Wasser- und Abwasserkosten entstanden nicht, mangels Anschluesse.
Wenn die Rede darauf kam, ging der Streit um die hohen Kosten und Machbarkeit,
die Rohre haetten schon sehr weit verlegt werden muessen.
Also blieb alles so wie es war - die Gemeinde tat so, als wuesste sie von nichts
und dem Runkler war das allemal recht.

Die Tage vergingen in dem Rythmus der Natur, die Schreibmaschine klapperte immer dann,
wenn Regenwetter war und die Gartenarbeit ruhte.
Das Wort "Rasenmaehen" war ein Fremdwort-
er brauchte das Heu fuer die Matratze und fuer die Huehner-
so entstand eine wunderbare Wildwiese mit vielen duftenden und seltenen Pflanzen.
Ueberhaupt bereitete er sich zeitig auf die Kraeuterkunde vor,
der er sich mit grossem Eifer widmete:
Fuer alles war schliesslich ein Kraut gewachsen, murmelte er in den Bart -
nur nicht gegen Haarausfall und Behoerden.
Die Art der Haltbarmachung von Lebensmittel war trocknen und raeuchern -
und wer Huehner hat und in Waldesnaehe wohnt,
hat auch Besuch von kleinen und groesseren Raeubern.
Irgendwann fand er einen Hund am Baum beim Waldparkplatz - weit ab von seinem Haus -
welcher wohl ausgesetzt worden ist.
Reisezeit!
Er wunderte sich noch ueber den "Camper" der sich schaukelnd
ueber den holprigen Waldweg fortbewegte.
Was macht so ein Ding im Wald?
Das Jaulen lies seine Aufmerksamkeit schnell wach werden.
Hundchen !
Wer hat dich denn so herzlos kurz angeleint und im Stich gelassen?
Am Baum war ein Zettel angeschlagen:
"Zum Mitnehmen, wir haben keine Zeit fuer den Hund
und ausserdem sind wir allergisch gegen Hundehaare..
der Hund hoert auf Hugo".

So so, das ist ganz modern mit diesen verd.. Allergien,
die allerorten bei allen Dingen als Ausflucht gebraucht werden,
dachte er bei sich - soll ich das Vieh einfach mitnehmen
oder es dem Schicksal, dem Tierheim ..?
Lange Gedanken, kurze Handlung:
Wer bist du?
Tatsaechlich ein "Hugo"?
Wuff!
Aha, das stimmt wohl schon mal- alt bist du ja noch nicht
und recht gepflegt - ein wenig dick,
aber das werden wir schnell im Griff haben.
Ich laufe recht viel und recht weit- schaun wir mal.
Der Hugo war froh losgebunden zu sein und weinte wohl dem Camper keine Traene nach,
sondern lief ruhig neben dem Runkler her, ab und zu nochmal umschauend.

Die Einsiedelei, wie er sein Zuhause nannte,
War umgeben von "Gestruepp", von gebogenen Buchen,
die als dichte Hecke das Wild fern hielt-
das begehrlich die vielen verschiedenen Rueben und Ruebchen auf dem Acker witterte.
In die Hecke hat er Draht mit eingearbeitet, so dass auch Dachs und Fuchs draussen blieben.
Mit dem neuen Hausgenossen, dem Hugo,
sollte die letzte Unsicherheit fuer den Huehnerstall gebannt sein.
Der Hund hatte nichts an sich, was man als "Rasse" bezeichnen koennte,
er war einfach nur recht stattlich und solide,
mit grauem, struppigem Fell und leicht haengenden Ohren, ohne jedoch ein Jagdhund zu sein.
Ruhig lag das Tier dabei, wenn der Runkler seine Gartenarbeit machte,
ruhig lag es bei der Bank, draussen unter dem Dach,
wenn er seine Brotzeit hielt - immer einen Bissen zusteckend.
Bald entwickelte sich eine tiefe Verbundenheit, die man als Freundschaft bezeichnen kann.

Es war Zeit fuer das Beerenobst, das um den Garten herum war und im Wald zu finden -
zusammen mit dem Honig wurde das zu Wein gemacht
und in der Ecke des einzigen Raumes in mehreren Glasballons bis zur Reife bewahrt.
In einem Erdkeller, nahe des Holzschuppens lagerte er seine Feldfruechte ein.
Es war eine recht trockene Ecke, wohl die einzige im Garten,
die mit Letten unter der duennen Erdsode war,
schon nahe am Gestruepp oder Dickicht vor dem Wald.
Der Winter konnte lang werden und so musste noch einiges an Holz gesammelt werden.
Einen "Leseschein fuer Holz" hatte sich der Runkler schon frueh erneuern lassen,
den seine Eltern damals schon nutzten um
genuegend Brennmaterial fuer den Winter zu haben.
Eine Motorsaege hatte der Runkler freilich auch nicht -
folglich wurde alles mit der einfachen Buegelsaege und
dem Beil bearbeitet und ofengerecht gestapelt.
Hinter dem Schuppen war ein grosser Holzstoss aufgeschichtet, der ein Jahr trocknete,
bevor daraus das Ofenholz ueberhaupt erst gemacht werden konnte:
Frisches Holz bildet Glanzruss, (Teer) der geschwind einen Kaminbrand ausloest.
Kraeuter wurden gesammelt und in dem Raum getrocknet,
indem die Bueschel an die Decke gehaengt wurden.
Soweit so gut, Arbeit hatte er genug, manchmal mehr als genug,
wie auch die Phasen der totalen Ruhe, in welcher die Romane entstanden -
am knisternden Feuer sozusgen.
Dort lies sich kein Besucher blicken,
nicht mal der Schornsteinfeger oder jemand von der Gemeinde.
Ein Schloss an der Tuer ist so sinnlos wie ein Kropf, so lachte er immer -
begleitet nunmehr mit einem leichten Schwanzwedeln des Hundes.
Immer und immer wieder holten sich Greifvoegel die Huehner- es musste was geschehen!
Im Schuppen war noch genug Drahtzaun auf der Rolle,
die aus alten Zeiten uebrig war oder von einer abgeraeumten Schonung stammte.
Daraus hat er einen sicheren Pferch oder Gehege gemacht,
rundherum dicht und auch gegen "Luftangriffe" geschuetzt.
Wer Huehner im Freien haelt, kennt diese Probleme nur zu gut.
So manches kleinere Raubzeug beisst aus schierer Mordlust den halben Huehnerbestand einfach tot,
ohne die Beute zu fressen !

Dieses Jahr waren die Felderbsen und auch der Mais wunderbar,
die alten Saaten waren keine "Hybriden", sondern weiter vermehrbar-
heute schon fast ein Luxus, den nur eingefleischte "Oekofreaks" kennen und erhalten.
Eigentlich, so dachte er bei sich,
gehoert diesen Leuten der Landesehrenbrief viel eher, als einem fettgefressenen ..
..ach was, das will doch keiner hoeren, gell Hugo?
Der Hund schaute mit blutunterlaufenen mueden Augen auf und fiel auch gleich wieder in tiefen Schlaf.
Schlaf du nur, dachte der Runkler, wer schlaeft suendigt nicht.
Jaja die Suende!
Diese Erinnerung an fruehere Tage sind zwar noch nicht sooo lange her, aber doch schon sehr verblasst.
Grosse Erfahrungen mit der Damenwelt hat er nie sammeln koennen, er war einfach kein "Frauentyp".
Ob es am Aussehen oder an der Koerperpflege lag oder an den Klamotten, die schon arg derb waren,
ging ihm irgendwie am Ohr vorbei.
So war er schon immer.
Sein Bruder war da schon ganz anders, er ist nun schon zum 2. mal verheiratet und hat ein paar Kinder,
die einmal seinen kleinen Verlag und Druckerei erben sollten.

Kinder machen nur Aerger, Frauen erst recht- gell Hugo?
Wieder dieser waidwunde Blick von unten hoch.
Die beiden begannen ein gutes Team zu werden,
der Hund schaetzte die behagliche Waerme des alten einfachen Holzofens,
der Runkler die Ruhe, die der Hund ausstrahlte.
Viel "zu melden" hatte Hugo nicht, weil niemand dieses "Anwesen" besuchen wollte.
Ab und zu lief Hugo knurrend die Grenzen ab und markierte.

Heute gibt es geraeuchertes Huhn, freust du dich?
Diese Art der Ansprache war dem Hugo nur all zu recht - seltsam, dass die Hunde das verstehen!
Der "Raeucherofen" war wohl aehnlich alt wie das Blechdach-
aus einem alten Oelfass mit ein paar Klappen drin.
Aber es funktionierte - und das war wichtig.
Er sammelte die Saegespaene vom Buchenholz und kleine Hoelzer vom Holunder fuer diesen Raeucherofen.

Wenn ein Roman fertig war, bzw. das Manuskript getippt und nochmal gruendlich durchgelesen,
marschierte er damit in die Stadt zu seinem Bruder.
Dieser lies die Korrekturlesung und dann den Druck (ohne nochmal zu hinterfragen) anlaufen.
Um alles weitere, die Vermarktung und Auflage kuemmerte sich der Runkler in keiner Weise.
Sein Anteil wurde auf das Konto der Sparkasse ueberwiesen und fertig.
Reich konnte man damit bestimmt nicht werden, es reichte nur fuer das Noetigste,
die Gemeinderechnung und fuer ab und an ein paar neue Gewaender, wie er das nannte.
(Vielleicht auch mal ein Hut oder ein Messer, ein neues Saegeblatt oder Salz zum Wuerzen.)
An diesem Manuskript - Abliefer - Tag goennte er sich einen Kaffee
und ein Stueck leckere Sahnetorte in der Stadt,
auf dem Rueckweg nahm er noch eine oder zwei harte Wuerste mit vom Metzger neben der Konditorei.
Diesmal war der Erfolg des Romanes so gut, dass ein paar Kleinigkeiten zur "Belohnung" extra gekauft wurden.
Luxus brauchte er nicht, hatte er noch nie noetig- weder Schnaps noch Suessigkeiten oder "Unterhaltung".
Sein Bruder hat in darin immer bewundert, aber nie verstanden.
"Wer maeht denn heute noch mit der Sense und drischt
und mahlt sein Korn mit der alten Steinmuehle ohne Motor?"
Dafuer, so meinte der Runkler trocken, kennst du kein frisches Brot aus Erbsenmehl
oder Kartoffelbrot, das knuspriger kaum sein kann.
Das Fett aus den Huehner-Schlachtungen war die Abwechslung zu den selbstgemachten Marmeladen und dem Honig.
Er hatte keinerlei gesundheitliche Probleme,
die aus der Zivilisation her ruehren und mehr als genug koerperliche Bewegung.
Den Arzt lies er gerne dort wo er hin gehoerte- in der Stadt.

Irgendwann sind so ein paar Siebengescheite dabei gewesen,
in den topografischen Karten die Details in Punkto Umweltschutz zu ueberpruefen.
Nicht nur in Behoerden, sondern auch durch selbsternannte Umweltschuetzer und solche,
die einer Umweltorganisation waren, haben sich ab und zu wichtig gemacht.
Martialisch ausgestattet, mit schwerem Feldstecher und mit regendichter Ausstattung
mit allerei Peilgeraet und Messbechern und Proben-Koffern rueckten sie mit zwei "SUV's" an.
Sie haben hier geschaut und dort geguckt, woanders Proben genommen,
etwas Rasen abgestochen und eingetuetet
nach "Molchen" gesucht und Froeschen in den Hintern geschaut..
..beim Runkler selbst sind sie nicht aufgetaucht.
Ein paar Wochen spaeter hatte er Post im Briefkasten, was wirklich selten war.
"Die Hecke ist zu entfernen", "Umfriedungen der Natur anzupassen",
"Die Zufahrt ist freizuhalten und eine Mindestbreite einzuhalten"..
Er hat auf solche Sachen nie geantwortet oder "Stellung bezogen" -
wie die Briefe an der Wand zeigten:
So kann man sich die Tapete sparen!
Seltsamerweise ist nie ein "Zwangsgeld", das zuvor angedroht wurde,
tatsaechlich eingetrieben worden.
Vermutlich war der Runkler doch nicht wichtig genug,
als dass man sich auf einen Rechtsstreit haette einlassen moegen.
Fuer solche Faelle hatte er eine "stille Reserve" versteckt,
die ihn vor solchen Verruecktheiten bei Gericht retten wird:
Niemand ahnte, dass er den Anwalt laenger Zeit haette bezahlen koennen.
Kein Vertreter und kein "heiliger Mann" ist jemals dort vorstellig geworden,
nicht mal Zigeuner, die sonst vor keinem Haus halt machen,
nicht mal die neuen Diebe aus dem Osten kam dort vorbei,
die unsere offenen Grenzen schamlos fuer ihre Raubzuege nutzen.
Es waere auch nichts des Diebstahls wuerdig gewesen, was in dem jaemmerlichen Haus war.
So ging es tagein und tagaus, Hund und Herr gingen "mit den Huehnern" schlafen
und standen mit dem ersten - naja - 3. Hahnenschrei auf.

Mitten in der Gartenarbeit oder im Wald bei der Suche nach Holz oder Kraeutern oder Pilzen etc.
nahm er manchmal einen Zettel aus der Jacke und notierte sich etwas fuer seinen naechsten Roman.
"Die besten Einfaelle kommen zufaellig, ganz einfach so -
man darf niemals gruebeln, sonst kommt nur Mist dabei heraus"
Pflegte er zu sich zu sagen - den Spruch kannte auch sein Bruder, der diese Romane selbst gerne las.
Krimis gingen immer, Heimatromane eher weniger gut, diese Leserschaft war wohl irgendwie am aussterben.
So kam ihm der Gedanke einen Umweltkrimi zu schreiben, was ihm nicht schwer fiel:
In der weiteren Umgebung war ein Bauer, der es mit der Umwelt nicht so genau nahm und ein Bau-Unternehmer,
der richtige Halden irgendwo ablud- mit allerlei giftigen Baustoffen,
die er irgendwo ausgeraeumt hat.

Eines Tages schlug der Hund an und es polterte an die Tuer:
"Ist da einer drin?"
"Kommt raus, ich habe doch eben Licht gesehen!"
Ein grosser Mann mit teurem Hut stand nun in der offenen Tuer und starrte den Runkler an,
der zufrieden am Herd hockte und sich ein paar neue Wollsocken strickte..
"Herein, wenns kein Schneider ist", meinte der Runkler freundlich.
"Wie kommen sie mir vor!" war die barsche Antwort des grossen Mannes.
"Ich bin im Auftrag der unteren Naturschutzbehoerde unterwegs und muss mich um diverse Dinge kuemmern."
Ach, setzen sie sich doch und erzaehlen sie mal, meinte der Runkler-
waehrend der Hund mit gluehenden Augen und aufgestelltem Nackenfell
bereits auf den evtl. Angriffsbefehl wartete.
"Hugo - aus!"
Murrend rollte sich der Hund wieder zusammen.
"Haben sie ueberhaupt eine Hundemarke?"
Wie so "ueberhaupt", ich dachte das ist bekannt, dass der Hund angemeldet ist?
"Mit der Stadt habe ich nichts zu tun"
Ach wie traurig und nun?
"Das Scherzen kann ihnen noch vergehen,
wenn sie erst einmal die gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen hoeren!"
Wer hat was "angeschuldigt" fragte der Runkler.
"Sie siedeln hier einfach im Naturschutzgebiet, das ist nicht statthaft!"
Die Beteuerung, dass seine Familie hier schon seit ewigen Zeiten lebt, hat wohl nicht viel bewirkt -
der grosse Mann war wohl auch ein gut bezahlter Mann und sehr wichtig.
Wohl aber nicht so wichtig, als dass er einem Untergebenen diesen Auftrag haette geben koennen.
So sagte der Runkler nur:
Es freut mich, dass sie mich besucht haben
und das naechste Mal wissen sie vielleicht schon mehr ueber mich und das kleine Anwesen,
auf dass sich sich ein wenig besser benehmen.

Auch danach kam nichts, keine Reaktion dieser seltsamen Behoerde, die es noch gar nicht lange gab,
die aber sofort Wichtigtuer anzog,
die den Umweltschutz als Schild vor sich trugen, wie damals die Ritter.
"Wenn sie das naechste mal kommen, fahren sie bitte nicht mehr in das Feuchtgebiet -
sie haben den Lauf des kleinen Baches gestoert und den Fuss-Weg beschaedigt,
der unserer Gemeinde gehoert."
Und er fuhr fort-
"Sie fahren mit riesigen Wagen vor und verdrecken die Umwelt, obwohl sie aus dem nahen Dorf stammen,
ich habe sie dort schon gesehen - haben sie etwas mit den Beinen oder wollten sie nur ein wenig protzen?"
Der grosse Mann hat die Farbe in gluehendes Rot geaendert
und ging eiligen Schrittes mit unverstaendlichem Gemurmel zum Wagen,
der noch immer halb im nassen Wiesengras und halb am Damm stand.
Vor lauter Wut hat er wohl den falschen Gang erwischt,
ist mit dem Unterboden auf einen Stein aufgesessen,
nachdem er sich die Klamotten verschmutzt und mit nassen Schuhen
auf die feine Auslegware des Autos trat.
Das ganze grosse, mattsilberne Fahrzeug der Nobelmarke war nun mit dicken braunen Streifen verziert,
den die durchdrehenden Raeder auf das heilige Blech aufmalten.
Als der Wagen weg war, sah der Runkler, dass auch der Briefkasten schief auf dem Pfosten stand.
"So ein Ruepel" dachte er und ging in aller Ruhe zu Bett.

Spaeter kam eine Abordnung der Stadt vorbei und besah sich das Anwesen und fand nichts ungewoehnliches:
Wie zu unseren Kindertagen, wir haben hier oft gespielt, sagten die Aelteren- was will der denn?
(Vermutlich waren ein paar seiner Leser dabei- wer weiss?)

Der Winter kam und noch mehr Ruhe zum Schreiben, bzw. Tippen auf der mechanischen Schreibmaschine.
"Die Oeko-Faschisten" hat er den Roman angefangen..
Recherchiert hat er vor Ort, in der kleinen Gemeinde und in der gegenueber liegenden Stadt,
wo sein Bruder mit seiner kleinen Druckerei..
Es kamen einige Sachen heraus, die man schon fast als "Streuobstwiesenkrieg" bezeichnen koennte.
Vereinsgerangel, Eifersuechteleien, Grabenkriege zwischen Ortspolitikern und Naturschuetzern,
bei denen deren Frauen froh waren, wenn diese "etwas zu tun" hatten..
..das ging von der Anzeige wegen "illegalem Bauen"
in Schrebergaerten bis zur "nicht genehmigten Einfahrt"
zum Grundstueck oder ein "illegales Vordach".
Er fand eine "Initiative gegen Wind- und Solarkraft" und eine, die gegen Wasserkraft kaempfte.
Andere Gruppen legten sich mit dem Strassenbau- und Planungsamt an,
weil ein Weg durch den Wald eine Teerdecke bekommen soll.
Der Runkler dachte:
Vermutlich alles Leute, die daheim nicht wissen was sie treiben sollen.
Und so war das wohl auch - so mancher Wichtigtuer war dabei,
die wollen auch noch in der Rente zeigen wer man ist.
Wer in seinen Berufszeiten wichtig war,
kann es nicht verputzen im Ruhestand ploetzlich nicht mehr beachtet zu werden.
Dieser Roman wuchs recht flott zu einem dickeren Stapel Blaetter heran.
Die Namen waren freilich allesamt veraendert,
das gehoert sich so und ein Profi war der Runkler darin allemal.
Noch wenige Blaetter und das Werk waere abgeschlossen -
da klopfte es an die Tuer und der grosse Mann stand davor.
Er wurde herein gebeten - diesmal kam er zu Fuss..
Sie sind ja ganz durchgefroren, warten sie, ich nehme ihnen den Mantel ab -
moechten sie einen Gluehwein?
Aus selbstgemachtem Brombeerwein - ohne Gewuerze?
Der grosse Mann nickte nur stumm und setzte sich.
Nach den ersten Schlucken lehnte er sich zurueck, schon deutlich ruhiger:
"Die wollen mich absaegen, mir den Posten wegnehmen"
sagte er traurig und enttaeuscht oder verbittert.
Der Runkler nickte nur und ehe er etwas sagen konnte, fuhr der andere fort:
Die Umwelt-Stelle wurde wegrationalisiert
und nun bin ich in der Verwaltung der Stadt untergebracht,
in der Kostenrechnungsstelle.
Es ist ein Trauerspiel, den ganzen Tag im muffigen Buero zu sitzen,
ohne die Taetigkeit in der freien Natur...
Eben diese freie Natur wollten sie ein Stueck unfreier machen mit ihren Vorschriften,
meinte der Runkler ruhig.
"Na ja, wir haben unsere Vorschriften und die muessen von allen eingehalten werden,
wo kaemen wir hin, wenn jeder machen koennte was er wollte-
und wenn das noch so gut gedacht ist, ihr seit eben nur Laien."
Aha, es geht also weniger um die Natur,
als eher um die Durchsetzung der Vorschriften vom "gruenen Tisch", das sieht man besonders deutlich,
wenn auf Strassen Baeumchen und Blumeninseln angelegt werden, laechelte der Runkler.
Der grosse Mann trank lieber einen Schluck als zu antworten.
Eine Weile hockten sie stumm und sahen den Schneeflocken zu,
die am Fenster zum Garten hin zu sehen waren.
Der alte Ofen bullerte beruhigend, der Geruch und das Knistern der Holzstuecke tat ein uebriges.
Der Hund ruehrte sich nicht, ab und zu ein leises Zischen von "Hund ganz hinten"..
Dinkelplaetzchen gefaellig?
Ich wollte gerade den Roman wegpacken-
"welcher Roman, schreiben sie gar selbst, habe ich es mit einem Schriftsteller zu tun?"
"Ja, ich bin bald fertig, sie sorgen gerade fuer einen guten Schluss!"
"Ich?"
"Wieso das?"
Nun, es ist ein ein Roman mit dem Titel "Umweltfaschisten",
meinte der Runkler leise- sicher wird dieser gut verkauft werden koennen..
Oh! Schreiben sie unter Pseudonym?
Klar, unter "Runkler Klaus".
Ach, ich dachte "Runkler" waere ihr richtiger Name, nun bin ich einem Spitznamen aufgesessen..
..wie heissen sie denn wirklich, wenn ich doch nur auf dem Briefkasten nachgeschaut haette!
Walter Holder ist mein Name, so hies schon mein Vater und auch der Urgrossvater,
die hier in diesem Haeuschen wohnten, die seiner Zeit Jagd- und Forstgehilfen waren,
noch zu Zeiten des Fuersten.
"Ja, das Waeldchen gehoert der Hoheit noch immer, eben das, welches hinter dem Haus beginnt."
Das Wort "Haus" kam etwas seltsam aus dem Mund des grossen Mannes.
Der Fuerst hat das Grundstueck meinem Urgrossvater geschenkt,
weil er seinen Jungen aus einem Erdloch gerettet hat,
in dem es garantiert ohne seine Hilfe ertrunken waere.
Der Alte hatte gerade im Wald zu tun, als er leise gewordene Hilferufe hoerte.
So ging alles gut aus, der Bub wurde am Ofen getrocknet,
uebrigens auf dem gleichen Stuhl, wo sie jetzt drauf sitzen.
Allerdings ohne Gluehwein, aber mit einer heissen Huehnersuppe, die vertreibt jede Art Kaelte.
Im Topf ist noch etwas, die gab es heute Mittag bei mir- moechten sie?
Klar, so eine echte Huehnersuppe von natuerlich aufgewachsenen und gehaltenen Huehnern-
wo gibt es das noch?
Zuletzt habe ich die bei meiner Oma gegessen!
Die beiden Maenner haben noch laenger ueber alte Zeiten gesprochen,
als der grosse Mann, der sich nun als Holger Meister vorstellte - zurueck zum Dorf wollte,
solange es noch hell war.
Auf dem Heimweg war er sehr nachdenklich und sprach mit sich selbst -
-hier koennte ich mir so einiges an Hobbies abschauen..

Am naechsten Tag begann der Runkler schon recht frueh mit der Tipperei,
der gestrige Nachmittag hat einen sehr guten Schluss fuer den Roman gebracht.
Dann ging er in den Erdkeller um Zutaten fuer einen Ruebeneintopf zu holen -
diesmal mit einer Konserve Rindfleisch,
die er aus der Stadt mitgebracht hat.
Auch er kaufte ein, aber eben nur das, was er nicht selbst machen konnte.
So, fertig- nur noch dick anziehen und ab in die Stadt!
Heute mal ohne Kaffee und Kuchen, dafuer mit etwas mehr leckere Hausmacher Wurst vom Metzger.
Der Hund schwaenzelte, als haette er alles verstanden.
So gingen die Beiden gemuetlich los - abschliessen war nicht noetig,
weil es nichts zu klauen gab und wer vom Erdkeller nichts wusste,
haette den Eingang dazu nicht mal gefunden..

Ruhig trotteten sie dahin, die Aktentasche in der Hand, den leeren Rucksack auf dem Ruecken.
Inzwischen trug der Hund die Leine selbst -
grossartige Befehle waren schon laengst nicht mehr noetig, es reichte ein leises Zischeln.
Die tief verschneite Landschaft war immer wieder schoen, wie der Schnee auf den Fichten lag -
wie auf einer Weihnachtspostkarte!
Er ging durch den Randbezirk der kleinen Stadt,
dort wo die lockere Bebauung mit Einfamilienhaeusern war,
als am Zaun eine aeltere Frau stand und ihn gruesste:
Hallo Runkler, na schon so frueh unterwegs?
Ja Jule, so nannte er seine ehemalige Schulkameradin -
ich habe meinen Roman fertig und liefere gerade das Manuskript ab.
Wunderbar, wie heisst er denn?
"Oekofaschisten!"
Haha, dir faellt noch alleweil etwas ein, das muss ich sagen -
ich bin schon gespannt darauf, wie du weisst,
lese ich deine Romane schon seit vielen Jahren!
(Sie sammelte diese Romane sogar in einem extra Regal, was sie nicht sagte)
Wir koennen uns gleich im Cafe treffen, wenn du willst ..
Gut, ich komme gegen 11 mal vorbei, wenn ich vom Friedhof komme.
Alles klar.
(Sie ging jeden Tag zum Friedhof, um ihrem Mann,
der dort schon seit ein paar Jahren begraben liegt, eine neue Kerze zu bringen )
Ihre Kinder haben danach das Haus uebernommen und ihrer Mutter ein Zimmer als "Aushalt" eingerichtet.
Das Haus in Ordnung zu halten, die Fenster zu putzen und den Rasen zu pflegen war ihr zuviel geworden.
So hielt sie sich an ihr Rosenbeet am Eingang, es war ihr Hobby geblieben.

Im Verlagshaus angekommen, war sein Bruder wie immer,
er hat schon als Bub keine grossen Worte gemacht, dachte der Runkler bei sich,
als er im Buero einen Kaffee schluerfte.
"Das ist ja mal ein Titel, du meine Guete- du traust dich was!"
Wieso?
Nun, weil bei uns wieder mal die Hoelle los ist und diese Oekofraktion mit im Stadtparlament sitzt!
Eine Hackordnung wie im Kaiserreich, das kann ich dir sagen - einer ist des anderen Feind.
Sonntags rennen sie mit Spruchbaendern gegen den Fluglaerm herum
und am Montagmorgen gehts mit der Harley (ohne Katalysator) ins Buero!
Mit einem Laerm wie Donnergrollen - die anderen Verrueckten fahren SUV oder Porsche,
ebenfalls aus der gruenen Fraktion-
jeder fuer sich allein.
Manche sind bei diesen neuen Reiterhoefen involviert, wo sie Anteile besitzen.
Deren Frauen hoppeln auf ihren dort untergestellten Pferden
herum und verdrehen den Stallknechten die Augen..

Die Beiden grinsten nur still, waehrend sie den Kaffee tranken.
Ist ja auch egal, solange man uns in Ruhe laesst,
meinte der Bruder trocken- ist noch was?
Nee, ich will mich nachher nur noch kurz mit Jule treffen, die wollte etwas von mir.
Ach, die alte Tratschtante, die bekommt doch alles mit - meinte der Bruder -
genau das brauche ich fuer meinen naechsten Roman, antwortete der Runkler.
"Die Romane verkaufen sich immer besser, das ist inzwischen ein nettes Standbein geworden!"
Also denn bis spaeter..

So verabschiedeten sich die Brueder immer.
Auf dem Weg zum Cafe ueberlegte er noch, was wohl die Jule frueher gemacht haben mag,
wo sie wohl beschaeftigt war.
War die nicht Lehrerin oder in der Stadtbibliothek?
Sie war schon da und schaute durch die Scheibe, ein Stuhl gegenueber ihres Platzes war frei.
Da kommt er ja, unser Schriftsteller !
Psst, braucht doch keiner zu wissen.
Sie begruessten sich wie alte Bekannte und so offen war auch der Umgang,
wo sie sich bald offenbarte:
Ich war als Lokalreporterin Jahrzehnte lang in der Landeshauptstadt beschaeftigt,
bei einem typischen Kaeseblatt, wie man so schoen sagt.
Tratsch und Klatsch ist sozusagen mein Geschaeftsfeld gewesen,
was ich heute als Steckenpferd betreibe-
niemand kann aus seiner Haut, irgendwann holt dich die Berufung doch wieder ein.

Der Runkler erzaehlte ihr von der Begegnung mit dem "grossen Mann", als sie meinte:
Ach den Holger, den kenne ich auch- der war doch damals bei den Flughafengegnern-
so weit ich weiss, betreibt seine Frau ein kleines Reisebuero oder sie war dort beschaeftigt.
Deshalb hat er immer diese verbilligten Fluege genutzt und heute macht er auf Oeko?
Das passt aber nicht.
Die Leute der Stadtverwaltung kenne ich bestimmt zur Haelfte recht genau,
die sind von mir damals interviewt worden.
Da hat jeder seine "Leiche im Keller", vor denen braucht man keine Angst zu haben.
Und wenn keine Leiche da ist, suche ich dir eine - kein Problem..
Laechelnd gab sie etwas Sahne in ihren Kaffee und nahm einen Biss vom Bienenstich,
als die Kellnerin dem Runkler das gleiche brachte.
Sie kaute laengst und meinte:
So wie du koennte ich nicht leben, so ganz allein da draussen im Hollerbusch, nee nee.
So alleine bin ich ja nicht, meinte er, ich habe ja noch den Hugo-
"Hugo"?
In diesem Moment hob etwas die Tischdecke an und streckte ihr die feuchte Nase entgegen..
Ach du Schreck, was fuer ein Brummer - wohl ein ganz lieber?
Wie man es nimmt- er hat seine Macken- wie der Herr..
Der Lacher war sicher.
Wenn sie so lachte, sah sie sehr viel juenger und frischer aus,
ging es ihm durch den Kopf.
Der Hund bekam den letzten Bissen, den er dankbar nahm.
Der Runkler lud die Jule ein, mal vorbei zu schauen um das Einsiedler-Leben zu sehen.
Ohne Strom? Ohne Auto? Ohne Heizung? Ohne Zeitung? Ich bin gespannt.
Nun muss ich noch zum Metzger, sonst macht der Mittagspause
und ich muss noch einmal die vier Kilometer in die Stadt gehen.
Gemeinsam gingen sie noch ein Stueck und erzaehlten sich von frueheren Zeiten,
von der Schule und dem "ollen Musiklehrer"

Er hat sich diesmal gut mit geraeucherter Wurst eingedeckt,
die man unter die Decke haengen kann,
Butter und Pfeffer, eben was man daheim nicht selbst machen kann
gab es unweit im Lebensmittelladen.
Ein Gummiband und Naehnadel und Zwirn, Eukalyptus-Oel und Heftplaster.
Der Hund trottete brav mit und war auch vor den Laeden ruhig davor gesessen,
ohne sich weg zu ruehren.

Unterweg nach Hause ging es ruhig und beschaulich zu,
er ueberdachte die Details des kleinen freundlichen Treffs,
und wie er die Jule bei sich daheim ueberraschen koennte.
Er bueckte sich nach ein paar Margeriten, um sie sich an den Hut zu stecken.
Dann pflueckte er einen duerren Ast- um diesen langsam zwischen den Fingern
in kleine Stuecke zu zerknicken, solange der Gedanke im Kopf war.
Die Dinkelplaetzchen waren sein Favorit, mit getrockneten Waldbeeren und Honig gemacht, ja,
das wollte er vorsetzen und frischen Pfefferminz-Tee, aus seinem eigenen Anbau.

Ein paar Schulkinder zogen groehlend an ihm vorbei uns spotteten:
Runkel Ruebe Rupfmaschin, der alte Runkler der faellt auch bald hin..
Er ging an der Bushaltestelle vorbei, wo Multikulti-Toene
von rabenschwarzen und braunen Kindern erklangen -
alle Gruppen hatten eines gemein:
Smartphones, auf denen sie unablaessig tippten.
Zeiten sind das, murmelte er, wer hat das verbrochen, was soll aus den Kindern einmal werden?
Aufgepasst! Fast waere er von einer Mutti im SUV ueber den Haufen gefahren worden -
gerade noch vom Handy auf die Strasse geschaut, hat sie in letzter Sekunde das Steuer herum gerissen.
Ein Cabrio mit einem dicken jungen Mann darin raste vorbei,
bei donnerndem Bass des Autoradios und lautem Auspuff - Geboller.
Dann kamen auch schon die ersten Vaeter von der Arbeit zurueck - wieder Geboller,
so dass die Luft richtig vibrierte und der Hund erschrocken zurueck wich.
So ein Fussgaenger muss immer auf dem Sprung sein, sonst wird er platt gefahren!
Flopp - einer der Jungs mit dem Kaeppi nach hinten und besonders "cooler" Aufmachung
rotzte vor im auf den Gehsteig.
Was guggst du Alter?
So manche Wand war besprueht worden mit seltsamen Figuren und Parolen,
Abfaelle neben dem Abfalleimer, "Kids" hockten auf der Lehne der Bank,
mit den Fuessen auf der Sitzflaeche.
Der Runkler war immer heilfroh, wenn er die Stadt hinter sich gelassen
und auf das freie Feld eingeschwenkt hatte.
Die Feldwege waren viel sicherer und stiller -
bis zum Schotterweg war es nicht mehr weit, nur noch bis an das Waeldchen,
dann dort hindurch und auf der anderen Seite war sein verstecktes Daheim.
Trautes Heim, Glueck allein.
Zuhause wurde die Beute an den richtigen Platz getan,
etwas Holz in den Ofen geschoben und die Fuesse hoch gelegt.

Lange waren Herr und Hund nicht mehr wach, sie gingen frueh schlafen, so ein Stadtbesuch strengt an.
Schon die vielen fremden Eindruecke, die geschaeftigen Menschen und die zuweilen seltsamen Kinder,
der verrueckte Strassenverkehr, aber auch die feinen Laeden mit dem verwirrenden Angebot.
Davon musste man erst einmal den Kopf frei bekommen, damit das Einschlafen ueberhaupt ging..

Am naechsten Morgen gab es erst einmal frisch gebackene 1/4 Pfuenderli,
wie er die zu dicken und zu schweren "Broetchen" nannte,
deren Rezept irgendwann aus der Gegend von Interlaken mitgebracht wurde.
Ja, die Schweizer verstehen es, gut satt zu werden!
Dazu ein mittelweich gekochtes Ei - nach Sanduhr.
Gute Butter, die er aus der Stadt mitgebracht und im Erdkeller aufbewahrt -
denn einen Kuehlschrank, den hatte er nicht.
Die Honigbienchen waren letzte Saison besonders fleissig gewesen,
Honig ist immer der edelste Broetchenbelag.
Das Wort vom "Waldbluetenhonig" ist hier sehr greifbar umgesetzt.
"Wenn die Romane mal nicht mehr laufen, baue ich die Imkerei aus"
dachte er jedesmal, wenn er herzhaft ins ein solches Fruehstueck einstieg.
Die Backroehre des alten Ofens - fast schon ein Herd - war immer noch funktionsfaehig.
Deutsche Wertarbeit aus dem Westerwald - die geht nicht kaputt!
Der Broetchengeruch lag noch in dem Raum, als es an der Tuer klopfte..
Ein Glueck, dass ich mich schon fertig gemacht habe, als die Broetchen im Ofen waren!
Herrrrein wenns kein Schneider ist !
Rief er aus, wie immer.
Guten Morgen Runkler, ich hoffe ich stoere nicht..
Jule ! So frueh schon auf den Beinen!
Ich habe gestern auf dem Weg aus der Stadt ein Blatt in Maschinenschrift
auf dem Buergersteig gefunden und dachte schon,
dass es ein Blatt deiner Manuskripte sein koennte und hob es auf.
Es war ein Bericht der Stadtkaemmerei mit dem Aufdruck "Vertraulich".
Rund umher lagen noch mehr dieser Papiere im Rinnstein und im Gebuesch,
die sind wohl bei der Leerung der blauen Tonne heraus geflogen.
Ungewoehnlich sind die handschriftlichen Bemerkungen auf der Rueckseite der Blaetter.
"Sehr interessant, aber setz dich doch erst mal und iss etwas mit
ich koche dir auch ein besonders leckeres Fruehstuecksei!"
Einen Instand-Kaffee hat er geschwind fertig, der Ofen bollerte ja noch.
Ein Wasserkessel stand immer auf der Platte- mal an der Seite, mal auf den Ringen,
wo das Wasser schneller kochte, als mit einem Elektro-Ding gemacht.
Oh, das geht aber fix.
Jule war begeistert von der wohligen Waerme und der seltsam vertrauten Art des Lebens ohne Strom.
"Was hast du denn fuer seltsame Tapeten" grinste sie -
das schaut ja nach einer richtigen Sammlung von Behoerdenschreiben aus..
"Als ich heute Morgen aufgestanden bin, kam im Radio eine Sendung;
Hand in Hand gegen Rassismus, wo fuer Auslaender geworben wurde"
Sie fuhr fort:
"Diese Reklamemacher haben wohl noch nie einen Abend in der Stadt erlebt.."
Wieso, das verstehe ich nicht, meinte der Runkler.
"Nun, dann kommen sie alle aus ihren Behausungen und nehmen die Stadt fuer sich ein,
Einheimische werden angepoepelt und belaestigt, die Strassenverkehrsordnung
hat dann ihre Gueltigkeit verloren und niemand schreitet dagegen ein..
.. wie in Aleppo oder Tunis, da geht es richtig zur Sache, lautstark in fremden Sprachen-
die einheimischen Mieter haben sich zwar beschwert, weil sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen,
Radio oder Fernseher lauter drehen muessen oder nicht einschlafen koennen.
Die Stadt will davon nichts hoeren und wissen, weil dieser Zuzug gewuenscht ist."
Abends, wieso nur Abends, tagsueber war davon nicht viel zu spueren?
Die Strassenlaternen brennen und machen alles taghell, aber das bekommst du hier draussen ja nicht mit,
meinte die Jule trocken und leise.
Inzwischen war das Fruehstueck fertig- das sie mit Verwunderung kommentierte:
Alles ohne Strom und ohne moderne Hilfsmittel- kaum zu glauben.
"Ich bin froh, weiter draussen am Stadtrand zu wohnen,
die Freunde in den Mietwohnungen der Innenstadt sind verzweifelt,
weil man ihnen den Wohnwert geklaut hat.
Die neuen Mitbewohner drohen bei Klagen den Mitmietern unverholen mit der Faust."
Das hoert sich nach dem wilden Sueden an, meinte der Runkler,
was sind denn das fuer Papiere, die du gefunden hast?

"Bericht ueber die Taetigkeit der Ortspolizei im Kontext zur Migration"
"Straftatenstatistik, nur fuer den internen Gebrauch"
"Gefahr durch mafiosen Verbindungen durch Schutzgelderpressung div. Gewerbetreibender"
"Resultat der Ausscheibung fuer das neue Hallenbad, nur fuer den internen Gebrauch"

Der Runkler pfiff leise durch die Zaehne - das waere ein phantastisches Material fuer den naechsten Roman!
Mit etwas Recherche und mit Jules "Spionagetaetigkeit" in der Innenstadt kaeme dabei wohl genug zusammen.

Du verstehst wohl, dass ich dir zwar helfen will, aber diesen Roman nicht selbst schreiben moechte?
Sie nickte und wussste wohl, dass er keine religioesen und politischen Themen anfassen wollte.
Sie brachte darum immer ihren "Laptop" mit zusaetzlichem Accu mit - Strom zum Aufladen gab es ja nicht..
So tippen die beiden Leute eintraechtig nebeneinander -
der eine in die Computertastatur, der andere in die alte Schreibmaschine.
Aber nur bei schlechtem Wetter, denn eilig waren die Romane nie -
draussen war alles viel spannender:
Ausgiebige Gaenge in der freien Natur, mit Hund und Rucksack waren viel wichtiger.
Er zeigte ihr seine Faehigkeiten, sie tat es im umgekehrten Sinn mit den ihren.
So lernt man leicht und hat nochmal Spass dabei.

Die Zeit verflog geradezu, man hatte sich so viel zu erzaehlen, ganze Lebenslaeufe und Lebenserfahrungen
liesen TV und Rundfunk und Zeitung ganz vergessen.
Ihr Abo des Kaeseblattes hat sie aber beibeihalten und die Tageszeitung immer mitgebracht.
Das hat der Runkler mit Interesse gelesen.

Die Tage in der alten Huette waren wunderschoene Sonnentage, auch wenn es regnete wie aus Kuebeln.
Mit dem Hund und der vertrauten Unterhaltung, mit etwas Kochen und Schreiben verging die Zeit wie im Flug.
Wir haben laengst das Paradies erreicht, da waren sich beide Alten sicher.
Harmonie geht also auch ohne Heirat und ohne irgendwelche anderen Leute.

Als sie so bei der Jaegersuppe zusammen hockten, fiel der Jule ein:
Wir koennten ein neues Regal gebrauchen, die Tassen und Teller sind in der Kiste nicht so toll
untergebracht, auch wenn das bis jetzt ganz praktisch war.
Er, der Runkler, brummte etwas in den Bart, der Hund brummte mit -
nun gut, wenn du meinst..
(So ist das immer, wenn Frauen sich etwas in den Kopf gesetzt haben)

Er suchte nach einem Brett, das leicht gefunden war und bekam die Anweisung,
wo das Ding angebracht werden sollte.
Hinter dem Ofen - unter dem Rohr, da ist ein guter Platz und alles ist griffbereit,
meinte Jule.
Er fackelte nicht lange und schraubte ein L-Brett zusammen-
als er das anbringen wollte, broeselte der Putz ab und ein Hohlraum in der Wand trat zutage..
Was ist denn das schon wieder fuer ein Mist!
Der Runkler fluchte manchmal wie ein Kutscher..
"Hol doch bitte mal den Eimer, Handfeger und die Schaufel."
Was unter dem Putz sichtbar wurde, war ein Mini-Wandschrank,
ueber den man einfach eine duenne Holzplatte gesetzt hatte,
die dann grob uebertapetiert wurde.
Dieses Wandschraenkchen behinhaltete ein paar schmale, laengliche Buechlein, die wohl schon recht alt waren:
Weder die Form noch die Aufmachung ist heute noch im Schreibwarenladen zu finden.
Darunter ein Tintenfaesschen mit Feder und Kiel und ein Loescher.
Was ist denn das schon wieder, entfuhr es dem Runkler, als die Jule sofort danach griff.
"Das sind Tagebuecher!"
Das erste staubige Buechlein begann mit einer in Suetterlin geschriebenen Steilschrift,
die kaligraphisch war:
"Das Jahr 1881 beginnt mit dem Einzug in unsere neue Behausung,
die der guetige Fuerst uns mit meiner Taetigkeit als Forstgehilfe zur freien Bewohnung ueberlies.
Schon bald kam der Eintrag:

"Es war noch kalt im Forst, als ich meinen Rundgang machte und das Holz sondierte, das
am morgigen Tag mit dem Trupp geschlagen werden sollte.
14 Festmeter sollten es sein, speziell Birke.
Da vernahm ich ein Jammern und rufen im dichten Holz-
was sich bald ein das Klagen eines kleinen Jungen zeigte,
der in eines dieser verflixten Erdloecher eingebrochen war,
schlecht zugeschuettete Tagebau-Gruben, wie sie ueberall noch gang und gaebe sind.
So zog ich den Kleinen aus dem Loch, brachte ihn in unsere Huette, wusch und trocknete ihn,
gab ihm von unserem Haferschleim- Sueppchen und etwas heissen Tee.
Meine Frau eilte zum Fuersten hinaus, um ihm schnellstens Bescheid zu geben,
dass sein Soehnchen gefunden wurde, das seit zwei Tagen spurlos verschwunden war.
Die Kutsche kam in Eiltempo angebraust, mit meiner Frau, dem Kutscher,
dem Jagdaufseher und dem Fuersten hoechstpersoenlich darin!
Er war so froh um diese Rettung,
dass er ganz spontan zweitausend Quadratmeter dieses Grundes und das Haeuschen schenkte.
Die Urkunde kam bald ins Haus und ist in diesem Tagebuch zu finden."

Erschuettert legten sie das Buechlein weg- ach du Schreck, das ist ja ein richtig spannendes Ding!

Nun ist die Erbsensuppe fertig, mit Doerrfleisch darin,
nach alter Hausmannsart gemacht.
Die derben Steingut-Teller standen schon parat, der Hundenapf ebenso - hier wird geteilt!
Draussen stuermte der nasse Papp-Schnee gegen die kleinen Fensterchen,
der Ofen war gut warm, ein paar Seite lagen an der Seite im Korb-
wie immer in all den Jahren.
Neben dem Ofen hinten die Kraeuter zum Trocknen an der Decke,
ein paar Zoepfe Knoblauch und Zwiebeln an der kuehleren Ecke des Raumes.
Dieses Jahr sollten Knoblauch und Zwiebeln erst nach dem gruendlichen Abtrocknen in den Erdkeller.
Die Kartoffel-Ernte war recht gut ausgefallen, wie auch das Kraut und die Rueben in div. Sorten.
Morgen mache ich uns mal wieder Eier in Senfsauce mit Salzkartoffeln,
das hat mein Mann immer so gerne gegessen..
Der Runkler brummte- "gern" - er futterte alles gerne, was er nicht selbst kochen musste.
Man weiss nie, was so ein Hund mitbekommt- auf jeden Fall meine ich gesehen zu haben,
dass er die Zunge etwas vorgestreckt und dann wieder eingezogen hat..

Nach dem Mittag-Schlaefchen sollte die Schreiberei wieder weiter gefuehrt werden.
Es donnerte und krachte- ein Gewitter, mitten im Winter ist schon seltsam.
Die Jule hatte keine Ruhe und las noch in dem Tagebuch des Urgrossvaters:
"Ein Priester kam bei unserem Haeuschen vorbei und segnete dieses umstaendlich,
aber nicht ohne eine Belohnung dafuer einzustreichen - den Preis dafuer hat er VOR der Segnung genannt!
Diese schraegen Fuechse wissen, wie man ohne Arbeit durchs Leben kommt, das darf man wohl sagen."

Jule musste schmunzeln, sie hatte eine aehnliche Meinung
zu diesen Parasiten der Menschheit, die schon frueh in der Evolution aufgetaucht sind.
"Der Fuerst war wie ausgewechselt zu mir, wenn man den man zu Gesicht bekam,
was selten und meisten nur bei der Jagd stattfand,
wo ich unter den Treibern war oder sein musste - es war ein Teil meiner Anstellung.
Meine Frau Uthe hat unser zweites Kind bekommen, ihre Hoffnung,
nachdem die Tochter nach der Geburt bereits verstorben war.
Der kleine Junge wird bestimmt mal ein guter Waldarbeiter, so stramm wie der ausschaut!"
Es standen noch viele Nebensaechlichkeiten in diesem Tagebuch,
z.B. wenn die Erdbeeren mal bis in den November bluehten
oder der Frost besonders frueh kam oder die Glocken vor einem Sturm laeuteten.
Die Zeiten waren fuer arme Leute immer arm, sie hatten nichts zu lachen
und mussten sich arg nach der Decke strecken,
jeden Pfennig zweimal umdrehen, bevor dieser ausgegeben wurde.
Der Urgrossvater hatte das grosse Glueck der Anstellung als Forstgehilfe,
was auch den Leseschein kostenfrei hielt,
den andere Leute bezahlen mussten und Ruhe vor dem allgegenwaertigen Feldschuetz,
der jeden gnadenlos anzeigte,
der etwas Gras vom Wald- oder Feldrand absichelte, um das der Ziege oder Federvieh daheim zu verfuettern.
"Neulich trieb dieser knollennasige Grobian eine Bucklige vor sich her,
die einen Sack frisches Gras auf dem Ruecken trug,
vermutlich wird sie fuer einen oder zwei Tage ins Loch kommen,
weil sie das schon oefter gemacht hat."
Der Pfarrer zeigt jeden an, der am Sonntag etwas arbeitet und meldet jeden,
der nicht in die Kirche kommt,
dem Doktor, der ihm dann sagt, ob jener krank ist oder einfach geschwaenzt hat"
Jule schlucke mal kurz, bevor sie weiter las:
"Diese Honoratioren treffen sich nach der Kirche im Gruenen Kranz am Stammtisch,
wo auch der Schultheiss und der neue Fabrikdirektor und der Schulleiter zu finden war.
Als ich neulich dort beim Wirt getrockneten Waldmeister abgeliefert habe,
nahm ich folgende Begegnung wahr:
Der Schultheiss rief zu dem Maurer-Willi, der an der Theke hockte und sein Bier trank -:
He, du Faulpelz und Suffkopp- was hockst du an der Theke
und daheim sitzt die Frau und muss die Windeln deiner Kinder waschen und das Essen kochen,
damit du sie in Ruhe laesst..
hast du ihr nicht gesagt, du gehst in die Kirche?
Ich glaube es wird Zeit, dass ich mal mit deinem Meister, dem Herrmann spreche!"

Kleine Leute galten damals nichts, manchmal weniger als das liebe Vieh, dachte Jule.
Der Urgrossvater hat noch Namenstage und Geburtstage und Konfirmationen und aehnliches eingetragen,
von Ernte-Ergebnissen und vom Wetter, bis dann die Stelle mit dem ploetzlichen Tod seiner Frau kam.
Sein Sohn war schon gross und hatte die Stelle im Saegewerk angetreten,
von wo er einen guten Lohn mit nach Hause brachte.
Dieses Buechlein endete recht grob, mitten im Satz:
"Heute ist es nass und kalt, ich war den ganzen Tag im Wald, obwohl mir das Atmen immer schwerer faellt.."
Dann folgten leere Seiten bis zum Einband.
Der Grossvater des Runklers fuehrte das naechste Tagebuch,
das wohl in der gleichen Handlung gekauft worden war.
Zumindest sah es ganz genau so aus wie das erste.
Die erste Seite begann so:
"Ich bin nach der Beerdigung meines Vaters in das kleine Haeuschen im Wald gezogen, das ich geerbt habe.
nun muss ich wenigstens keine Miete mehr zahlen, der Fuerst hatte nichts dagegen- im Gegenteil,
ich habe den Posten meines Vaters bekommen, welchen ich freilich nicht abgelehnt habe.."
Der junge Mann war kundig in allem, was Holz anbelangte
und musste nur noch die Taetigkeit als Treiber lernen,
wo er schon einiges von seinem Vater wusste.
Inzwischen war der Runkler von seiner alten Couch aufgestanden, die er auch als Bettstatt nutzte-
sein Bett war ja durch die Jule besetzt und breit genug fuer zwei war das nicht -
zu grosse Naehe wollten beide nicht,
dafuer fuehlten sie sich auch schon zu alt.
Na, bist du immer noch an den ollen Buechern?
Von wegen "olle Buecher", die sind spannender als ein Krimi, das sag ich dir!
So die spontane Antwort der Jule.
Ich mache uns erst mal einen Kaffee, so lange kannst du ruhig weiter lesen..

Sie kam gerade an die Stelle im Tagebuch des Grossvaters, wo dieser von einem seltsamen Vorfall berichtete:
Vom Krieg haben wir hier nicht viel gesehen, der Fuerst hat mich als unentbehrlich gemeldet.
Ich war an der "Heimatfront" eingesetzt und habe geholfen Munition herzustellen, die damals
in der Burg gefertigt wurde.
Viele meiner Schulkameraden sind nicht mehr vom Einsatz zurueck gekommen.
Am Ende dieses irrsinnigen Krieges, den unser Land nicht haben wollte und
auf den es auch nicht vorbereitet war, war das Tal der Traenen.
Die Oesterreicher haben ueber den Verteidigungsminister den Beistandspakt angefordert,
dem sofort nachgekommen wurde, ohne das Parlament zu fragen.
Diese Adelshalunken, sie haben das Land kaputt gemacht,
die ganze Stadt war kaputt, ueberall verstuemmelte Leute,
Hass fremder Soldaten und Wut gegen die Bevoelkerung.
Aufgehetzt durch Lehrer und Pfarrer sind sie mit Hurrarufen zu den Fahnen geeilt,
als "der Kaiser rief", kamen alle.
Am Ende des Krieges war Not und Hunger in unserem schoenen Land.
Der Fuerst ritt als stolzer Offizier hoch zu Ross ins Feld und kam als Invalide
zurueck, gebrochen und krank an Koerper und Geist.
Wir waren nicht auf einen Krieg vorbereitet.
Wir beide arbeiteten noch immer in der Burg, nun aber beim Raeumkommando,
das ueberall Munition und Geschosshuelsen einsammelte,
sowie Blindgaenger - ein Kapitel, das einigen Kameraden an der Heimatfront das Leben kostete.
Jedes Feld wurde durchsucht und auch im Wald fanden wir viele Reste des Krieges:
Die einen kamen auf den Soldatenfriedhof, die anderen wurden zum Einschmelzen abgeholt.
Wir hatten das Glueck nur am Rande der grossen Schlachten waren.
Nach und nach ging es besser und unser Sohn kam zur Welt.
Gut, dass wir unseren Garten hatten, der hat viel geholfen.
Den Erdkeller hat keiner gefunden, ein Gottesglueck.
Die Huehner haben sie uns weggefressen.
Das Dach des Hauses ist durch die Druckwelle so beschaedigt worden,
Dass ich die Giebel kurzerhand abgeraeumt habe und ein Flachdach ueber die Geschossdecke zimmerte.
Es flog ja genug Blech herum, das liegt nun in Doppellage als unser Dach auf dem Haus.

Nach dem Krieg ging es aufwaerts, aber nicht so richtig und ueberall lungerten Arbeitslose herum.
Aus den Staedten kamen sie und pluenderten die Ernte auf dem Land.
Es wurden seltsame Parteien gegruendet, die Besserung versprachen.
Ueberall hoerte man seltsame Reden in den neuen Volksempfaengern,
die zuerst in der Wirtschaften und Kneipen standen.
Man jubelte einem Oesterreicher zu - verdammt, wieder Oesterreich,
da kam doch noch nie was Gutes her!
Und so kam es auch.
Fahnen, Aufrufe, Aufmaersche, wieder Militaer.
Unser Sohn war gerade erwachsen, als er eingezogen wurde.
Wir bekamen Postkarten aus dem Ausbildungslager, dann aus Suedfrankreich.
Nun habe auch ich einen Einberufungsbefehl bekommen und gehe bald nach Hannover zur Einheit.

Jule stockte der Atem.
"Warum geht das Buch hier nicht weiter? Die restlichen Seiten sind leer!"
Der Runkler antwortete:
Mutter konnte nicht gut schreiben, aber Vater ist nie wieder aufgetaucht,
sie bekam nicht mal eine Benachrichtigung.
Eines Tages, so hat sie mir erzaehlt, bekam er Heimaturlaub und da bin ich wohl zustande gekommen.
Sie schwaermte noch lange von den feinen Sachen, die er aus Frankreich mitgebracht hat.
Mutter hatte es nicht leicht, sie musste uns beide ernaehren
und noch laengere Zeit meine Grossmutter pflegen.
Sie ging in der Gemeindeverwaltung der Stadt putzen und half in einer Waescherei.
Durch den Garten, den sie auch noch betrieb, kamen wir recht gut ueber die Runden.
Ich war dann bald in den Diensten des Foersters, wie alle meine Vorfahren.

Jule bruehte nochmal einen Instandkaffee auf, schnitt eines der "Viertelfuenderli" auf,
strich Butter darauf und Honig..
Du meine Guete, murmelte sie, was fuer ein Leben!
Wer weiss, wo uns die heutigen Herrscher hinein reiten, wenn ich mich so in der Stadt umsehe,
kommt mir das kalte Grausen.
Ueberall fremde Leute, Abfall, Diebstaehle und Einbrueche.
Da bleiben wir beide lieber bis ans Ende unserer Tage hier im Dickicht - was?
"Das moechte ich meinen"
Was wir denken und fuehlen interessiert niemanden, ob wir leben oder sterben ebenfalls nicht.
Lass und ein wenig durch den Wald gehen und die Seele erfrischen,
was nach dieser Lektuere dringend noetig ist, meinte Jule.
Der Hund ist sehr alt geworden und eines Tages vom neuen jungen Jagdpaechter erschossen worden,
der ihn fuer ein Reh gehalten hat, nur wenige Meter hinter der Hecke.

Die beiden Alten haben eine Buergerinitiative ins Leben gerufen,
die sich mit dem Erhalt der Heimat und mit dem Erhalt der Mundart abgab.
Grossen Erfolg hatten sie nicht damit.
Die Politik brachte sie zu der Erkenntnis,
dass auch heute wieder die gleichen Leute wie frueher mit ihren Versprechen dabei waren.
Hinterruecks haben sie Geld eingesteckt und vorne etwas ganz anderes versprochen.
Wie zu allen Zeiten waren die gleichen aalglatten Typen dabei die Menschen zu verarschen.
Nach dieser kurzen Episode sich einzubringen, wie man so schoen sagt,
zogen sie sich wieder zurueck in ihr Gebuesch..
..heilfroh, der Falschheit und dem Getrubel entkommen zu sein.

Von nun an verstand Jule ganz genau,
warum sich der Runkler die ganzen Jahre zuvor zu verhalten hat,
von allen Dingen die Nase voll hatte.
Voll von den Schleimern, den Kriechern und Wadenbeissern.

Jule hat ihren Skandal-Roman oder Enthuellung ueber den Bruder des Runklers verlegen koennen.
Dieses Buch hat sich gut verkauft und fuer einigen Wirbel gesorgt,
obwohl sie ausdruecklich die skandaltraechtigen Dinge als "rein fiktiv" vorgestellt hat.
Es war ein Riesending, das ueberall in der Presse vorgestellt wurde.
Ein paar Leute in der Stadt drohten ihr unverholen und sie bekam auch unverschaemte Briefe,
im E-Mail-Account kamen immer wieder persoenliche Diffamierungen an,
der Zaun ihres Anwesens war schon mal eingetreten, der Briefkasten herabgerissen..

Im Alter sind die Beiden zusammengezogen in das Haeuschen ohne Strom,
ein paar Jahre haben sie zusammen verbracht, in aller Stille und Bescheidenheit.
Offiziell wohnte sie noch bei ihren Kindern im Alters-Aushalt, dort kam auch die Post an.
So war sie frei von Spam und Nachstellungen und hatte ihre Ruhe
und die Enkel ein zusaetzliches Zimmer im Haus.
Jule lernte viel ueber Kraeuter und der Runkler viel ueber Rosen -
nun war auch dort ein Rosenbeet entstanden, das war doch klar!
Als die Beiden starben, man darf das so sagen, weil dem Runkler schnell die Jule folgte,
als wolle sie es so, kam das Gelaende in das Vorkaufsrecht der Stadt,
die alles abgeraeumt hat und "rekultiviert" als Feuchtgebiet den Molchen und Lurchen ueberlassen..
Ausser den Hollerbueschen und dem Trampelpfad erinnerte nichts mehr an ein Anwesen-
aus dem Erdkeller haben sie einen Froschtuempel gemacht.

Was jedoch blieb, das waren die Romane im Antiquariat,
nachdem sie in der Buecherei als "alt" aussortiert worden sind.
Die Zeit frisst ihre eigenen Kinder, die Enkel der Jule hatten sowieso "keinen Draht zu den Alten",
sie zogen in die Stadt und das Haus am Stadtrand war auch bald verkauft an.. Albaner,
wo bald alles vergammelte und die Frau mit Kopftuch auf
ihre traditionelle Weise Stangenbohnen zog,
wo frueher die Rosen waren.
Das Haus verfiel zusehens, wie es eben so im Sueden ausschaut.
Jules Tochter und Schwiegersohn sind frueh gestorben, sie arbeiteten in einem Chemielabor -
was freilich keinerlei Zusammenhang hat, wie man betonte.
Das Erbe haben die Enkel zum Kauf von Wohneigentum in einem Wohnblock verbraucht.
Hier verliert sich die Geschichte..
..wenn heute dort nochmal einer vorbei schaut, dann sind es verirrte Wanderer
oder einer dieser seltsamen studierten Umweltschuetzer.
Bald hatte die Wildnis alles ueberwuchert, auch den kuenstlich angelegten Tuempel.
Totholz und Feuchtwiese, ein paar geschuetzte Pflanzenarten und ein paar sparsame Voegelchen.
Das Waeldchen wurde abgeholzt und biologisch wertvoll wieder aufgeforstet,
der Schotterweg wurde fuer den Verkehr gesperrt.
Der Bruder des Runklers blieb bis ins hohe Alter im Verlag,
wo er seinem Sohn bei den taeglichen Geschaeften half.
Wo die Tagebuecher geblieben sind?
Ich weiss es nicht.
Vermutlich sind sie wieder an ihre alte Stelle hinter dem Ofen in der Wand gekommen-
somit waeren sie dem Bulldozer zum Opfer gefallen.
Die kleine Stadt war inzwischen "bunt" geworden, wie der Buergermeister stolz verkuendete -
und "unter den Schutzschirm" des Landes geraten, weil einfach zu viele Soziallasten entstanden.
Danach, so hoert man, sollen die ersten Fremden wieder weggezogen sein -
wie ein Heuschrecken-Schwarm.

***

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