Vivarium Seite 23


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Es gibt nichts Bestaendigeres als die Unbestaendigkeit.

Christoph von Grimmelshausen

***

Die Zeit ging weiter, wie sie das immer tut.
Auf dem Freihof war reges Leben, der kleine Gerhard wurde ein flinkes Kerlchen,
Benni, Berni von Bruni, pardon, Bruno und der Ursel halfen tuechtig mit,
sie uebten schon mal das Gewerk des Vaters- nicht heimlich,
sondern mit Erlaubnis der Ursel.
Die Karla war auf einer Musikschule, wie zuvor ihre Mutter.
Thea und Sebastian im Koehlerhaus waren sich gut, genau wie Helmut und Trude im Bauern-Eck des Freihofes.
Die Geschaefte gingen ruhig, aber stetig bergauf, die Zeiten waren ja auch nicht schlecht.
Viele Bestellungen und Reparaturen waren in dieser seltsamen Scheune zu tun-
bald wurde eine weitere -mit Herrmanns Hilfe- dazu gesetzt.
Nun waren schon drei Gebaeude an der Strasse gelegen-
es tat sich etwas, was jeder sehen konnte:
Hier ist viel Arbeit.

Das Gaensetor wurde kaum mehr geoeffnet, alle hatten genug mit sich selbst zu tun,
besonders Bruno und die Ursel im Vorderhaus.

Mit acht Gesellen und vier Lehrlingen und dem Paul als Meister
ist Bruno nunmehr dabei, die Geraete zu bauen.
Immer neue Techniken hat man erfunden und ausprobiert auf dem Versuchsfeld.
Sein Einzugsgebiet hat sich durch die Wanderer enorm ausgedehnt,
mehr als der anvisierte Aktionsradius von zwei Tagesreisen.
Inzwischen hat sich ein Renneroder Transporteur der Sache angenommen.

Herrmann und Moni haben nicht weiter gemacht und das Saegewerk verkauft.
Dieses seltsame Wandern auf dem Freihof hat sie irgendwie beeindruckt.
Wandern war aber eher nicht ihr Fall, deshalb sind sie nach Siegburg, in die Stadt gezogen.
Bescheiden auf Miete wohnend, wollten sie ihr Vermoegen als Pensionaere verleben.
Abend gemuetlich essen gehen, tagsueber spazieren- flanieren, durch die Geschaefte gehen.
Sie wollten so viel wie moeglich vom Leben mitnehmen- was alle verstanden haben,
sogar die Freihoefer.

Thea und Sebastian aus dem Koehlerhaus haben das Waeldchen wieder verkauft,
das nur als Bindeglied zu Moni und Herrmann gedacht war und haben von diesem Geld das Haus erweitert
und den Rest des kleinen Taelchens nach unten hinzu gekauft.
Sie hielten darauf Schafe- das war immer ein ruhiges und sicheres Einkommen.
Wolle und ein wenig Kaese und Milch und Fleisch sind damit gesichert.
Damit blieben sie Helmut und Trude ganz nah verbunden.
Die beiden wollten keine Kinder oder konnten keine bekommen,
sie sprachen nicht darueber.
Die drei Kinder der Ursel und der Gerhard, der ab und zu vorbei kam,
waren ihnen durchaus Trubel genug -
vielleicht wollten sie ganz einfach ihrer Ruhe nicht abhold werden?

Der Betrieb im Vorderhaus wuchs und wuchs, die damalige Landwirtschaft
hatte noch sehr sehr lange einen ganz enormen Nachholbearf.
Durch den Spediteur kam eine eine Verbindung mit den Eisenhuetten des Siegerlandes zustande.
Die Herren des Landes waren sehr zufrieden mit dieser Entwicklung,
sie wollten dieser Sache nicht im Wege stehen und haben mit Genehmigungen geholfen, wo sie nur konnten.
So bekam das Vorderhaus ein ordentliches Stueck Grund dazu, direkt an der Strasse,
als Erweiterung -kostenfrei zur Verfuegung gestellt.
Weitere seltsame Scheunen entstanden, die man wohl heute Hallen nennt,
kamen dazu.
Bald waren dreissig Leute beschaeftigt und noch ein Meister der Schmiedezunft eingestellt.
Eine zusaetzliche Einfahrt lies die Fahrzeuge bequem anlanden und ..
wieder zierte ein grosses Schild mit Fackeln das Anwesen:
Freihof - Landmaschinen Fabrikation.

Berni und Benni wurden schon sehr rechtzeitig in die Geschehnisse eingebunden,
man kann sagen, ihre Schule war die Werkbank.
Ein junger Lehrer aus Marburg hat ein Zimmer im Freihof bekommen,
damit die Kinder noch moderner und noch besser unterrichtet werden konnten.
Der kleine Gerhard ist spaeter lieber ins Dorf zur Schule gegangen.

Im Hinterhaus und bei den Koehlers, wie man die drei noch immer nannte-
war dagegen eine Friedhofsruhe eingekehrt,
sie wurden mehr und mehr zu Selbstversorgern, ohne besondere Anbindung nach draussen,
wenn man von den regelmaessigen Verkaeufen auf dem Wochenmarkt in Rennerod einmal absieht.

Noch immer fuehrte nur ein Trampelpfad zum Hinterhaus und ein weiterer aus dem Taelchen hinauf ins Dorf.
Mit der Strasse hatte man nichts zu tun, von dort aus sind diese Gehoefte nicht zu sehen.
(Was sich im Kriegsfalle und bei den noch immer vereinzelt herumreisenden Vagabunden nicht schlecht ist)

In der Zwischenzeit sind Karl und Dora in Amsterdam im Hafen beschaeftig,
sie lernte recht schnell die Sprache und sich mit den Leuten gut verstehen.
Holland war sehr landwirtschaftlich gepraegt und brauchte immer neue Ideen
zur Bodenbearbeitung - hier konnten viele Dinge in die Wege geleitet werden,
viele Kontakte geknuepft und Kunden gewonnen werden.
Diese gingen umgehend auf dem Postweg zu Bruno,
den den Freihoefern immer Bericht gab, wo die Beiden gerade waren und was sie taten.
So mieteten die Beiden im Auftrag Brunos ein Gebaeude im Binnenland an,
in welchem Landgeraete ausgestellt wurden, die auf dem Freihof hergestellt wurden.
Die Nachfrage uebertraf alle Erwartungen,
sie haben ein paar Leute aus den Doerfern eingestellt und einen Spediteur, der die Geraete ausgeliefert hat.
Das dortige Herrscherhaus hatte immer schon sehr enge, verwandtschaftliche Bindung in den Westerwald,
so kam man mit dem Baugrund fuer ein entsprechendes Unternehmen entgegen.
Bald wurde auch hier produziert, um Transportkosten zu sparen - mit dem Benni, dem Sohn als Geschaeftsfuehrer.
Dieser heirate eine Benetrix aus dem Dorf und baute ein kleines Haus auf dem Betriebsgelaende.
Berni blieb im elterlichen Betrieb im Westerwald und bekam ebenso eine Frau ab-
eine junge Witwe Sarah mit einer Tocher namens Jeni.

Die beiden Betriebe haben sie danach nocheinmal verdoppelt und bald fuenfzig Leute beschaeftigt.
In Tilburg in Holland war nun das zweite Standbein, das immer weiter wuchs-
sogar aus Belgien kamen die Kunden.
Die Landwirtschaft wurde immer moderner und rationeller,
dieser enorme Bedarf an Geraeten und Hilfmitteln ist bis heute ungebrochen.

Karl und Dora hatten ihre Mission mehr als erfuellt, als sie weiter zogen.
Die Wanderschaft ging weiter-
nach Norden, nach Ostfriesland, an die Kueste.
Dort haben sie sich eine winzige alte Fischerkate gekauft und sich zur Ruhe gesetzt.
Die Reserve an Goldgulden auf dem Freihof haben sie nicht angetastet.
Durch die Vermittlungen fuer Bruno hatte sie genug verdient,
um den -vorgezogenen- Ruhestand angehen zu koennen.
Fortan sammelten sie Strandgut und bauten aus Muscheln Verzierungen fuer das Haeuschen,
das sie zuvor auf Vordermann gebracht haben.
Ganz einfach und fast rauh- wie sie waren und wie die Gegend so ist.
Den Wind waren sie - wenn auch nicht so stark- aus dem Westerwald schliesslich gewoehnt.

Sie befassten sich noch mehr mit sich selbst und dachten ueber die Familie, den Freihof nach.
Die rege Beschaeftigung und Betriebsamkeit des "Vorderhauses" war den Beiden sowieso schon immer zuviel.
Die Zeit der Wanderungen ist vorbei, man hat viel, ja sehr viel gesehen und noch mehr erlebt.
Nun darf die Zeit der Ruhe genossen werden - und wehe jemand wagt die heilige Ruhe zu stoeren..

Lange hat es nicht gedauert, bis sich die Nachbarn gemeldet hatten-
ja, auch hier gibt es Nachbarn. Die naechste Stadt ist Dornum und bis dort war es eine dreiviertel Stunde zu Fuss..

Ein Jahr waren sie wohl dort, als die Fuesse wieder gehen wollten..
Sie waren gerade in Amsterdam um noch ein wenig die Wanderei abzuschliessen, als die grosse Flut in Dornum war-
es blieb kaum etwas uebrig von der ganzen Besiedlung, von den Tieren und Haeusern.
Statt wieder bei Null anzufangen, fuhren sie mit dem Spediteur bis nach Koeln,
von dort nahmen sie den ueblichen Weg in den Westerwald zurueck.
Sie hatten in Norden zwar alles verloren- was aber sowieso nicht allzu wertvoll war.

Daheim angekommen, war die Freude groesser, als sie dachten-
wer wuerde die beiden Alten schon vermissen?
Aber - es waren alle sehr mit sich selbst beschaeftigt und hatten kaum Zeit fuer lange Gespraeche..


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