Vivarium Seite 5


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Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, sondern entwickeln sich aus täglichen Sünden wider die Natur.
Wenn sich diese gehäuft haben, brechen sie unversehens hervor.

Hippokrates

***

Der Freihof.
Das Kind der Marga und des Erwin wurde in einer Nachbargemeinde getauft, was schwierig genug war.
Das Urselchen wurde zur Freude aller und war allseits beliebt, ihm folgte im naechsten Jahr ein kleiner Karl nach..

Die jungen Eltern waren gut ausgelastet, die Marga machte die Gaststaette, eher als "Schnellimbiss", wie man heute sagt.
Man koennte sagen, es war der erste Schnellimbiss weit und breit.
Noch immer lieferten - mit gutem Erfolg - der Ortsmetzger und Ortsbaecker ihre Waren zum Laden_

" Relais - Station Freihof Laden und Gaststaette. "

Den Namen "Freihof" gab Johann in spitzbuebischer Absicht,
denn ein vom Landesherren genehmiger "freier Hof" war das freilich nicht,
sie waren aber so frei, ihre Abgaben zu entrichten
und frei ihrem Gewerk nachzugehen, wie es ihnen gutduenkte.
Ohne sich um den Pfarrer und dessen "Konventionen" kuemmern zu muessen.

Dann kam die Zeit, als die ersten Fluechtlinge durch die Lande zogen, sie kamen von Frankreich,
wo sie vertrieben wurden - wieder einmal Ungerechtigkeit wegen des Glaubens.
Ueber Koeln kamen sie gezogen, ein paar Westerwaelder, die gerade auf dem Weg nach Hause zu ihren Familien waren,
zeigten den Weg und begleiteten den Trupp ein Stueck- sie wollten in den Taunus,
es waren Hugenotten, evangelische Christen, wie sie sagen.
So kam der Schnellimbiss gerade recht - die Gaststube war rappel voll, es wurde mitgebrachter Wein getrunken,
den man im Westerwald nicht kannte.
Mit Wegzehrung aus dem Laden der Irme und des Johann ging es weiter in den Taunus-
mitten durch den Ort als wundersamer Zug, bis sie in der Ferne verschwanden..

Ein seltsames Schicksal, meinte Johann zur Marga, die gerade Gemuese aus dem Laden fuer die Kueche holte-
wegen seines Glaubens fluechten zu muessen, halte ich fuer seltsam.
Dabei hat sich der Pfarrer nicht gezeigt, die Fenster blieben zu, die Kirche verschlossen.

Fuer den Johann war das ein willkommener Anlass direkt aus Koeln Wein kommen zu lassen,
den er fortan in seinem Laden praesentierte.
Das war weit und breit einmalig und sprach sich bald in der Runde der Reisenden, bald auch im Fuerstensitz herum.
Badische, Frankfurter und Rheinische Weine, sogar welche aus Frankreich waren in den Kisten.
Immer war auch Gemuese bei den Lieferungen dabei, das ziemlich bestaunt wurde von allen Reisenden.
Marga fing mit jungem Gefluegel, das eine Idee ihres Vaters war, eine Art Haehnchenbraterei an.
(Dieses wurde in siedendem Fett gebrutzelt- was auf der hinteren Seite des Gasthauses
auf einem der Kueche angebauten kleinen Balkon geschehen musste-
wegen der Dampfentwicklung.)
Das sprach sich auch im Dorf herum - oder sollte man sagen, es roch sich herum?
Gut 60ig Jahre spaeter kam die Kartoffel in diese Gegend- ueber Holland,
von rueckkehrenden Soldaten mitgebracht.
Bis dahin war die ganz neue Topanimbur, ein Sonnenblumengewaechs als Knolle, ein Vorlaeufer dieses Nachtschattengewaechses Kartoffel auf den Speisekarten,ganz frisch aus Frankreich, aus Paris importiert worden.
Das war schon sensationell - besonders hier im fast weltfernen kalten Westerwald !
Kohl aus der Wetterau lies sich dennoch viel besser verkaufen, genau wie Moehren und Gurken oder Kohlraben.
"Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht"
Ein altes Sprichwort bewahrheitet sich jeden Tag und nicht nur bei Bauern ..

Inzwischen krabbeln die beiden Enkel ueberall herum, sie sind neugierig und aufgeweckt, die schiere Freude aller.
Anne schreibt aus Koeln, dass sie gut voran kommt und eine weitere Ausbildung zur Modeschneiderin machen will,
die von ihren Lehr-Leuten vorgeschlagen wurde.

Rudolf wird auch schreiben - er hat sich wieder einmal umorientiert und ist nach Amsterdam gezogen,
wo er nun in einer Feinbaeckerei arbeitet- weder das Konditorgeschaeft noch die Tochter waren nach seinem Geschmack.
Schon damals waren die Handelswege auf dem Rhein und auf dem Landweg mit Holland fleissig zugange,
Handel und Wandel bluehten mit der wachsenden Bevoelkerung beider Laender auf.

Der Umsatz stieg langsam, aber bestaendig, die Lauf- oder besser Wanderer- oder Kutschenkundschaft hielt gerne an.
Die meisten haben nur geschwind eine kleine Schuessel steife Suppe gegessen oder einen Huehnerschlegel und ein Stueck Brot -
manche aber schauten in den Laden und nahmen eine Flasche Wein mit
oder ein paar Bonbons oder gar Pralinen fuer Kind und Frau.

Eines Tages hielt ein feiner Vierspaenner mit lautem Horn -
was denn, die Postkutsche ist doch schon laengst durch, fragte sich Erwin, der gerade ein Rad vom Schmied geholt hatte..
Raeder gingen schon mal entzwei, die Relais-Station hatte immer mehrere vorraetig,
wie auch Zaumzeuge und alles was so gebraucht wird..
Es war die Kutsche des Herren, aber mit ein paar Damen des Hofstaates beladen,
die sich die Beine vertreten wollen-
die Pferde waren noch nicht verbraucht, mussten noch nicht gewechselt werden-
ein wenig Wasser und Futter bekamen sie immer.

Bimm- bimm- die Damen kamen in ihren feinen Kleidern in den sehr einfachen Land-Laden und schauten sich neugierig um.
Ein Lakai klatschte in die Haende und rief: Bediensteter, herbei !
Johann fuellte gerade Speiseoel um in die kleineren Gefaesse, Irme stellte den Kaffee auf den Tresen und saubere Becher dazu.
Darf es den Herrschaften ein Kaffee sein, mit Milch oder Sahne - mit oder ohne Kluntjes?
(Diese groben Kristalle kamen aus Holland, aus Amsterdam namentlich- unschwer zu erraten, dass der Rudolf die Quelle war)

Nein, nein, wir wollen uns nur ein wenig umsehen- ach wie einfach doch die Untertanen leben und doch sind sie nuetzlich,
meinte eine der feinen Damen zur anderen, sich verschaemt das Schnupftuch vor den Mund haltend.
Oh, was sehe ich da? Tee aus Sri Lanka und Kluntjes aus Holland, wie kommt denn das hier in den Westerwald?
Tja, meinte Irme, wir haben Kinder, die wir selbst gross gezogen haben und nun sind die in Koeln und in Amsterdam..
..wie ihr hohen Leute vielleich noch nicht wisst, wir haben eine Relais-Station, das bringt die Kutschen zur Rast.

"O Gott, wie furchtbar, soupe de legumes" floetet die andere Dame-
Ja, sagte Johann, wir sind einfache Leute und wir sind das gerne, wir werden immer einfach bleiben-
So ist Gemuesesuppe bei uns immer gut angeschrieben.
Das glaube ich gern, schmunzelt der Lakai und nahm sein Monokel, um das Etikett einer Weinflasche zu lesen-
Wein aus Trabentrarbach, eine aus Zell an der Mosel und nebenan eine Flasche von der Loire - kaum zu glauben!

Schaut ihr Edlen - hier habe ich eine Flasche Genever, direkt aus Holland.. der Wacholder wird euch gut sein..
raunste Johann in die Menge.

Der Preis war stolz, kein Wunder, dieser Schnaps hatte auch schon eine lange Reise hinter sich.
Wie das so ist mit diesen Seh-Leuten, ob einfache oder adlige- sie kaufen meistens nichts und stehen nur herum.

Endlich war die Kutsche abfahrtbereit und der Kutscher blies sein Horn -
na gut, dann nehme ich eine Flasche von diesem Roten mit, den aus der Pfalz..
kommandierte der Lakai.
Der schwere Rotwein wechselte fuer gutes Geld den Besitzer.
Nun zog der Duft der gebratenen Huehner von Margas Fettpfanne herueber-
geschwind verliesen die feinen Herrschaften die Kutsche wieder und nahmen noch einen Happen zu sich.
Die Kraeuterwuerzung,
ihr werdet es schon erraten haben, stammt aus dem handgeschriebenen Kraeuterbuch der alten Goennerin.
"Das muss der Hofkoch erst einmal so erlesen braten, meinte der Lakai anerkennend,
als die feinen Damen sich geziert die Muender abrieben.

Marga meinte: Das koennte gut fuer uns gelaufen sein ..
Johann brummte etwas vor sich hin, die Irme war mit anderen Dingen beschaeftigt.

Schon kam der naechste Gast vorbei- auf eine warme Suppe und einen billigen Schnaps,
ihm war der hohe Westerwald wohl etwas kuehl geworden.
Wandern kann auf dieser ellenlangen Strasse noch laenger werden, wenn es schnurgeradeaus geht.
Viele nahmen diesen bequemen Weg, weil sie sich in der Fremde nicht auskannten,
sonst waere mancher Pfad schoener gewesen, oft auch kuerzer.

Manchmal finden sich Handwerksburschen zu einer kleinen Gruppe zusammen,
die sich am liebsten nuetzlich machen und dafuer etwas Gutes haben wollen.
Helfer kann man immer gut gebrauchen, mal ist das Dach, mal ein Fenster undicht-
diesmal wollte Johann Hilfe fuer eine Wasserleitung von der Quelle zu den beiden Haeusern haben.

Die Tonrohre lagen schon laenger in der Scheune, das Gefaelle war gerade so, dass es in den Sammler laufen konnte.
Von dort konnte mittels Eimer und Kurbelwinde frisches Wasser nach oben gezogen werden.

Ein paar Tage werden die Burschen schon brauchen- billig wird das nicht, dachte Irme.
Nun futtert erst einmal und macht euch dann gestaerkt an die Arbeit, den Graben auszuheben.
Brunnenbauer waren das nicht, aber sie hatten solche Anlagen schon oft gesehen und wussten, was zu tun war.
Nach drei Tagen lief das Wasser und der Graben war wieder mit Gras-Soden zugedeckt.
Die beiden Schaechte waren gemauert - nun soll der Moertel noch trocknen,
dann kann der Schieber geoeffnet werden, meinte der aelteste Bursche.
Sie bekamen Wegzehrung und kein schlechte Geld dafuer, bedankten sich und zogen weiter..

Der Herrmann vom Saegewerk wird auf die beiden Brunnen den Zug bauen muessen, meinte Johann,
dann koennen wir endlich das Wasser in der Tenne zapfen und trockenen Fusses damit in die Kueche gehen.

So ist das, wenn man Haus und Hof hat, es ist immer etwas zu tun, nie reisst die Arbeit ab-
und wenn dann noch ein Handel und eine Gaststube dabei ist, schon mal ganz und gar nicht,
stimmte die Irme zu.

Die Leute aus dem Dorf, besonders der Pfarrer und die Tratschen sahen die Veraenderungen sehr wohl..
und konnten es kaum verwinden, dass sie nur direkt vor Ort nicht ein wenig schnueffeln konnten,
ohne sich vor dem Pfarrer zu verraten.
Sie mussten den Geistlichen irgendwie so lenken, dass es als sein Einfall kaeme, tuschelten die Weiber.
Und das haben sie zu allen Zeiten praechtig verstanden, Maenner manipulieren -
so ein Priester ist schliesslich auch ein Mann- irgendwie zumindest.
Der Plan wurde geschmiedet - alles im Geheimen, unter der alten Linde im Dorf.
Da war man sicher, dass keiner zuhoert, den es nichts anginge..

Inzwischen wuchsen die Ursel und der Karl heran, bald werden sie zur Schule gehen muessen.
Der Lehrer und der Pfarrer teilten sich diese Rolle in der einklassigen Schule,
wie das so auf dem hohen Westerwald - und nicht nur da - ueblich war zu dieser Zeit.

Noch war keiner der beiden Herren vorstellig geworden -
es ging nicht nur um die Bildung, die zum grossen Teil aus dem Auswendiglernen des Katechismus bestand-
sondern auch um das Schulgeld, das immer gebraucht wurde.
Damals war der Lehrer noch ein armer und sehr schlecht bezahlter Mensch.
Der Fuerst war katholischen Glaubens und so waren es alle seine Untertanen auch,
das hat man damals einfach so gehalten oder man musste in ein anderes Gebiet ziehen,
das einem andersglaeubigen Herren gehoerte,
was mit vielen Schwierigkeiten verbunden war:
Man verlor praktisch sein ganzes Hab und Gut, wenn dieses nicht zeitig verkauft werden konnte.

Diese Frage stellte sich nicht, nein, sie blieben- der Glaube war ihnen nicht so wichtig.
Die Kinder sind ja getauft worden, sie waren es auch und alle die auf dem Freihof leben,
waren katholischen Glaubens, zumindest auf dem Papier und Papier ist bekanntlich geduldig.
So beratschlagten Marga und Erwin ob sie nicht evtl. doch den Weg ins Dorf tun sollten,
um das weitere Prozedere mit dem Lehrer und Pfarrer zu besprechen -
oder ob sie lieber warten sollten, bis sich diese beiden zu ihnen heraus begeben wuerden..
Da stand noch die Kommunion an, die auch noch nicht gehalten worden war..
Wenn der Pfarrer sich wieder so seltsam zeigt, gehen wir wieder ins Nachbardorf, meinte Marga.
Das sind Schwierigkeite ohne Ende, die nicht haetten sein brauchen, meinte Erwin.
Der Pfarrer der Nachbargemeinde muss wieder beim Pfarrer des Ortes um dessen Einwilligung ersuchen..


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