In der Zeit gefangen, eine fiktive Geschichte
Doktor Bendter bitte sofort in den OP, Doktor Bendter bitte!
Die Durchsage hörte man überall in den Fluren des Krankenhauses.
Eine gewisse Hektik entstand, Schwestern liefen von einem Raum zum anderen - Türen schlugen,
zwei alte Leute mit Geh-Hilfen standen neugierig herum, heute war der Flur mit 3 Betten verstopft,
die in Folien gewickelt- zum Desinfizieren in den Keller geschoben werden sollten.
Der Lift meldete sich mit Licht und Gong an, Doktor Bendter eilte durch das Haus.
Die Stationsschwester schimpfte über den vergessenen Essenswagen, der überall im Weg war.
Über einem der vielen Krankenzimmern leuchtet die Signallampe, ein Pfleger legte das Brötchen aufs Papier
und wickelte es geschwind ein- legte es in sein Mitteilungsfach und ging nachschauen.
Im Zimmer wurde die Lampe ausgemacht und den Patienten nach seinem Wunsch gefragt.
"Im Bad hat es einen Schlag gegeben, vielleicht in der Patient des Bettes 1 umgefallen?"
Sagte ein Patient.
Die Fenster waren geöffnet, die laue Frühlingsluft wehte herein und vertrieb den üblichen Mief.
Während der Pfleger versuchte, die Tür des Bades zu öffnen, drückte er auf einen Rufknopf an seinem Kittel.
Zu zweit hoben sie den verletzten Patienten auf und brachten ihn in sein Bett.
Nun schon zum 2. Mal an diesem Tag, wir werden ihn sichern müssen - der Kollege nickte.
Die Beiden gingen zur Stationsleitung und versicherten sich deren Einwilligung, ohne die heute nichts geht.
Inzwischen kamen Besucher, jemand fragte nach einer Blumenvase, der andere nach Zimmer 117, nach
Ernst Flemmer, seinem Onkel.
"Ist denn heute Besuchstag?" Ja, sagte eine eilige Pflegerin, die mit Waschutensilien unterwegs war,
wir sind mit dem Essen durch.
Bitte nicht so lange bleiben und verhalten reden, denn der Herr Flemmer ist gerade erst aus dem Aufwachraum gekommen-
wundern sie sich nicht, falls er nicht antwortet.
Doktor Bendter eilte vorbei und gab ein paar Worte in der Station zu Gehör, nahm eine Akte mit und eilte weiter.
Die Pflegerinnen mochten diesen Mann, aber er hatte nie Zeit, um nur ein persönliches Wort zu sagen.
Ernst Flemmer versuchte zu schlafen, verscheuchte eine Fliege und dreht sich zum Fenster um,
das Bett knarzte und der Alte in Bett 1 bekam
wohl keine Luft und stöhnte laut. Flemmer drückte den Rufknopf und draußen über der Tür ging die Lampe an.
Die Schwester schaute sich den Patienten an, gab ihm eine Tablette und stellte ein Glas Wasser bereit.
***
Während Flemmer schlief, wurde in der kleinen Stadt der Markt aufgebaut, die Händler mit ihren Wagen
und Schirmen und Tischen rappelten und unterhielten sich dabei lautstark.
Ein Rettungswagen kam mit Signal angefahren, Telefone läuteten, eilige Schritte, Kommandos -
und dann war wieder Ruhe, das war schon das dritte Mal heute.
Die Tür ging auf, ein Arzt und 3 junge Schwestern kamen herein und hörten zu,
ein Pfleger schrieb mit und schon eilte die Gruppe wieder davon.
Zwei Besucher oder Angehörige des Mannes von Bett 1 kamen ins Zimmer, stellten die Blumen ab
und öffneten das Fenster sperrangelweit - die Tür war auf und es zog.
Mit dem nassen Wind - es regnet wohl gerade - kam der Markt-Lärm in das Krankenzimmer.
Es roch nach gebrannten Mandeln und Waffeln und Bratwurst - oder war es ein Lebkuchen-Geruch?
Unwillkürlich hörte er der Unterhaltung an Bett 1 zu, während der nächste Patient
das Bett 3 belegte und das Fenster wieder schloss.
Er hatte die Schulter bandagiert in einer Art Streckverband, sah sich um und holte mit
der anderen Hand etwas aus seiner Tasche- aha, ein Handy- was auch sonst?
Die Fliege hatte ein neues Opfer gefunden.
Früher wäre das wohl ein Buch gewesen, dachte Flemmer, als er am einschlafen war.
Der Besucher an Bett 1 machte das Fenster wieder auf und schimpfte über den "Krankenhausgeruch".
Flemmer versuchte nochmal einzuschlafen und nicht zu protestieren - er schob das Kissen
gefaltet unter den Kopf und zog die Decke bis über die Nase.
Draußen schepperten Pfannen und Töpfe, man rief sich was zu - der Wind ging nun stärker,
war aber recht lau. Wortfetzen drangen herein: "Sowas gab es früher nicht- halte es fest"
Das starke Flattern von Stoff war zu hören, dann fiel etwas um.
Das Fenster wurde zu gemacht und eine Stimme rief: Gleich kommt das Abendbrot,
die Gäste werden gebeten sich zu verabschieden.
Gerappel, gedämpfte Stimmen, ein Wagen wurde geschoben, ein Tablett abgestellt.
Der heiße Tee roch säuerlich, zwei Brotscheiben, eine Scheibe Käse und eine Wurstscheibe in Folie,
ein Stückchen Butter und eine Birne..
Bett 3 langte zu, Bett 1 verweigerte die Essensaufnahme, Flemmer aß nur die Birne, nahm
zwei Tabletten aus dem Schuber, "Abend" stand darauf.
Die Fliege war wieder da und direkt auf dem Essen gelandet.
Er verbrannte sich die Zunge und schimpfte: Statt des Tees hätte ich besser das Blumenwasser genommen!
Zum Trost aß er den letzten Schokoriegel aus seiner Tasche und ging ins Bad.
Dabei dachte er an den Patienten in Bett 1, der hier irgendwo hingefallen sein mußte.
Da haben auch die Haltegriffe nichts gebracht, sinniert er und stellte den Zahnputzbecher ab.
Noch geschwind zur Toilette und fertig.
Nun ins Bett, der nächste Patient will ins Bad!
Der Mann mit dem argen Verband aus Bett 3 stand schon parat.
***
Ernst Flemmer war schon im Halbschlaf, als ihm die letzte Diagnose "Hirnaneurysma"
in den Sinn kam, aber diesmal haben sie nichts finden können, eigentlich bin ich -bis auf die Kreislaufschwäche-
gesund, sinnierte er, als die Fliege versuchte in seinem Auge zu landen.
Draußen war Lärm, der durch das gekippte Fenster drang.
Wieder rappelten Pfannen und Töpfe, Popcornduft zog heran und verwehte.
Stimmen drangen heran und verwehten.
Der Dipppe-Händler bot seine Ware besonders lautstark an und klopfte mit dem Kochlöffel
auf den Topfboden - wie an einer Glocke.
Ernst schlich ans Fenster und schaute auf den Markt- dort trieb jemand 2 große weiße Ziegen,
ein anderer kam mit einem Schulterbrett mit zwei Holzeimern, ein Eselskarren fuhr Mehlsäcke.
Eine Dienstmagd ging mit Korb und Tuch zum Fischhändler und kaufte einen großen Karpfen aus dem Fass,
ließ diesen schlachten und in den Korb legen.
Ein Junge klaute einen roten Apfel vom Stand und die Marktfrau schimpfte lauthals.
Der Marktwächter und sein Kollege standen mit der Hellebarde auf Wache.
Rotweiße Wimpel am Zelt der Wahrsagerin, ein Ochse briet am riesigen Spieß-
gut bewacht vom Verkäufer mit Tisch, großem Messer und der angeketteten Geldkasette.
der Bäcker hat einen Berg duftende Brotlaibe aufgeschichtet - er verkaufte heute Kümmelbrot,
hatte sogar eines aufgeschnitten und Stücke davon in den Flechtkorb getan.
Probiert mein neues Brot ihr Leut, es schmeckt euch heut!
Ein Harlekin machte seine Faxen und das Kleingeld flog vor seine Füße.
Ein Stück weiter spielte jemand seine Leier und ein junges Mädchen begleitete ihn auf einer Flöte.
Die alte Volksweise zog noch immer Menschen an - während unter Fanfarenklang die Postkutsche am Rande
des Marktes hielt, der eilige Kutscher Koffer vom Dach warf und -kaum, daß der letzte Fahrgast
ausgestiegen war, unter einem harten Fanfarenstoß davon raste.
War das nicht der Dichter Goethe, der gerade ein Stück Lebkuchen kaufte?
Ernst rieb sich die Augen- nanu, schon Frühstückszeit und wie kam ich in das Bett?
Wo ist die Fliege? Schläft sie noch?
Er war ganz geschwitzt und auch noch etwas fiebrig, als er sein Ei aß, vom Brot abbiß,
sich wieder die Zunge am heißen Tee verbrannte und die Morgentablette nahm.
In den Betten 1 und 3 lagen andere Männer - ein ganz junger und ein halbtoter Greis.
Die Fliege schwirrte um Bett 3 herum.
Wie nebenbei hörte er im Badezimmer durch die Tür, daß der Junge einen Motorradunfall erlitt und
noch in der Nacht eine Not-OP hatte.
Es war an jedem Tag das gleiche Ding- Waschen, Essen, Schlafen und zwischendurch Tabletten-
Infusion hier und ein Verband da. Rein ins Bad und schnell wieder raus, Besucher,
Blumen und die Frage nach der Blumenvase.
Licht im Flur über der Zimmertüre, eilende Ärzte, die ewig schimpfende Oberschwester,
Geschirrklappern und der Geruch von Desinfektionsmitteln und heißem Tee- die Kaffeeküche
war immer eilig besucht- vom Personal und den Ärzten
Die Pflanzen im Besucher-Wartebereich waren wohl schon uralt und staubig dort, wo die Reinemache-Frau nicht hin kam-
und wuchsen dabei bald über die Fenster.
In den Blumentöpfen steckte zuweilen eine heimliche Kippe und Kaugummipapier.
Die Illustrierten waren mit Gesundheitsbroschüren gewürzt, eine Krankenkasse machte Reklame mit
einem Bild einer jungen hübschen Ärztin mit Stethoskop um den Hals und einem Rezeptblock in der Hand-
den Kugelschreiber gezückt - darüber kreiste die Fliege.
Immer und immer wieder die Lautsprecherdurchsagen im Flur: Doktor Bendter bitte sofort zum OP, Doktor Bendter bitte!
Zwei Pfleger kämpften sich mit zwei Betten durch den Gang, ein "Galgen" mit Beuteln daran wurde
in "sein" Zimmer gefahren.
"Zum Motorradunfall bitte"
Kommandierte die Oberschwester und überwachte das Setzen der Infusionsnadel.
Alles war sauber und weggeräumt, was herum lag- dann kam eine kleine Gruppe eiliger Weißkittelträger
und murmelte seltsame Worte vor jedem Bett- jemand schrieb mit- und schon war die Truppe wieder in der Tür.
Das war wohl die "Chefvisite", murmelte Ernst vor sich hin, noch keine 5 Minuten für 3 Patienten..
.. da kam auch die Fliege schon wieder und nervte herum.
Ich könnte eine Platsche gebrauchen- habe aber kein- so nahm er die Zeitung in die Hand,
schlief aber über dieser Sache ein und war auf einmal inmitten einer Stadt-Garde,
hatte eine blaue Uniform mit Litzen, einer seltsamen Kopfbedeckung auf und eine Hellebarde in der Hand,
mit deren Stil er mal hier und mal dahin stakste.
Der Hauptmann befahl und alle marschierten hinter ihm her zum Stadttor.
Die übliche Wachrunde und danach gab es ein Bier beim Apfelwirt.
Die dralle Bedienung zeigte sich wieder einmal recht offenherzig und war kokett
zu der Stadtwache, besonders zum jungen Hauptmann, der sich aber nicht für sie interessierte.
Da kam eine schwarze Gestalt, ein Mann in Frauenröcken, witzelten die Söldner "far du gauch"
und wurden giftig angeschaut und vom Pfarrer ermahnt, "Gottesfürchtig" zu sein.
Aha, dieser schwarze Vogel denkt wohl, Gott habe ihn persönlich beauftragt?
Der Nachtwächter rief: "Elf mal hat die Uhr geschlagen, wer nun noch nicht nach Hause geht,
den packe ich am Kragen" Dabei hielt er die Laterne hoch und schaute in die Haus-Ecken und Eingänge.
Er stützte sich auf den Tisch, aß den Rest des Käsebrotes, als nebenan ein Koch mit dem Wirt sprach:
Dieses seltsame Sieb habe ich gerade auf dem Markt gekauft- schau mal wie leicht das ist und
wie einfach man das reinigen kann! Wir haben Sieb oder Seihe immer lange scheuern müssen, damit
die Speisereste aus den Löchern kamen- heute ist das ein Witz. Der Händler hat das vorgeführt-
ins Wasser mit der Knödelseihe und heraus damit- abtrocknen und fertig.
Er hielt das blaue Ding aus Kunststoff hoch und freute sich darüber.
Ernst dachte noch: "Mensch, der Tee war aber stark heute zur Nacht" - es summte im Kopf
von links nach rechts, es knackte seltsam- er wollte sehen was das war, bekam aber die Augen nicht auf..
Am Morgen meldete die Frühschwester im Dienstzimmer auf dem Flur: Wieder einer,- sag' dem Arzt Bescheid.
Herr Flemmer ist die Nacht gestorben, kein Puls, die Temperatur ist schon 10 Grad gesunken.
Die Zimmerkollegen sagten, daß Ernst früh schlief und nicht mehr aufgestanden sei.
Ein ganz normaler Tag im Krankenhaus begann, die Fenster wurden geöffnet und nur
die junge Lernschwester dachte an die "Seele, die nun hinaus fliegen kann" - sagte aber niemandem was.
Das Bett wurde auf den Flur zur Abholung geschoben,
ein frisches Bett in das Zimmer getan, wo es auch schon bald von einem anderen Patienten belegt wurde.
***
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