Vivarium Seite 1


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Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.

Johann Wolfgang von Goethe

(Anmerkung: Der Klick auf obiges Bild fuehrt zur jeweils naechsten Seite)

***

Er, der alte Kraemer
wurde durch seinen alten Esel-Freund aufgehalten, der konnte einfach nicht mehr weiter.
Wie wir erfahren haben, war dieser schon ein aelteres Semester, als man ihn dem Kraemer anbot.
Nun gab er jenen an den Metzger in einem Dorf, wohl recht genau zwischen Limburg und Burbach im Siegerland,
an der alten Fernstrasse, wo regelmaessig Post- und Frachtwagen fuhren.
Er gab dem treuen Freund einen sehr schnellen Tod;
"allemal der letzte Dienst, den ich ihm erweisen darf, ist wohl ein schmerzloser Tod, besser als langes Siechtum",
versuchte er sich selbst zu beruhigen.
Das hat ihn, den Kraemer, doch noch viel mehr aus seinen gewohnten Bahnen geworfen..

Der Esel hat noch die Haelfte des einstigen Kaufpreises eingebracht,
den ihm der Metzger 2 Tage spaeter in das kleine Gasthaus des Ortes ueberbracht hat.
In diesen zwei Tagen half er der Wirtin bei schweren Arbeiten - schon um die Zeche nieder zu halten.
Sie hatte zwei Soehne, einer war eben diesem Metzger im letzten Lehrjahr,
der andere beim Baecker und schon als Geselle dabei,
die Tochter war noch kleiner und ging in die Dorfschule -
als ihr Mann recht schnell an einer schweren Krankheit verstarb.
Schon dessen Vater hatte diese Staublunge gehabt und ist daran ebenso schnell gestorben,-
die Arbeit in der nahen Grube war schwer und sehr ungesund.

So war die Wirtin arg ueberlastet, das Geld war geschwind alle, weil die Wirtschaft nicht viel abwarf -
Deshalb hat ihr Mann auch in der Grube arbeiten muessen, um die Familie und den Betrieb zu halten.
So unterhielt sie sich mit ihm, dem Kraemer, als sie das Essen im Gastraum auftrug.

Als er, der Kraemer, seine Kiepe im Gastraum abstellte und seine Zeche bezahlen wollte,
war bereits so ein Gefuehl in der Luft - eines, das er bislang noch nie gespuert hatte.

Die Tochter machte ihre Hausarbeit an einem der Tische in der fast immer leeren Gaststube,
als nun die Mutter und .. der Kraemer bei dem Kinde hockten und sich ihr Schicksal erzaehlten.
"Wenn nicht ein Wunder geschieht, muss ich das Gasthaus verkaufen,
zumal auch noch ein Bankdarlehen darauf liegt,
und die Kinder und ich wollen jeden Tag etwas essen,
gekleidet sein und dann das Schulgeld- wie soll ich das alles bezahlen?"
Die Traenen muehsam unterdrueckend, erzaehlte sie mit erstickter Stimme weiter:
"Ich koennte in Diensten gehen, die Kinder zu Verwandten geben- "

Da kam auch schon ein heftiger Protest der Kleinen,
die gerade die Schultafel in den Ranzen schob und den Griffel in den Griffelkasten nestelte.
"Meine Freude, sehe ich die dann nie mehr wieder?"
Die Mutter versuchte sie zu beruhigen, was ihr aber sichtlich schwer fiel-
denn wenn sie in Stellung ginge, eine Anstellung finden wuerde,
waere das im nahen Rennerod und in dem Dienstmaedchenzimmer unter dem Dach
der reicheren Haeuser waere bestimmt keine Bettstatt fuer das Maedchen -
von der Ernaehrung mal ganz abgesehen..
wie sollte sie der Kleinen das beibringen?
Wie sollte sie ihr erzaehlen, dass sie bei der Grosstante, die immer so streng war, kuenftig wohnen ..
Nein, jeder dieser Gedanken war eine Sackgasse.

Die Stimmung faerbte auf das Kind ab, das nun langsam den Ernst der Lage begriff.
Die weiten Wiesen, die Freunde, der Bach, das Waeldchen - ihr Zimmerchen,
alles ist auf einmal nicht mehr sicher.
Alles war nun ins Rutschen geraten, unsicher, ungewiss und bedrohlich.

Da ging mit Schwung die Tuer zur Wirtsstube auf und die beiden Burschen kamen herein:
"Was ist denn heute wieder los?"
Setzt euch, sagte die Mutter, die im Begriff war, sich von der Wirtin in sich zu trennen.
Sie hob an, nicht irgendwie verlegen wirkend - um die gespannte Atmosphaere zu lockern:

"Der Johann wird bei uns bleiben und auch hier wohnen, wir kommen gut miteinander aus."
Er, der Kraemer, fuehlte sich fast nicht angesprochen- wann hatte er seinen Namen zuletzt ausgesprochen gehoert?
Ja, stotterte er etwas verlegen, er war nicht gerne im Mittelpunkt, noch nie, das war nicht sein Ding.
Die Kinder schauten, als haetten sie einen Geist gesehen und wurden ganz seltsam beruehrt- - Mutter!

Die Not war in der Trauerzeit oft zu Gast, mehr als Gaeste in der Gaststube allemal,
so war der Fall schon deutlich leichter fuer den "Johann", der auch ein wenig des Wanderns muede war.
Sie war nicht schoen, aber warmherzig und sehr ruhig in ihrer Art, sie hat sich nie haengen gelassen.
Nun kam ein neuer Lichtstrahl in das alte Gasthaus, das in den Tagen nur einen Gast hatte und das war..
richtig, der Kraemer, pardon, der Johann.

Der "Familienrat" tagte am anderen Morgen, an dem er schon laengst haette unterwegs sein sollen,
waere er nicht in eben dieses Gaststube getappt,
haette der Metzger, der den armen Esel kaufte, das Geld gleich parat gehabt.

Diese Gedanken schossen noch mal schnell in seinen Kopf,
was tue ich da, ist das richtig, was sollen die Kinder denken, schaffe ich das?
Doch sein wendiges Kraemer-Gehirn fasste sich schnell.
Er hatte sich immer fix entscheiden muessen, das war bei ihm seit langen Jahren Alltag.

Die Kinder nannten ihn gerne "Johann", sie hatten kein Grund ihm zu misstrauen-
er war auch nicht der "gefaehrliche", eher der kraeftige, der zuverlaessige Mann.

Zusammen mit dem aeltesten Sohn der Irme ging er darauf zu "seiner Bank",
zu diesem Versteck in der Felsenecke im Wald nahe des Knotens.
Der Weg war ploetzlich nicht mehr so lang, der Marsch war kurzweilig,
man hatte sich so viel zu erzaehlen, wobei der neue Sohn andaechtig zuhoerte.

Man fand auch bald den irdenen Topf in der Felsspalte unter dem vielen Moos
und den alles verdeckenden Farnen,- was dort so waechst.
Sie sahen nur kurz nach, ob der Behaelter seinen Inhalt bewahrt hat
oder ob dieser gar schon gepluendert worden war..
dem Johann fiel ein Stein vom Herzen- man weiss ja nie, es ist so viel grobes,
arbeitsscheues Volk unterwegs in diesen unsicheren Zeiten.

Im neuen Zuhause zurueck, freuten sich die Mitglieder der neuen Familie
auf die Zukunft, die nun eher hoffnungsfroh angebahnt oder angeschlichen ist..

Irme und Johann gingen zur Kasse, um die Schulden abzutragen -
viel war nicht mehr zu zahlen, aber die monatlichen Abtraege wogen doch schwer,
wenn kein regelmaessiges Einkommen mehr vorhanden war.
Er bezog also eines der Gastzimmer, man soll es nicht gleich uebertreiben-
Kinder sind da arg empfindlich und koennen so geschwind nicht umdenken oder besser umfuehlen.

Wieder wurde der Familienrat einberufen um die Neuigkeiten zu verkuenden,
den die Irme und der Johann ausgeheckt haben:

Das Gasthaus war ein laenglicher Bau,
der aus einem der typischen Westerwaelder Bauernhaeuser entstanden war,
die aus einer Haelfte Wohnhaus und aus der anderen Haelfte als Scheune und Stall gebaut sind.
Mehr als ein paar Gastzimmer waren nicht vorgesehen, dafuer war die ehemalige Tenne,
also die andere Haelfte dieses Anwesens, leer,
nur etwas Kleinkram, ein paar Koerbe und eine Leiter,
ein Futtertrog und eine alte Karre befand sich darin.
Die Bauernwirtschaft hatte schon der Grossvater der Kinder aufgegeben,
weil es ihm zu viel war, zu der Grubenarbeit auch noch Feld und Vieh zu versorgen.
Die Grossmutter war dazu kaum in der Lage, sie verstand davon nichts.
Nach dem Tod ihres Mannes uebergab sie die Wirtschaft
und zog sich auf ein Zimmer zurueck, wo sie nur noch kurze Zeit lebte.

Hinter dem Anwesen, das einige hundert Meter hinter dem Dorf lag,
war nur noch Wiese und ein alter kleiner Huehnerstall,
eine Mistgrube, in der schon lange kein Mist mehr abgeladen worden war.
Das Haus stand mit der Breitseite gut zehn Fuss von der Strasse weg,
das grosse Grundstueck war mit einem Lattenzaun umgeben, wie man das so in dieser Zeit hatte.
Im Westerwald ist nicht viel gewachsen, es ist immer irgendwie recht kalt
und sehr zugig dort auf den Hoehen und dieser Ort lag oben,
ziemlich oben sogar.
Der Brunnen war zwischen dem Gasthaus und dem Ort,
fliessendes Wasser war damals auf den Doerfern noch unbekannt.
Weite Wiesenflaechen, die ab und zu eine Wald-Insel und viele dicke Basaltsteine zeigten,
bilden dort das gewohnte Umfeld.
Die Wiesen sind feucht bis sauer, sie taugen nur den Schafen und Rindvieh als Nahrung-
man muss sich schon sputen, wenn das Heu trocken eingebracht werden soll.

Landwirtschaft, nein, das wollte in der neuen Familie niemand machen,
das war doch zu karg und sehr sehr muehsam.
Dieses Geschaeft musste man gut verstehen, sonst war da nichts zu holen.

Eine Metzgerei oder Baeckerei wollten die Burschen haben-
das redete der Johann schnell wieder aus:
In der Naehe- und das wussten die beiden jungen Leute ganz genau-
waren die alteingesessenen Betriebe, das waere nichts geworden,
das haette nur boeses Blut gegeben und Konkurrenzkampf.
Da fiel dem Johann seine Kaemer-Kiepe wieder ein
und er fing an, darin herum zu suchen.
Ein paar Leckereien waren schnell verteilt-
und als die Kinder sich daran guetlich taten,
darin waren sich auch die beiden Burschen nicht zu schade,
kam ihm ein Einfall:

Was waere, wenn du deine Gaststube weiter betreibst,
und ich mir in der Tenne einen Kraemerladen einrichten wuerde?
Zimmer muessen wir ja keine anbieten,
so viel Platz haben wir eigentlich nicht fuer die erweiterte Familie zur Verfuegung..
Er sprach im Stillen, wie zu sich selbst,
weil er alleine keine solche Entscheidung treffen mochte.

Die Antwort kam nicht von der Irme, sondern vom aeltesten Sohn:
Ich wuerde mir gerne den oberen Teil der Tenne als Wohnung ausbauen,
der Platz waere mehr als ueberreichlich und das Holz ist gut und tragfaehig,
das habe ich mir neulich erst genau besehen,
zusammen mit dem Hermann, dem Schulkameraden, der im Saegewerk arbeitet,
von diesem kann ich genug Bretter zu guenstigen Preisen bekommen..
und die Fenster habe ich auch schon ausfindig gemacht und..
nun hob Irme an:
Langsam, langsam, das geht mir ein wenig zu schnell -
wie kommst du darauf eine eigene Wohnung haben zu wollen.. oder hast du gar -
sie sprach nicht aus, was sie dachte und jeder im Raum wusste was die Stunde geschlagen hatte..

Die Anne, so hies ihre Tochter, wusste wohl Bescheid und lachte nun lauthals auf:
"Mutter, du merkst aber auch gar nichts,
Erwin hat doch neulich bei der Marga gestanden und so seltsam gefluestert.."
Nun schluckte auch der andere der beiden Soehne, der Rudolf-
"Heee, du Schlawiner, das ist ja wohl nicht wahr!"

Nun waren endgueltig alle ueberrascht und ganz still geworden-
was fuer eine Wendung, was fuer Zeiten !




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