Vivarium Seite 17


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Man kann den Charakter eines Menschen danach beurteilen, wie er diejenigen behandelt,
von denen er weder Vorteil noch Nutzen hat.

Unbekannter Autor

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Noch immer auf Wanderung!

Nach Genua war die Reise doch schon recht beschwerlich geworden- und in Venetien ist wieder einmal eine groessere Unsicherheit,
Tuerkenkriege waren zu fuehren.
Es wurde den Beiden abgeraten, dorthin zu reisen.
Also zogen sie durch die durch das Piemont, ueber den Fluss Po an der Lombardei hinauf,
durch das Aostatal bis nach Montreux am Genver See.
Sie sind ab und an ein paar Tage geblieben, haben ein wenig gearbeitet,
viele freundliche Kontakte zu Land und Leuten gehabt.
Die Sonne des Suedens haben sie gesehen, die diesige Lichterorgien und das Meer gesehen,
guten Wein getrunken und mit den Fischern gelacht.
Am sonnigen Hafen von Cannes waren sie, Lavendel und Oliven und Mandeln erlebt,
frische Sardinen gegessen, mit Zitronen betraeufelt und helles Brot dazu gegessen.
Sie kamen sich manchmal wie die Fuersten vor,
wenn sie am Hang ueber dem Meer lagen und vertraeumt ueber das Meer den Horizont sahen,
wo ab und an weisse Segel zu sehen waren.
Wohin diese Schiffe wohl fuhren, woher werden sie wohl kommen?
Was wird wohl an Ladung mitgefuehrt worden sein?
Nach der Strapaze der schmalen Alpenpfade eine freundliche Erinnerung.
Die Majestaet der Schweizer Berge ist noch einmal ein Kapitel,
das die Beiden wohl nie vergessen werden.
Nun am Genver See scheint sich beinahe der suedliche Eindruck zu wiederholen.
Durch das Berner Land mit seinem herrlichen Kaese und weiten sonnigen Wiesen und vielen Kuehen,
den derben Holzhuetten waren die Wege nun sehr erfreulich.

Ab Basel fuhren die Beiden mit einem Kahn den Rhein hinab, ganz geruhsam und gemuetlich-
die Landschaft zog still vorbei, ab und an hielt der Kahn um Waren abzuladen oder einzuhieven.
Bis zur Muendung des Mains sind sie mit diesem Kahn gefahren,
der dann weiter ueber Koeln nach Amsterdam fuhr.
In Floersheim gingen sie den bekannten Pfad durch die Weinberge,
ueber den Taunus nach Weilrod- zum Fels-Versteck.
Sie holten ihren Schatz wieder aus der Felsspalte..
dort kam nun wirklich keiner vorbei, nicht einmal zufaellig.
Die sicherste Bank war das allemal gewesen.

Untewegs hoerten sie schon von den Unruhen im Land,
es bahnte sich ein Krieg an.

Daheim im Westerwald gab es erst einmal ein riesiges Hallo,
Der Herrmann kam gerade des Wegs, als er die Beiden mueden Wanderer sah..
gemeinsam sind sie zum Freihof gegangen.
Nach kurzer Begruessung gingen sie sofort in eines der Gaestezimmer
und haben sich dort fast volle zwei Tage aufgehalten,
immer nur zur Toilette gegangen und etwas getrunken
und gleich wieder in die Kissen gelegt..

Der Familienrat tagte und hoerte sich die Erzaehlungen des nun schon recht alten Paares an,
das eine ziemlich unglaubliche Odysee hinter sich gebracht hatte.
Ein Lebenstraum war sozusagen in Erfuellung gegangen.
Man tauschte die Erlebnisse beiderseits aus und beratschlagte, was wohl geschehen soll-
sollte nun auch im Westerwald ein grosser Krieg einziehen.
Man war sich einig: Der Erdkeller muss sehr viel vergroessert und erweitert und verstaerkt werden.

Sehr bald ging man zu Werke - was aber am steinigen Boden scheiterte.
Das angrenzende kleine Bachtal, wo die Familie Koehler wohnte, hatte eine groessere Hoehle, die seit Urzeiten bekannt,
aber laengst eingestuerzt und verschuettet geglaubt war.
Diese Hoehle grub man mit vereinten Kraeften wieder frei, stabilisierte und tarnte den Eingang.
Die rutschigen Boeden in diesem Tal wuerden evtl. Truppen sowieso abhalten,
auch fuer Wagen war alles viel zu steil.
Selbst Pferde scheuten dieses Dickicht, in dem man sich die Beine brechen konnte.
Nach und nach begann man dort Lebensmittel einzulagern, Bretter zu stapeln und fuer Unterkuenfte zu sorgen.

Die beiden jungen Paare, Pfip nahm Margarete und Grode die Elisabeth wollten sich zuerst gruendlich umhoeren,
noetigenfalls ueber Amsterdam ebenfalls nach Amerika auswandern- wo schon ihre Eltern waren.
Karl, Dora und die beiden Kinder liesen sich nicht erschuettern- ein Bauer haelt an seiner Scholle fest..
Johann und die Irme waren froh, wieder zuhause zu sein.
Thea ging schon ins zweite Schuljahr, der Helmut war immer noch bei den Huehnern..
naechstes Jahr war auch er ein Schulkind- nun musste die Freiheit nochmal gruendlich ausgekostet werden.

Die Leute in Basel hatten wohl recht, es bahnte sich ein grosser Krieg an.
"Prager Fenstersturz und der Aufstand der protestantischen boehmischen Staende", wie es verlautbarte.
Die beiden jungen Paare ruesteten zum Aufbruch- und verkauften noch schnell ihr Hab und Gut,
Gebaeude und Grund - inklusive der Konzession als Poststelle, bis zu dem Gaensezaun..
Es fand sich auch bald einer, der diesen Besitz wollte- der Freiherr oder Schulze
hatte nun endlich etwas an Eigentum und war nicht mehr laenger auf die Gnade der Allmende angewiesen.

Der Preis war nicht so hoch wie erwartet- aber immerhin, die Jungen waren zufrieden.
Bis zum alles verheerenden Krieg wollte man nicht warten- es kamen von allen Seiten die schlimmsten Nachrichten,
die Spanier, die Schweden, die Oesterreicher - alle waren schwer geruestet und mordlustig- erst recht die Franzosen.
Gerade noch gelang es ihnen mit der Kutsche auf das Rheinschiff bei Koeln und von dort nach Amsterdam zu gelangen.
Das ging nur, weil sie mit "kleinem Gepaeck" reisten.
Die alte Fuerstliche Schankerlaubnis hatten sie zusammengerollt dabei-
wer weiss, manchmal ist auch ein altes Papier wichtig.
In Amsterdam fand sich ein Schiff, das noch gute Kabinen hatte-
so waren sie nicht wie die anderen armen Maeuse unter Deck eingepfercht.
Das Schiff war wohl speziell fuer Aussiedler gemacht, so schien das zumindest.

In Europa
fing der 1618-48 Dreissigjaehriger Krieg
an.

http://www.regionalgeschichte.net/westerwald/staedte-doerfer/orte-h/hachenburg/einzelaspekte/infos-zur-stadtgeschichte/grafschaft-sayn/buchkapitel/30jaehriger-krieg-664.html

Hier reisst der Kontakt zu den beiden jungen Familien erst einmal ab,
von dem Rudolf und seiner Dorthe hoerte man bislang ebenfalls noch nichts.

Banges Abschiednehmen mit dem Trost, dass wenigstens die Jungen gerettet sind,
befanden die Koehlers und Johann und Irme den Tag fuer gut.
Der Freihof war nun ein Drittel kleiner geworden, was die Flaeche anbelangt,
was den Umsatz anging, war er nunmehr bedeutungslos geworden.
Karl kaufte noch ein Stueck unwegsames Wiesengelaende fuer billiges Geld dazu,
damit man auf eigenem Land zu den Koehlers gelangen konnte.
(und zum Hoehlenversteck)
Wiesen kann man nie genug haben, wenn ein Bauernhof betrieben wurde.

Die Poststation war noch immer der Hauptabnehmer der baeuerlichen Erzeugnisse- der Rest wurde auf dem Markt verkauft.
Die Geschaefte gingen gut, aber es kam sehr viel weniger Geld beisammen,
wie das in den alten Zeiten mit der Fuerstlichen Poststation war.
Aber damit hatten Karl und Dora sowieso noch nie etwas zu tun.
Fremde mochten sie nicht, somit waren sie typische Westerwaelder "Basaltkoeppe", wie man hier sagt.
Um so besser standen sie mit den Koehlers- sie waren wie Eltern zu den Jungen.

Johann und Irma lebten noch immer in dem Gastzimmer und zahlten ihre Miete-
dem Schulze war es recht, die Zimmer waren in diesen Zeiten immer weniger gut belegt-
irgendetwas lag in der Luft.

Von Ferne war Kanonendonner zu hoeren, das Schloss und die Burg wurden beschossen,
durchreitende Schwadronen sondierten die Lage, franzoesische Laute -
von der anderen Seite kamen oesterreichische Laute -
sie zogen zum Glueck aneinander vorbei.
Die Burg und das Schloss wurden arg beschaedigt,
die Herren gefangen genommen oder sie handelten mit den Feldherren etwas aus-
wer weiss da von den kleinen Leuten schon und wer das genau wissen mag,
sollte in den Geschichtsbuechern blaettern.
Die kleinen Leute konnten meist noch nicht mal lesen und schreiben..
von Politik hatten nicht viel Wissen, sie konnten nicht einmal verstehen,
wo denn nun der Unterschied zwischen dem katholischen und dem evangelischen
und dem protestantischen und dem calvinistischen Glauben sein mochte.
Wer genug damit zu tun hat, die Familien zu ernaehren und mit den Krankheiten fertig zu werden,
bei dem war dafuer wenig Verstaendnis vorhanden.
Das ist wohl bis zum heutigen Tag so und das wird bis zum juengsten Tag so sein.

Tatsache war, dass hier im Westerwald, im hintersten Geviert der Welt zwar wichtige Strassen durch liefen,
das Interesse der sich bekaempfenden Truppen aber nie lag- sie bekaempften sich um der Sache willen.
Welche Sache das genau war, haben die Lehrer bis heute versucht den Schuelern plausibel zu machen,
was nur bei besonders Interessierten gelingen mag.

Die Soldaten rueckten die Strasse nach Siegen vorwaerts- vermutlich waren es Franzosen-
die ohne Futterage unterwegs waren:
Die "Feldherren" waren der Meinung, die Versorgung kann man sich einfach so bei der Bevoelkerung unterwegs nehmen.
(Im Krieg hat man das nicht "stehlen" genannt, das wurde konfisziert oder beschlagnahmt)
Ruede Behandlung gegen jeden, der irgendwelche Amtsfunktionen hatte- viele wurden einfach erschossen.
Eines Tages rannte der sonst so hochnaesige Lakai die Strasse entlang- ohne Kutsche und ohne Schuhe -
als waere der Teufel hinter ihm her..
Der Schulze blieb ruhig, er ergab sich - und lies gewaehren, was weniger Zerstoerung brachte.
Das Dorf wurde weitestgehend verschont-
die Staelle aber wurden gepluendert, das Vieh in Mengen geschlachtet.
Tausende an Soldaten mit ihrem nachfolgenden Tross haben wie die Heuschrecken gefressen.
Als nichts mehr da war, was man stehlen konnte, zuendeten sie einige Haeuser an.
Ploetzlich sind sie auf und davon gejagt- nicht lange, dann tutete das naechste Kriegshorn-
die bayrisch-oesterreichischen Truppen zogen durch.
So ging das in manchen Gebieten dreissig Jahre - die Oesterreicher wurden durch die Schweden vertrieben -
ein Pack verjagte und mordete das andere.

Immer unter dem Banner der Religion und unter der Flagge der Gerechtigkeit.

Der Westerwald ist nicht so lange tangiert gewesen, wie das die feinen Leute zu sagen pflegen,
die Zentren waren allemal interessanter fuer den Krieg.


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