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Der Schönthaler Hof
Eine Fiktion?
Er war es leid und da seine Frau gerade gestorben war, sah er keinen Sinn mehr in seinem Leben,
das ihm einen guten Reichtum beschert hat- aber was tun mit diesem Geld?
Warten, bis das Finanzamt alles abgreift oder die undankbare Tochter, mit der schon seit Jahren keinen Kontakt
mehr hat?
Er war es leid, dieses Thema noch mal zu überdenken, das seiner Frau und ihm so arg zugesetzt hat!
Wie auch immer, eines Tages hatte er einen Traum und diesen hielt er sofort auf dem PC fest.
Oskar schaute fortan die Immobilien-Inserate, Rubrik "Landwirtschaft" systematisch durch.
Makler waren ihm schon immer suspekt- nicht ohne Grund, wie er sinnierte..
So vergingen etliche Tage, ja Wochen, bis eine Anzeige ihm gefiel:
"Ehemaliger Aussiedlerhof, großzügige Anlagen, gepflegt, aus Altersgründen auf Rentenbasis zu verkauften"
Er fuhr in die Tiefgarage, schaltete das Navi ein und parkte den riesigen Luxus-PKW aus,
folgte der Ansage des Displays und fand tatsächlich auf Anhieb den Hof.
Der Besitzer dieses ehemaligen Gutshofs hat zwar mit der Anzeige "Aussiedlerhof" ein wenig gemogelt,
aber es klinge irgendwie "moderner", wie er sich ausdrückte.
Die Zufahrt von der kleinen Landstraße zum Hof war ziemlich kaputt-
aber mit seinem "Dickschiff" war das kaum zu spüren, nur zu sehen.
Der Besitzer stellte sich als Bernhard Otting vor und so kamen die beiden älteren Männer
schnell in ein gutes Einvernehmen.
Oskar bekam einen Obstler angeboten und so klönten sie auf der Bank vor dem Haus in Ruhe-
der Anwalt wurde angerufen - und sollte gleich mit den Verträgen auf den Hof kommen.
Oskar bezog das Fremdenzimmer mit gepacktem Koffer, der immer im Auto war- seit etlichen Jahren,
so war er immer unabhängig und frei von Einkaufszwängen.
Bernhard machte frische Rühreier mit Kartoffeln und Salat, stellte ein kühles Bier dazu
und beanraumte für den nächsten Tag eine Begehung des gepflegten Anwesens.
Die Nacht war lau und ruhig, es gab auf dem abgelegenen Hof keine Störung, Oskar schlief wunderbar.
Am Vormittag des nächsten Tages kam der Anwalt und schimpfte über die Zufahrt, die ein paar hundert Meter lang
in Kurven verlief.
Man saß beim Kaffee zusammen und verhandelte die Bedingungen- der Kaufpreis war nicht das Thema,
sondern die steuergünstige Ausarbeitung dieses Konstruktes.
Eine Stiftung sollte es werden, sagte der Anwalt und gleich auch die Subventionen der EU abräumen, wie das alle machen.
Wenn beide Teilhaber verstorben sind, bleibt die gemeinnützige Idee im Vordergrund.
Der letzte Inhaber wird bis zuletzt alleine entscheiden.
Oskar ließ seine Penthauswohnung und das dicke Auto verkaufen und auch -fast alle- Vermögenswerte in die neue
Stiftung fließen.
Oskar und Bernhard wollten mit der EU nichts zu tun haben und lieber alles ohne Bevormundung durchziehen.
So hatte der Anwalt und Notar genug zu tun.
Die Inhaber stellten eine Bürokraft ein und einen Spezialisten für die Schweine, die noch kommen sollten..
..ein junger Tierarzt hat hier seine erste Bewährung und Anstellung gefunden.
Die Verträge kamen und wurden abgeheftet, die Stiftung begann zu leben- ganz klein gehalten.
Der Spezialist hat aus Spanien ein dutzend Ibericoschweine und aus Norddeutschland ein dutzend Bentheimer-Schweine
desgleichen Wollschweine und solche aus Schwäbisch-Hall etc. eingekauft.
Unterdessen setzte die heimische Baufirma einen soliden, doppelten Zaun um den Hof, der die ganzen 30ha Land umschloss.
Kameras sicherten das ganze Areal, alles wurde aufgezeichnet und gespeichert.
Der Tierarzt überwachte nun die Gesundheit der Tiere, die sich -- vermischen sollten.
Die Schweine rannten nun auf dem ganzen Land herum und konnten am Abend in ihre Stallungen oder Nester schlüpfen.
Die automatische Tränke und Futterversorgung vom Silo aus war ergänzend gedacht, wenn auf den ehemaligen
Feldern nicht viel zu finden war.
Man ließ wachsen was wachsen wollte- die Tiere waren somit so frei wie möglich und düngten zugleich den Boden.
Künstliche Besamung war nicht vorgesehen!
Sie waren an Menschen gewöhnt und haben klaglos die Untersuchungen -mit anschließender Belohnung-
über sich ergehen lassen.
Nur das Gebäude des Gutshofes und der Parkplatz würde den Tieren verwehrt- freilich auch den Zerlege-
und Schlachtbetrieb.
Bis dahin war aber noch eine ganze Weile Zeit, die Tier sollten ein natürliches Schlachtgewicht haben und
das ist erst am Ende des Periodenzyklus angedacht gewesen.
So ist keine Kastration nötig, aber das Fleisch ist ausgereift und geschmacksintensiv, wenn auch deutlich fester
oder "zäher".
Bevor bei den Tieren die Altersbeschwerden kommen würden, so sinnierte Oskar, wären sie weg.
Bis dahin hätten sie aber in Würde und Artgerechte gelebt, so frei wie möglich.
Die Interessenten meldeten sich bald, auch ohne Reklame- diese Klientel zahlt gerne mehr, wenn dafür
das Schwein so schmeckt wie früher und auch Fett ansetzen konnte:
Selbst dieses Schmalz und der Speck wird sich sehr gut vermarkten lassen- ohne Haltbarkeitsstoffe,
versiegelt oder geräuchert - oder auch verwurstet.
Es kamen bald hundert bunte Ferkel an, die mit der Hand groß gezogen werden mussten.
Der Zufahrtsweg wurde neu gemacht, eine Ampel regelte den Verkehr, denn für die heutigen Fahrzeuge
war die Spur gerade recht,die früher für den Begegnungsverkehr knapp reichte.
Die alten Kastanienbäume und die Weiden hat man gelassen - frisches Gras oder Heu wurde auf dem Hof immer benötigt.
Wo früher Getreide- Raps- und Rübenfelder waren, ist nun ein riesiger Schweineacker mit Strauchwerk entstanden,
Schwarzdorn und natürliches Gehölz, wo sich die Schweine bei Hitze aufhalten konnten.
Schick war das Schlick-Bad, künstlich angelegt und immer gut naß gehalten von der automatischen Bewässerungsanlage,
die ihr Wasser - seit Jahrhunderten vom hofeigenen Tiefbrunnen hat.
Ein Silowagen kam mit dem Futtermittel und pumpte die Mischung in das Silo.
Die Genehmigungsverfahren des Hofes sahen einen Klärteich vor, der selbstverständlich korrekt installiert worden ist.
Oskar und Bernhard bestellten zwei Dienstwagen, praktische Transporter ohne Luxus und ließen vom Gärtner
im Nachbarort Apfelbäume rund um das große Gelände pflanzen- freilich auf deren Grund, so daß die Schweine
die herab fallenden Früchte nehmen konnten. Gut tragende alte Sorten, gesichert mit solidem Draht gegen Verbiss.
*** Es ist eröffnet; der Auslauf kam bald und die Ferkel hatten ihren Spaß.
Die artgerechte Haltung war den Betreibern äußerst wichtig und auch die artgerechte Vermehrung der
Schweine, die sich schnell vermischten.
Es kam -fast- ein Urschwein dabei heraus, die wohl erste Art nach der Domestizierung dieser Rasse.
Robust, schön fett und kugelrund, unanfällig gegen Hitze und Kälte.
Deftiges Fleisch mit guter Maserung war das Ergebnis und.. eine richtig gute hausmacher Wurst.
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Es ist immer auch ein Geschäft mit dem Tod, ein Transponder an den älteren Tieren sorgte für eine schnelle Lähmung,
der Abtransport mit einem Traktor mit Schaufel und die Verbringung zur Strom-Tiefenbetäubung und Schlachtung
hat man fabrikmäßig perfekt gelöst. Von der schmerzfreien Tötung bis zum Abschaben und Zerlegen, fachgerechte
und saubere Stücke standen nun zum Verkauf.
Der angestellte junge Tierarzt fand als Fleischbeschauer ideale Arbeitsbedingungen vor.
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Auf der Internetseite wurde die Schlachtung bekannt gegeben und um Bestellung/Abholung gebeten.
(Abgabe nur gegen Vorkasse mit Quittung der Stiftung "Schönthaler Hof")
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Bald war ein entsprechender Bekanntheitsgrad erreicht und die Schweineherde, die keine argen Züchtigungen
kennen gelernt hatte, war streßfrei und vermehrte sich flott. Tausend Tiere sollte das Planziel sein und das
hat man leicht erreicht.
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Die Preise waren recht hoch, aber die Qualität hat das allemal wieder wettgemacht.
Absatzprobleme hatten andere Züchter, dieses Hofgut mit Sicherheit nicht!
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Nachdem die Anfangsphase, die defizitär war- überwunden, lief alles wie am Schnürchen;
der Futterwagen füllte das Silo mit abwechslungsreicher Kost. Im Winter gab es gekochte Kartoffeln vom
Nachbarbauern, der die kleinen Feldfrüchte aussortieren muß. Nicht vermarktungsfähiges Gemüse hat man von
der Markthalle geholt und sogleich verfüttert. Die Herde versorgte sich selbst mit Wurzeln und fand Pilze,
Kastanien, Äpfel und Birnen, die von den Bäumen fielen.
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Zweimal im Jahr bekamen die Sauen ihre Ferkel und niemand kümmerte sich darum, nur ab und zu wurden sie
vom Tierarzt untersucht. Die natürliche Lebensweise ist der Garant für ein gesundes Tier, das artgerecht leben
durfte. Das hat bald etliche Nachahmer gefunden, bei denen die gleiche Kundenklientel kaufte- die nicht auf den
Pfennig schaute und sparsam mit dem Fleischgenuß umgehen konnte. Die Kunden bekamen über das Internet ihre
Abholbestätigung. Knochen hat man ausgekocht und als Kraftbrühe vermarktet, den Rest geschreddert und als
Kalkdünger verkauft. Die Vertreter für Ergänzungsfutter gaben sich die Klinke in die Hand..
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Oskar und Bernhard haben einen Steuerfachmann eingestellt und einen alten Hausmetzger, der die Wurstrezepte
auswendig kannte. So hatten sie -oft- die Hände frei und spielten Skat oder gingen ihren Steckenpferden nach.
Reich wollten beide nicht werden, denn sie gönnten den undankbaren Nachkommen nicht mehr als unbedingt nötig oder
unvermeidbar. Die Stiftung diente nur dem Selbstzweck, der Gründung einer neuen alten Schweinerasse, fernab
der Massenproduktion.
(ähnlich wie das Iberico-Schwein)
***Die Beiden brauchten niemals Stellenausschreibungen zu schalten, denn hier wollten viele Leute arbeiten-
ein wirklich sicherer Job-
es ging ruhig zu und man zahlte halbwegs gut. Wenn die Geschäfte gut liefen, gab es Prämien.
Wichtig war dieser Sorte Stellensucher die Ruhe und die Stressfreiheit bei der Arbeit. Wer Zickenkrieg versuchte,
flog sofort.
Bald kamen Rinder- und Hühnerzüchter vorbei uns sahen sich gründlich um.
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