Vivarium Seite 6


Button

Sei du selbst die Veränderung, die du dir selbst wünschst für diese Welt.

Mahatma Ghandi

***

Dorfgespraeche.
Wer katholisch sein musste, weil der Landesherr das damals so bestimmt hat,
tat, wie ihm geheissen.
Gib dem Kaiser, was des Kaiser ist, steht in der heiligen Schrift.
(Ob das vom Jesuskindlein so gedacht war, dass nun jede Willkuerlichkeit
und von der Kanzel herab als Schaf angesprochen werden sollte,
steht buchstaeblich in den Sternen.
Weder der Fuerst, noch der heilige Geist haben sie dazu jemals geaeussert.)
Irme, Johann, Erwin und Marga wussten wohl, dass man es sich nicht ganz mit der Obrigkeit verderben durfte.
Also kam die Kommunion des Urselchens ein wenig spaet, fuer den Karl etwas zu frueh-
auch der Pfarrer war froh, dass beide Querulanten-Kinder zusammen "vom Tisch" kamen.
Der Kirchgang wurde widerwillig getan, Margas Eltern taten in dieser Zeit Vertretung im Laden und Gaststaette.
Die Zeiten waren immer so, dass besser jemand im Haus war.
Man sollte denken, dass die Leute aus dem Dorf alle zur Kirche gestroemt waeren, schon aus Neugier-
weit gefehlt, nicht mal die Tratschtanten waren alle da, es war eine ziemlich einsame Feier.
Der Pfarrer war sehr kuehl und reserviert, weil sein Kollege aus dem Nachbarort dabei war und..
der Metzer und der Baecker des Ortes mit ihren Familien und der Herrmann vom Saegewerk.

Die anschliessende kleine Feier war daheim, nicht im Dorf- was jeder verstand.
Der Pfarrer blieb dieser Feier fern- was nicht ueblich war.

Was haben die Kleinen nun, was sie vorher nicht hatten, fragten sich alle..
Der Metzger kam kurz vorbei und auch der Baecker, aber jeweils alleine,
ohne Familie - zu sehr wollten und durften sie sich dem Geschwaetz der Leute nicht aussetzen,
schliesslich lebten sie von ihren Geschaeften.
Der Baecker brachte einen guten Kuchen mit, der Metzger- nein, keine Wurst und keinen Braten,
sondern je einen Welpen fuer die Kinder.
Er hatte ein paar typische grosse, wehrhafte Metzgerhunde, die zu damaliger Zeit den Karren zogen
und daheim die Wacht hielten- so eine Metzgerei erweckt Begehrlichkeiten bei so manchem schraegen Vogel.

Das Urselchen und der kleine Karl waren ganz ausser sich vor Freude,
als die beiden dicklichen Welpen mit wildem Schwaenzeln aus dem Korb gestuerzt kamen!
Diese Freude kennt jeder, der schon mal einen Hund hatte- das steckte alle Anwesenden an.
Die Hunde waren aber auch zu niedlich und posierlich und wurden bald sehr anhaenglich,
wie das so ist, wenn sie in einer Familie aufwachsen und ueberall dabei sind.
Man verabschiedete sich herzlich und die beiden Geschaeftsmaenner gingen froh nach Hause-
diese Beziehung waere gerettet, prima, die verkaufen gut fuer uns, der Umsatz hat sich
sehr gut entwickelt.
Der Erwin schlachtet die Huehner, Enten und Gaense oder Hasen, wenn das anstand-
gelernt ist gelernt, und verarbeitete die Tiere geschickt.
Eine Raeucherkammer kam dazu, die er sich hinter dem Schuppen selbst gebaut hat.
Seine Spezialitaet waren Forellen, die er aus dem Nachbardorf gebracht bekam-
dort -in halber Hoehe zum Tal hin- waren ein paar Teiche hintereinander abwaerts angelegt,
die den Koehlers gehoeren, die heute die Muehle unter den Teichen gepachtet haben.
Der Landesherr hatte noch kein sogenanntes Muehlenrecht eingerichtet,
das alle Bauern zwang in eben diese eine Muehle ihr Getreide bringen zu muessen,
wie das so oft ueblicherweise gehalten wurde.
Ihren Namen hatte die Familie wohl aus der Vergangenheit,
die vermutlich mit dieser Berufsbezeichung zu tun hatte-
es waren auch einige Koehlerplaetze in den Waldstuecken zu sehen.
Ab und an stellten sie immer noch mal einen Mailer auf, was viele Wochen Arbeit bedeutete.

Dieser Herr Koehler also tauschte in Johanns Laden seine Forellen gegen Dinge um,
die ihm seine Frau aufgetragen hatte.
Anschliessend wurden die Fische fein mit Buchenspaenen (die der Herrmann vom Saegewerk lieferte) von Erwin geraeuchert.
Diese Fische waren so etwas wie der Hoehepunkt des Angebotes- sie lagen auf dem Tresen, sauber auf einem Holzrost ausgelegt.
Der Duft der goldgelb geraeuchtern Fische ueberzeugte viele Kunden,
auch wenn diese immer geschwind verkauft waren und man von Glueck sagen konnte, einen solchen Leckerbissen zu ergattern.
Das brachte den Erwin auf den Gedanken, auch mal Huehner und Gaense -zumindest in Teilen- geraeuchert anzubieten.
Die Lagerung von Lebensmitteln war noch recht problematisch, salzen und raeuchern oder sauer einlegen-
mehr Moeglichkeiten hatte man damals noch nicht.

Es kamen immer wieder Handwerksburschen vorbei- offenbar hatte sich die Relais-Station herumgesprochen.
Nun buddelten zwei Burschen einen Erdkeller aus, den Erwin schon immer haben wollte-
gleichmaessige Temperaturen waren gut zum Einlagern, ob fuer den Laden oder fuer die Gaststaette.
Die Gegend ist mit vielen Steinen "gesegnet", so war das eine rechte Schinderei,
die einen ganzen Monat dauerte, aber eine grobe Steingewoelbedecke mit Erdabdeckung brachte.
Nur eine Stelle auf den beiden Grundstuecken war dazu geeignet gewesen,
die leichte Erhoehung der Wiesen schuetzte davor, dass sich Oberflaechenwasser stauen konnte.
Nur noch ein kleiner Ablauf-Graben und eine massive Holztuere mit grobem Schloss und schon war die Anlage fertig.

Innen hingen Haken an ein paar Querbalken unter der Decke,
links und rechts Regale und auf dem Boden darunter Faesser auf Steinen und grosse Steintoepfe.
Die Faesser kamen aus Koeln, die hatte Anne am Hafen entdeckt und nach Hause schicken lassen.

Erwin hat eine Muehle und Kelter in Aussicht, die in Altendiez stand und nicht mehr gebraucht wurde,
weil der Betreiber verstorben war, seine Witwe diese nun nutzlosen Dinge gerne zu Geld gemacht haette..
Der Herrmann hatte eine gute Stellung im Saegewerk, er galt als tuechtig und hatte somit einige Freiheiten.
Das waere ein gutes Zubrot, dachte er sich, als der das schwere Gespann anschirrte -
um in Altendiez diese schweren Brocken abzuholen.
Immerhin waren in der einfachen Fahrt bald 7 Landmeilen (50km)
im Nassau-Dillenburger Land zu fahren und das freilich schwer beladen wieder zurueck.
Die Ochsen waeren zu langsam gewesen, das ging mit den schweren Zugpferden besser, die man sonst zum Holzruecken nutzte.
Zum Glueck war die Strasse dorthin recht gut ausgebaut - so war er am 2. Tag dort angekommen
und lies mit Hilfe von einigen Handlangern, die direkt vor Ort angeworben wurden, aufladen.
Gut vertaeut fuhr er an die Ortsgrenze und schlief erst einmal auf dem Wagen, die Pferde hatten ihr Futter schon.

Am naechsten Morgen brach er frueh auf und erreichte gegen Nachmittag den selbsternannten "Freihof".
Mit vereinten Kraeften wuchtete man die schweren einfachen Geraete in den Schuppen,
Marga hatte dem Herrmann gut aufgetischt und Erwin versorgte die schweren schwitzenden Pferde mit allem,
was solche Tiere gerne hatten: Hafer, Moehren, Heu und viel, viel Wasser.
Noch am gleichen Abend sollten sie wieder in der Saegemuehle sein.

Wer eine Reise tut, kann viel erzaehlen:
Beim Essen sprach Herrmann davon, dass der Landesherr eigentlich zum Calvinismus konvertiert sei-
frueher katholisch, dann evangelisch-
was der Pfarrer des Dorfes wohl nicht hoeren mochte oder gar nicht wusste?

Alle staunten- was ist denn das nun schon wieder fuer eine Glaubensbezeichnung?

Das ist schon eine seltsame Sache mit dem Glauben,
die Unterschiede sind von keinem der Landbewohner jemals verstanden worden-
was sich nach meinem Wissen bis zum heutigen Tage nicht geaendert hat.
Wer versteht schon die Transsubstantiation, ein lateinisches Wortungetuem mit seltsamer Bedeutung.

Die Bewohner des Westerwaldes machten sowieso nur, was der Schultheis sagte und der Pfarrer predigte-
die meisten konnten weder lesen noch schreiben- was haetten sie mit der Bibel anfangen sollen?
Die Kirche hat deshalb den Katechismus gebastelt- aus dem die Priester der kleinen Gemeinden entweder vorgelesen
oder anhand von gemalten Bildern die biblische Geschichte erzaehlt haben, die in knappen Texten darunter stand.
"Zum Beweis" wurden die Bilder - je nach Jahreslauf - herum gezeigt und im Unterricht abgemalt.
Spaeter stellte sich heraus, dass der Landesherr den Pfarrer belassen hat und hoffte,
dass diese den evangelischen, pardon, calvinistischen Glauben ebenso vermitteln wuerde.
Dabei faellt auf, dass die durchziehenden Franzosen den gleichen Glauben hatten-
oder waren es Waldenser oder Hugenotten? Niemand wusste diese Dinge zu unterscheiden-
und der Schultheis hielt sich aus der Sache heraus, wie immer.

Niemand traute sich beim Pfarrer oder beim Landesherren nachzufragen, was denn nun damit war,
wie man sich in Glaubensfragen zu verhalten habe- der Herr Pfarrer wirds schon wissen!

Wie auch immer- mit Glaubensfragen hat man es auf dem Freihof weiter zu belassen, wie es war:
Niemand interessierte sich dafuer.
Die Hunde wuchsen schnell heran, bald waren sie wachsam und stark.
Ihre Art war aber ueberaus herzlich zu allen Familienmitgliedern, aber ruhig abweisend gegen jeden Fremden.

Bei der naechsten Apfelernte im Tal- oben auf dem Berg waren keine Apfelbaeume zu finden- war man geruestet:
Erwin hat dafuer gesorgt, dass seine Apfelpresse bekannt wurde.
Die Aepfel- auch Fallobst- wurde von dieser Kelter zu Saft verarbeitet,
den die Anlieferer mit nach Hause nehmen konnten oder als Gutschein umgewandelt,
spaeter als Apfelwein holen konnten,
den der Erwin in den grossen Faessern im Erdkeller machte.
(Viele haben ihre Aepfel lieber zu Geld gemacht, das war immer knapp)
Der Trester, der Rest der Aepfel aus der Presse wurde im Stall verfuettert.
Die Kelter war dort eine ganze Neuigkeit und wurde viel bestaunt.
Die leeren Weinflaschen, die als Pfand zurueck kamen, wurden nun fuer den Apfelwein gebraucht,
so war der Ruecktransport zum Weinhaendler nicht mehr noetig.
Einige Anlieferer brachten Tonkruege mit, die mit dem Apfelwein oder dem Apfelsaft gefuellt wurden.

Nach und nach entwickelte sich eine kleine Lohnkelterei daraus.
Arbeit war wahrlich mehr als genug auf dem Freihof, das sah jeder, auch die Dorfbewohner..
zwei junge Burschen - Berthold und Otto haben sich als Lehrlinge beworben und wurden mit Freuden aufgenommen,
der Berthold in der Landwirtschaft, der Otto im Kramladen.
Die beiden hatten es nicht so weit ins Dorf und deshalb wohnten sie weiterhin bei ihren Eltern
und nicht bei den Lehrherren, wie das damals oft war.

Die Begeisterung der beiden Jungen sprach sich im Dorf schnell herum,
sie lernten viel und schnell bei ihren Lehrherren.
Statt Lehrgeld, das damals die Eltern zahlen mussten, bekamen die Beiden sogar
noch ein Taschengeld als Lohn fuer ihre Arbeit und .. Essen!
So ein unerhoerter Vorgang war freilich schnell in aller Munde-
wer hat sowas schon mal gehoert!

In die Gaststube kam eines Tages ein Elternpaar mit ihrer Tochter Lilie,
die gerade kurz vor dem Zeugnis des letzten Schuljahres stand-
etwas verlegen stotterten sie herum und fragten Marga nach einer Lehrstelle im Gasthaus.
Eine Hilfe koennte ich wirklich gut gebrauchen, zu den beiden Kindern,
dem Karl und der Ursel- und dann noch die Hunde und die Kocherei-
eigentlich war das schon viel zu viel Arbeit.. ging es ihr durch den Kopf.
"Versuchen wir's, sagte sie- wir werden ja sehen, wie du dich anstellst- ich koennte Hilfe gebrauchen!"
Schriftliche Vertraege gab es damals nur bei den hohen Leuten, so genuegte ein Handschlag,
wie heute noch bei Geschaeften unter Kaufleuten ueblich.



Button

Zurueck zur Startseite -
Impressum