Landfotografie







Exkursion "Geschichtliches", 8. Teil



Altenkirchen hatte 1843 rund 2333 Morgen Gemeindegroesse, 83 Haeuser,
121 Familien und 470 Bewohner,die evangelisch waren.
Vom Bistum Fulda kamen sie an das Fuerstentum Solms, von da zum selben nach Nassau.
(Der ganze Ort mit Mann und Maus)
Die Gerichtsstaette war im Moenchshof Hausen.
Die Kirche ist aus dem Jahre 912 und wurde noch von Fulda aus errichtet.
Weilmuenster und die Burg Grebenhausen spielten auch noch ihre Rollen,
die uns hier aber nicht zu stoeren brauchen, weil es um die Ortschronik geht.
Eine Erhebung, die Kanzel, welche die Form einer Felsenplatte hat,
zwischen Altenkirchen und Neukirchen geht die Sage um die Bonifazius-Eiche.
Wenige "Heiden-Hoefe" standen hier, noch kein Dorf.
Hier erzaehlte der Missionar -eher einer seiner Mitlaeufer- von dem alleinigen Gott und seinen Taten,
bekehrte viele und pflanzte eine Eiche und lies
(selbst wird er das wohl nicht getan haben)
eine erste Kirche bei der Siedlung errichten, die heute jedoch nicht mehr steht.
Die Jahrhunderte vergingen, als 1517 Luther seine 95 Thesen an die Kirchentuer Wittenbergs schlug.
Angefeuert von den Zustaenden der katholischen Kirche fand er viele Anhaenger zur Erneuerung der Kirche.
(Die sich spaeter als ebenso verkrustet zeigte- aber nicht in Richtung Maria und Blut,
sondern in Richtung Amtsstube mit gleichem Gebimmel und gleichen irren Eiferern.)
Man kreidete den "Baalsdienst" des Klosters Pfannstiel an,
(ich schrieb schon darueber) wo mit dem Tod fleissig Geschaefte gemacht sein sollen.
Die "Zustaende in der Stiftsschule und Wunderglauben" wollte man bekaempfen-
ob mit "Zustaende" evtl. so etwas wie die Missbrauchsskandale durch Priester
oder Privatschulen angedacht war, will man heute wohl nicht mehr so genau wissen,
denn auch unsere neue Zeit ist -wenn man die Nachrichten beachten-
mit schraegen Priestern dabei, die Kinder zu gefaehrden.
1526 ging der Reformator-Eiferer Erhard Schnepf nach Weilburg, den Graf Philip nach Kraeften unterstuetzte:
So gab es genug Druck auf die Bevoelkerung in einer neuen Richtung fromm zu werden.

Philippstein, ein Nachbarort Altenkirchens, liegt so versteckt in einem Seitental mit Oeffnung nach Braunfels,
dass man diesen Ort wohl oft uebersehen hat;
So mancher Kriegszug ging daran vorbei, weil die wichtige Strasse auf der Hoehe verlaeuft,
um Weilburg und Braunfels zu verbinden.
Vermutlich sind auch deshalb die Kirchenbuecher erhalten und.. in der Kirche verblieben,
waehrend andere Kirchen die uralten Waelzer nach Darmstadt zum Zentralarchiv geschickt haben
um diese auf Mikrofilm zu bannen und dann dort gesichert einzulagern.
Ich hatte das unerhoerte Glueck, in div. Kirchen der Gegend noch die Originale durchblaettern zu duerfen,
um meine kl. Familienchronik zu vervollstaendigen.
Es macht schon ehrfurchtsvoll, wenn man die schweren, dicken und grossen Ledereinbaende in der Hand haelt,
die auch noch einen eigenen Geruch verstroemen.
Inwendig hellbraune dicke Blaetter mit einigen Kaffee- und Tintenflecken, zerschlagene Fliegen,
Brot- oder Kuchenkruemel.. steht mit manchmal zittriger alter Schrift, manchmal in Latein,
vieles ueber die Bevoelkerung der damaligen Zeit.
Zuweilen waren auch noch persoenliche oder autobiographische Anmerkungen des Pfarrers dabei.
Kurz nach meinen Recherchen zur Familiengeschichte in den Pfarraemter ging
dieses Stoebern schon nicht mehr, diese Zeiten sind definitiv vorbei.
Noch im Jahr 1998 waren im Pfarrarchiv 33 Kirchenbuecher, 16 Zivilstandsregister
und 12 Namensverzeichnisse (Registerbaende) - bis 1817, danach
waren drei Baende der Kirchenchronik - der letzte 1994 begonnen - vorhanden.
Das aelteste Buch von 1606-1629 wurde in der Neuzeit leider schlecht restauriert,
ist darum nicht mehr gut lesbar - ausgerechnet das Buch mit hebraeischen Schriften versehen Umschlag.
Als Philippstein und Altenkirchen eigene Pfarreien erhielten, gab es in einem Band Getaufte,
Konfirmierte, Corpulierte und Gestorbene.
Ein Buch von 1629-1656 fehlt, das ist wohl im 30j. Krieg abhanden gekommen
oder man hat ganz einfach nichts mehr in ein Buch eintragen koennen,
was viele Ursachen gehabt haben koennte:
Kein Pfarrer im Ort oder kein Material fuer ein Buch vorhanden
oder es wurde als Heizmaterial gebraucht oder ist irgendwo versteckt worden..
Das Buch fuer 1740 - 1771 war in schwerem, weissen Schweinsleder gebunden.
In einer Limburger Chronik findet man Notizen ueber die Erbauung der Philippsteiner Burg
1390 durch den Grafen Philipp von Nassau und Merenberg,
sowie Notizen ueber die Burgen Elkerhausen und Graeveneck und Greifenstein.

"Ich Johann christian Reinhard Luja bin in Wiesbaden geboren, am 16.4.1767, an einem Gruendonnerstag ..
..mein Vater war damals Cantor in Wiesbaden.
Lt. unserer Stammtafel, die bis 1500 zurueck geht, waren alle Vorfahren meines Vaters theils Juristen,
Mediciner in Dresden, Leipzig, Merseburg und Weissenfels etc.
Von muetterlicher Seite waren die Vorfahren Geistliche, so der Pfarrer Willkuehn in Sonnenberg,
der ins Clarenthaler Kirchenbuch schrieb:
Johann Wilhelm im Jahre 1680 auf dem Feld bei Sonnenberg, wo jetzt nur noch Mauerreste stehen
und wo ein Todtenhof angelegt ist, war damals die Kirche in der er seinen Dienst verrichtete.
Einst im Winter bei tiefem Schnee wolle er in einen Mantel gehuellt, in diese Kirche gehen,
es begegnete ihm aber ein hungriger Wolf, der gerade auf ihn zulief.
Er warf seinen Mantel ueber ihn und rettete sich durch die Flucht,
waehrend der Wolf sich in den Mantel verwickelt hatte.. "

Immer wieder jammerten die Pfarrer ueber morsche, uralte Gemaeuer,
feucht und modrig, in denen sie wohnen mussten.
Damals wurden in der "Lahmekaut", der Lehmgrube, noch Backsteine hergestellt..

Damals lag man lange bei Krankheiten im Bett:
"..im Fruehjahr auf einer kleinen Reise, wobei ich fuer einen anderen Pfarrer predigte,
eine starke Erkaeltung zugezogen, in Folge derselben wurde ich ernstlich krank
und die Folgen derselbstn hatte ich 1/4 Jahr lang zu tragen."

"..jene Zeit war freilich auch durchzogen von wiederholten und lang andauernden Krankheiten,
Augenuebel, in folgedessen ich mal 1/2 Jahr lang zu Hause sein musste.."

"Aber trotzdem alles vergebend und vergessend,- setzte es mich auf den 11. April 1875 nach Vreden,
wohin ich dann bald meine liebe Braut als Frau heimfuehrte.
Dort wurde unser liebes herziges und einziges Kind,-
unsere vorm Jahr von dem Herrn in seinen schoenen Himmel aufgenommene, selige Emma, geboren am 21. April 1876.
Es war ein gar lieblich bluehendes, gesundes und kraeftiges und dabei gleichfalls
an Geiste so reich begabtes Maegdelein;
9 1/2 Jahr ist sie unsere Freud und Wonne gewesen.
Nur das hat uns getroestet und thut es immer wieder, dass wir je laenger je mehr gewiss geworden sind,
dass der Herr sie genommen,- uns hier zeitlich, um sie uns ewig aufzubewahren.
In diesem Glauben und mit dieser Hoffnung lehre Er uns selber immer mehr,
wenn auch jetzt noch mit schwerem und wehmuetigem Herzen, bekennen:
Er hat alles wohlgemacht."

"Freilich half auch der Herr - wenigstens die Herzensthueren mir aufthun,
und zwar durch seine harte und zuechtigende Hand in der furchtbaren Krankheit Diphteritis,-
an der hier 1883 - 25 Kinder gestorben sind, nachdem sie jahre vorher bereits arg
in Philippstein grassiert hatte."

"Aber kirchliches Leben ist ohne weiteres noch kein christliches!
das habe ich auch hier so vielfach und oft bitter erfahren muessen.
Ja das opus operatum lebt und wirkt auch noch mehr als man sich gegenwaertig haelt,
in der evangelischen Kirche:
man kommt zur Kirche, um dagewesen zu sein und geht, als wenn man nicht dagewesen,
- bedenkt es nicht, dass wie ueberhaupt alles Gottes Wort,
so auch die Predigt, die daraus hervorgegangen, uns gegeben und gehalten ist-,
nuetze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Zuechtigung in der Gerechtigkeit sein soll,
da kein Mensch Gottes so vollkommen, zu allem guten Werk geschickt.
Weil diee Erkenntis so gar nicht oder doch nur bei wenigen,-
in Fleisch und Blut uebergegangen ist, will man auch von den alten schlechten Sitten
und Gebraeuchen so ungern oder gar nicht lassen.
Aber der Spinnstubenunfug hat sich bisher nicht wollen bannen lassen;
wird hier eine aufgehoben, findet sich dort eine wieder zusammen.
Das macht es:
weil die Eltern selber dereinst in die Spinnstube gewesen, so kann's auch den Kindern nicht schaden.
Was soll ich noch lange und viel reden von dem schaedlichen und schaendlichen Wirthshauslaufen
und den mehr als minder furchtbaren Folgen des abscheulichen Branntweins,
diesem Zerstoerer so mancher Ehe und Familienlebens?
Gott wolle sich des Elends erbarmen, dessen auf diese Weise so viel zu Tage tritt
und die Bestrebungen des Vereines segnen, der gegen diesen schrecklichen Feind
der Menschheit auf den Kampfplatz seit einigen Jahren getreten ist."

Der Pfarrer wird noch deftiger:

"Freilich haengt der Erfolg viel davon ab, dass die Maenner,
die im oeffentlichen Leben diesen Kampf aufgenommen haben, einen Bundesgenossen an den Frauen,
wenn sie von der Arbeit kommen, das Haus gemuethlich machen und nicht,
wie es auch hier mal vielfach der Fall ist, unleidlich infolge Traegheit und Laessigkeit, Unordnung und Unreinigkeit,
acht Tage lang - und vielleicht noch laenger mit ungekaemmtem Haar herumlaufen,-
es notduerftig unter dem Kopftuch verdecken,- was doch nicht gelingt, -
wie kann sich der Mann da daheim wohnlich fuehlen?!"

"Leider war es mir nicht vergoennt, mein Jahr auszudienen- wegen eines hartnaeckigen Darmleidens
wurde ich nach 1/2 Jahre in die Heimat geschickt, wo die Krankheit zu einem schweren Thyphus sich entwickelte,
der mich dem Tode nahe brachte.
Mit Gottes Hilfe ueber alles Erwarten schnell hergestellt, konnte ich wieder nach erlangen zurueckkehren.. "

(Bei dieser ganzen Schreiberei faellt mir auf,
dass die Namen gerne mal ein wenig nachlaessig geschrieben werden - Philipstein statt Philippstein, -
so kann man sich die unterschiedliche Schreibweise von Familiennamen recht leicht erklaeren,
die dann - bis in alle Zeiten - so geblieben sind..
..und dann war eben doch der Umstand beim "gemeinen Volk" spuerbar, dass immer wieder
ge- und erpresst und mit Strafen verfolgt wurde, in die Kirche zu gehen.)

Der spaetere Kirchenpraesident Hild:
"Es wurde eine Pfarrstelle in Bottenborn, Biedenkopf frei, die ich 1912 auch bekam zuvor
hat er Gutes und auch manches Truebe erfahren.
Es herrschte aber dort, 500mtr ueber dem Meeresspiegel eine Kaelte,
die zuweilen unertraeglich war, und unter der meine Familie sehr litt.
Durch fruehere Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde, mit insgeheimen Abneigungen gegeneinander,
auch unter dem Eindruck des Krieges, sollte man das Vergangene nicht mehr hervor kramen.
Man sollte alles meiden, was das insgeheim noch brennende Feuer zu schueren,
dass es keine verheerende Macht zeige..
Die Leute sind arbeitsfroh und hilfsbereit, haben es aber mit dem Begriff
'mein und dein' nicht so recht und besonders die Jugend zeigt sich dabei nicht im besten Licht."

Er knonnte vom Oktober 1921 bis Juli 1923 seinen Dienst wegen einer Erkrankung nicht ausueben.

"Nach langer Zeit greife ich zur Feder, um zu berichten, was bis zum Oktober 1921 vor sich ging.
Vieles hat sich geaendert, manches zum Guten, manches zum Schlechten.
Ich selbst bin wieder gesund und kann mit Gottes Hilfe mein Amt wieder versehen.!"

Vikar Schlocker schrieb:
"Des Krieges Wirren trieben mich in vielen Laendern herum.
Polen, Ungarn, Serbien, Mazedonien, Frankreich.
Was das Kriegsleben mir als Gewinn brachte, was das Zusammenleben mit Menschen aus allen Volksschichten
und dadurch ein schaerferer Blick fuer die Volksseele.
Meine Gesundheit hat gelitten.
Mein Herz ist geschwaecht und erinnert mich bei grosser Anstrengung, dass ich auf es Ruecksicht nehmen muss.
Gerade dieser Umstand hat mich in meiner Taetigkeit oft gehemmt und mich vor allem daran gehindert,
die Filialgemeinde Philippstein oefter aufzusuchen mitten in der Woche. "

Weiter: "Im letzten Monat draussen im Feld, im Oktober 18 wurde ich grippekrank
und war krank bis zum Sommer des naechsten Jahres.."

Pfarrer Velten wurde 1945 als Soldat in Rumaenien vermisst:
"Das kirchliche Leben leidet darunter- der Krieg hat die ganze Welt ergriffen.
Zwei Weltanschauungen sind im Kampf.
Bolschewisten und Plutokraten, oder richtiger, die treibende Kraft, der Geldjude,
will seine Weltherrschaft aufrichten.
Gott bewahre uns davor. "

Die Saat der Ideologie des 3.Reichs ging auch bei Pfarrern auf oder durch sie?

Pfarrer Baehr kam danach 1949:
(Nach der Nazizeit, wo viele sich "entnazifiziert" aeusserten oder aeussern mussten)
"Gerade in der Zeit, als ich in Altenkirchen als Pfarrverwalter anfing,
begann der Zuzug der aus der Tschechoslowakei ausgewiesenen Deutschen, deren Ahnen dort seit altersher ihre Heimat hatten.
Wiewohl sich hier auswirkt, angesichts der ungeheuerlichen Unmenschlichkeiten
des nationalsozialistischen Regimes etwa am Judentum, an politisch Andersdenkenden,
an treuen Gliedern der Bekennenden Kirche und der katholischen Kirche,
an der Bevoelkerung der im Kriege von deutschen Truppen besetzten Laender- was Gottes Wort sagt:
Was der Mensch saet, das wird er ernten..
so faellt auch diese Unmenschlichkeit der anderen Seite,
die voellige Entwurzelung und Enteignung von mehr als einem Dutzend Millionen deutscher Maenner
und Frauen und Kinder, Greise und Saeuglinge unter dieses Wort.
Und steckt schon im Ende des einen Unrechts, der einen Gewalttat der Keim neuer Grausamkeit, neuen Unrechts.
Die Fluechtlinge, die von beiden Gemeinden Altenkirchen und Philippstein aufgenommen werden muessen,
es sind mehr als zweihundert Maenner, Frauen und Kinder, Saeuglinge und Greise,
stammen aus den Gebieten der Tschechoslowakei.
Vertreten sind alle Berufe und Staende.
Sie gehoeren in ihrer Ueberzahl der roemisch-katholischen Kirche an.
Wie in den beiden Gemeinden der Pfarrei Altenkirchen, so ist in der Mehrzahl aller Gemeinden
der Evangelischen Kirche in Deutschland nach dem allgemeinen neuen Hoeren die Predigt
der Kirche jene Stagnation eingetreten, die schon in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg
die Kirche befallen hat.
Ja, der Herr schenke uns eine Erweckung - und er fange bei mir an."

Der Pfarrer Goetz; "Es war die Zeit des 7j. Kriegs zwischen Preussen und Oesterreich 1756-1763.
Pfarrer Goetz war als Feldprediger bei den Franzoesisch- Deutschen-Kavallerie-Regimentern taetig.
Als Feldprediger musste er sich um die Verwundeten kuemmern
und lernte dabei viel Jammer und Wehgeschrei kennen.
Eine leidvolle Zeit."

In alten Kirchenbuechern kann man einiges finden, was heute nicht mehr moeglich ist
- nicht nur sachliche Angaben, sondern auch persoenliche Bemerkungen des Pfarrers,
aber auch Hausnamen, Uznamen sind dort zu lesen. (vulgo)

1716 Anna Elisabetha Ruecker mit dem spaeteren Nachtrag;
Vulgo "die Langlies" (als eines von vielen Beispielen)
1699 wurde An Laetare begraben, genannt die "nimmernuechterne Frau", 1681 stand geschrieben:
"Anna, die Brandeweinfrau".
Ein Hans Trautor kam aus dem Lager der bayrischen Truppe und hatte 1624 mit den Soldaten des Grafen
von Spaur hier in Meurers Haus sein Quartier gehabt.
Damals hatte er sich mit dessen hinterlassener Tochter Ann versprochen.
Nun sollte der Pfarrer sie trauen - der aber weigerte sich, weil keine Proklamation stattgefunden habe.
Der Superintendent aber erlaubte dem Soldaten die Trauung, weil er ein Soldat war.
Abends ging das Brautpaar zur Kirche und nach getaner Buße getraut worden.
Dieser Hans wurde aber seitdem -der Bußgang- genannt.
Eine andere Eintragung 1707 erzaehlte von der Tochter eines Schmiedes.
Die hatte mit dem verheirateten Schaefer ein Toechterlein,
deshalb wurde sie verbannt und des Landes verwiesen.
Bei Wolfenhausen starb sie und wurde begraben.

"1700 Domine Rogate, den 16then maji hat Juliana Rehornin eine Hurentochter taufen lassen
so sie erzeugt in Schimpf und großer Unehren mit einem von Braunfelß
schon mit Huren außgerißenen Soldaten, welcher vom Galgen erbotten
und seiner beider Ohren beraubet wurde durch den Hencker, darauf als er landesverwiesen,
sich nach Philippstein begeben, obige Hur ihm zu Unehren gedienet,
da fast die Ohren noch bluteten, von diesem abominabitem Banditen,
hat sie diesen Bankert, heist Maria Elisabetha."

1890, Pfarrchronik Altenkirchen:
" Eine Episode beim Kirchenputz bildet die Geschichte vom Turmhahn.
Seit 1886 hin ein aus einfachem Blech in Weilmuenster gefertigter, eben daselbst vergoldeter Hahn sehr windschief auf dem Turm.
Er hatte viel Geld gekostet.
Er haette sich gewiss sehr gerne gedreht, aber er konnte nicht;
drehwuetig schaute er unverwandt nach einer Seite hin, nach seinem geliebten Geburtsort Weilmuenster.
Es war ein reizendes Tierchen; die eigentliche Gattung ist niemandem je klar geworden.
Man nannte es Hahn, es war ein Mittelding zwischen bruetendem Huhn und schwimmender Ente.
Gleich von Anfang an konnte das arme Tier sich nicht drehen und bewegen.
Ihm fehlte das Gleichgewicht.
So war man darum hergegangen und hatte zu den goldenen Schwanzfedern einige kuehne,
gelb angestrichene geleimt, die alsbald nicht grau, sondern schwarz wurden.
Als nun die Kirche in ihrem neuen schoenen Kleide sich praesentierte, hieß es alsbald immer mehr:
Der Hahn muss herunter und ein neuer darauf!
Darauf hatte ich gewartet.
Der Dachdecker Hessler jr. - ebenfalls aus Weilmuenster - kam heran:
Und man beschloß den Vertrag dahin lautend:
Herr Hessler holt fuer 30 Mark den alten Hahn herunter und setzt den neuen auf.
So stieg dann nach 4-jaehriger, ruhiger und stiller Regierungszeit der alte Hahn von seinem Turm,
nachdem er von Hand zu Hand gegangen und vielfach bewundert war,
zog er sich in dem aeussersten Winkel des Konfirmatenzimmers zurueck.
Von dieser Sorte hatte man wenig!
Ich ließ aus der Ornamentenfabrik von Julius Kleemann in Frankfurt am Main einen Katalog kommen,
in welchem eine Reihe von Turmhaehnen abgebildet war.
Dem Kirchenvorstand gefiel der groesste am besten.
Einen Meter vom Kopf bis zum Schwanz, Gewicht ca 20-25 Pfund, er kostete freilich 64,50 Mark, war aber sehr billig im Vergleich zu dem alten.
Dieser ward bestellt und kam alsbald auch an.
Er ist auch einer maechtigen Zinkplatte gesaegt, hat in der Mitte eine sogenannte Buechse,
mit dieser wurde er auf eine starke Eisenstange gesetzt, worauf er sich bei dem geringsten Luftzug drehte.
Kraehen kann er nicht, er ist aus Zink, alle Nietnaegel sind aus Kupfer.
Als der Dachdecker diese Monstrum sah, wurde ihm bange, oder er tat so,
und verlange nun fuer das Aufsetzen 150,120, dann 100 Mark.
Nach langem Handeln gestand man ihm 60 Mark zu, es war ja auch eine gefaehrliche Sache.
Der Hahn gefiel den Leuten recht gut, aber jeder, der ihn sah, sagte:
Die Farb gefaellt mer nit! Wenn er nur eine andere Farbe haette!
Golden ist schoener als zinkfarben. Aber woher das Geld nehmen?
Unmoeglich konnte man auch dies noch auf die Kirchenkasse schlagen.
Da erbot sich die Frau des Gastwirts und Holzhaendlers Philipp Gath,
sie wolle den Hahn vergolden lassen.
Sofort ward er nach Braunfels gebracht. es war schon in der letzten Woche vor dem Jubilaeum.
Freitag Mittag vor dem Jubilaeum sollte er zurueck sein.
Nun ward schnell die maechtige Eisenstange auf dem Helme des Turms mit starken Klammern befestigt,
das Dach am Turm aufgebrochen, weil der Hahn angeblich nicht durch das Dachfenster ging und ein Flaschenzug aufgestellt.
Freitag Mittag kam der Hahn, strahlend in seiner Pracht, von zwei Bergleuten getragen am Stocke,
wie einstens die Kundschafter die Reben getragen.
Allgemeine Bewunderung, allgemeines Ah!
Hier und da fasste auch mal einer zu, aber o weh:
Er war noch nicht ganz trocken, auch gerade kein Vorzug. Wenn er nur schon oben waere!
Ja, wenn er nur schon oben waere!
Am Freitag kam er nicht hinauf.
Die Dachdecker treffen immer weitere Vorkehrungen.
Die Ungeduld stieg- das ganze Dorf war praechtig geschmueckt, Heim und Haus, Strasse um Strasse,
eine ganze Reihe von Ehrenforten war gebaut, die Kirche im Innern geschmueckt
mit Girlanden und Blumen und Baeumen.
Der Festplatz, die Wiese zwischen Rathaus und Kirche war hergerichtet.
Die Rednerbuehne war aufgeschlagen, Tische und Baenke standen fuer die Nachfeier in Reih und Glied, alles war bereit,
das herrlichste Wetter schien uns verheißen
und immer noch fehlte der Abschluss an der Jubilaeumskirche, welcher doch diese Feier galt.
Es ward Sonnabend.
Alle Haende waren in den Haeusern beschaeftigt mit Putzen, Backen und Richten fuer die geladenen Gaeste.
Zum ersten mal fragte ich die Dachdecker, wann denn der Hahn auf den Turm kommen solle.
' Den Mittag ' war die Antwort, ich solle mich beruhigen, bis ich wiederkaeme von Weilburg, waere er oben.
Ich sagte:
Wenn er bis zum Abend nicht oben ist, ist der Accord hinfaellig und es gibt keinen Pfennig.
Ich musste nach Weilburg, die Amtsbrueder und Vorgaenger abzuholen.
Herr Gath stellte seinen Wagen zur Verfuegung.
Als wir gegen Abend zurueck kamen, war mein erster Blick oben von der Weilburger Hoehe nach dem Turm;
der Hahn war nicht oben.
Im Dorfe hoerte ich gleich:
Man habe versucht ihn hinaufzutun.
Die Stange des Flaschenzugs aber sei gebrochen, und der schoene Hahn
ueber das Dach hinunter in die Tiefe gestuerzt.
Zum Glueck kam er nicht bis auf den Boden.
Der Flaschenzug reichte nicht so weit.
Aber der arme Hahn hatte etliche Hautabschuerfungen und ein verstauchtes Bein - es war sein dickstes, das das Gleichgewicht herstellte - davongetragen.
So ging das Gerede.
Ob es wahr ist, weiss ich nicht.
Die Dachdecker haetten den Altenkirchenern einen Possen spielen wollen,
namentlich auch wegen der geringen Bezahlung.
Ich weiss nicht, ich halte das nicht fuer richtig.
Was tun?
Es war gewiss aergerlich, die Sache sah zu unfertig aus.
Die Altenkirchener wussten Rat: Der Maurer Gath ging des Morgens 2 Uhr nach Weilmuenster.
Um 4 Uhr war der Dachdecker Vonhausen und dessen Gehilfe zur Stelle.
Um 6 Uhr, als ich eben mich erheben sollte, laeuteten die Glocken den Sonntag ein.
Ich sah nach dem Turm.
Dort erglaenzte der neue Hahn.
Eine halbe Stunde spaeter saß auch die neue Wetterfahne,
aus derselben Fabrik wie auf dem Tuermchen des Schulhauses.
So war das erreicht, was man so sehnlichst gewuenscht hatte.
Noch lange bildete der Kirchengockel das Gespraechsthema, und noch manchmal wird diese Geschichte erzaehlt werden.
Darum soll sie auch ausfuehrlich hier stehen.
Wenn das 100-jaehrige Jubilaeum gefeiert wird, kann sie vielleicht ein Nachfolger
bei der Nachfeier zu einer scherzhaften Ansprache verwerten"

Ja, ich habe das hiermit getan, sogar mit Freude.

So eine "Konfirmation" ist ein Ding der evangelischen Kirche,
bei der Inhalte eines Buches vermittelt werden, das man spaeter gebastelt hat.
Dieser "Katechismus" sollte Glaubensinhalte so darstellen, wie es nach Luthers Verstaendnis war,
den christlichen Glauben richtig zu vermitteln.
Man mag darueber streiten, ob Talmud (juedisch) oder Scharia (muslimisch)
oder eben dieser Katechismus, den es schon laenger in den unterschiedlichsten Auspraegung gab,
"richtiger" ist oder doch eher die eigentlichen Urschriften,
das neue Testament der Bibel, der Koran oder das alte Testament der Bibel.
Fakt ist, dass diese neuen Schriften eine gewisse Korrektur darstellten,
die staerker dem einfachen Volk vermittelt werden sollte,
als die eigentliche Religionsbuecher, die eigentlich auch alle "mit der gefuehrten Hand" geschrieben wurden.
Soviel als Vorwort dazu, nun zur eigentliche Konfirmation,
die zwei Jahre Vorbereitungs- oder Unterrichtszeit bedeutete:
2 Jahre regelmaessig zum Gottesdienst, 2 Jahre lang einmal die Woche zur Konfirmatenstunde..
Dort wurde der ganze Katechismus mit allen Erklaerungen gelehrt,
um auf die 275 Fragen in der abschliessenden,
vor der ganzen Kirchengemeide gehaltenen Feier abgefragt wurden
und auch noch die ganzen Kirchenlieder auswendig zu koennen.
Wichtige Fragen zum alten und neuen Testament waren auch noch zu lernen..
Wir haben diesen Mist alle mitgemacht oder machen muessen,
weil "man das schon immer so gemacht hat, alle haben das gemacht und das schadet euch auch nicht!".
Unserer Tochter haben wir das noch vermittelt, weil meine Eltern noch lebten
und Teile der Grosseltern- unserem Sohn war das nicht mehr naeher zu bringen,
er hat auf diese Sache "verzichtet" oder besser- er lehnte es ab, diesen Zirkus mitzumachen.
Seine Schulkameraden waren fast alle bei der Konfirmation, die Eltern derer
haben "es zwar auch nicht verstanden, warum man das macht" -
deren Kinder sind aber trotzdem genoetigt worden, diesen Unterricht zu besuchen:
Es schadet ja nicht.
Ganz frueher gehoert noch die Mitwirkung bei der kl. Landwirtschaft des Pfarrers dazu,
weil dieser seinen Lebensunterhalt durch Zuarbeit bestreiten musste.
Der regelmaessige Besuch des Gottesdienstes -neben dem schulischen Unterricht- gehoerte dazu,
sonst konnte der Pfarrer die Konfirmation des jungen Menschen verweigern.
Die Geschichte Altenkirchens enthaelt noch den Hinweis, dass der Blasebalg fuer die Orgel
oben im Kirchendachboden bedient werden musste-
was zum dortigen Ballspiel verlockte - der Pfarrer tobte, weil es unten im Kirchenschiff dröhnte -
nicht nur durch das Orgelspiel ;)
In feierlicher Kleidung hocken die Konfirmanten also bei der "Vorstellung"
wie auf einem Praesentietteller vor der ganzen Gemeinde.
Die Maedels einen Kopf groesser als die Buben, was aber nur beim Stehen auffiel.
Eine echte Pruefungssituation war lange genug in der Vorbereitungszeit hervor geholt worden.
Die Vorkonfirmanten notierten sich mit Papier und Bleistift bewaffnet,
wer wie oft dran war, die Fragen zu beantworten, die der Pfarrer stellte.
Jede Antwort mit Strichen notiert, ob die Antwort kurz war oder den ganzen Psalm betraf.
Mehr als eine Stunde dauerte die hochnotpeinliche Befragung um diese seltsamen Texte,
deren Sinn kaum einer verstand.
Ein erleichtertes Aufatmen folgte von allen Kirchenbesuchern, als das endlich vorbei war.
Man ging in der Vorfreude auf ein Festessen nach Hause, auf die Geschenke der Paten und Onkels,
die nicht ohne waren..
Manche Taufpaten kamen von weit her und mussten in den Haeusern der Konfirmaten naechtigen,
was bei dem anschliessenden Alkoholkonsum auch sinnig war.
In meiner Zeit hatten einige schon ein eigenes Auto,
viele fuhren damals noch mit der Bahn oder hatten ein Motorrad.
Spaeter gab es Kaffee und Kuchen, der fast immer von der Hausfrau selbst gebacken wurde,
wie auch das Festessen ihr Part war,
meistens mit geliehenen Tellern, Glaesern und Besteck aus der Nachbar-
oder Verwandtschaft, weil so viel Geschirr und Besteck etc. kein Haushalt hatte.
Desgleichen mit Tischen und Stuehlen, die in langen Anordnungen aufgestellt wurden.
Dazu hat man ein ganzes Zimmer leer geraeumt - die Toilette war immer besetzt..
(Wir wohnten in einem Neubau - mit Wassertoilette,
kurz davor aber haetten alle ueber den Hof zum Plumpsklo gehen muessen..)
Vor dem Kaffee gingen wir Konfirmaten "rund", dh. wir wurden in jedem Haus
der Mitkonfirmaten regelrecht mit Alkoholika abgefuellt -
was fuer die allermeisten jungen Leute der erste Kontakt mit Alkohol war.
(Ich hatte ab und zu mal bei Vater nippen duerfen - trotzdem schlug dieser Brauch grausam zu -
was haben wir gekotzt und wie arg hat sich das Karussell im Kopfe gedreht !!)
Mit grausig dickem Kopf und enormen Seegang lag ich nachher im Bett,
einen Eimer griffbereit - und hoerte Musik aus dem neuen Transistor-Radio,
das unter den Geschenken war.
Es roch noch nach dem neuen Leder, das die Tragehuelle bildete - es war ein wirklich tolles Geraet!
(Damit konnte man die ganze Welt empfangen, eine prima Sache fuer einen jungen Mann,
das Geraet hat mich noch die ganze Lehrzeit hindurch auf den kilometerlangen Fussmaerschen zum Bahnhof
und zum Arbeitgeber begleitet.
"Ach waer es Winter geblieben, Winter in Kanada..")
Fuer den Pfarrer bedeutete dieses seltsame Fest jedesmal eine Hoechstleistung,
weil jede Familie besucht werden musste -
keine durfte benachteiligt werden, ueberall sollte etwas gegessen werden..
Schon das Aussuchen des Konfirmatenanzugs war ein Debakel-
wer wollte schon wie ein Pinguin herum laufen, mit Vaters schwarzer "Beerdigungskrawatte"?
Die Maedels waren fein herausgeputzt, das lockerte die Sache ein wenig auf,
so dass ich mich mit diesem rabenschwarzen Anzug irgendwie doch feierlich fuehlte ..
(Mutter wurde nicht muede zu behaupten: Der ist nicht schwarz, sondern dunkelblau)
Frueher hat man diese Kluft wohl von den Konfirmaten des letzten Jahres ausgeliehen,
weil das Geld noch knapper war.
Vielfach naehte die Mutter das Kleid fuer die Tochter, bei einem Anzug war die Sache zu schwierig.
Der oder die Orts-Schneiderei war eine beliebte Anlaufstelle fuer alle Faelle,
wo so manches Kleid, mancher Anzug und Mantel "modernisiert" oder umgearbeitet wurde.
Roecke mussten zuechtig sein und das Knie bedecken- nicht wie heute,
wo man bei hochfeierlichen Anlaessen (Paulskirche zu Frankfurt) Greisinnen
mit nackten Beinen sieht, die auch noch in der ersten Reihe sitzen..
Das zuechtige Verhalten war auch noch zu Minirock-Zeiten so gehalten,
als fruehe Touristen durfte man mit kurzaermeligem Hemd oder Bluse
die Kirche nicht besichtigen, Frauen wurde ein Schleier empfohlen.
Die Konfirmantinnen trugen Zoepfe und Spangen - mit Mutters Hilfe sorgsam gerichtet und geflochten.
(danach liefen auffaellig viele mit modischer Kurzhaarfrisur herum -
nach der Konfirmation galt man als erwachsen)
Schon bei der Vorstellung, eine Woche vor der eigentlichen Konfirmation
waren alle versammelt und gingen gemeinsam zur Kirche..
..zur "Einsegnung" kniend vor dem Altar, ein seltsames Gefuehl mit flauem Gefuehl-
fuer manche mit Herzklopfen.
Eine uralte Volksverdummung griff noch immer..
Dabei musste das Lied "hier liegt vor deiner Majestaet im Staub die Kinderschar.." gesungen sein-
-daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern.
Nach der Kirche gab es einen grossen Fototermin durch einen professionellen Fotografen.
Frueher waren die Schwarz-Weiss Bilder kontrastreicher
und eindrucksvoller als die heute umgemodelten Farbbilder, die diesen Effekt versuchen nachzuahmen.
Die Vorbereitungen fuer dieses Festessen in den Haeusern aller Konfirmanten
brachte von ueberall her Backzutaten, irgendwie aus dem ganzen Dorf herbei.
Es kamen auch viele Glueckwunsch-Brief an, wo immer ein Schein darin lag- je nach dem- mal mehr mal weniger.
(Aehnlich wie bei Hochzeiten)
Mit zittrigen Haenden oeffnete ich die Briefe- oh, was man sich dafuer alles kaufen kann !
Mutter hat sich einen Teil davon nehmen muessen,
denn bei drei Kindern war das ganze Spektakel nicht so leicht
aus der Haushaltskasse zu finanzieren, gerade dann nicht,
wenn man neu gebaut hat und Vaters Einkommen unregelmaessig kam..
Es blieb aber noch eine Menge uebrig- was gut eingeteilt werden musste:
Da man nach der Konfirmation "erwachsen" war, brauchte es neue Kleidung-
der Rest kam auf das Sparbuch bei der Post.
(Damals ein echter Verwaltungakt - und es gab Zinsen, die einmal im Jahr eingetragen wurden)
Da wir Kinder zeitig mit eigenem Taschengeld dabei waren, war der Umgang mit Geld auch gut eingewoehnt.
Waehrend ich mich ueber das viele Geld freute wie ein Schneekoenig,
notierte Mutter ganz genau wer wieviel gegeben hat-
es war der Brauch, dass die gleiche Summe wieder in das Geberhaus floss,
wenn eine aehnliche Feier anstand, wozu auch Beerdigungen und Taufen oder Hochzeiten gehoerten.
Diese Liste lag noch lange in ihrer ganz persoenlichen Schublade,
wo wichtige Rezepte und der Geldbeutel und ein wenig Naehzeug lagen.
Viele Leute sparten sich vieles buchstaeblich noch vom Munde ab -
bei uns in den 60iger Jahren war es schon etwas besser
als in der Altenkirchener Chronik geschilderten Zeiten.
Eier, Zucker, Mehl und Butter wurden von den Frauen ins Haus gebracht,
in dem die Feier sein sollte - ein kurzer Plausch, Austausch von Rezepten..
Geliehene Teller, das werde ich nie vergessen,
wurden mit Nagellack auf der Unterseite markiert von den Verleiherinnen -
weil das Geschirr eben meistens noch rein in Weiss war,
zuweilen mit einem schmalen Goldrand, der sich aber nicht so lange hielt..
Der Baecker des Ortes- bei uns waren das gleich zwei,
obwohl das Kaff nur knapp 900 Einwohner hatte- nahm Butter und Eier an,
hat damit den bestellten Kuchen oder Kranz oder Weck etwas billiger gebacken.
Ueberall war Hochbetrieb, es wurde vorbereitet und gekocht, der alte Kuechenherd,
der damals noch aus der alten Wohnung, die mit dem Plumpsklo auf dem Hof-
mit in das neue Haus genommen worden war, gluehte..
..die Verbindung zur alten Zeit blieb uns Kindern erhalten,
der Geruch der verbrannten "Silberbronze",
mit der das lange Ofenrohr gestrichen wurde, war in der Nase.
(Mit dieser seltsamen Farbe habe ich sogar meine Seifenkiste gestrichen..)
Daneben stand der neue Elektroherd, ebenfalls in Aktion..
Schlachten war nicht drin, dazu fehlte das Geld und auch die Moeglichkeiten
im neuen Haus- manche Familien machten das jedoch und hatten so
viel Geld fuer den Metzger gespart, der wahrhaft tierisch zulangte..
(Der goldne Daumen, der das Warengewicht auf der Waage etwas erhoehte,
selbst das Papier hat der Metzger mitgewogen und in Rechnung gestellt, als waere es Wurst..)
Auf Braten wurde wohl nie verzichten, auch in den groessten Notzeiten nicht, wie die Chronik nennt.
Notfalls behalf man sich mit Hasen oder Ziegen oder Gefluegel.
Tagelang hinterher gab es die Reste, es wurde auch manches in die Geberhaeuser gebracht,
besonders Kuchen, was zum guten Ton gehoerte.

Kuebelweise Kartoffeln, Gemuese, Sossen, Mengen an Getraenken, Bowle war ganz modern..
Wein, Schnaps, Bier und sogar Sekt - was damals selten gereicht wurde,
da dieser noch sehr teuer war.

Frueher konnte man sich das nur in wenigen Haeusern leisten,
so griff man auf selbstgemachten Apfelwein zurueck.
Die Frauen tranken lieber Likoere, die aus Erdbeeren und anderen Beerenfruechten -selbst- gemacht wurden.
In meiner Zeit war der Eierlikoer sehr modern, durch den beliebten Schauspieler Heinz Erhard gut gefoerdert ;)

Eng, aber gemuetlich wurde dann gefeiert..
Es wurde praktisch alles zweifach gemacht, damit keiner "zu kurz kam", auch die Verwandten nicht.

So mancher Pfarrer galt als richtige Kruecke, deren Spass es war,
die Konfirmaten zu blamieren, wenn sie etwas nicht wussten.
Die Muetter hatten danach noch lange zu putzen und aufzuraeumen,
wir Kinder trugen die geliehenen Sachen wieder zu den Besitzern zurueck.
In dieser Zeit sahen die Hausfrauen alle etwas "zerrupft" und verschwitzt aus..

Der Ortsdiener versah in alter Zeit noch mehrere Aufgaben, er trug die Zeitung aus
oder half noch bei den Bauern mit oder trieb Schweine zur Mast.
In meiner Zeit, ich kannte den Ausrufer noch, den Dietze-Opa,
der getreu an den Strassenecken auftauchte, mit der Handschelle laeutete
und dann mit lauter Stimme die Gemeinde-Nachrichten verkuendete.
Manche Orte installierten spaeter eine Ortsrufanlage mit Lautsprechern-
eine furchtbar laute und stoerende Sache.
In der Ortschronik Altenkirchens wird von dem Tun des Ortsdieners als Saeu-Hirt geschrieben,
wo er die Tiere zur Suhle trieb.
Der Ententeich mit dem Schilf war ein beliebter Platz fuer die Mutterschweine,
die sich dort nach Herzenslust suhlten.

Wie wir alle wissen, hat der Frankenkoenig Karl der Grosse die Schule eingefuehrt, was man selten liest ist,
dass er die Wichtigkeit der Schulung der Soehne von Palastdienern und niedrigsten Angehoerigen erkannt hat.
Schule fing somit eigentlich als Weiterbildung und Nachwuchsfoerderung von "Mitarbeitern" an !
Zuerst durch Pfarrer, dann - wenn durch Kriege und Seuchen geeignete Leute fehlten, auch durch solche Personen,
die "halbwegs geeignet waren, Halbstudierte, invalide Militaers,
unzufriedene Handwerker oder gar verkrachte Existenzen" ..

In den spaeten 1950ern waren noch viele Lehrer,
die zum Kriegsdienst nicht gezogen wurden und vor allen Dingen
(wie ueberall) Frauen eingesetzt, mehr als heute.
Diese Lehrerinnen waren zuweilen richtig grausig,
weil sie haerter als die Maenner sein mussten -
ob aus Neigung oder Passion oder schierer Pflicht, kann ich nicht beurteilen.
Meist aeltliche "Fraeuleins", die grosse Freude am Schikanieren hatten.
Dann kam die Zeit der Junglehrer, die ihren Spass an "Hilfestellungen" beim Sport entwickelten.
Zum Glueck waren das jedoch die Ausnahmen und nicht die Regel-
aber in der Zeit sexueller Aufklaerung war das nicht so ohne!

Die Seitenzahl habe ich nochmal erhoehen muessen,
die meine Exkursion "Geschichtliches" anbelangt- nun ist die 8. Seite dran,
sechs weitere werden noch angehaengt.

Um 1900 bis 1950 waren die Zeiten noch so, dass Rentner richtig arm waren,
dh. sie hatten wenig Geld, obwohl noch kein Auto
und keine nennenswerte Stromrechnung oder Reisen bezahlt werden mussten,
wie in der heutigen Zeit.
Heute hat man viele Versicherungen, nicht nur eine Lebensversicherung,
zahlt fuer die Enkelchen dies und das, muss fuer das Auto Unterhalt zahlen,
weil kein Laden im Dorf ist und jede Besorgung sonst viel zu umstaendlich und zeitraubend waere.
Die Ansprueche an Kleidung und Wohnen sind sehr viel hoeher das damals,
wo die meisten Leute die ganze Woche durch die gleichen Sachen trugen.
Gute fuer draussen und fuer die Kirche, Arbeitsklamotten im Garten oder bei Arbeiten.
Luxus war fuer die allermeisten Leute ein Fremdwort,
zum Geburtstag gab es fuer den Mann eine Flasche billigen Schnaps und / oder Tabak,
fuer die Frau etwas Parfuem oder ein besonderes Kleidungsstueck oder eine Brosche, Ohrringe etc.
Man war froh, warm zu wohnen und
genug zu essen auf den Tisch stellen zu koennen.
(Waerme bezog sich damals auf ein Zimmer, heute auf die ganze Wohnung, ja auf das ganze Haus,
welches zuvor in allen Raeumen kalt war, bis auf die Kueche und Abends das Wohnzimmer)
Viel mehr war da nicht.
Nicht immer wurde "geklebt", dh. eine Rentenmarke vom Arbeitgeber eingeklebt-
so mancher Chef hat sich davor gedrueckt,
wie ich beim Rentenantrag fuer meine Mutter erleben durfte.
Der Bauer musste nachzahlen was eigentlich selbstverstaendlich gewesen waere
und so kam es zum Wortwechsel - die Freundschaft war vorbei..

Nicht zu fassen - wie auch immer, frueher "arbeitete man zu",
um das zum Leben noetige zu haben, half beim Bauern,
das gab Kartoffeln und Getreide oder irgendwelche Fruechte oder auch Speck;
so reichte es gerade mal so eben, um die wichtigsten Sachen kaufen zu koennen.
Heute arbeitet man zu, weil der Grundlohn fuer viele Leute nicht mehr reicht,
um die gehobenen Ansprueche zu befriedigen,
den 2. Wagen oder die Reise bezahlen zu koennen.
(Kinder kosten auch mehr Geld, weil deren Hobbies recht teuer geworden sind)
"Besserverdiener" mal ausgenommen, die hatten sowieso ein unvergleichlich besseres Leben, damals wie heute.

Es gab frueher einen Sommer- und einen Winterunterricht mit taeglich 6 Stunden:
"Taeglich war das Gebet am Anfang und Ende, es wurden die Hauptstuecke des Katechismus und Psalmen gelesen.
Morgens wird ein schickliches Lied abgesungen, nach dem Morgengebet, das kniend getan wurde."
Die Sommerschule wurde eine Stunde fuer laendliche Arbeit eingeplant -
z.B. Kartoffelhacekn, Heu- und Fruchternte.
1833 bekamen die Schulen ein Anatomie-Lehrbuch, das aber unter Verschluss gehalten wurde,
damit keine Neugier geweckt wuerde..
1839 gab es im Winterhalbjahr am Mittwoch und Samstag Abendschulen fuer Juenglinge- zwangsweise versteht sich.
1843 mussten Lehrer melden, wem wieviel Land fuer das Halten
einer oder zweier Kuehe zur Verfuegung war
und wo Land zum Gemueseanbau fehlte, ggf. unentgeltliches Pachtland fehlte.
In diesem Jahr soll ein Erdbeben, "ganz deutlich spuerbar" registriert.
1850 gab es Pruefungen in Religion, Lesen, Sprache, Aufsaetze, Kopf- und Tafelrechnen, Seelenlehre und Gesang,
im Jahr darauf Religion, Biblische Geschichte, Aufsaetze,
schriftl. Rechnen und Lesen, Koerperlehre, "Diatetik" und Gesang..
Mit "Diatetik" war wohl dies gemeint.
1867 waren lt. Lehrer 139 unerlaubte Fehltage, dann folgten Strafgelder an die Gemeindekasse.
Lehrer und Pfarrer hielten abwechselnd woechentl. belehrende und unterhaltende Vortraege,
bei denen zuweilen 100 Personen anwesend waren.
1885 starben 18 Kinder an Scharlach, Diphterie, Gehirnentzuendung, Herzleiden und Masern innerhalb zehn Jahren.
Man bedenke dabei die Groesse des Dorfes..
1911 war ein sehr heisser und trockener Sommer,
nur wenige Kartoffeln waren auf dem Feld und die waeren bereits "weich gebraten" gewesen.
1912 war die Tausend-Jahr-Feier der Gemeinde Altenkirchen!

Es kam der Weltkrieg, der Lehrer musste einruecken, die anderen hatten nun sehr viele Schueler zu unterrichten.
Eicheln, Bucheckern, Rosskastanien und Hagebutten wurden von den Kindern eingesammelt,
6 Pf. je Pund gab es dafuer.
Alles ueber 1/2 Pfund Brot musste an Getreide abgeliefert werden, arme Leute erhielten Brotmarken.
Roggenmehl wurde mit 30% Kartoffeln gestreckt, wegen Papiermangels wurden wieder Schiefertafeln eingefuehrt.
Bald wurden auch die Kartoffeln beschlagnahmt, Orgelpfeifen, Glocken und alles Metall,
Kinder sammelten nun Arzneikraeuter, Wildgemuese, Teekraeuter als Pflicht.
Fuer ein Kilo Kerne von Steinobst gab es 10 Pf, Kuerbiskerne 15 Pfg.
Laubheu, Flaschen, Stanniol, Lumpen, Zelluloid, Knochen,
Gummi und Brenn-Nessel mussten organisiert gesammelt werden.
Als die Franzosen kamen, wurde gewuetet und Buecher zerrissen,
alles beschmutzt - die Schule musste danach desinfiziert und entlaust werden.
1921 kam das elektrische Licht ins Dorf, die alten Lampen hatten es hinter sich.
Das Jahr brachte eine seit Menschengedenken nicht mehr erlebte Duerre.
1923 kam die fortschreitende Entwertung der Mark und die Quaekerspeisung,
an der 40 Kinder teilnahmen, die Schule bekam einen Lichtbildapparat- ohne Bilder.
Armut war ueberall, das Land wurde von hungernden Staedtern ueberlaufen,
Tauschhandel, stark unterernaehrte Kinder bekamen einen Kuraufenthalt im Westerwald.
Der ganze Oberlahnkreis wurde zum Notgebiet erklaert-
nach gutem Wetter im Fruehjahr regnete es ununterbrochen,
so dass 80% der Ernte zerstoert wurde.
1928/29 war kaelteste seit Menschengedenken- bis zu 29 Grad Frost, am Tag minus 16 Grad.
Der Frost ging 1,4 mtr tief - die Haeuser waren somit ohne Wasser.
Mit dem Schlitten, mit Pferden gezogen, wurden Kohlen ins Dorf geholt.
Nur wenige Leute hatten Arbeit, meistens Kurzarbeit.
1929 gab es einen Regierungserlass, dass Kartoffelfelder nach dem Kartoffelkaefer abgesucht werden mussten..
Der 50. Geburtstag H itlers wurde zum Feiertag erhoben,
am 21. Juni fand eine Sonnwendfeier statt, die Kinder trugen einen Holzstapel zusammen.
1939 kam der Zweite Weltkrieg, alles wurde verdunkelt.
Schulkinder mussten dort helfen, wo die Maenner fehlten, im Stall und auf dem Feld.
Es gab Kohleferien- es war nicht genug Heizmaterial fuer den Schul-Ofen da.
Der Waffenstillstand mit Frankreich kam 25. Juni 1941.
Ueberall fehlten Lehrer, der Lehrer Herrchen wurde namentlich als neuer Ersatz erwaehnt-
diesen freundlichen Mann hatte ich noch vor seiner Pensionierung als Ersatzlehrer,
einer ganz, ganz wenigen umgaenglichen und vernuenftigen.
Alle anderen darf ich getrost als menschliche Kruecken bezeichnen, was fast das gesamte Lehrpersonal
bis zum heutigen Tag (Unsere Enkel leiden darunter, wie wir frueher) geht.

1944 kamen die Amerikaner - Gebaeude wurden geraeumt,
alle Buecher mit kontaminiertem Inhalt wurden entfernt,
wie zuvor dasselbe die Na zionalsozialisten taten.
Ein Lehrer wurde entlassen, weil er Parteimitglied war.
1947 bescherte die Arbeiterwohlfahrt und das rote Kreuz, die Amerikaner gaben reichlich.
Gegen 75 Pfennig an die Gemeindekasse erhielt jedes Schulkind Schokolade
und andere Suessigkeiten - endlich wieder!
Beduerftige erhielten die Gaben ohne Geld.
Vom November an gab es Fruehstuecksspeisung im Rahmen des amerik. Hilfswerks-
70 Kinder haben ein Fruehstueck von 350 Kalorien bekommen.
(Selbstversorger waren davon ausgenommen)
Aerztl. Untersuchungen stellten die beduerftigsten Kinder fest.
Dieser Sommer war 38 Grad heiss - die Heuernte duerr, Grummet fiel aus, Klee nur als Einmalschnitt,
Kartoffeln nur als Drittel, Getreide war notreif, halbe Ernte.
Obst hielt sich nicht, die Wasserleitung fiel oft trocken- aber Mitte November holte das Jahr wieder auf-
am 27. und 28. Dezember fiel mehr als die Haelfte des normalen Monats.. mit Hochwasser.

Ich habe die Schulbaenke mit den Klapp-Stuehlen ohne Lehne noch erlebt,
wo das Tintenfass und die Vertiefung fuer die Griffel im Holz hinter dem Klapppult untergebracht war.

Als das Backhaus mit dem Schulraum darueber zur Wohnung umgebaut war, ging eine Tradition zu Ende.
1952 erhaelt die Schule aus Mitteln der Funklotterie "Glueck aus dem Aether"
einen Schulempfaenger "Siemens Expert Super 712W" -
der Schirmbildwagen war fuer die Roentgenuntersuchungen da.
Es wird vom Schwimmbad berichtet, das noch nicht fertig war-
aber schon eifrig von Einheimischen und Ausheimischen benutzt wurde.
1950 konnte nur ein Schulkind schwimmen - heute fast alle.

Fluechtlinge erzaehlen,
dass in Altenkirchen noch fast in allen Haeusern Staelle waren,
wo oft nur eine Kuh, ein Schwein oder Ziegen / Schafe gehalten wurden.
(Als ob es in ihrer Heimat anders gewesen waere)
Gefluegel hat man dabei wohl vergessen?
Tagsueber mussten die Frauen die faelligen Arbeiten machen,
die schweren Sachen blieben den Maennern am Abend,
wenn sie von ihrer Arbeit ausserhalb nach Hause kamen.

In den noch nicht "flurbereinigten" Wiesen sind die Baeche so geflossen,
wie sie wollten - es bildeten sich
"Kumpen", tiefe Tuempel, in den die Kinder badeten - manche waren so gross,
dass man darin Schwimmen lernen konnte..

"Bruehlsberg", "auf dem Bruehl" und aehnlich lauten manche Lagebezeichnungen,
die ihren Ursprung im Franzoesischen haben:
Breuil = Gebuesch.

Kohlemeiler und sogenannte Podien, Wohnstaetten aus uralter Zeit
findet man auf den Hoehen, oft mit Resten der Eisenverhuettung -
ein wertvolles Handesgut mit den Roemern, die unweit am Limes ihre Lager hatten.
Genaue Untersuchungen der Eisenfunde am Limes zeigten,
dass es sich um Roheisen aus germanischer Erzeugung handelte.
Alte Huegelgraeber von vor 1400 v.Chr. saeumen im Taunus ueberall den Weg.

Zu urdenklichen Zeiten waren Baeume heilig, unter ihnen wurden Feiern und Zeremonien abgehalten,
wurde geheiratet, beerdigt, getanzt und gelacht.
So mancher schraege Baum hat schon ewig "Schlagseite" -
so lange wie ich mich entsinnen kann, lag 3/4 des Stammes abwaerts
auf der abschuessigen kleinen Wiese, bevor sich im 45 Grad Winkel nach oben
der Baum erhob und seine Krone aufrichtete.
Noch heute traegt er seine Aepfel, die Wiese wird nicht mehr als Schlittenwiese genutzt.

Die Blueten der praechtigen Linden in Altenkirchen stroemen einen betoerenden Duft aus,
ueberall summen Bienen in den hohen Aesten, wo auch Elstern, Falken und Eulen nisten.

Esskastanien wurden frueher mehr gepflanzt, heute sind sie eine echte Raritaet.
Im Taunus, auf der Suedseite Richtung dem offenen Frankfurter Beckens,
sieht man sie oefter, im hinteren Taunus nur selten,
im Westerwald nur rar, es war einfach zu kalt fuer diesen Baum,
die Lage musste schon ziemlich geschuetzt sein.
Zur Kirmeszeit, Mitte bis Ende Oktober ist die Zeit der Maronen (Esskastanien) -
ein wenig zu spaet geerntet und schon waren Eichhoernchen und Haeher schneller.
Desgleich ist bei Walnuessen zu beobachten - je kaelter die Lage, um so kleiner die Nuesse.
(2018 war sehr heiss und trocken - die Walnuesse kleiner als gewoehnlich, aber sehr wohlschmeckend,
eine richtige Apfel-Schwemme, der selbst die Nabu-Leute nicht Herr werden konnten)
Wie bei allen Obstbaeumen wurden damals auch die Nussbaeume versteigert - so sich Interessenten finden.
Etwas naschen ja, aber ernten?
Nee, das ist wohl zu anstrengend und nicht "lohnend",
weil man die paar Fruechte und Nuesse im Supermarkt einfacher bekommen kann. Billig zudem.
Aepfel bleiben ebenso meistens am Baum, viele alte Baumbestaende morschen
langsam aber sicher weg, waere da nicht der "Nabu",
wo engagierte Mitglieder sich dieser "Streuobstwiesen" annehmen.
Das aetherische Oel der Walnussbaum soll Muecken und Schnaken abgehalten haben.
Die Pflege und Hege von vielen Obstbaeumen -
sehe ich von der Initiative des Nabu mal ab -
wird von der Gemeinde und auch von den evtl. noch existenten Grundbesitzern
vernachlaessigt oder stuemperhaft ausgefuehrt.
Wirtschaftliche Interesse der Bauern stehen der Baumreihe am Feldrand diametral entgegen -
auf der anderen Seite ist der Fahrweg,
wo die Aeste den immer groesser werdenen landw. Fahrzeugen im Weg sind.
Wer haette bei deren Pflanzung mit derartigen Sauriern gerechnet, die unsere Flure durchziehen?
"Abgekrotzt" ist die wohl einzig stimmige Umschreibung auf die maschinelle "Landschaftspflege" der Kommunen.

Die Koloniallinde in Altenkirchen wurde von Schuelern
und dem Lehrer am Friedhof ausgegraben und an einen Ehrenplatz gepflanzt:
Der Lehrer sprach vom "armen deutschen Volk",
das hart unter dem Versailler Diktat leiden musste, den die Siegermaechte aufgezwungen hatten.
Gebietsverluste des Reiches machten Begehrlichkeiten -
so kaufte das Land und viele private Anleger betraechtliche Besitzungen in Kamerun und Togo,
das unter dem Schutz des Deutschen Reichs gestellt wurde.
Auch diese Gebiete wurden durch dieses Diktat aberkannt -
Briten und Franzosen verstanden dieses Geschaeft der Ausbeutung wohl besser.
1924 aber wurde diese Kolonial-Linde als Gedenken an die erste Kolonie gesetzt.

Die Kirschenhohl war mit vielen grossen Kirschbaeumen unterschiedlicher Sorten bepflanzt,
die eifersuechtig vom Feldschuetz bis zur richtigen Reife
behuetet worden sind - wehe es klaute einer - egal ob Mensch oder Vogel !
Die Baeume wurden zur Ernte versteigert, manche Familien boten gemeinsam.
Die Weckglaeser wurden gefuellt und mussten zuweilen gleich ein paar Jahre halten -
weil die Baeume unterschiedlich und nicht jedes Jahr trugen.
Es wurde weder gespritzt noch geduengt noch geschnitten -
so waren zuweilen Wuermchen drin, die man mit einem Trick entfernte;
Kirschen ins Wasser, warten bis die kleinen Biester
an der Oberflaeche auftauchten um nicht zu ertrinken- dort wurden sie abgeschoepft.
Regnen sollte es nicht, bevor die Kirschenernte abgeschlossen war- sonst platzten sie auf.
Kirschen waren -und sind es noch- ein wertvolles Obst der Region.

Von Backhaeusern kommt in meinen Beschreibungen einiges vor,
aber dennoch taucht immer mal wieder etwas auf, was noch nicht erwaehnt wurde.
So lese ich in der Chronik, dass bis 1945 nur Roggenmehl zu Brot verarbeitet wurde,
bis die neuen Mehlsorten (Typen 1050, 997, 405 usw.) das reine Roggenbrot abloesten
und das Mischbrot und das Weizenbrot mehr Abwechslung boten.
Naja, vor der Zeit der gemeinschaftlichen Backhaeuser wurde in jedem Haus gebacken,
wie die Chronik schreibt, wurden wahrscheinlich Kastenformen dafuer genommen.
Brot gegen Mehl haben die spaeteren Baeckereien gemacht,
weil die Befeuerung der Einzelbackoefen doch recht aufwaendig und teuer war.
Der Kuhwagen hatte ausgedient, als die Backwellen nicht mehr gebraucht wurden.
Die grossen Bleche mit dem Quetsche- oder Appel- oder Streuselkuche
waren richtige Anziehungspunkte - auch bei spaeteren Backes-Festen ist deren Inhalt geschwind verputzt ;)
Die Beschreibung des Backes bezueglich Ablauf und Anheizen habe ich schon oefter ausgefuehrt.
Zu Backwellen wurden aus Astschnitte aus den Gaerten, die heute mit dem Bioabfall-Laster geholt werden.
Die Waldarbeiterinnen brachten auch Backwellen aus dem Wald mit,
jeder hatte eine Lagerplatz dafuer, damit sie schoen trocken wurden.
Ein Grubenarbeiter brachte Sauerteig vom Baecker aus Philippstein mit,
der dann in einem grossen Trog mit 40kg Mehl und Wasser
und Salz angeruehrt und wurde ueber Nacht "gehen lassen".
Anderntags wurde davon etwas in einen Steintopf getan,
mit etwas Mehl bestreut und im Keller kuehl aufbewahrt - bis zum naechsten Backtag.
Andere trockneten diesen "Herrmann" auf dem Kaesebrett: "Heweling".
Der Teig wurde anschliessend im Trog mit Mehl vermischt,
in die "Beut" bis die Konsistenz eine zaehe Masse war- nicht zu nass, nicht zu trocken.
Einfach portioniert und geknetet, bis der Schweiss tropfte - geformt und gebacken.
Das Brot musste oben vielmals eingestochen werden,
weil sonst die grosse Hitze des Backes die obere Schicht des Brotes abgehoben haette-
so konnte die Feuchtigkeit besser entweichen.
(Bei unseren heutigen Oefen ist das nicht noetig, die werden nicht so heiss-
hier geht es ueber die Backzeit, dass das Brot fertig wird)
Der "Beute-Kuchen" kam nicht vom Diebesgut, sondern von dieser "Beut",
in der der Ansatz mit dem Mehl zum Teig vermischt wurde.
Dieser Beute-Kuchen war so etwas wie eine Pizza auch Brotteig,
die mit allem belegt wurden, was man gerade so hatte - wie das die Italiener ebenso taten.
Ich denke mal, dass die Kinder auch ein Brot backen wollten -
und so blieb etwas "uebrig" das diese dann auf ihre Weise machen konnten..
(Zumindest war das bei unseren Kindern so)
Das Brot musste kundig aufgehoben werden, damit sich kein Schimmel bildete-
es wurde nicht jede Woche gebacken und schon mal gar nicht jeden Tag
frischen Brot auf den Tisch gestellt..
Manche legten das Brot in Leinenbeutel, andere in Holzkisten,
einige auf Regale in einem trocknen Raum- bei uns ist es ein grosser Steintopf,
unlasiert mit Deckel, den wir auf einem Mittelaltermarkt fuer viel Geld gekauft haben.
Das zweite Geback des Backes lieferte dann die Waerme fuer die Kuchen - wie schon erwaehnt.
Damals wie heute sind Brotscheiben mit Griebenschmalz oder Pflaumenmus der Renner schlechthin..
Ueberhaupt ist fuer mich eine gute Scheibe selbstgebackenes Brot
mit hausmacher Leberwurst und einem Guerkchen drauf - eine der besten Delikatessen!
Heute bevorzuge ich fast schon die Scheibe Brot mit Erdnuss-Butter (Crunchy) oder .. Pflaumenmus.
Man(n) wird eben aelter.

Beim Schreiben dieser Zeilen sitzen meine Frau und ich in einem Raum, den wir "Teezimmer" genannt haben.
Hier steht -hinter einem kl. modernen Raumteiler aus Korbgeflecht, in welchem Buecher stehen- die Computer-Anlage.
Weiter sind optisch die hervorstechenden Dinge zwei Ohrenbackensessel
mit zugehoerigen Hockern und ein kl. Tisch, zwei Steh/Leselampen.
Meine Frau strickt den drei Enkelchen Struempfe, eine Decke ueber die Beine gelegt,
das Buch, aber auch ein Tablet danebenliegend und wir trinken .. feinen Tee.
Das Hessenradio spielt aus dem kleinen Transistorradio auf ebendiesem Raumteilerchen.. Ruhe-
draussen faellt schon seit Tagen Schneeregen, hier ist es warm und trocken..

Ich lese von alten Quellen, von Drainagen, die zu einem Sammler fuehrten,
von Brunnen im Ort und in den Kellern, von spaeterem Wasserbedarf,
der schon 1912 bei 40cbm am Tag - nur fuer die Gemeinde Altenkirchen!
Ein 371 mtr langer Stollen im Schieferfels foerderte bis 28 cbm am Tag.
Danach sind die Anlagen noch sehr viel komplexer geworden.
Es ist freilich ein Unterschied gewesen, ob man fuer eine herrschaftliche Residenz,
wie z.B. Weilburg oder Hadamar eine Fernleitung baute oder fuer eine kleine Westerwaldgemeinde.
Wenn man sich die enormen Kosten fuer den Unterhalt dieser Wasseranlagen anschaut,
wundert die Gemeinderechnung an die Bewohner nicht mehr.
1922 kostete die damalige Hochdruckwasserleitung 1,3 Millionen Mark..
die aus einem Eichenbestand genommen wurden, der freilich auch wieder aufgeforstet werden sollte..

Lese ich die alten Buecher oder Chroniken, faellt immer wieder auf, dass damals Schlaegereien bei Festen
oder auch mal zwischendurch durchaus ueblich waren.
Zwar nicht geduldet und hart bestraft-
dennoch kam das regelmaessig vor.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie auf dem Schulhof gepruegelt wurde- richtige kleine Schlachten,
wo sich eine Reihe Schueler an den Haenden fassten und mit dieser "Kette" ihre -sonst viel staerkeren-
Widersacher einfach niedermaehten.. rumm rumm rumm, wir rennen alle um !
Heute ist dieses Ventil weg, - vermutlich sind deshalb diese seltsamen Demonstrationen so gut besucht?
Vielleicht werden deshalb so viele Ballerspiele am Computer gespielt?
Vielleicht muessen deshalb so viele -schon ganz kleine- Kinder zum Onkel Doktor, damit sie nicht "ausrasten"?
Die strafende elterliche Hand darf ja auch nicht mehr sein.
Selbst wenn ich mich nun "oute":
( Harte koerperliche Zuechtigung muss man ablehnen - aber ein Klaps hinten vor
zeigt doch schon die Grenzen, wie das ueberall in der Tierwelt ganz natuerlich ist.)
Lehrer und andere "bessere Leute" haben in den 1970-1990iger Jahren
ihren Kindern richtigen Psychoterror bereitet,
wochenlang nichts mehr mit den eigenen Kindern gesprochen.. (ist das besser?)
So geben sich "Linke" und "rechte" Chaoten die Klinke -oder besser Pflastersteine-
in die Hand, bekaempfen die Polizisten, die eigentlich in ihrem Namen unterwegs sind.
Mir kommte es vor, als weiss so mancher nicht recht, warum er dort "demonstriert" -
untermauern moechte ich diese These durch spontane Befragungen durch Reporter..
Hauptsache mal wieder "aufmischen" und denen da oben zeigen, was Sache ist ?
Vermutlich ist es eher eine Art "Freizeitbeschaeftigung" gelangweilter Zeitgenossen.
(Wie waere sonst zu erklaeren, dass wir in Hessen eine "schwarz-gruene Koalition" haben,
sich also ploetzlich einig sind, die zuvor spinnefeind waren? 2014)
Wenn "die Menschen", wie die neuen Politiker so gerne sagen
(eigentlich reden so nur die Goetter)
keine sinnvolle Beschaeftigung haben, werden sie seltsam.
Ich mache mal besser mit Seite 9 weiter, das wird nun doch zu lange hier..


Die Autoren der Buecher sind schon lange tot,
wenn aber nachfolgende Rechte tangiert worden sein sollten, bitte ich um Abklaerung per E-Mail,
damit die entsprechende Zeile aus meinen Seiten heraus genommen werden kann.
Ansonsten gelten die Angaben in meinem Impressum.

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