Vivarium Seite 22


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Weil die Klugen immer nachgeben, regieren die Dummen die Welt.

Unbekannter Autor.

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Die zweite Wanderung.

Karl und Dora begannen ihre naechste grosse Reise zu planen.
Kaum, dass die ersten waermenden Sonnenstrahlen kamen, die Bluemchen ihre Koepfe hervorzustrecken begannen,
gingen sie los.
Die Kinder waren in der Schule, die Freihoefer an ihren Gewerken-
nur Ursel bekam es mit, dass sie den Hof verliesen..

Es ging den alten Kutschenweg hinab nach Limburg, in Hadamar machen sie Station.
Der erste Vortrag wurde gemacht, die ersten Intressenten gewonnen.
Ueber Elz und Diez, den alten Landen ging es weiter, auch dort waren einige Dinge zu verkaufen.
Von dort gingen sie um Limburg herum nach Niederbrechen zur alten Strasse,
die von Koeln ueber Limburg durch den goldenen Grund nach Camberg und Idstein und Wiesbaden verlaeuft.
Die bekannte Strasse nennt man heute B8.
Der goldne Grund wird nicht ohne Grund so genannt- hier blueht die Landwirtschaft und gute Frucht gedeiht allenthalben.
Die Bauern sind fett und rund und sie waren immer fuer Geraete zu begeistern, die Arbeit leichter machten.
Das Taunusgebiet bis vor dem Bergkamm war diesmal ihr Ziel,
das sie kreuz und quer von Usingen bis zur Lahn durchzogen haben.
Hinter jeder Biegung und jedem Huegel kommt dort ein neues enges Tal mit langen Auslegungen zur Lahn hin.
Hinter jeder Biegung oder Wald kam ein neues Dorf zum Vorschein, wie Segel am Horizont.
Die traumhaft schoene und abwechslungsreiche Landschaft ist uns heute als Wanderer sehr gut bekannt,
wie wir auch den Westerwald in ebensolcher Weise schaetzen gelernt haben.

Von Usingen ging es nach Nauheim, von dort nach Friedberg die Wetterau hinab.
Dort waren nochmal viele Erfahrungen im Obstbau zu erhalten und die Anregung fuer neue Leitern wurde aufgezeichnet.
In Friedberg blieben sie laenger und waren bei der Ernte dabei, die vielen Obstplantagen boten viel Arbeit.
Sie fuhren mit dem Bauern und dem schweren Wagen zum Markt nach Frankfurt,
nahmen auf dem Rueckweg Handelswaren aus allen Ecken des Landes auf, welche nach Giessen gefahren wurden.
Von Giessen brachten sie Bier und grobes Eisen nach Buedingen zur Schmiede.
Aus Buedingen kamen Spenglereiwaren auf den Wagen - wieder nach Frankurt beordert.
Dieser Transporteur war immer mit mehreren Wagen unterwegs und suchte folglich auch Kutscher.
Derweise angelernt haben die Beiden einige Fahrten in aehnlicher Art erledigt.
In der Wetterau sind die Winter nicht so hart und so konnten einige Touren gemacht werden.

Auch hier konnten einige Auftraege zur Vermittlung gebracht werden, die dann per Post nach Hause geschickt wurden.
Man durfte keinen Aufschub haben, das naechste Fruehjahr und der naechste Einsatz auf dem Feld kamen ganz sicher.
Der Bruno hat diese wohl erhalten und zur Auslieferung gebracht- auch er hat in dieser Zeit einen Kutscher verpflichtet.
Die letzte Fahrt nach Frankfurt wurde nach Floersheim und zum Kloster Eberbach bestellt,
von dort sollte eine ganze volle Fuhre Wein nach Bad Homburg gebracht sein.
Bad Homburg hatte Aussteuertruhen fuer Reichelsheim geladen.
In Reichelsheim (Wetterau) begann schon das Fruehjahr- das dort immer recht zeitig im Jahr begann.
Nach ein paar Tagen der Ruhe ging die Wanderung weiter.

Sie nahmen sich vor, die Bergstrasse hinab bis zum Bodensee zu gehen.
Die Bergstrasse war ein angenehmer Waermefaktor zum Auftakt der Tour.
Ueber Woellstadt, Bad Vilbel ging der ruhige Marsch, diesmal aber ohne Reklame zu machen-
nur mit leichten Arbeiten, die ihren geringen Bedarf mehr als genug begleichen liesen.
Bei Darmstadt fanden sie viel Arbeit auf einem Gutshof,
der Probleme mit seiner Gefluegelzucht hatte.
Durch das angesammelte Wissen und mit einigem Zeitaufwand zur Rettung des Tierbestandes durch Kraeuterkunde
kamen einige Muenzen und gute Verpflegung heraus.

Von dort gingen sie nach Gernsheim, Buerstadt, Lampertheim - alles gute landwirtschaftliche Flaechen,
die immer Hilfskraefte brauchen konnten.
In Mannheim und Ludwigshafen gab es wieder gewohnte Kontorarbeiten.
Bei Oftersheim wurden sie aufgehalten, ein altes Bauernpaar lag danieder
und konnte den Hof nicht mehr bewirtschaften.
Mit Kraeuterkunde und viel manuelle Hilfe kam bald die Ernte unter Dach und Fach,
dieses Handwerk beherrschten die Beiden wie kein zweites.
Sie blieben ueber den Herbst, sie blieben den Winter -
der Sohn war im Krieg - wer weiss wo, die Tochter war weiter weg verheiratet.
So war man froh, dass Helfer zur Hand waren- in diesem Falle schon fast Retter.

Der Lohn war gut, der Abschied ist nicht leicht gefallen -
aber ihr Ziel war noch nicht erreicht, also zogen sie recht zeitig weiter.
In dieser Gegend ist es recht mild und so kamen sie gut voran.
Sie waren oft in Weingaerten, schnitten Reben und hackten Unkraut, spannten Draehte.
Diese Arbeit wird nicht schlecht bezahlt, ist wohl dennoch nicht beliebt.
Einsamkeit empfanden die Beiden nie, sie hatten ja sich und das war eigentlich genug.
Als sie so ihre Rast machten, im Weinhang auf den warmen Bruchstein-Stufen saßen
und ihr Brot brachen, das in den Becher mit Wein getaucht wurde, meinte Dora:
Was werden unsere Freihoefer treiben?
Karl meinte: Die werden alle Haende voll zu tun haben und kaum Zeit haben, ans uns zu denken..

So kamen sie irgendwann durch Pforzheim, der Goldstadt, die ihre Bewunderung erregte.
Dora kaufte sich ein Schmuckstueck, das sie dann gut verbarg-
in Fildestadt waren Krautstecklinge zu pflanzen,
diese Arbeit geht aber schlimm in Kreuz und ganz so jung waren die Beiden nun auch nicht mehr..
Ueber Sigmaringen sammelten sie Heu und brachten es in die Scheune,
in Pfuhlendorf hueteten sie Kuehe,
ueber Salem ging es nach Meersburg, einer wunderschoenen alten Stadt am Bodensee.
Der riesige See lag im Fruehjahrsdunst, die Fischer kamen schon wieder zurueck
und brachten ihren Fang an Land.
Feine Haeuser und wuerdiges Wohnen, feine Leute, die wohl alle wohlhabend waren-
wieder Weinberge, wieder Arbeit in den Reben.
So haben sie eine ganze Woche zugebracht.
Der Winzer, der auch eine feine Gaststube betrieb, hatte die Beiden im Schober beim Weinberg untergebracht.
Zum Abschied bekamen sie die vereinbarte Summe und jeweils ein Bodensee - Felchen und einen Meersburger Roten.
(Eine Art Forelle, ganz frisch gebraten ein wirklicher Genuss,
der Meersburger Rote ist wohl einer der besten Weine, die ich je getrunken habe-
dieser Wein wird nicht exportiert, man bekommt ihn nur hier ausgeschenkt,
er wird wohl auch nicht in Flaschen verkauft)

Die Wanderung macht ganz besondere Freude, wenn man einen so herrlichen Ausblick hat,
wie gerade an diesem Stueck des Bodensees- von Meersburg ueber Friedrichshafen bis Lindau.
Hier ist der See so breit, dass man nur bei bestimmten Wetterlagen das gegenueberliegene Gebirge der Schweiz sehen kann.
Hauptsaechlich den Saentis und den Altmann, sehr hohe und beeindruckende Berge, die meistens weisse Gipfellagen haben,
selbst im Hochsommer.

Spaeter zogen sie an der bayrischen Seenlandschaft vorbei, Starnberger See,
Chiemsee bis Traunstein und fanden das Panorama einfach grossartig.
Gelegenheiten zur Arbeit fanden sich allerorten, ob zu Heu einfahren oder bei der Ernte von Obst und Gemuesen,
als Schaefer oder Viehhirte und - wieder als Gefluegelfachleute.
In Altoetting gerieten sie in eine seltsamen Prozession, man muss alles einmal gesehen haben!
Bei Deggendorf bekamen sie die Gelegenheit, auf einem Frachtschiff mit wertvollen Webereien und anderen teueren Waren
auf der Donau anzuheuern.
Hier bestand die Arbeit hauptsaechlich in der Bewachung und Kombuesen-Arbeit, ein wenig Deck-Schubben etc.
Dafuer war die Reise sehr billig zu machen.

Hei, wie ging das Schiff ab- geschickt gesteuert durch Passau nach Linz,
Krems und Wien, die grosse Stadt, in der kurz festgemacht wurde, um noch weitere Waren aufzunehmen.
Wasser und Lebensmittel wurden gebunkert.
durch viele schoene Lande ging die Reise, Breslau, Budapest- mit dem flotten Schiff
war man eben schneller unterwegs als zu Fuss oder mit dem Wagen.
Tschechen, Slowaken, Rumaenen- Voelker, von denen man daheim noch nicht viel gehoert hatte, zogen vorbei.
Vorbei an Slowenen und Serben, Bulgaren bis die Muendung der Elbe sich breit in das Schwarze Meer an der rumaenischen Kueste traege ergoss.
Wunderschoene Gegenden haben sie gesehen und viel erlebt - nach einer gewissen Andacht
begannen sie der Kueste entlang durch Bulgarien zum Bosporus zu gehen,
diese Meerenge mussten die Beiden ganz einfach gesehen haben!
Von dort ueber Kedirdag nach Thessaloniki- wieder ein Hafen!
Endlich war wieder etwas zu verdienen in einer grossen Kontorei.. aber oh weh, die Sprache!
Als sie sich darueber unterhielten, gerieten sie an einen Seemann, der sie verstand:
Was ist das denn? Nassauer Laute und das im fernen Griechenland!
Die Beiden erklaerten ihre lange Reise und fanden auf dem Segler Arbeit,
der in Griechenland getrocknete Feigen und Rosinen und allerlei Gewuerze aus dem Orient geladen hatte.
Nun ging die Reise durch das Mittelmeer bis nach Malaga, wo Wein nachgeladen wurde.
Die Reise ging durch die Meerenge von Gibraltar um Porto herum nach Norden.
Immer dem Strom nach bis sie nach Amsterdam, dem Bestimmungshafen kamen..
Die Haende waren ganz schwielig von der harten Arbeit an Deck..
Das Geld war ihnen nicht so wichtig, wichtiger war die Ankunft mit Aussicht auf Rueckkehr,-
Heimweh hat jeder mal!


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