Vivarium Seite 14


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Suche in deinem Herzen den Frieden zu wahren! Kein Vorfall dieser Welt soll es beunruhigen.
Denke, dass alles ein Ende nehmen muss.

Johannes vom Kreuz

***

Rudolf und Dorthe und Pfip und Grode stiegen wieder in den Wagen, das Pferd war angespannt-
ein Winken von allen Freihoeflern, ein paar Abschieds-Gaben und so fuhren sie ab nach Rennerod
Richtung des neuen Zuhauses.
Dieses alte Geschaeftshaus stand direkt an der Strasse und hatte nur eine schmale Einfahrt nach hinten,
Wo eine Waschkueche im Schuppen eingebaut war- ein kleiner Garten und Hinterhof.
Ueber dem Geschaeft waren genug Wohnraeume, Enge war da nicht.
Der Laden selbst hatte ein fast ebene Anbindung zum Buergersteig,
alles war blank gefegt.
Eine Backstube wollten die beiden Eheleute nicht haben,
man sann auf eine andere Verwendung.
Der Rudolf fand bald eine Arbeit bei einem der dortigen Baecker-
und konnte so die Familie ernaehren, was immer vorrangig war.

Karl und die Dora vertrugen sich offenbar praechtig,
aber heiraten wollten sie nicht -
um "das Gesicht zu wahren" verlobte man sich geschwind.
Die Koehlers waren so keine der Tradition oder dem Gesellschaftlichen
verhafteten Eheleute, sie wussten wohl,
warum die Kinder diese einengenden Dinge ablehnten, sagten aber nichts dazu.
Wie sich spaeter herausstellte, hatten auch diese Beiden keine "richtige" Trauung in schriftlicher Form..
Das soll uns nicht tangieren, wir sind weder Pfarrer noch Richter,
und wo kein Klaeger, da gibt es auch keine Anklage.
Die Freihoefer sind sowieso als Querulanten bekannt und lassen sich sonstwo taufen oder konfirmieren-
vermutlich haben die sich sonstwo trauen lassen, nahm man im Dorf an.
Noch einmal wollten sie sich keine offizielle Abfuhr oder Zurechtweisung einhandeln.
Deshalb war man lieber ruhig und lies "diese seltsamen Leute" gewaehren.
Das Kind kam bald, eine kleine Thea- allerliebst anzusehen, sie sah der Dora sehr aehnlich:
Ebenso klein wie sie und wie eine hellblonde Puppe.

Ursel lernte Geige und Floete, sie war auf dem Weg zur Musiklehrerin
was wohl immer ihr Wunsch war.
Sie zog nach Limburg und gab in einer der Schulen Unterricht.

Rudolf und Dorthe richteten einen bunten Laden mit hollaendischen Waren ein.
An der Fassade war eine Banderole in den hollaendischen Farben..
..mit einem gemalten Leuchtturm, Muscheln und unten am Sockel des Hauses
Wellen und Meer..
Ein wenig kitschig, aber das muss wohl so sein.
Allerlei Leckereien, Krimskrams und Schmuck, Gewuerze und Genever- was man so in Holland hat.
Der Laden lief schnell gut genug, dass der Rudolf seine Arbeit als Baecker aufgab
und beide Leute im Geschaeft beschaeftig waren.

Jeremia, der alte Freud des Johann kam vorbei..
die Kontakte zu dem Holland-Laden sollten vermittelt werden,
als der Jeremia sagte:
"Da komme ich gerade her, der Rudolf hat meine Kollektion bereits im Laden,
von dir, wie ich hoerte.."
Ja ja, meinte Johann, bei mir im Hinterhaus kommt kaum einer vorbei
und vorne heraus habe ich nun keinen Laden mehr, der ganze Platz wurde fuer die neue Gaststube-
er war noch nicht fertig, als Jeremia anhob:
Danke, ich habe dort bereits gegessen und wurde danach zu dir nach "hinten" geschickt-
wo ich nun endlich angekommen bin.
Die Irme kam gerade aus dem Huehnerstall, als sie die angeregte Diskussion
auf der Bank vor dem alten Bauernhaus vernahm, geschwind war sie dabei-
wie immer, wenn es etwas zu erzaehlen gab.
Der Geldwechsler erzaehlte von den Kriegszeiten, die immer und immer wieder neu aufflammten-
mal war jener Fuerst, mal ein anderer Graf, mal die Franzosen,
dann die Bayern- oder Oesterreicher oder Schweden dabei alles in Schutt und Asche zu legen,
den Ueberblick hatten die meisten laengst verloren, genau wie ihr Hab und Gut und viele ihrer Soehne.
Inzwischen sind die Frauen daheim geschaendet worden oder im Kindbett gestorben,
weil die Zustaende nicht gerade die reinsten waren.
Die beiden, der Erwin und die Irme und die beiden Jungen waren sehr erschrocken:
Was ist, wenn das bei uns hier ebenso kommt?
Wir kleinen Leute haben nicht den geringsten Einfluss auf die Geschehnisse,
wir muessen uns immer ducken und still sein.
"Und muessen hoffen, dass keines unserer Kinder.." meinte Irme dazwischen.
Ja, so ist es wohl, meinte Jeremia- deshalb bin ich eine Weile hier bei euch in der Gegend-
hier ist es noch recht ruhig und es schaut auch so aus, als blieben die Fronten weiter draussen im Land.
Ich bin doch nicht lebensmuede und habe nur dieses eine-
selbst als Jude bin ich nicht so geschuetzt wie eine Katze,
die bekanntlich sieben Leben hat.
"manchmal denke ich, dem Gott des alten Bundes ist das Schicksal seiner Glaeubigen recht gleich geworden"
Weiter sagte er:
"So viel Elend, so viel Leid war unterwegs zu sehen, nur mit viel Glueck bin ich aus dem Rheintal gelangt"

So naechtigte er in einem der Gastzimmer im Freihof noch ein paar Wochen -
zum Vorzugspreis.. umsonst wollte er nicht dort wohnen.

Es dauerte nur zwei, drei Tage:
Ein herrschaftlicher Reiter kam ganz gehetzt angepretscht und wechselte das Pferd-
"Hier ist die Depesche des Hauses Nassau-Dillenburg fuer die Fuerstliche Poststation"
Sprachs und weg war er- nicht mal gegessen oder etwas getrunken hat er..
er musste noch viele Station in ebensolcher Weise unterrichten,
desgleichen herrschaftliche Haendler und Lieferanten oder Schmieden und Aemter im ganzen Land,
die mit dem alten Herren zu tun hatten.

Kaum dass Fuerst Johann verstorben war, ging die Geschichte einen neuen Gang,
die Landesherrschaft wurde neu aufgeteilt,
die ehemaligen Fuerstlichen Anstalten wurden aufgeloest.

So stand es auch in der Depesche:
"Alle fuerstlichen Anstalten werden mit sofortiger Wirkung aufgeloest, alle Rechte sind enthoben, alle Verguenstigungen gestrichen, die Insignien sind zu entfernen."

Ein derber Schlag, das muss man sagen!
Die Marga und der Erwin und der Schmied waren ratlos und entfernten inzwischen das grosse Schild,
das Wappen und den Freibrief ueber der Tuer des Gasthauses.
Eine eventuelle Strafe wollten sie nicht riskieren.

Die Fasane hat man lieber auf dem Limburger Markt verkauft,
solange die neuen Herrschaften davon nichts wussten-
gefackelt hat man damals nicht, man war nicht zimperlich im konfiszieren.
Die Fuhre machten diesmal Irme und Johann, mit dem Gespann des Saegewerks-
wie immer war auch diesmal ihr Freund, der Schultheis dabei zu helfen.
Die Fahrt verlief gut- bereits in Rennerod haben sie einen Teil der Ladung verkaufen koennen,
die Metzger haben gut davon abgenommen.
Die Gasthaeuser auf der Strecke ebenfalls und als sie in Limburg ankamen, waren nur noch wenige Tiere in den Kaefigen,
die lebend bei einem Bauern ihr neues Zuhause fanden.

Ganz spaet kamen sie wieder nach Hause, es war schon ziemlich dunkel-
sie fielen sofort totmuede ins Bett und haben erst am naechsten Tag von ihrer Tour berichtet.
Das Pferd hat der Erwin versorgt und auch am naechsten Tag das Gespann zum Saegewerk gebracht.

Allen war vollkommen klar:
Fasane waeren ein zu grosser Anreiz fuer die neuen Herren gewesen, sich einfach zu nehmen, was sie wollten-
das wollte niemand riskieren.

Lieber kleiner und einfacher, dachte man sich, da wird der Freihof nochmal mit heiler Haut davon kommen..
Sie hatten gutes Geld erzielt mit diesen edlen Fasanen, das war schon eine gute Sache.

Der Umtausch von weniger sicherer Waehrung in Goldgulden kam gleich beim Jeremia zustande,
der seinerseits dieses Geld geschwind wieder gegen andere Dinge eingetauscht hat,
als er wieder auf Reisen ging- lange hat es ihn nirgends gehalten.

Der Pavillion wurde verkauft, die Fackeln entfernt,
das Aeussere der Gastlichkeit wurde wieder recht unauffaellig und bescheiden,
so dass keine besonderen Begehrlichkeiten zu befuerchten waren.
Nur der Eingeweihte, der Kutscher mit Ortskenntnissen wusste um die Qualitaet der Lokalitaet.
Die allgemeine Bewirtungserlaubnis fuer eine Gaststaette wurde vom neuen Amt erteilt-
gegen saftige Gebuehr versteht sich..

Die Kutschen kamen nach wie vor, die Gaeste waren auch die gleichen-
wer sich an die Schilder vor dem Haus nicht erinnerte oder davon nichts wusste,
hat diese niemals vermisst.

Die Huehner wurden nach wie vor gehalten, das andere Gefluegel ebenso-
die jungen Leute haben bald wieder zwei Kuehe angeschafft und auch ein paar Schweine gehalten.
Der Bauernhof hat es ihnen angetan, zumal die Gaststaette ein guter Abnehmer war.
Die Lieferanten sind fast die selben geblieben, von manchen kam etwas weniger in Nachfrage,
bei den anderen blieb alles wie es war.

Die Zeit lief weiter, wie sie es immer tat und dagegen hatte auch niemand etwas, solange alles friedlich blieb.
Das Dorf war still, niemand kam mit den Freihof-Leuten in Kontakt,
ausser dem Schulzen, der mit seinem Saegewerk doch schon weiter ausserhalb war
und nicht direkt mit dem Getratsche in Verbindung war.
Eine der Wirtschaften hat wieder eroeffnet, die andere wurde zum Kraemerladen,
der Baecker und der Metzger hatten aufgegeben und die Laeden in Wohnungen umgewandelt, die vermietet wurden.
Die Armut war schon spuerbarer geworden, hier im kargen Westerwald-
wer keinen Garten hatte, spuerte den Hunger schneller.

Einen Garten haben die jungen Leute, der Karl und die Dora auch ganz neu angelegt-
nur fuer den Eigenbedarf, wie sie sagten.
Marga hat die Kraeutersucherei und den Verkauf dieser Dinge aufgegeben,
das Buecken ging schon nicht mehr so gut,
zusammen mit dem Erwin war in der Gastwirtschaft genug zu tun.
Mit einer jungen weiblichen Bedienung und Zimmermaedchen und einer ausgebildeten Koechin,
die ehemals in einem feinen Haus in Anstellung war, lief die Wirtschaft wie geschmiert.
Als die Kutschen immer mehr wurden, wurden noch zwei weitere Gesellen eingestellt-
nun war der Schmied und zwei Helfer dabei, die kaputten Achsen und Raeder und Chassis zu reparieren,
das heisst fachgerecht instand zu setzen.

Der Familienrat hat immer regelmaessig "getagt", dabei wurde viel gegessen noch noch mehr gelacht..
Die Gaststube war ja gross genug dafuer und die Gaeste stoerte das nicht -
Hauptsache es war etwas los - ein Musiker war immer da, nach wie vor,
tapfer bis in die Nacht hinein musizierend loesten sich inzwischen immer zwei dieser Spielleute ab.

Der Erdkeller hinter dem Gaense-Zaun war eine gute Zwischenstation fuer die Lebensmittel
und wer weiss, wo die "Bank" des Freihofes war-
sie war nicht oeffentlich zugaenglich und wurde auch nie von einem Aussenstehenden gesehen.

Von den hohen Herren ist keiner niemals wieder gesehen worden,
weder ein Vertreter der Kirche noch ein Gesandter des Herrscherhauses.
Ab und an wurde vom Schultheis der Zehnt erhoben -
mehr hatte man mit den Maechtigen nicht zu tun.

Die Doerfler sahen dem Treiben nun auch nicht mehr so interessiert zu,
sie hatten mit sich selbst genug zu tun in diesen Zeiten.


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