Vivarium Seite 20


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Das Aussortieren des Unwesentlichen ist der Kern aller Lebensweisheit.

Laotse

***

Karl und Dora auf ihrer grossen Wanderung.

Sie nahmen sich vor, die Sache in aller Ruhe anzugehen
und auf keinen Fall die Ziele zu weit zu stecken.
Die Ferne hat die Beiden nicht wirklich gelockt, fremde Menschen,
die womoeglich andere Sprachen benutzen, waren auch nicht ihr Fall.
Selbst auf Wanderschaft waren die Zwei immer noch Bauern geblieben.
Grosse Staedte und herrschaftliche Ansiedlungen werden sie allemal umgehen,
darin waren sie sich einig, sehr einig sogar.
Sie brauchten - als typische Westerwaelder Basaltkoepfe ihren Frieden und ihre Freiheit-
"Gesetze" und "Bestimmungen" oder "feine Hofart" lag ihnen so ganz und gar nicht.
Sie nahmen sich vor, in einer Loseblattsammlung ihre Erlebnisse so aufzuzeichnen,
dass sie ihrem vorgegebenen "Auftrag" als landwirtschaftliche Vertreter gerecht,
und dabei Neuerungen und Besonderheiten in dieser Sache -irgendwann- mit nach Hause bringen wuerden..
Auf diese Weise waren sie vor der Willkuer durch irgendwelche Kontrollen geschuetzt.
Sie zogen gegen Osten und sahen sich schon in Sinn, wo Eisen verhuettet und Oefen gemacht wurden-
trotzdem Fruehjahr war, wurde es ihnen doch recht kuehl- der Westerwald hat seine eigenen Regeln.
Bis nach Sinn kamen sie allemal, ein gutes Ergebnis fuer den ersten Wandertag.
Dort wurde pausiert, denn die Blasen an den Fuessen kamen nicht nur von den neuen Schuhen,
sondern auch von der fehlenden Uebung.
Wanderer wissen: Langsam geht letztlich schneller..
In Sinn sahen sie sich anderntags, nachdem sie in einer Unterkunft naechtigten,
die Eisenverarbeitung an und machten sich die ersten Notizen.
Besonders interessant war dabei das Guss-Verfahren, das sich spaeter bei vielen Maschinen durchsetzte.
Gluehendes Eisen floss in Rinnen und Formen, wie bei dem Glockenguss, der auch hier zuhause war.
Eine gute Woche haben sie sich dort aufgehalten und konnten so ihre Aufzeichnungen erweitern.
Der Bruni wird das bestimmt sehr aufschlussreich finden, was dort zu lesen ist.

In Dautphetal verdingten sie sich als Viehhirten ein paar Wochen lang.
Der Schaefer war nicht mehr gut beisammen und war froh, ein wenig Hilfe und Unterhaltung zu haben.
Kaum hatten sie das Geld beisammen, ging es auch schon weiter:
Um Marburg herum nach Schwalmstadt- eine sehr laendliche Gegend.
Hier war man gleich zuhause, die Leute dort emfanden das ebenso.
Dort waren genug Bauern, die etwas ueber die Gefluegelzucht hoeren wollten.
Gegen eine "Gebuehr" liesen sie sich darin unterrichten.
Manche wollten sich weitergehend mit dem Anbau feinerer Gemuese schulen lassen.
Andere zahlten gerne, wenn es um die Mechanisierung der harten Arbeit auf dem Feld ging.
Kontakte wurden geknuepft, die Resultate auf dem Postweg zum Freihof geschickt.
Das hat seine Zeit gedauert- langsam wurde es Hochsommer und der Weg
durch den kuehlen Knuellwald bis nach Nentershausen war eine reine Erholung.
Die Ruhe im Wald war eine feine Sache, klare Baeche und samtige Luft.
Eschwege und Witzenhausen waren die naechsten Stationen.
Sie halfen bei der Heuernte, hueteten Kuehe, haben gemolken,
sie halfen beim Verkaesen, Butter machen - das haben sie als Bauern freilich gelernt.
Zu tun war immer, denn viele Bauern brauchten -gerade in der warmen Jahreszeit- jede helfend Hand.
Man wurde zwar nicht reich davon, hatte aber sein Auskommen und wurde nicht zum Bittsteller.
So manchen Auftrag konnten sie nach Hause geben, Bruni hatte sehr hilfreiche Geraete parat,
die er gerne verschickte oder auf dem Freihof abholen lies, mit Einweisung versteht sich.

Von Witzenhausen nach Hofgeismar bis nach Hoexter, alles sehr laendliche Gegenden,
die Arbeit genug hatten.
Nach Bodenwerder den Weser entlang kamen sie vor dem Winter nach Bremen.
Dort gab es Arbeit im Hafen und dann in einem der vielen Kontore-
sie ueberprueften Frachtlisten und trugen Stueckwerke ein,
schliefen auf Kaffeesaecken in Lagerhallen und halfen
Fisch zu entladen und auch auf dem Markt zu verkaufen.
Ein aelteres Paar hat schon ein wenig mehr an Vertrauen zu erwarten..

In einem Fischverkaufsladen, nahe des Marktes haben sie den Winter verbracht,
genau gesagt in einem der Dienstbotenzimmern dieses praechtigen Patrizier-Hauses.
Wer handeln kann, ist dort in dieser Hansestadt gut angesehen und gut aufgehoben.

Die Wochen und Monate vergingen wie im Flug, ein ganz neues Leben tat sich auf,
etwas, was die Beiden noch nie zuvor erlebt hatten.
Feine Leute, reiche Haendler, vornehme Geschaefte, fast herrschaftliche Stadthaeuser.
In Bremen ging es geschaeftig, aber nicht hektisch zu, anders als in vielen anderen Staedten.
Und doch waren sie froh, als sie diese Urbanitaet wieder verlassen konnten:
Bremen war ihnen genug, Bremerhafen wollten nicht haben und auch Hamburg nicht.
Ueber Bremervoerde ging es nach Stade, von dort ueber den Elbestrom, der doch schon sehr beindruckte.
Bis nach Buesum strebte sie hin, die Nordsee wollten sie allemal erleben.
Zwischen Rendsburg und Kiel haben sie sich wohl gefuehlt
und waren als Schaefer immer gefragte Leute.
Die Steilkueste bei Groemnitz haben sie gesehen, Luebeck gesehen
und in der Ostsee ausgiebige Baeder am weichen Strand gemacht.
Sie haben Bernstein gesammelt - fuer die lieben Kleinen zuhause und am Strand geschlafen.

Fisch haben sie in dieser Zeit genug gegessen- irgendwann war mal genug..
Ueber Ratzeburg ging es nach Lueneburg, wieder waren dort die Schafe- pardon Heidschnucken- zu hueten.
Diese Arbeit war den Beiden besonders angenehm- Tiere
geben keine Widerworte und hoeren nicht bei jedem Gespraech neugierig zu..
Die Sonne schien lang und heiss dort in der Heide,
die sumpfige Gegend hat ordentlich viele Muecken gezeugt,
die ein wahres Festmahl geboten bekamen..
Die Torfstecherei haben sie kennen gelernt, einiges ueber die Bienenzucht erfahren.
In Soltau waren immer noch Heidschnucken- man gewoehnt sich daran..
ueber Nienburg, Osnabrueck nach Enschede bis vor Apeldoorn sind sie gekommen,
als das Verstehen der Sprache immer schwieriger wurde.
Von Emmerich sind sie dem Rhein stromaufwaerts gefolgt.
In den fruchtbaren Niederungen gibt es fuer Bauersleute immer genug Arbeit-
der Herbst war da und die Ernte wollte eingefahren werden.

Im kommenden Fruehjahr wollten sie ab Koeln den Wanderweg nach Rennerod nehmen,
um die Papiere persoenlich zu uebergeben..
Noch war der Herbst im Land und noch wurde kraeftig gearbeitet-
wer essen und schlafen will, muss zuvor etwas leisten.
Die Bauern zahlten gerne fuer neue Ideen, besonders, wenn man damit Geld und Zeit sparen konnte.
Auftraege kamen und Vorbestellungen, die alle sorgfaeltig notiert wurden.
Abends war der Strom noch lange ein Waermespeicher
und bot eine herrliche Kulisse mit seiner Weite und den Schiffen darauf.
Die Naehe zu Holland brachte einige interessante Erkenntnisse in der speziellen Kaeseherstellung,
wo die beiden besonders gerne halfen.

Sie gingen den bequemen Weg am Rhein stromaufwaerts weiter, nahmen Ort um Ort in Ruhe an,
sie kamen mit vielen Leuten ins Gespraech, segelten ein Stueck mit Fischern,
sie halfen Fische zu fangen, zu raeuchern, zu verkaufen.
Auf den Feldern Karotten zu ernten und Kohl- am Rhein ist alles etwas frueher,
nochmal deutlich frueher als im Westerwald.
Sie halfen in Meiereien mit und sprachen mit vielen Handwerksburschen auf Wanderschaft,
sie trafen viele Reisende an, die nur zum Spass ihr Leben mit dieser Taetigkeit verbringen,
sie sahen wichtige Herren mit Siegelringen, die durch sie hindurch blickten,
sie hoerten von Herrschaften und Gebieten, die sie niemals zuvor gewahren.
Ueberall waren Abgabeneintreiber, alles war besteuert-
aber wer nichts hat, hat nichts..

Sie lebten praktisch von der Hand in den Mund, wie man so schoen sagt.
Ihr Kapital trugen sie in Form von Auftraegen mit sich, Geld war dadurch nicht zu holen gewesen,
Diebe oder Zoellner wittern fette Beute sofort !
In Koeln haben sie ihr Wissen aus Bremen gut anwenden koennen und sind ein paar Wochen geblieben.
Hafen ist Hafen und Handelshaeuser sind sich ueberall aehnlich.
Sie kauften ein paar Geschenke fuer die Kleinen daheim- Suesses wird immer gerne gesehen.
Nach Siegburg begann die Luft wieder nach Heimat zu riechen.
"Richtung Altenkirchen" war eine Beschilderung nach ihrem Geschmack.
Bauern sind und bleiben Bauern, deshalb sind sie mit den Leuten auf dieser Strecke leicht zurecht gekommen.
Einige Lehrgaenge haben sie gemacht, viele Neuerung in Anbautechniken und Bodenbearbeitung,
ueber Saemereien und Setzlinge, Schaedlingsbekaempfung und Duengung haben sie gehalten.
Das war recht erfolgreich und hat einiges an Geld gebracht- die Summe der Doerfer und Gehoefte war es,
die eine erklaegliche Summe gebracht hat.
Einige Vorbestellungen kamen dazu.
Die Liste der Interessenten hat sich gut gemacht, eine gute Auftragslage wird den Bruni freuen.

Langsam, aber sicher naeherten sie sich der Heimat und freuten sich,
die Familie wieder zu sehen, wer weiss, was die in dieser Zeit alles erlebt haben,
was sich im Umfeld zugetragen hat,
hoffentlich waren die Zeiten und die Gesundheit zugetan!

Ein ganzes Jahr auf Wanderschaft- so schnell vergeht also ein Jahr..
von Siegen herab war es nicht mehr weit,
sie empfanden das, was man bei den Pferden "den Stallgeruch wittern" nennt,
die Schritte beschleunigen sich.


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