Vivarium Seite 2


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Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet es dem Dichter nicht, abergläubisch zu sein.

Johann Wolfgang von Goethe

***

... noch immer tagt der Familienrat in der etwas zweckentfremdeten Gaststube
des Gasthauses an der Strasse zwischen Limburg und dem Siegerland,
Johann, die Irme, Toechterchen Anne,
der Rudolf und der Erwin, der aelteste Sohn der Witwe
waren in bewegtem, schicksalhaftem Gespraech gefangen.

Nun war also schon mal ein Anfang gemacht,
die Bretter fuer den einfachen Gemischtwarenladen,
den der Kraemer, pardon, der Johann in der Tenne bauen wollte, rueckte immer naeher:
Weil der Erwin den Boden zur Wohnung machen wollte, konnte man gleich alles in einem Aufwasch erledigen-
Helfer gab es im Dorf genug, schliesslich kannte jeder jeden.
Fuer ein paar Muenzen war so mancher bereit,
vielleicht haette mancher es auch in Gegenleistung gemacht,
das wird man sehen muessen, wenn es so weit ist.

Auf alle Faelle waren alle gemeinsam am planen und messen, als die Gasttuer aufsprang
und der Hermann herein trat und ein Bier verlangte.
Das wurde ihm nur zu gerne gereicht.
Nun wurde aus dem Vorhaben ein Plan, der die Irme leicht ueberzeugte.

Die Wirtschaft war noch in Ordnung, die Raeume darueber ebenfalls-
auch wenn sie ein wenig umgestaltet wurden:
Erwins Zimmer wuerde ja frei und darauf freute sich die Anne schon lange,
die bisher in einer Art Kammer mit winzigem Fensterchen schlief.
Der Rudolf tat das, was er immer tat- er kaute auf einem Strohhalm herum.

Die Bretter kamen mit einem grossen langen Wagen, den zwei Ochsen zogen-
die Kinder aus dem Dorf und auch ein paar Dorfleute standen dabei
und begutachteten die Arbeiten, wie das halt auf dem Dorf so ist.
Kraeftige Haende halfen geschwind die schon vorgefertigte Treppe nach oben in die Tenne zu bauen,
dann konnten die Innenverschalungen darauf nach oben gebracht werden.
Die restlichen Bretter und Balken blieben unten in der Tenne, so war alles trocken-
und wenn Zeit war, koennten die Ausbau - Bauarbeiten beginnen!

Das Ochsengespann fuhr wieder weg, die Gucker zerstreuten sich,
ab und an blieb noch eine kleine Gruppe stehen und tratschte-
wie das halt auf dem Dorf so ist.
"Hast du schon gehoert, der Erwin und die Marga.."
Nein sowas und die sind doch noch so jung, haben die nicht warten koennen oder..
die Tratschtante musste ihren Verdacht nicht aussprechen, die andere verstand es sofort.
Nein, da haette man doch schon mal was gesehen und ueberhaupt- weiss Margas Mutter davon?
Na warte, die treffe ich ja morgen beim Baecker.

So ist das halt auf dem Dorf und so war das schon immer.

Die Jungen kuemmert das nicht, die Familie im Gasthaus ebenso wenig,
jetzt war erst einmal genug zu tun, als sich um das Geschwaetz zu kuemmern.
Die Irme hat sich schon immer aus dem Tratsch heraus gehalten,
das musste sie schon als gute Geschaeftsfrau tun-
wie schnell hat man sich Feinde gemacht und das bleibt, manchmal ewig,
wie das so auf dem Dorf ist..

Bald begann das grosse Haemmern, immer nachdem die beiden Burschen von der Arbeit nach Hause kamen-
zwischendrin waren Johann und Irme mit den Planungen beschaeftigt.

Ein reisender Handwerksbursch legte geschwinder als die beiden Besitzer sich versahen,
den Boden in der Tenne und setzte die Fenster ein.
Unten nur eine groessere feste Scheibe und ein paar kleine unten im zukuenftigen Laden
und welche zum Oeffnen oben, wo der Erwin seine Wohnung baut.
Der Wandergeselle speiste, kassierte und dankte- und schon war er wieder weg,
als die beiden Soehne nach Hause kamen.
Alle waren voller Besitzerstolz, auch wenn der Bau ganz ganz bescheiden war.

Nun musste schnell Geld verdient werden, damit sich die beiden Unternehmungen tragen konnten.
Die Ladeneinrichtung war flott gezimmert, eine Lampe aufgehaengt, eine Tuer gezimmert,
grosse Ansprueche wollte der Johann auf keinen Fall machen, das widerstrebte ihm zutiefst.
Die wenigen Dinge aus der Kiepe wurden ins Regal verbracht, die Kiepe selbst ueber der Theke aufgehaengt.
Sogar der irdene Topf war ausgestellt- als Denkmal sozusagen.
So vergisst man seine Anfaenge nicht!

Der Rudolf konnte gut malen - so kam das neue grosse Schild an das Westerwald-Haus:
"Gemischtwarenhandel und Gastwirtschaft"
Das Schild blieb unter einem Laken versteckt, bis die beiden, der Johann und die Irme
alles fuer den Laden in der Stadt besorgt und eingeraeumt hatten.

Grosse Steintoepfe mit Kraut und Bohnen und Salzgurken.
Kleinere Toepfe mit eingelegtem Fisch und Kaese.
Glaeser mit Erbsen, Linsen, Bohnen, Gries und aehnliche Dinge, die man im Haushalt so braucht.
Saecke mit Zucker und Mehl und Salz durften nicht fehlen.
Etwas Suessigkeiten, Tabak, ein paar Meerschaumpfeifen, etwas Schnaps, Oele und Essig-

So sah das alles schon ganz gut aus.
Der Rudolf hatte "einen Draht" zu der Tochter des Schmiedes,
so kamen Gartengeraete, Schaufeln und Harken dazu.
Der Besenbinder war auch gleich zur Stelle und lieferte seine Waren gerne dort ab.
(Wie war das gleich - die Tochter des Schmiedes?!)
Details verwischen in dieser Zeit des hektischen Aufbaus,
der doch irgendwie zufrieden und schnell vonstatten ging.

Der Tag der Eroeffnung war eigentlich gar keiner-
es ging die Ladentuer auf und der erste Neugierige kam, bald kam noch einer und noch einer..
Die Neugruender nennen jene "Seeleute", die eigentlich nur neugierig waren.
Das ist Werbung, die nichts kostet - so ist das eben auf dem Dorf.
Bald hielt die erste Kutsche und zwei, drei Reisende verlangten nach Essen- schnell wenns geht, es pressiert..
Grosse Auswahl gab es damals nicht- aber es war immer genug Mittagstisch fuer einige Gaeste vorraetig.
Irme wusste mit den Dingen hauszuhalten und geschwind war etwas Gutes auf dem Teller, ein Glas eingeschenkt.

Die beiden Inhaber hatten bald alle Haende voll zu tun,
weil der Durchreiseverkehr schon damals nicht unbetraechtlich war-
aus dem Dorf kamen die wenigsten Kunden, und wenn, dann zum Johann,
weil im Dorf schon eine alteingesessene Schaenke war.
So war der Schankbetrieb ein Stiefkind und blieb es auch-
man lobte jedoch das herzhafte und reichhaltige Essen der Lokalitaet.
Irme's Kunden waren und blieben Durchreisende, die stets die Angewohnheit haben,
eine gute Futterstelle als Geheimtipp weiter zu erzaehlen..

Der Gemischtwarenladen wurde mehr und mehr von den Dorfbewohnern besucht,
Durchreisende nahmen dagegen nur ab und an etwas Tabak oder Schnaps mit.

Anne fing an, den alten Huehnerstall aufzuraeumen und bekam durch ihre Brueder Hilfe dabei-
ein Gehege wurde "fuchssicher" gebaut,
Kueken wuchsen auf, Huehner legten Eier, der Hahn kraehte wieder auf dem Mist..

Die Eier konnten sehr gut gebraucht werden - in der Wirtschaft und im Laden und in der Familie..
So kam auch regelmaessig ein Suppenhuhn auf den Tisch - und wer heisse Huehnersuppe mit Nudeln kennt,
weiss wie gut die tut und von innen heraus waermt.

Das bekamen auch die Dorfbewohner mit,
die entfernt genug waren um nicht den Betrieb
evtl. durch Neid oder Missgunst stoeren zu koennen-
und zudem war ja die "Laufkundschaft" der wichtigste Pfeiler,
durch die Lage an der weiten, schnurgeraden und gut frequentierten Landstrasse beguenstigt.

Die Lehrherren der beiden Burschen waren nicht dumm, sie wussten wohl ihren Vorteil zu sichern;
von da an verkaufte der Johann auch Brote und Weck und Wurst und Schinken in seinem Laden!
Hier konnten die Kutschen und Reiter gut halten, nicht wie im engen Dorf, wo man kaum aneinander vorbei konnte.

Die Geschaefte gingen langsam, aber sicher aufwaerts,
die aeusserst sparsame Einrichtung des Ladens hielt auch arme Leute an, dort ihr Glueck zu versuchen.
"Anschreiben" war damals und noch lange danach "usus", bis der Verdiener der Familie seinen Lohn bekam.
Und so wollte er es haben, der Johann, so spartanisch wie die Kiepe, damit nur kein Kunde absprang!
Feine Laeden gab es in der Stadt genug, damit musste und wollte er nicht konkurrieren.
Die Waren waren und blieben einfach, kein Tand, nur Dinge, die man taeglich brauchte, hatte er parat.
Mit Ziel und Verstand, ohne zu wuchern, betrieb er seinen gewohnten Handel, -
nur eben als "Sesshafter", ein "angesehener Geschaeftsmann" ist er nie geworden,
er blieb immer ein wenig der Aussenseiter und mit ihm blieb die Irme.

Der Laden war nicht klein, er hatte eine Theke gegenueber der Eingangstuer,
die ueber die ganze Front der Tenne ging- mit einer Klappe darin,
die man hochschlagen konnte um dahinter zu gelangen.
Auf einer Seite fuehrte die Treppe nach oben, zum Erwin-
eine Tuer war an ihrem oberen Ende, damit er dort seine Ruhe hatte,
sein eigenes Reich, wo niemand stoeren sollte.
Und was war der Erwin stolz auf seine neue Bleibe !

Vor jener Theke also war genug Platz, dass gut zehn Leute dort auf die Bedienung,
auf den Erfuellung ihres Einkaufswunsches warten konnten.
Hinter dem Tresen hingen die Eisenwaren und Koerbe und Besen und andere Dinge an der einen Wand,
Regale mit Kuechengeraeten und etwas einfaches Steinzeug-Geschirr und Toepfe darunter.
Auf der Gegenseite waren die Lebensmittel in den Regalen, darunter die schweren Steintoepfe.
Auf der Theke stand die Waage und die Tueten zum Verpacken in einem Staender,
ganz nahe am Gestell mit den 6 Bonbonglaesern,
die ein Schraubdeckel schuetzte vor allzu aufdringlichen Kinderhaenden..
Eine einfache Kassenschublade, ein Schreibblock, eine Geldschale- und die Zeitung aus der Stadt,
die jeden Tag die Postkutsche brachte.
Bald wurden dort Briefe und Paeckchen abgegeben, was aber damals noch eine echte Seltenheit war.
Das war damals ganz neu und zukunftsweisend- und ein beliebter Ort fuer allerlei Neuigkeiten,
wie Johann verdaddert bemerken musste..
ein Plausch ausserhalb des Dorfes, wo man nicht so gesehen wird- das war es, was die Frauen angezogen hat.
Bald stellte die Irme eine Kanne mit Kaffee auf die Theke und ein paar Tassen..
So verkaufte sich auch das Plunderstueckchen des Dorfbaeckers
wie "geschnitten Brot" - und schliesslich war es ja egal,
wo man seine Backwaren kaufte- im Dorf oder beim Johann.

Die Tuerglocke ging fortan recht haeufig- so kam der Johann kaum aus dem Laden heraus-
gut fuers Geschaeft, schlecht fuer die freie Zeit.


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