Vivarium Seite 21


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Willst du den Wert des Geldes kennenlernen, geh und versuche dir welches zu borgen.

Benjamin Franklin

***

Wieder daheim!

Die Hunde bellten im Vorderhaus (man war buchstaeblich wieder auf den Hund gekommen,
jede der Familien hatte einen- ab und zu trafen sie sich- mal hier mal dort.
Die Zeiten waren noch immer recht unsicher und ueberall lauerten seltsame Leute.

Im steinernen Haus war Ursel am blumengeschmueckten "neugierigen" Fenster und staunte:
Ihr habt es aber gut ausgehalten, draussen in der Fremde! Willkommen!
Die Hunde wurden "gefirmt", sie merkten wohl den verwandtschaftlichen Geruch der beiden Fremden in den seltsamen Gewaendern.
Kommt doch herein..
Die Koeter rannten los und bellten am Hinterhaus und bei den Koehlers und bei Herrmann im Saegewerk ebenso-
was ist denn mit den Hunden los, fragte sich jeder- schaun wir mal lieber nach!

So kam der Familienrat geschwind zusammen im steinernen Haus.
Ein riesiges Hallo, Benni, Berni und Karla waren als erste da, selbst der kleine Gerhard konnte schon krabbeln.
Bruni wollte lieber "Bruno" genannt sein, schon wegen der Kleinen..
Nun gut, ab und zu verfielen die Beiden noch in den alten Kosenamen-
und berichtigten sich sofort.
(Als wenn die Kinder nicht gewusst haetten, was damit beabsichtigt sein sollte)
Die Schilderung der Wanderstrecke, von Land und Leuten, von den Besonderheiten und Unwegsamkeiten,
von der Arbeit unterwegs und besonders von den vielen schoenen Eindruecken haben alle begeistert.
Die Kleinen kauten und lutschten laengst an ihren Zuckerstangen, als Ursel nach den Auftraegen frage:
"Sind denn noch mehr Bestellungen eingegangen, wir haben uns ueber die drei postalischen Depeschen gefreut
und entsprechend viele Geraete bauen und Saemlinge beordert.
Nun wurden die restlichen Blaetter auf den Tisch des Hauses gelegt.
Es waren ein dutzend feste und nochmal so viele Vorbestellung noch mehr Interessensbekundungen.
Der Bruno konnte es nicht fassen und ist sofort an die Arbeit der Planung und Auftragsvergabe gegangen.
Nur kein Aufschub!
Die Konkurrenz schlaeft nicht, sie sitzt in jeder Schmiede vor Ort!

Die Geraete, Teile und Saemereien gingen mit dem Pferdewagen bald im Umkreis von zwei Tagesreisen auf Tour,
andere wurden per Schiff auf dem Rhein bis zur hollaendischen Grenze verschickt.

Inzwischen aber waren die Beiden lieber wieder im Hinterhaus zu Gast, obwohl dort zuhause-
sie haben sich nicht mehr in die Geschaefte des Bauernhofes eingemischt.
Das hat man ihnen gut angeschrieben - welches junge Paar moechte,
dass sich die Alten bevormundend zeigen,
auch wenn solches immer nur gut gemeint sein kann.
Sie schliefen sehr lange, sie saßen lange, lange zusammen und haben erzaehlt-
die besonderen, berufstypischen Neuigkeiten wurden genau aufgeschrieben.
Man kann von anderen Menschen immer nur lernen- andere Laender, andere Sitten.
Manches war sehr gut zu gebrauchen- zum Beispiel von der Kaeseherstellung oder vom Veredeln von Straeuchern und Baeumen.
Von der Viehhaltung und der Vermarktung der Erzeugnisse im Besonderen.

Die Tage gingen dahin und der Winter begann sich zu melden,
als eine Fuhre vor dem Haus hielt:
Der Kutscher lud eine Menge Straeucher ab, sorgsam mit Sackleinen umhuellt die Ballen..
Dora sagte zu den Freihoeflern:
"Das ist ein Geschenk von Karl und mir, zum Erinnerungstag an Johann und Irme, Beerenobst-Straeucher!
Pflanzt diese dorthin, wo ihr wollt, nehmt euch, was ihr haben moechtet!"
Obst fuer Marmeladen kann man immer gebrauchen, zumal im Westerwald Obst ein wenig rarer ist, als sonstwo.

Die Jungen haben nicht lange gefackelt und gepflanzt- gut abgedeckt und geschuetzt
hatten die Straeucher eine gute Wachstumschance.

Die Beiden haben nie nachgeschaut, ob die restlichen Goldgulden noch im Versteck waren-
so viel Vertrauen war allemal da.
Die Notgroschen blieben in den Rocksaeumen eingenaeht, die wurden nicht angetastet.
Karl hat viel gelernt in Bremen, so auch wie man Bier braut..
Die Aussenkueche des Bauern- oder Gefluegelhofes hat den Sud gemacht,
in der Scheune gaerte zuvor die Maische aus geroestetem Korn.
Alle kamen zum Verkosten, als die Zeit des Lagerns und Kuehlens geschafft war.
Ideal geeignet um das erste Freihof Gedenkfest zu Ehren von Johann und Irme zu feiern,
das anstelle des Weihnachtsfestes gemacht wurde.
(Ostern war das Fest der Marga und des Erwin)

Es gab geroestete Huehner-Teile und selbstgebackenes derbes Bauernbrot nach Art des Rheinlandes,
Kaese nach Harzer Art, Bier nach Bremer Kunst.

Ich brauche nicht zu betonen, dass dieses Fest noch lange in Erinnerung blieb..

Eines Tages kam wieder einmal ein Reisender durch das Land und laeutete im steinernen Haus-
ich komme aus Apeldoorn, sagte er in einer seltsamen Sprache,
ich moechte hier bei euch das Schmiedehandwerk lernen, im Speziellen das fuer die Landwirtschaftsgeraete.

Bei Bruno waren helfende Haende immer willkommen -und wenn einer was lernen will,
ist er ebenso willkommen.
Er habe nur den Winter Zeit und muesse sich eilen, meinte er,
euere Geraete haben im Land eine hohe Nachfrage ausgeloest.
Sein Herr habe auch eine Abgeltung ausgelobt, die ich hier bei mir habe:
Er legte eine ganze Reihe schwerer silberner hollaendischer Gulden auf den Tisch.
Bruno war begeistert- so weit wollte er eigentlich nicht ausliefern, die Fracht war recht hoch.

(Zu Ostern -allerdings erst nach dem Gedenkfest- war er schon wieder weg,
mit Zeichnungen bewaffnet, ist wieder gegen Koeln aufgebrochen)

Noch ist aber nicht Ostern und noch hatten die beiden Wanderer "Ruhepause".
Hilfen im Haus und Hof waren selbstverstaendlich, jeder packte dort an, wo es not tat.
Und die Arbeit reisst auf einem Bauernhof niemals ab- irgend etwas ist immer zu tun.
Die Kinder versammelten sich regelmaessig bei Karl und Dora, um den Erzaehlungen zu lauschen.
Kinder sammeln Informationen wie ein Schwamm und lernen kann man bekanntlich nie genug!

Das Kraeuterwissen hat sich im Bauernhaus gehalten,
das alte Buch der Kraeuterfrau hat sich gut gehalten, das Marga von ihrer Goennerin hinterlies.
Heisse Gesundheits-Tees sind labsam in der kalten Zeit, Gelenke wurden gut eingerieben und geschont-
die Beiden planten schon wieder!
Bruno wollte die Auftraege nur noch bis zwei Tagesreisen Entfernung haben,
sonst waere das alles nicht zu bewaeltigen gewesen.
Inzwischen arbeiteten Paul und 4 Gesellen und 4 Lehrlinge in der langen seltsamen Scheune.
Der Betrieb florierte und wuchs - langsam aber stetig - an.
Bald waren einige Geraete und Maschinen auf Vorrat in der Halle,
die Zahl der vorraetigen schweren Bauerngaeule erhoehte sich ebenfalls.
Bald stand das Fruehjahr vor der Tuer und da wurden immer kraeftige Pferde gesucht.

An besondere Expandion haben Helmut und Trude nie gedacht,
sie wollten die Arbeit ueberschaubar halten.
Zwei Knechte waren teuer genug - aber ohne Knechte ging es bereits jetzt kaum mehr.
Helmut und Trude wollten eigentlich Kinder haben- dieser Wunsch hat sich jedoch noch nicht erfuellt.
Sie sind ja noch jung, so dachten die Dora und der Karl-
wenn wir von der naechsten Wanderung zurueck kommen, hat der kleine Gerhard aus dem Koehlerhaus
bestimmt schon einen Spielkameraden bestellt, den der im Bauernhaus besuchen konnte..

Mit den Offiziellen hatte der Freihof, hatten alle Freihoefer nichts mehr zu tun,
desgleichen mit den Leuten aus dem Dorf, sieht man von den Hilfskraeften ab.

Der Pfarrer beschraenkte sich auf seine Kirche und auf seine Familie-
das war allemal bekoemlicher fuer ihn, als sich mit anderen Leuten anzulegen.

Der Allmendehof war neu vergeben worden, wieder war ein einer vom "niederen Adel" dort eingesetzt,
der mit gleich vier Maegden dort eingezogen sein soll.
Dieser hielt den Allmendehof abgeschirmt gegen die laendliche Bevoelkerung,
er organisierte die Jagd der Herrschaften und jagte selbst den Weibern nach.

Von diesem Allmendeherren hielten alle Leute Abstand- nicht ohne Grund.
Man erzaehlt sich, dass Frauen auf dem Hof nackt herum liefen, wenn es die Witterung erlaubte.
So mancher "hohe Herr" sei dort abgestiegen,
Kontakte zu der besagten Wirtschaft in Rennerod wurden nie bewiesen..
..und doch soll ein "reger Verkehr" -vermutlich doppelsinnig gemeint- stattgefunden haben.

Der "Gaensezaun" hielt neugierige Blicke von den eigentlichen Freihoeflern ab,
das steinerne Haus ist nur die Repraesentation zur Strasse hin.
Dort war das Leben, dort kamen die Leute hin.
Im Hinterhaus und bei den Koehlers sagten sich buchstaeblich Hase und Igel gute Nacht.
Beim Saegewerk war dagegen mehr Betrieb, dort arbeiteten vier Gesellen,
Herrmann war mehr im Buero und in der Planung beschaeftigt,
die Moni war im Buero und im Haushalt beschaeftigt.
Das alte Haus, wo der Schmied mit seiner Familie wohnte, war leer,
sie sind wieder in das Dorf gezogen.

Ein Brief kam aus Virginia:
"Die hollaendischen Leute Pfips und Grode xxx, zuletzt wohnhaft in Nassau Dillenburg,
nebst Kindern sind einem Ueberfall zum Opfer gefallen, der wohl von den Wilden veruebt worden ist. Das Government von Richmond."

Man kann sich die Betroffenheit vorstellen, die bei den Anwesenden war,
als Ursel den Brief vorlas.

Das musste erst einmal verdaut werden, das war ein sehr schwerer Schlag fuer alle auf dem Freihof.


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