Landfotografie

Freier geschichtlicher Exkurs. Teil 4





Soweit Otto Baehr, der mit dem Artikel "Das leben im Hause, ca 1820" fortfaehrt..
"Auch das haeusliche Leben war vor sechzig Jahren einfacher,
man kann sagen spießbuergerlicher gestaltet als jetzt.
Man lebte mehr in dem Haus und fuer das Haus.
Es gab bei weitem nicht so viele Vergnuegungen und Zerstreuungen außerhalb des Hauses,
wie die Neuzeit unter Aufwendung aller Mittel der Anlockung sie darbietet.
Die haeusliche Beschaeftigung der Maenner war von der heutigen wohl kaum verschieden.
Von den Frauen aber darf man behaupten, daß sie im allgemeinen weit thaetiger waren.
Die Frau stand noch dem Hauswesen vor; und als Zeichen davon trug sie am Guertel
den Schluesselhaken, an welchem die Schluessel fuer Schraenke und Behaelter,
in einen eisernen Ring gefaßt, hingen.
Der schluesselhaken war oft mit einer Leier geziert.
Galante Ehemaenner schenkten wohl ihren Frauen einen solchen von Silber.
Auch das Naehen durfte die Frau nicht unterlassen, wenn der Haushalt in Ordnung bleiben sollte;
und keine Naehmaschine nahm damals ihr diese muehevolle Arbeit ab.
Wo nichts andres zu thun war, nahm die Frau das Strickzeug zur Hand.
Denn eine ordentliche Frau war niemals mueßig.
Das, was in neuerer Zeit unsere Frauen von der Selbstthaetigkeit dispensiert,
ist namentlich der Umstand, daß man jetzt so viele Dinge,
die man frueher im Hause bereitete, fertig im Laden haben kann.
Eine Aussteuer z.B. wurde sonst wochenlang im Hause genaeht.
Jetzt gibt es Geschaefte, wo man dieselbe fix und fertig kauft.
Die Toechter des Hauses, soweit ihre Thaetigkeit nicht fuer den Haushalt
in Anspruch genommen wurde, beschaeftigen sich auch wohl frueher schon mit Luxusarbeiten.
So war z.B. das Weißsticken fuer Putzsachen sehr ueblich.
Aber die unzaehligen Gegenstaende der Buntstickerei (Rueckenkissen, Tischdecken etc)
welche schon im vorigen Jahrhundert vorkamen und jetzt seit langer Zeit wieder modern geworden sind,
waren ganz aus der Uebung gekommen.
Die Haekelarbeit beschraenkte sich auf Seide (z.B. Geld- und Tabaksbeutel)
Dagegen lebte damals noch in den Haushaltungen ein Ding,
das seitdem in der Stadt fast ausgestorben ist - das Spinnrad.
Selbst die Hausfrau spann noch in Mußestunden ihren Flachs.
Jedenfalls wurde ein Spinnrad fuer die Dienstmagd gehalten, welche,
wenn sie mit den Arbeiten in der Kueche fertig war, nicht feiern durfte.
Das gesammelte Garn wurde dann zum Leinweber gebracht und kehrte als Leinen oder Bildzeug,
auf dessen Besitz man hohen Wert legte, in das Haus zurueck.
Ueberhaupt war die Stellung der Dienstmaegde eine andre.
Sie waren noch mehr Gehilfen der Hausfrauen und fuehrten nicht, wie jetzt, das Kuechenregiment.
Sie gingen auf der Straße nicht mit Hueten und Handschuhen,
und schaemten sich auch noch nicht, einen Korb am Arme zu tragen.
Ihr Lohn betrug damals 12 bis 18 Thaler jaehrlich.
Die Waeschen wurden durchweg im Hause gehalten, wenn auch dazu eine Waschfrau
und vielleicht auch eine Bueglerin angenommen wurde.
Die Toechter des Hauses zogen wohl mit hinaus auf die Bleiche.
Daß man die Waesche außerhalb des Hauses haette besorgen lassen,
habe ich um die damalige Zeit nie gehoert.
Bei leichten Erkrankungen hatte die Frau ein Hausmittel zur Hand.
Fuehlte sich jemand erkaeltet, so mußte er sich zu Bett legen und Fliederthee trinken,
bis die bekannte Wirkung eintrat.
Das Hauptmittel fuer alles aber war Kamillenthee, welcher jedem Kranken sofort gereicht wurde.
Und in der That war derselbe ein vortreffliches Mittel, welches aeußerst beruhigend wirkte.
Heute sind Flieder- und Kamillenthee bei den Aerzten nicht mehr beliebt und dadurch
auch als Hausmittel verschwunden.
Desinfektionsmittel, wie Chlor und Karbol, kannte man noch nicht.
Wer die Luft im Zimmer reinigen wollte, goß Essig auf den heißen Ofen
oder auf eine heißgemachte eiserne Schippe.
Ein beliebtes Mittel fuer Luftreinigung (z.B. in Schulen) war auch das Raeuchern
mit Wachholderbeeren, welche freilich mitunter einen fast undurchdringlichen Qualm verbreiteten.
Die Geselligkeit im Hause war ziemlich beschraenkt.
Visiten wurden wohl ebenso wie auch heute gemacht.
man warf aber noch nicht in gleichem Maße mit Visitenkarten um sich.
Auch galt es nicht fuer anstoeßig, wenn jemand eine nur geschriebene Visitenkarte abgab.
Das Zusenden von Visitenkarten statt Besuchs war ganz ungebraeuchlich.
Gesellschaften fuer Mittags- und Abendtisch waren selten.
Als Gerichte gab man, was Land und Zeit bot, man konnte noch nicht Leckerbissen
aus allen Himmelsgegenden zusammenkaufen.
Es war deshalb z.B. auch unbedenklich, seinen Gaesten
einen gewoehnlichen Kalbsbraten aufzutischen, waehrend ein solcher jetzt nur dann
noch salonfaehig sein duerfte, wenn er in Braunschweig seine Ausbildung erlangt hat
und in einer Garnierung von Blumenkohl aus Algier erscheint.
Es war auch nicht ueblich eine Reihe von Weinen in steigender Wertprogression den Gaesten vorzusetzen.
Ein einfacher Tischwein genuegte.
Champagner wurde nur bei besonders festlichen Gelegenheiten spendiert.
Auch Eis als Dessert war ungewoehnlich.
Daß man die Plaetze noch nicht mit kuensterlich ausgestatteten Tischkarten
belegte, bedarf wohl kaum einer Erwaehnung.
Haeufiger waren unter Damen Theegesellschaften.
Es war auch die Form, in welcher Kraenzchen (fuer Kartenspiel etc.) gehalten wurden.
Ehe die Gaeste kamen, wurde im Besuchzimmer geraeuchert.
Das geschah mit Raeucherpulver oder Raeucheressenz, welche auf den Ofen gestreut
oder gegossen wurde, oder auch mit Raeucherkerzen,
kleinen pyramidalen kohlefarbigen Koerperchen, welche angesteckt fortglimmten
und einen angenehmen Duft verbreiteten.
Den erschienenen Gaesten wurde Thee mit Backwerk, hiernaechst auch Kuchen und Wein vorgesetzt.
Man liebte bei solchen Gelegenheiten sein Silber zu zeigen.
Es mußte jedoch alles echt sein.
Die huebschen Geraete von Alfenide kannte man noch nicht.
Bei der Zuckerdose durfte die silberne Zuckerzange nicht fehlen,
mittels deren man den Zucker ergriff und in die Tasse warf.
Ihn, wie man jetzt thut, mit den Fingern zu greifen, galt nicht fuer anstaendig.
Was die Tassen betrifft, so legte man keinen Wert auf die Gleichartigkeit,
sondern man setzte Tassen auf von den verschiedensten Formen und Farben.
Man erwarb solche, wo sich eine Gelegenheit dazu bot.
Namentlich war eine schoene Tasse, vielleicht mit einer goldnen Inschrift
oder gemalten Landschaft darauf, ein sehr beliebtes Geburtstagsgeschenk der damaligen Zeit.
Natuerlich wurden auch mindestens zwei Lichter, womoeglich in silbernen
oder vergoldeten Leuchtern aufgestellt.
Dazu hatte man auch elegante Lichtputzen aus Stahl, die nur bei Gesellschaften
ihrer Papierhuelle entkleidet wurden.
Die Damen pflegten in ihre Gesellschaften noch eine Arbeit, meistens das Strickzeug, mitzubringen.
Dazu diente (da die Frauenkleider keine Taschen hatten) der Arbeitsbeutel,
oft von ziemlich großem Kaliber.
Der Gedanke, daß die Frau die Haende nicht in den Schoß legen duerfe,
wirkte auch noch lange fort.
Als zu Anfang der 1850er Jahre in Fulda vor dem Schwurgericht eine interessante Mordgeschichte
acht Tage lang verhandelt wurde, saßen in der ersten Reihe der Zuhoerer
die Fuldaer Damen fast durchweg strickend da;
was einigermaßen an die Pariser Damen erinnerte, welche zur Revolutionszeit alltaeglich
dem anmutigen Schauspiel des Guillotinierens mit dem Strickzeug in der Hand zugeschaut hatten.
Unter den haeuslichen Uebungen muessen wir noch einer gedenken,
welche gleichfalls Wandlungen unterlegen hat.
Das ist das Schreiben.
Vor zwei Menschenaltern wurde alles Papier in der Papiermuehle noch mit der Hand geschoepft und bereitet.
Man hatte auch damals schon sehr gutes Papier, aber es war recht teuer.
Das zum gewoehnlichen Gebrauch dienende geringere Papier war zwar stark, aber rauh und unangenehm.
Heute erzeugt die Maschine in ungeheuerer Menge Papier ohne Ende.
Das Maschinenpapier ist glatter und angenehmer, vor allem aber wohlfeiler als das fruehere.
Als Mittel der Niederschrift diente frueher die Feder, d.h. eine wirkliche Feder von Gans oder Schwan.
Fuer feinere Zeichnungen benutzte man auch Rabenfedern.
Die Feder mußte natuerlich geschnitten werden.
Dazu diente das Federmesser, welches dann oefters geschliffen werden mußte.
Die geschnittene Feder war in ihrer Gestalt der jetzigen Stahlfeder aehnlich;
jedoch war, wegen Weichheit des Materials, der Spalt weit kuerzer.
Von Zeit zu Zeit- etwa nach einer Stunde- war die Feder abgeschrieben
und sie mußte von neem geschnitten werden.
Manche schrieben jedoch auch tagelang mit derselben Feder.
Das Schneiden war aber nicht ganz leicht; und wer es nicht verstand,
hatte stets mit der schlechten Feder zu kaempfen.
Das war aber doch wieder fuer Damen bequem, da sie damit jedesmal am Schlusse
ihren schlechtgeschriebenen Brief entschuldigen konnten.
Da erfand man die Stahlfeder.
Anfangs konnte viele sich nicht an dieselbe gewoehnen.
Aber die Gaensefedern (die vor der Benutzung einer gewissen zubereitung bedurften)
wurden immer schlechter, und die Stahlfedern immer besser.
So ist denn alle Welt jetzt zu Stahlfedern uebergegangen,
und das Federmesser ist außer Dienst gestellt.
Und vielleicht wird nach Jahrhunderten ein Sprachforscher untersuchen,
wie es wohl kommen moege, daß man die staehlerne Spitze, mit welcher man schreibe,
eine Feder nenne; gerade so, wie wir heute ueber die Entstehung
des Wortes "Buchstabe" uns den Kopf zerbrechen.
Auch die Tine hat sich auf Grund der neuern chemischen Entdeckungen verbessert.
Alizarintinte ist erst ein Prdukt der letzten Jahrzehnte.
Die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete des Schreibens ist der Ausloescher,
welcher Loeschblatt und Sandfaß - den fruehern staendigen Begleiter des Tintenfasses -
voellig zu verdraengen beginnt.
Eine andre Uebung kann man heute kaum noch als eine haeusliche bezeichnen.
Da sie es aber vor zwei Menschenaltern noch war, wollen wir sie hier besprechen.
Wir meinen das Tabakrauchen.
Dasselbe wurde damals im Hause vielleicht ebenso stark geuebt wie jetzt.
Aber es wurde fast ausschließlich aus Pfeifen geraucht.
Kam ein Freund zu laengerem Besuch, so wurde ihm eine Pfeife angeboten.
Der Raucher legte Wert darauf, eine ansehnliche Sammlung von Pfeifen zu besitzen.
Ein schoen angerauchter Meerschaumkopf mit silbernem Beschlag war sein Stolz.
Bei Studenten galt besonders ein Porzellankopf mit einem Gemaelde darauf als etwas schoenes.
Freunde schenkten sich einen solchen zum Abschied.
Es gab auf den Universitaeten besondere Maler, welche diese Koepfe anfertigten.
Der Student liebte vorzugsweise lange Pfeifen, waehrend anderwaerts mehr kurze Pfeifen ueblich waren.
Feinschmecker im Rauchen pflegten wohl nur der Thonpfeifen sich zu bedienen,
deren jede nur ein- oder zweimal gebraucht wurde.
Diese waren ein ergiebiges Fabrikat der Stadt Großalmerode.
Trotz dieses mit den Pfeifen getriebenen Luxus war doch das Rauchen selbst wohlfeil.
Denn der dazu erforderliche Tabak kostete nicht viel.
Ein maeßiger Raucher konnte mit einem packetchen, welches zwei Groschen kostete,
wohl eine Woche lang auskommen.
Zigarren waren weit teuerer, wurden aber nur von wenigen geraucht.
Sie galten als ein Luxus.
Ueberdies war das rauchen auf das Haus beschraenkt.
Auf der Straße zu rauchen war polizeilich verboten und wurde bestraft.
Im Laufe der Jahre wurde nun mehr und mehr das Zigarrenrauchen ueblich.
Gleich einer Sintflut aber brach es herein, als im Jahre 1848 jenes polizeiliche Verbot fiel.
Nun begann jedermann auch auf der Straße zu rauchen, natuerlich Zigarren,
da die Pfeife dazu nicht paßte.
Das inzwischen erfundene Streichfeuerzeug erleichterte das Anzuenden.
Gleichwohl waren die alten Streichfeuerzeuge noch unbequem,
da man sie nicht ohne Gefahr der unfreiwilligen Entzuendung in der Tasche tragen konnte.
Viele fuehrten sie deshalb auch nicht bei sich, sondern zogen es vor,
wenn sie auf der Straße eine Zigarre sich anzuenden wollten, den ersten besten Raucher,
der ihnen begegnete, um die Gestattung des Anzuendens an seiner Zigarre zu bitten;
was jeder bereitwillig gewaehrte.
Mit der Erfindung des schwedischen Feuerzeuges war aber auch das Ideal
leichten Anzuendes fuer das Rauchen erreicht; und die Sitte des Rauchens
konnte nun umso voller sich ausbreiten.
Heutzutage raucht auch der geringste Arbeiter, im Hause sowohl
als wo er sich oeffentlich zeigt, "seine Zigarre".
In den hoehern Staenden hat sich die Sitte namentlich dahin ausgeweitet,
daß von vielen nur noch die kostbarsten Zigarren geraucht werden.
Wem diese zu schwer sind, raucht mindestens eine Zigarette.
In der gewaltigen Vermehrung dieser Sitte, mit welcher die Vermehrung
des Biertrinkens Hand in Hand ging, zeigt sich vielleicht mehr,
als in irgend einer anderen Erscheinung, der Umschwung,
der in den wirtschaftlichen Verhaeltnissen Deutschlands eingetreten ist.
nach der Statistik des deutschen Reiches (BD 42. S102 und 103)
Berechnet sich der jaehrliche Geldaufwand fuer Tabak in Deutschland auf 312 966 000 Mark.
Das Glueck, welches darin liegt, wird jeder nach seiner Stellung zur Rauchfrage zu bemessen wissen.
Im Anschluß hieran moege noch die Sitte des Schnupfens erwaehnt werden.
Diese hatte frueher eine weit groeßere Verbreitung.
Es war nicht selten, daß auch Frauen schnupften.
Aeltere Herren legten Wert darauf, eine kostbare Schnupftabaksdose zu besitzen;
wie denn auch wertvolle Dose dieser Art zu den beliebtesten fuerstlichen Geschenken gehoerten."
Soweit Otto Baehr.

Diejenigen, die in der Lage waren zu schreiben, die "schoene Kuenste"
oder "dichterische Werke" oder auch Sprachaltertumsforschung betrieben, wie die Brueder Grimm,
waren allermeist von seltsamer Art, um es einmal ganz vorsichtig aus der Sicht
eines Landbewohners zu formulieren.
Je tiefer, je mehr und je oefter man in die Schriften obiger Kreise blickt,
um so mehr erstarrt die Freude am Ausdruck der Bildung zu einer Fratze merkwuerdiger Arroganz -
zumeist von den Herr-Schaften mit in der Gunst erbuckeltem Geldes zum Abstand gegenueber
dem gemeinen Volk eigens entwickelter Verquirltheit und Hochmut..
..mir graust es oft genug und wie oft habe ich so manchen Artikel,
so manches Lesestueck oder Buch entnervt zugeschlagen: Nein,
das ist nicht das, was den Inhalt meiner Seiten sein soll.

Selbstgefaelligkeiten kamen erst nach dem Erfolg, durch gegenseitiges Hochheben,
das man heute als "Seilschaften" bezeichnen wuerde, eine gewisse Hofart und Geld
mit sich brachte, was die Literaten und unfreiwillige Komiker frueherer Zeit ausmachte.

Von den kleinen Leuten hoert und liest man nicht viel, - kein Wunder,-
konnte wohl kaum einer lesen UND schreiben!

In den Chroniken ist zuweilen ein wenig von deren Leben herauszulesen, herauszuhoeren
und in Erfahrung zu bringen - viel ist es nicht und es wird immer weniger,
weil die alten Buecher, die mir die Stadtbuecherei ausleiht, zur Neige gehen.
Ich weigere mich beharrlich mehr von den Gebildeten und "hervorragenden Personen" zu lesen -
lieber gehe ich mit dem Sparten in den Garten !

Was bleibt also von der ganzen Bildung, von den vielen Buechern,
von den Dingen der Edlen und Wohlfahrenden fuer mich selbst?
Nun, das Beste, was ich jemals gelernt habe, ist die lateinische Sprache,
die immer wieder beim Uebersetzen oder besser Ausdeuten des Wortsinnes anderer Sprachen hilft,
die auch nicht verschuettet geht, obwohl mir laengst die Uebung fehlt.
So manches Wort ist in Latein schneller verfuegbar als im Deutschen.

Die Essenz der ganzen Sache ist wohl die Erkenntnis: Frueher sprach man Platt,
litt unter den hohen Herrschaften, stand unter kirchlicher Gehirnwaesche,
arbeitete sehr hart, musste viele Entbehrungen erleben, waehrend die Kleriker
und Adligen im Luxus schwelgten.
Bei Seuchen starben die Leute wie die Fliegen, sie bekamen viele Kinder,
meistens war Schmalhans Kuechenmeister.
Wer wenig wusste sah nur sein Umfeld, wer viel erfuhr, war beunruhigter eher als weltoffen.
Die Herren -gleich welcher Art- sahen die Niederen als ein Bestandteil der Scholle an,
nicht als Menschen. Mitsprache gab es nicht, nur Gehorsam.
Leibeigene waren mehr als Freie. Woher sollten also die Ueberlieferungen kommen,
die das Leben der "Gemeinen" objektiv beschreiben? Von den Gelehrten,
die sich so turmhoch erhaben fuehlten? Oder von denen,
die ganze Landstriche als ihr alleiniges Eigentum ansahen?

Auf jeden Fall waren wir als Wanderer mehr als nur unangenehm beruehrt,
wenn unser Weg an einer besseren Gebetsstaette oder klerikalem Besitz oder an Burgen
und Schloessern vorbei fuehrte: Alle Waende und Mauern sprachen vom Druck
und von der Erpressung an der Bevoelkerung. Nur wirklich dumme Leute glauben an die Herren,
egal ob an weltliche oder glaubensgeschulte. Je mehr ich gelesen habe, um so tiefer wird die Abneigung!
Man hat entweder Kinder, um Burgen und Schloesser zu besuchen oder eine besondere Art
von Freude an Gruselkabinetten oder Horrorfilmen..

Bischofskonferenz fuer Waffenlieferungen an Kurden! Oh ihr Pharisaeer und Philister ..




34.

Geschichtliches

Die Straßen muessen noch vor nicht allzulanger Zeit wie ein Heerlager ausgesehen haben,
ein buntes Treiben, mit Wagenreihen von Wirtschaft zu Wirtschaft,
die Bier oder Eis gebracht haben.
Eilposten, reitende Staffetten, Kaufleute hoch zu Roß, Spielleute und allerlei fahrendes Volk.
Gegen Wegelagerer schlossen sich gerne die Wagen zu Pulks zusammen.
Nach Berichten noch aus dem 18.Jhd. waren die Wege in sehr ueblem Zustand.
Ein guter Fuhrmann dachte bei der Rast zuerst an seine Tiere, dann erst an sich.
Ein Stueck Landstraßenpoesie ist mit ihm gegangen, er war Uebermittler
von Neuigkeiten und Briefen - bis die Kutschen von der Bahn vertrieben wurden,
dann kam die Zeit, dass die Bahn wieder von neuen Kutschen vertrieben wurde - von LKW's,
die zu Abertausenden die Autobahnen verstopfen, weil die Bahn nicht so praktisch ist.
(Nach wie vor sind die Fabriken und die Abnehmer da, wo keine Bahn hinfaehrt.)
Manfred Hausmann schreibt:
"Im Jahre 1904 wurde ich angehalten, zur Schule zu gehen.
Wir wohnten damals in der Moenchebergstrasse.
Und so trottete ich Morgen fuer Morgen mit dem fellbezogenen ranzen auf dem Ruecken
quer durch das alte Kassel oder Cassel, wie es sich noch schrieb,
nach der rund zweieinhalb Kilometer entferten Henkelschen Vorschule am Weinberg.
Der Griffelkasten klapperte gegen die Schiefertafel,
und der Schwamm baumelte seitlich an einem Bindfaden.
Vielleicht begegnete ich schon in der Moenchebergstrasse einem Sprengwagen.
Er bestand aus einem grossen Tank, der an seinem hinteren Ende drei siebartige Wasserauslaesse hatte.
Der mittlere sandte einen Strahlenfaecher nach unten, der rechte und linke
je einen Bogen nach den Seiten.
Damit sollte der Strassenstaub an heissen Sommertagen niedergeschlagen werden,
was natuerlich eine Illusion war. Kam dem Sprengwagen ein Fuhrwerk entgegen
oder ueberholte er ein haltendes, dann stellte der Lenker das Gespritze
an der betreffenden Seite waehrend der kurzen Zeit des Vorbeifahrens ab,
sodass Pferd und Wagen trocken blieben. Voller Spannung wartete ich jedesmal darauf,
dass der Abstellhebel zu spaet betaetigt wuerde.
Dann stiegen die besprengten Pferde vor Schrecken vorn hoch, und es gab ein herzhaftes Geschimpfe.
Ich lernte bei dieser Gelegenheit urtuemliche Redewendungen kennen,
die mir bei der naechsten Auseinandersetzung auf dem Schulhof
die Bewunderung meiner Freunde eintrugen.
Ehe ich in die Moritzstrasse abbog, lief ich schnell noch durch einen der seitlichen Wasserstrahlen
und erschauerte an meinen nackten Beiden vor Kaelte
und in meinem Herzen vor Lust am verbotenen Tun."

"In der Henschelstrasse spitzte ich die Ohren, um festzustellen,
ob nicht das langsame Bim-bim-bim ertoente, das anzeigte,
dass sich eine neue Lokomotive des Henschelwerkes auf dem Gleis von der Fabrik
durch die Wolfhagerstrasse zum Unterstadtbahnhof bewegte.
War das der Fall, rannte ich, was ich konnte, um des von schwarzem Lack,
mit abgesetztem Linienwerk und messingnen Armaturen
glaenzenden Ungetuems ansichtig zu werden.
Ein verwirrender und eigentlich gegen die buergerliche Ordnung verstossender Vorgang,
diese Fahrt einer Lokomotive durch eine von Haeusern
eingerahmte und von Menschen begangende Strasse.
Zur Vorsicht schritt dann auch ein Mann mit einer roten Signalfahne,
die er unentwegt schwenkte, vor der Lokomotive her.
Es erschien mir als das Glueck des Gluecks, ja als das hoechste aller irdischen Ziele,
im Fuehrerhaus einer so gewaltigen und geheimnisvollen Maschine stehen
und an ihren Hebeln hantieren zu duerfen.
Der Beruf eines Lokomotivfuehrers kam fuer mich gleich nach dem des Kaisers,
wenn er ihn nicht an Abenteuerlichkeit und Phantastik noch uebertraf.
Aber es bestand nicht die geringste Aussicht, dass ich mit meinen schwachen Kraeften
jemals eine so erhabene Stellung erreichen wuerde.
Dennoch lebte durch Jahre hindurch eine zarte, wenn auch tief verborgene Hoffnung in mir,
durch irgendein Wunder koenne das Unmoegliche denoch moeglich werden.
Spaeter waren es andere, ebenso unerreichbare Ziele, von denen ich traeumte.
Aber der heimliche Glaube an das Wunder blieb der gleiche.."

"..es waren weniger die schnitzverzierten Fachwerkhaeuser, die mich dazu bestimmten,
als der winzige Spielwarenladen von Ludovici in der Muellergasse.
Das Schaufenster oder besser das Schaufensterchen erregte hoechstes Entzuecken.
Was fuer Schaetze gab es da aber auch zu bestaunen!
Zum Beispiel die toenende Nachtigall, deren Schwanz in ein Mundstueck auslief.
Fuellte man sie mit Wasser und blies hinein, dann lies sie ein lullendes Schluchzen vernehmen,
das mir zu Herzen ging. Oder die kleinen an Gummifaeden aufgehaengten Ungeheuer,
die man zu einem wunderbar weichen Auf- und Niederhuepfen bringen konnte.
Und dann die bemalten Zinnfiguren, Soldaten und vor allem, die in Reih und Glied standen,
aber auch Kirchen, Haeuser, Postkutschen, Baeume und Menschen.
Nicht zu vergessen die verschiedenen Peitschen, die zum Antreiben
und ebenfalls vorhandenen Dullerdoeppe dienten.
Die Kroenung stellte ein bauchiger Brummkreisel dar,
den man vermittels eines aufgewickelten und schnell abgezogenen Bindfadens zum Wirbeln brachte,
woraufhin er eine summende Musik von sich gab.
Kein Gedanke, dass ich ein solches Wunderwerk jemals haette erstehen koennen.
Sein Preis ueberstieg meine Finanzkraft, die sich in der Hoehe eines Groschens bewegte,
um ein Betraechtliches. Aber vielleicht kam der silberne Hahn in Frage, der,
wenn man den Atem in ihn einein hauchte, mit blecherner Stimme Koekoeroekoeeeee sagte..
Da galt es, gut und lange mit sich zu Rate zu gehen,
auf welche Weise das Kapital anzulegen sei.
Es konnte sogar vorkommen, dass ich darueber verabsaeumte,
rechtzeitig in der Schule einzutreffen, und mir deshalb einen Tadel zuzog,
was meine Mutter uebel vermerkte, waehrend mein Vater sich an die Nase fasste
und 'naja' sagte. Am Ende der Obersten Gasse versaeumte ich nie,
zu der kleinen Statue der Heiligen Elisabeth oben in der Wandnische des nach ihr benannten Hospitals
die uebliche Frage *E-li-sa-beth, was machst du da?' hinaufzurufen.
Sie hat mich jedoch kein einziges Mal einer Antwort gewuerdigt.
Wenn mein Vater dabei war, der mich hin und wieder begleitete,
verschwor er zu Kopf und Kragen, sie haben 'nichts' gesagt.
Das war, wie ich spaeter bemerkte, ein listiger Schwur.
Denn er verstand das 'Nichts' ohne, ich jedoch mit Anfuehrungsstrichen."

Selmar Spier vermerkte zu seiner Zeit:
"Der Unheilsprophet Karl Marx hatte zwar schon 1873, zwei Jahre
nach dem Sieg Preussens ueber Frankreich, verkuendet, die allgemeine Krise sei im Anmarsch
und werde selbst den Glueckspilzen des neuen heiligen
preussisch-deutschen-Reichs Dialektik einpauken.
Aber die allgemeine Krise kam nicht. Die deutsche Volkswirtschaft warf in den Jahren nach 1870
zwei bis zweieinhalb Milliarden Mark jaehrlicher Ersparnisse ab,
der Umsatz der Deutschen Reichsbank war um 1900 auf 189 Milliarden gestiegen,
der Bodenwert der deutschen Gross-Staedte von eineinhalb auf neueinhalb Milliarden.
Es gab Rueckschlaege, ausgehend von einer Absatzkrise der amerikanischen Stahlindustrie
oder von Schwierigkeiten in Russland. Aber sie wurden schnell ueberwunden
und um 1905 hielt der oben erwaehnte Historiker es fuer moeglich, dass Deutschland
von seinen historisch aufgesummten Kapitalien ersticken koenne..
(wogegen er die Expansion nach Uebersee empfahl)"

Frankfurt: "Pferde waren ueberall zu sehen, maechtige Stangenpferde vor
den Wagen der Bierbrauer und Kohlenhaendler, flinke wohldressierte Tiere
vor den eleganten Privatwagen, Maehren vor den dem oeffentlichen
Gebrauch dienenden Droschken. Es gab oeffentliche Traenkstellen, Strassenkehrer
sammelten den Pferdemist in grosse auf den Verkehrsstrassen stehende Kaesten.
Die Hauptstrassen der Innenstadt waren mit Holz gepflastert - zur Schonung der Pferde,
zur Bequemlichkeit der Herrschaften.
Mit dumpfem Ton klopften die Hufe auf den Boden, waehrend der Wagen leicht ueber das Parkett rollte.
Um die staedtischen Anlagen herum fuehrte ein Reitweg, der noch lange bestand,
als laengst kein Reiter mehr zu sehen war.
Vor dem opernhaus rief nach der Abendvorstellung ein betresster Portier die wartenden Equipagen
mit dem Namen der Familien auf, denen sie gehoerten:
Bethmann, Passavant, Koch usw. Das Pferderennen in Niederrad war
ein grosses gesellschaftliches Ereignis.
Der kleine Mittelstand fuhr im Mietwagen ueber die Forsthausstrasse, um etwas von der eleganten Welt zu sehen,
wenn sie in langem Zuge sich in die Stadt zurueckbegab.
Ich weiss noch, welch bruellende Heiterheit ich weckte, als ich mich in einer kleinen Stadt
Oberhessens erkundigte, ob das Pferd, mit dem der Onkel ueber Land zu fahren pflegte, ein Luxuspferd sei.
Ich hatte gerade lesen gelernt, und in der oberen Gruene Strasse waren Stallungen,
an denen vermerkt stand, dass dort Luxuspferde gehalten wuerden..
Steinkohle, das Futter fuer die Oefen, insbesondere fuer den grossen Kohlenherd,
der als technisches Zentrum der Kueche in jedem Privathaus stand,
lag ueberall in kleinen Stuecken herum und erregte die Neugier der Kinder
durch die Regenbogenfarben, die auf manchen Exemplaren zu sehen waren.
Die Schornsteinfeger, russgeschwaerzt, mit Seil, Leiter und Zylinder,
war der alltaegliche Kinderschreck.
Ueberall rauchten die Schlote, jeder Maschinenantrieb kam von einem Dampflokomobil.
Mitten in Wohnvierteln stand dampfend und mit Russ aushauchend die Vorortbahn
nach Isenburg oder Eschersheim - letztere im Volksmund 'die Knochemuehl' genannt.
Morgens und abends liefen die Laternenanzuender mit langen Stangen, um die Gaslichter
auf den Gusseisernen Laternenpfaehlen zu bedienen.
Russ lag auf den Daechern und den Fensterbaenken, er faerbte die Hauswaende
und den Mainsandstein des Doms und der Alten Bruecke, und es war troestlich,
aus Gespraechen der Erwachsenen zu vernehmen, dass Frankfurt
eine verhaeltnismaessig wenig mit Russ belastete Stadt sei,
im Verhaeltnis zu Essen beispielsweise oder zu Paris..
Es gab keinen Sport als Massenbetrieb und Volksbelustigung.
Wohlgekleidete Leute spielten Ball auf Tennisplaetzen, Schwimmen konnte man im Hallenschwimmbad.
Maenner und Frauen in getrennten Hallen mit verschiedenen Eingaengen.
Baden im Main in kleinen auf dem Wasser erbauten Kabinen.
Den Feldberg erstieg man selten, aber dann in schwerer Lodenkleidung.
Der einzige volkstuemliche Sportbetrieb, bei dem alles sich mischte
und nur die Eintrittspreise gewise gesellschaftliche Unterschiede aufrecht erhielten,
war im Winter der Eislauf. Tauwetter war truebselig, Frost war begeisternd -
erst spaeter kamen Rodelschlitten und Skier auf, die auch den Schneefall wichtig machten.
Die Kleidung war allerdings ein Problem, wenn auch nicht so sehr fuer die Kinder.
Aber Frauen auf Fahrraedern z.B. - korsettgepanzert und in dichten knoechellangen Huellen
- waren unmoeglich, die Versuche einer sogenannten Reformkleidung fuerchterlich,
das ganze Unternehmen, die den Stand bedeutende, den gesellschaftlichen Rang
darstellende aeussere Erscheinung ohne Aufgabe
des Prinzips dem Maschinenzeitalter anzupassen, aussichtslos.
ich weiss nicht mehr, wann der grosse Sprung erfolgte, und es nur noch eine Mode
gab fuer alle Staende, wahrscheinlich am Ende des ersten Grossen Krieges,
the Kaiser's war, wie er in England hiess, als es keinen Kaiser mehr gab
und mit ihm vieles abgeschafft wurde, das aelteren Ordnungen entstammte.
Einstweilen aber - um 1900 - gab es noch genug gesellschaftliche Unterschiede,
die nicht allein auf dem Geldbesitz beruhten.
Es gab zwar Gleichheit vor dem Gesetz und im Reich (wenn auch nicht in Preussen)
allgemeines gleiches Wahlrecht zum Parlament und Presse- und Gewerbefreiheit,
aber sonst war alles noch lebendig, was 1900 Jahre Christentum
und 250 Kleinstaaterei an Gegensaetzen, Klassen, Abneigungen,
vorgefassten Meinungen hervorgebracht hatten.
Da gab es zunaechst einmal, auch nach dem grosen Aufraeumen waehrend
des fast abgelaufenen Jahrhunderts, noch mehr als zwanzig fuerstliche Residenzen
in Deutschland mit Hofadel und Hofbeamten und Hoflieferanten,
mit Hofkirche und Hoftheater und Bildergalerien,
und dazu eine grosse Zahl ehemals souveraener Haeuser.
Es gab - im Osten besonders- den kleinadligen Grundbesitz, es gab den hohen
katholischen Klerus und die etwas weniger hohe (weil vom Staat abhaengige)
protestantische Gleistlichkeit, es gab ueberall das Militaer,
die Offiziere in blauen und gruenen Uniformen, behaengt mit allerlei -
im Ernstfall unbrauchbarem - historischem Kriegsschmuck.
Es gab das Buergertum, alten und neuen Reichtum,
es gab die hoechst standesbewussten gelehrten Berufe
(kein Mensch sprach noch vom geistigen Arbeiter).
Es gab Beamten aller Stufen und alle uebten Autoritaet aus,
beruhend auf Rang oder Amt oder Abkunft.."
Weiter:
"Das also, unvollkommen beschrieben, waren die allgemeinen Zustaende,
in die ich hineingeboren un die als gegeben anzunehmen ich angehalten wurde.
Diese Welt war keineswegs demokratisch eingerichet, sie lebte auch keinen Wert darauf,
es zu sein. Sie bot gleiches Recht fuer alle und die gleiche Chance
im wirtschaftlichen Emporkommen, aber die gesellschaftlichen Unterschiede von Stand und Rang
wurden 'unten' anerkannt, solange sie 'oben' nicht missbraucht wurden,
um den Emporkoemmlingen Konkurrenz zu machen. Die Emporkoemmlinge wiederum,
die homines novi, konnten innerhalb der Rechtsgleichheit
den gesellschaftlichen Stand wechseln, indem ein Fuerst sie 'in den Adelsstand erhob'.
Die meisten deutschen Juden empfanden eine tiefe Befriedigung, als z.B.
der Berliner Kommerzienrat Friedlaender-Fuld um das Jahr 1900 herum
das Recht erhielt, das Woertchen 'von' vor seinen Namen zu setzen.
Die Mehrheit der staedtischen Bevoelkerung, vom Kaiser bis zum Kaminkehrer,
glaubten an den Fortschritt, worunter man den Weg zum Wohlstand durch die Entwicklung
der Technik und des Verkehrs, des Weltverkehrs inbesondere, begriff.
Der Fortschritt war der Inhalt der Weltgeschichte; zoegernd zuerst, dann immer schneller,
fuehrte er die Europaeer aus den dunklen Zeiten von Altertum und Mittelalter
zur elektrisch beleuchteten Religions- und Wirtschaftsfreiheit.
Ward er durch unverstaendige Regierungen gehemmt, so half er sich durch Revolutionen.
Was fuer die Geschichte galt, galt in gleicher Weise fuer jedes einzelne Menschenleben.
Jeder einzelne hatte die Aufgabe, innerhalb der im zugemessenen Spanne
Zeit den Fortschritt fuer sich selbst und seine Nachkommen zu verwirklichen.
'Wie werde ich reich und gluecklich'
(die Einander-Gleichsetzung ist bezeichnend)
und aehnliche Schriften waren gewissermassen die Traktaetchen-Lteratur der Zeit.
Und die Mehrheit des Volkes glaubte an die Bildung, an ihren Nutzen und Eigenwert.
Die Masse, wie man sie heute kennt, als das in die Permanenz organisierte Instrument der Macht,
war noch nicht erfunden.."
Soweit diese, ueber eine pure Milieu hinaus gehende Betrachtung des Selmar Spier,
die mir diese Muehe wert war. So etwas liest man selten.

***

Mir faellt persoenlich immer wieder der Sprachduktus aus zuendelnde Masse auf,
die -ob bewusst oder unbewusst oder aus einem Standesduenkel heraus getan,
stets fuer "diplomatischen" Zwist und fuer Missverstaendnisse sorgte.
Waeren diese Wortakrobaten dazu gebracht worden, ihre Worte sorgfaeltiger zu waehlen,
waere mancher Konflikt vermieden worden, da bin ich mir sicher.

***




35.

Geschichtliches

Der Grossherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein schreibt 1914:
"Wir waren in Wolfsgarten, als der Mobilmachungsbefehl erschien
und siedelten sofort nach dem Schloss in Darmstadt ueber.
Es war eine furchtbare Zeit der Aufregung und dabei eine Begeisterung
unter der Menschheit, von der man sich keinen Begriff machte.
Den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch sangen die Menschen aus vollem Halse
vaterlaendische Lieder. Bei der Kriegserklaerung war die Begeisterung
einfach frenetisch. Von unsrem Schlafzimmer aus konnte man das Singen
aus der ganzen Altstadt hoeren. Es war ein unbeschreibliches Gefuehl,
diese singenden jungen Maennerstimmen durch die Nacht zu hoeren und dabei zu wissen,
sie ziehen ja alle in den Tod. Es war oft kaum auszuhalten.
Selbstverstaendlich gab es auch viele Auswuechse, so z.B. die Suche nach russischen Spionen.
Wir hatten viele russische Studenten in Darmstadt gehabt,
die schon frueher entweder zurueckgerufen oder abberufen worden waren.
Nun ging die Jagd ploetzlich los:
Jeder Einwohner fuehlte sich verpflichtet, zu suchen, so gab es unangenehme
und komische Szenen. So werden einmal zwei katholische Barmherzige Schwestern
auf der Rheinstrasse festgehalten, und man zog ihnen die Kleider hoch,
weil man glaubte, dass die eine zu grosse Fuesse fuer eine Frau haette.
Die Armen muessen eine furchtbare Angst ausgestanden haben.
Fuer mich war es ja besonders hart, von nun an ganz von meinen Geschwistern
und naechsten Verwandten (in Russland und England) auf unbestimmte Zeit
abgeschnitten zu sein. Das wurde auch noch schwerer, als die schlimmen Botschaften
aus Russland allmaehlich durchsickerten und man nicht wusste,
ob ihnen ueberhaupt Glauben zu schenken sei oder nicht.
Jetzt kamen die haertesten Zeiten fuer uns, das Abschiednehmen von allen Regimentern.
Wir fuhren kreuz und quer durch das ganze Land, oft auf den Strassen angehalten,
denn es war eine allgemeine hysterische Suche nach sogen. russ. Autos im Gange,
die Gold aus Frankreich nach Russland durch Deutschland befoerdern sollten.
Ich habe nie erfahren koennen, ob etwas an der ganzen Sache war gewesen ist.
Ueberall in den Standorten der Regimenter war die Begeisterung eine erhebende,
wenn auch dabei viel geweint wurde.
Ausser all den Bekannten in den Regimentern sah man viele neu eingereihte Gesichter
von nahen und guten Bekannten, auch Soehne von Freunden, fruehere Diener etc.
und alle wollten einen sprechen, wenn es moeglich war.
Zuerst marschierten unsere beiden Dragoner-Regimenter aus.
Da hoerten wir zum ersten Mal das alte 'Muss i denn' und es schnuerte uns den Hals
und das Herz zusammen, als die Regimenter bei diesem Lied,
als sie ihre Standarten im Schloss abgeholt hatten, aus dem Schloss
die Rheinstrasse hinunter nach dem Bahnhof marschierten.
Beim Einladen waren wir natuerlich auch dort wie beim Einladen aller in Darmstadt
garnisonierten Regimenter. Noch ein besonders schwerer Moment war, als wir mit den
Kindern Abschied vom lieben alten Leibgarde-Regiment nahmen.
Es hatte im Herrngarten Aufstellung genommen und marschierte dann von dort ab.
Ich rueckte erst spaeter ins Feld, nachdem schon alle Truppen fort waren.
Die Zeit an der Front war oft nicht leicht, da ich dem Korps-Kommando zugeteilt war
und eigentlich nur als Zuschauer geduldet wurde.
Wo immer es anging, bin ich bei meinen Truppen gewesen, oft bei Angriffen und Gefechten
oder wenn die Verwundeten zurueckbefoerdert wurden.
Dabei bleiben mir ihre Augen unvergesslich, denn wenn man mit ihnen sprach,
schienen sie einen kaum zu sehen, denn ihre Augen hatten den Tod gesehen,
und ihre Seelen hatten das Fuerchterliche durchlebt,
so dass man sich ihnen gegenueber ganz klein fuehlte.
Ich ging auch in alle Lazarette, um, wenn moeglich, moralisch mitzuhelfen.
Die Freude der Leute, wenn sie micht erkannten, war oft ruehrend,
da man doch fuehlte, dass man fuer etwas von Nutzen hat sein koennen.
Ich bin immer nur in der Naehe der Truppen geblieben, nicht wie die meisten Fuersten,
welche die Gelegenheit benutzten, ueberall hinzufahren,
um sich gegenseitig Besuche zu machen oder Staedte anzusehen,
dazu war man doch nicht da.
Ich fuhr weiter hinaus nur, wenn ein hessischer Truppenteil weiter ab
eingesetzt worden war, oder das eine Mal nach Bruegge, um an der Meeresfront
hessische Matrosen zu sehen und die Tapferkeitsmedaille zu verteilen.
Nach dem Sommer 1915 bin ich viel zu Hause gewesen, denn ich fuehlte,
wie aeusserst noetig es war, dass die Heimat, welche so hart,
ohne Dank arbeiten musste, so viel wie moeglich moralisch hochzuhalten war
und dass die Regierung doch noch fest mit ihr verankert bleiben musste.
Es wurde einem oft schwer gemacht, weil alte pensionierte Generaele
zu stellvertretenden Korps-Kommandeuren mit besonderer Vollmacht eingesetzt worden waren.
Nun kamen uebereilte Befehle von Berlin, welche sie als streng zu befolgen weitergaben,
so der Befehl von Gall, dass die ganze Kirschenernte zu sammeln waere
und sofort nach Frankfurt zu schicken sei. Die Menschen waren ganz ausser sich,
weil schon so wenig Obst da war, und sie schimpften gegen die Regierung,
die doch nur den Befehl auszufuehren hatte.
Nach ungefaehr einer Woche kam wieder der Befehl, wir sollten die Kirschen wieder abholen,
man gebrauche sie nicht.
Natuerlich waren beinahe alle nicht mehr zu gebrauchen.
Mama (Grossherzogin Eleonore) sah die Notwendigkeit ein, ein Lazarettauto fuer
unser Korps zu beschaffen. Sie ging selbst zu Gall, der es rundweg abschlug.
Nun arbeitete sie mit Frau Passavent, bis sie genug Geld in Frankfurt
und Darmstadt gesammelt hatte. Nachdem alles nun fertig war, lies Gall das Auto nicht fort.
Mama teilte mir alles mit, und ich musste mich direkt an den Kaiser wenden,
der mir sofort die Erlaubnis zur Abschickung gewaehrte.
Das Lazarett-Auto tat so gute Dienste, dass die Nachbar-Korps es auch benutzen wollten.
Ich erlaubte es aber nicht, denn es war ja nur von Angehoerigen unseres Korps angeschafft worden.
Spaeter kamen ja noch mehrere fuer unsere Armee.
Nie vergesse ich die jeweilige Weihnachtszeit, wo wir in allen Lazaretten
abwechselnd die Bescherungen mitmachten. Die Leute waren natuerlich immer
besonders weich gestimmt, und es war so schwer, den Schwerverletzten
Hoffnung auf ihre Besserung einzufloessen.
So arbeiteten wir beide an der Front und zuhause,
so viel als es in unseren Kraeften stand an der Menschheit,
ihren moralischen Mut hochzuhalten.
Euere Mutter war waehrend der ganzen Kriegszeit so wunderbar,
wie nur die deutsche Fau mit dem grossen Herzen es sein kann.
Nie hat sie sich einen Augenblick erlaubt, muede zu sein.
Man muss sich vergegenwaertigen, wo viele Faeden in ihren Haenden zusammenliefen,
denn wenn ich an der Front war, fuehrte sie auch noch die Regierung,
und beinahe jeden Tag gab es zu allen anderen Fragen etwas ganz Neues,
das ausgearbeitet, neu eingereiht werden musste.
Ihr Beispiel war die grosse Hilfe fuer unsere arbeitenden Frauen.
Unter den Menschen, die ich draussen an der Front kennen lernte,
hat mir General von Kuehne den tiefsten Eindruck gemacht.
Er hatte die hessische Division, so dass ich ihn oft sehen konnte.
Er ist ein Mann mit einem ganz grossen Herzen, der fuer seine Truppen wirkliche Liebe hatte.
Wo es ihm nur moeglich war, sorgte er fuer alle auf das ruehrendste,
bis zu dem einzelnden Manne ging seine Sorge.
Dabei war er ein sehr guter Soldat, der die Division ganz vorzueglich fuehrte.."

Diesen Bericht musste ich ganz einfach nennen, damit nicht der Eindruck entsteht,
ich hacke am liebsten auf dem Adel herum.

Philip Scheidemann meint 1865-1905 aus seiner Jugend:
"Die Arbeitszeit, damals nicht einmal fuer jugendliche Arbeiter geregelt,
betrug taeglich mindestens zwoelf bis 13 Stunden. Sonnabends, namentlich in den Wintermonaten,
bis zu 15 und mehr Stunden. Ich erinnere mich, dass wir vor Weihnachten
von frueh 6 Uhr bis nach Mitternacht haben arbeiten muessen.
Diese Arbeit bestandzu erheblichen Teilen aus Handleistungen, die mit der Schriftsetzerei
absolut nichts zu tun hatten, so vor allem im Falzen von Zeitungen und Einlegen der Beilagen,
Falzapparate und Rotationsmaschinen kannte man in jener Zeit in Kassel
nur aus maerchenhaft klingenden Berichten.
Als Entlohnung gab es im ersten Lehrjahre woechentlich zwei Mark,
dann von jahr zu Jahr fuenfzig Pfennige Zulage pro Woche,
so dass im vierten Lehrjahre woechentlich 3,50 Mark bezahlt wurden.
Fuer die zahllosen Ueberstunden im Laufe eines Jahres gab es eine 'Weihnachtsgratifikation'
im Betrage von 5 Mark.
Ich mache diese Angaben nicht, um die Firma, bei der ich in die schwarze Kunst
eingefuehrt wurde, herabzusetzen. Die Verhaeltnisse waren damals in nahezu
allen Betrieben gleich trostlos. Ich erwaehne diese Zustaende, um besonders
die juengeren Leser daran zu erinnern, was in jahrzehntelangen zaehen Kaempfen von den
gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen schwer genug errungen werden musste.."
Weiter:
"Ich sah den russischen Wahnsinn vor mir, die Abloesung der zaristischen
Schreckensherrschaft durch die bolschewistische. Nein, nein!
Nur nicht auch das noch in Deutschland nach all dem anderen Elend..!
Furchtbar waren die vier Kriegsjahre. Grauenhaft waren die Opfer,
die das Volk an Gut und Blut hat bringen muessen.
Der unglueckselige Krieg ist 1918 zu Ende. Das Morden ist vorbei.
Die Folgen des Krieges, Not und Elend, werden noch viele Jahre lang auf uns lasten.
Die Niederlage, die wir unter allen Umstaenden verhueten wollten, ist uns nicht erspart geblieben,
weil unsere Verstaendigungsvorschlaege sabotiert wurden,
wir selbst wurden verhoehnt und verleumdet.
Die Feinde des werktaetigen Volkes, die wirklichen 'inneren Feinde'
die Deutschlands Zusammenbruch verschuldet haben, sind still und unsichtbar geworden.."
Weiter:
"Arbeiter und Soldaten! Seid euch der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewusst.
Unerhoertes ist geschehen. Grosse und unuebersehrbare Arbeit steht uns bevor.
Alles fuer das Volk, alles durch das Volk! Nichts darf geschehen, was der Arbeiterbewegung
zur Unehre gereicht. Seid einig, treu und pflichtbewusst!
Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen.
Es lebe das Neue! Es lebe die Deutsche Republik!
Schier endloser Jubel ertoente. Dann setzten sich die Massen in Bewegung nach dem Schloss.
Die bolschewistische Welle, die an diesem Tage unser Vaterland bedrohte,
war gebrochen!
Die Deutsche Republik war in den Koepfen und Herzen der Massen lebendig geworden.!
"Der dreiste Versuch, die Republik mit einem Schlag ueber den Haufen zu rennen,
war den kaiserlichen Offizieren und ihren zivilen Helfershelfern missglueckt.
Die Reaktion begann nunmehr mit einer neuen Methode:
Sie wollten die bekannteren Republikaner und mit ihnen die Republik selbst kompromittieren.
Bereits begonnene Verleumdungskampagnen wurden in verschwaerfter Form fortgesetzt,
neue Kampagnen wurden eingeleitet. "

Kunz von Kauffungen schrieb:
"Bei uns herrschten noch die alten, ererbten Anschauungen vor;
man war zu stolz, um sich etwas schenken zu lassen. Wie oft habe ich mich spaeter ueber diesen Stolz
hinwegsetzen muessen, um nicht in den Jahren, als die nazistischen Gewitterwolken Deutschland
verdunkelten, vom Blitz erschlagen zu werden.."

Ernst von Salomon 1920/21:
" Dann hatte ichs mit der Religion. 'Die Erneuerung' sagte ich zu Heinz,
muss mit religioeser Inbrunst verbunden sein. Sind wir, fragte ich ihn, etwa religioes?
Keine Ahnung davon! Und doch, sagte ich ihm ernst, was uns treibt, ist religioesen Ursprungs.
Suchende sind wir, noch nicht Glaeubige.
Wir muessen, beteuerte ich, Glaeubige werden!
Und ich besuchte die Kirchen, evangelische und katholische- aus der Synagoge wurde ich ausgewiesen.
Ich lies mich gefangennehmen von der volltoenigen Begeisterung des Predigers der Paulskirche,
spuerte die Schauer des goettlichen Geheimnisses im Hochamt des Domes,
rief mit blonden Jugen im Taunus die Sonne an, debattierte mit Jugendbewegten
aller Bekenntnisse, lanete bei Nietzsche, verzweifelte und berauschte mich und erklaere,
wir muessten ueber Nietzsche hinaus. Die Literatur!
sagte ich zu Heinz, Wir wissen ja gar nicht, aus welchen geistigen Quellen sich unser Handeln speist!
Wenn wir die Deutschheit erkennen wollen, beschwor ich ihn, muessen wir die Werke erobern,
in denen sie sich spiegelt."




36.

Geschichtliches

Joseph Dunner (Frankfurter Erfahrungen 1929-1932):
"In Italien siegte der Faschismus, weil sich beide Parteien der italienischen Arbeiterschaft,
Sozialdemokraten und Kommunisten, bis aufs Messer bekaempften.
Wer in diesem Saale wuenscht, dass die Nazis siegen und dann wie die Schwarzhemden
Mussolinis die Fuehrer der SPD und KPD - die Nazis machen da keinen Unterschied-
in die Gefaengnisse werfen und womoeglich zu Tode foltern, wer wuenscht,
dass die deutschen Arbeiter ihre sozialen Errungenschaften verlieren und,
angetrieben von Streikbrechern der SA, Frondienste fuer die Herrn Thyssen
und Kirdorf leisten sollen, der ahme das Beispiel dieses Mannes nach."
Weiter:
"Statt mit der SPD gemeinsam gegen die Hakenkreuzler vorzugehen,
unterstuetzte die KPD im Sommer 1931 das Volksbegehren der NSDAP und des Stahlhelms
zur Aufloesung des preussischen Landtags und damit zum Sturz der aus Sozialdemokraten,
Demokraten und Zentrumsvertretern bestehenden preussischen Regierung"
Geschichte bedarf hier keiner Bewertung, diese Aussagen sprechen fuer sich.
Das Konglomerat aus Akademikern und Spekulanten und Parteigaengern war noch nie heilig, auch ohne Beteiligung des Klerus.

Hilde Craß (Sie koennen gehen, 1932-1945):
"1932, im Jahre vor der Machtergreifung durch Hitler saßen ein paar Florstaedter
der SPD zusammen: Der Buergermeister Anton Lux suchte zu beruhigen:
Eines steht jedenfalls fest, selbst wenn der Hitler Reichkanzler wird,
bleibe ich imer noch Buergermeister von Nieder-Florstadt.
Denn bei uns hat die SPD eine starke Mehrheit und schließlich leben
wir in einem Rechtsstaat. Da kann man den Volkswillen nicht einfach uebergehen!"
Er hatte sich schwer geirrt:
"Sechs Monate spaeter war Anton Lux seines Amtes enthoben, seine Wohnung war zertruemmert
und er selbt in Schutzhaft genommen. So nannte man das, wenn jemand ins Gefaengnis kam,
fuer den es keinen Anklagegrund gab. Der Rechtsstaat, dem Lux von Jugend an vertraute,
hatte aufgehoert zu existieren."
Weiter:
"Hitlers Wahlsieg am 30.Januar 1933 hatte zunaechst in Nieder-Florstadt
keine wesentlichen Veraenderungen mit sich gebracht.
Die neue Regierung war so klug, sich zurrueckzuhalten,
bis ihre Machtstellung durch die Wahl zum Reichstag am 5. Maerz
und das Ermachtigungsgesetz gesichert war.
Damit hatte Hitler sich die Berechtigung geben lassen, ohne Befragen
irgendeines Gremiums Entscheidungen jeder Art in Deutschland allein
und aus eigener Machtvollkommenheit treffen zu koennen!"

(Die Ungeheuerlichkeit einer solchen Aussage scheint mir aus den obigen Zeilen kaum genug hervor zu stechen)
"Nur ganz wenige Einwohner waren waehrend dieser Zeit aus der Kirche ausgetreten,
obwohl man damit noch damals seine politische Zuverlaessigkeit haette beweisen koennen.
Daß wohl auch eine Reihe von Bewohnern der NSDAP oder der SA beitraten,
geschah oft nicht aus Ueberzeugung, sondern hauptsaechlich aus Sorge um Familie und Arbeitsplatz."
Noch:
"Nach dem Aufstand der Widerstandskaempfer vom 20.Juli1944 war Anton Lux erneut verhaftet
und ins KZ nach Dachau gebracht worden.
Er wurde erst kurz vor Kriegsende entlassen und hat selbst im Maerz 1945 die Hakenkreuzfahnen
aus der Buergermeisterei und aus dem Saal seiner Gastwirtschaft entfernt.
Er wurde nach dem Einmarsch der Amerikaner von ihnen im Panzerfahrzeug
zum Rathaus gebracht und feierlich wieder in sein Amt eingesetzt"

Ernst Kreuder (Inmitten der Niemandszeit 1945):
"Fuer eine alte Kodak-Box bekam ich einen laenglichen Persilkarton voll Knaster,
abgetrocknet, Marke 'Scheuerbambel', Siedlerstolz oder schlicht Lungentod.
Feingehackt, in Blaettchen aus Durchschlagpapier eingerollt,
ergab es krumpelige Zigaretten, Besen genannt. Hunger droht nicht mit Spruechen,
er knurrt und schwaecht.
Auf zigmal geflickten Schlaeuchen und mit Lappen aus alten Hemden,
unterlegten Reifen radelte meine Frau wieder einmal ueber Land, zu Irmgard,
an die zwei Stunden ins riednahe Frankenfeld. Die Freundin Milas, ledig,
betrieb dort ohne geringste Hilfe eine Kleinsiedelstelle. Irmgard half. Kartoffeln,
Zuckerrueben, Gemuese, Fallobst, ein oder zwei Eier, manchmal ein halbes Brot.
Hoehepunkt der Lustbarkeit war eine Handvoll Ziegenquark.
Auf dem gakeligen Gepaecktraeger heimgestrampelt, bis zu anderthalb Zentner Fahrgewicht,
und tagelang wurde in der Kueche dann Ruebensaft hergestellt,
was konnte man nicht damit sueßen!"

Ein großes, sachlich und modernes Haus, 1952 eingerichtet,
50 Mitarbeiter aus 9 Nationen, beherbergte den Internationalen Suchdienst
des Roten Kreuzes in drei Etagen, mit Millionen von Akten und Namen und Schicksale von Menschen,
denen der Nationalsozialismus zum Schicksal wurde.

Justus Franz Wittkop schreibt 1962:
"Aus unserer Zeit fuer unsere Zeit zu schaffen und dabei den Blick
fuer den hoeheren Wert der Erkenntnis, ja fuer den ewigen Wert der Wahrheit nicht
zu verlieren, ist unsere Aufgabe, unser Schicksal.
Das Beste von der Menschheitsglaeubigkeit der Wissenschaft des 18. Jahrhunderts
und dem Fortschrittsfrohsinn des 19. Jahrhunderts ueber die Katastrophen der ersten Haelfte
unseres Jahrhunderts zu retten, sollten wir nicht vergessen.
Denn wir brauchen mehr als andere Epochen die Zuversicht, dass sich das Gute im Menschen
auch in unseren von Gefahren umwitterten Tagen durchsetzen werde."
(Georg August Zinn, erster Hessischer Ministerpraesident)




37.

Geschichtliches

Die Lektuere des Buches "Was ware gewesen, wenn?" Wendepunkte der Weltgeschichte
von Robert Cowley ist eine sehr interessante Lektuere, die viele Fragen aufwirft
und zum Nachdenken anhaelt. Aber: Das Rad der Geschichte kann man nicht zurueckdrehen,
das durch die Zeit gerumpelt ist, ueber Stock und ueber Stein.

Jeder Versuch mittels "Zeitreisen" in die Geschichte eingreifen zu wollen,
ist ein Paradox, ein Buch darueber eigentlich auch - weil immer eine gewisse
kulturelle Einseitigkeit bleibt, besonders von angelsaechsischer Seite arg
ausgepraegt und verzerrt, verdisneyt - beim Schreiber UND beim Leser.
Das faellt heute, wo viele Nation Geographics und aehnliche Sendungen anschauen,
schon bald nicht mehr auf.

Ein paar denkwuerdige Aspekte ergeben sich immer:
Im Teutoburger Wald ueberlistete Arminius mit roem. Insiderwissen
und einigen germanischen Staemmen das riesige roemische Heer aus drei Legionen -
15.000 Soldaten mit Tross. Die Koepfe der "Opfer" sollen an die Baeume genagelt
worden sein.. danach zogen sich die Besatzer hinter den Limes zurueck..

An anderer Stelle liest man, die Anfuehrer seien von den Barbaren lebend
an die heiligen Eichen geschlagen worden..
(Die roemischen Soldaten in Griechenland seien in "Raserei verfallen
und haetten alle Bewohner der Stadt abgeschlachtet".. berichtet die Geschichte an anderer Stelle)

Der Heerfuehrer Augustus sprach vom "Furor (Raserei) Teutonicus",
"eine Horde aberglaeubischer zumeist betrunkener Barbaren von gleichbleibender Feinseeligkeit,
die Pferde und den Mond anbeteten, deren primitiver Kalender nicht die Tage,
sondern die Naechte zaehlte und die wie die Woelfe durch Nebel und Schnee streiften"
Nun, so betrunken koennen sie nicht gewesen sein, wenn sie 3 Legionen aufreiben konnten -
Polemik, wie heute auch!

Julius Caesar versorgte die Barbaren mit Luxusguetern und gewoehnte sie an Niederlagen-
heisst es an anderer Stelle..

Es gibt genuegend Belege fuer aehnliche Grausamkeiten von den Roemern
und Staedtebombardements im 2.Wk, die gegen die unbewaffnete Zivilbevoelkerung gerichtet waren.
Aber auch Arminius oder Hermann, wie er spaeter genannt wurde,
war ein typischer Politiker, der mal auf dieser, mal auf jener Seite war.

Man kann Geschichte drehen wie man will, selbst wenn grosse Ereignisse nicht
in der bekannten Form stattgefunden haetten, waeren sie auf einer
etwas geaenderten Verlaufsebene am -vermutlich gleichen- Ziel gelandet
und das Resultat waere genau da, wo wir es heute haben..

"Unglaeubige", "Heiden", "Barbaren", "Gottlose" - das Vokabular
der Kriegsfuehrung ist heute noch zu hoeren und zu lesen..

Beeindruckend deutlich wird immer wieder der Umstand der Uneinigkeit-
die das groesste Einfallstor fuer Feinde war und.. noch immer ist.
Wobei man nicht mehr unbedingt sagen kann, es sind Armeen oder Truppen
oder auch Ideologien, wie der Kommunismus- sondern vielmehr Kapitalien,
Computerviren, Heuschrecken - Uebernahmen, Infiltration von Glaubensrichtungen,
die schaedlich werden koennen, wenn diese Dinge nicht vom Staat selbst klar
und deutlich getrennt werden.
Wie in der Ehe wird es nur dann wackelig, wenn man sich nicht einig ist !
Diese Lehre kann man aus den Geschichtsbuechern ziehen, die immer wieder
von zerstrittenen Kleinstaaten und durchmarschierenden Heeren und "Feldherren" berichten.

"EINIGKEIT UND RECHT UND FREIHEIT" stand auf den alten DM-Muenzen,
diesen Satz sollte man wieder mehr in Ehren halten!

Der Ausdruck "Holocaust" und aehnliche Voelkermorde, wie "Schlachten"
und "Feldzuege" sollen nie wieder geschehen, davor sei die Aufklaerung
und Voelkerverstaendigung gesetzt - dagegen ist das Erstarken von Religion,
mit dem immer wieder harte Trennungslinien manifestiert werden.
Hartnaeckig haelt sich der Glaube an Exorzismus und den Teufel-
was man im Zeitalter der Raumfahrt kaum fuer moeglich halten sollte.
Die Menschen haben heute zwar durchweg einen hohen Bildungsstand,
scheinen aber immer duemmer zu werden: Willfaehige Laender bekommen Waffen geliefert,
die diese niemals haetten herstellen koennen - ein gefaehrliches Spiel !

Die Seiten "Geschichtliches" werden hiermit ihr Ende gefunden haben;
die Buecherei kann keine geeignete Lektuere mehr liefern - je studierter die Autoren,
um so unbrauchbarer erwiesen sich die Schriften, die sie der Nachwelt hinterliesen.
(Wie die kleinen Leute, die "Gemeinen" lebten, dachten und fuehlten, ist jenen fremd- damals und heute.)
Die Kleinen haben selbst kaum schriftliche Werke hinterlassen,
sie begnuegten sich mit der Erstellung von Haeusern, sie bebauten Land,
sorgten sich um die Lebensmittel, zogen Kinder gross- bangten vor Kriegen und Seuchen,
mussten sich vor der Willkuer der "Grossen" beugen..


Die Autoren der Buecher sind schon lange tot, wenn aber nachfolgende Rechte
tangiert worden sein sollten, bitte ich um Abklaerung per E-Mail,
damit die entsprechende Zeile aus meinen Seiten heraus genommen werden kann.
Ansonsten gelten die Angaben in meinem Impressum.



***

Nun ist mein Lesematerial aufgebraucht, bis auf eine Triologie von Strittmatter "Der Wundertaeter":
Anspruchsvoll geschrieben, man muss bei diesem Schriftsteller den Kopf einschalten,
was ich gerne tue.. auf alle Faelle gegen die letzten beiden Buecher eine Wohltat!
(Es geht nicht um Kilometerfresserei, sondern um den Genuss und dieser ist bei diesem Autoren allemal gegeben,
auch wenn das Einlesen ein "Zeitchen" dauern mag.)
Ein Ausflug in die sprachliche Vergangenheit, in eine laengst vergangene
Lebenswirklichkeit aus der Sicht der kleinen Leute.

Interessant ist hier die Darstellung der direkten Lebensumstaende waehrend des "3 .R eichs",
wie sich die Brut erhob und sich zum "Sprachrohr des Volkes" aufschwang -
wo jeder jeden denunzierte, wie spaeter in der "D DR" in aehlicher Weise.
Hier kann man recht gut die Hintergruende durch einen wortgewandten Zeitzeugen erfahren.
Schon aus diesem Grunde ein lesenswertes Werk.

***





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