Vivarium Seite 15


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Nur die Ansprüche sind es, die unzufrieden machen.
Was wir nicht begehren, können wir leichter entbehren, darin liegt die ganze Lebensweisheit.
Leider Gottes kommen wir gewöhnlich erst dahinter, wenn es mit dem Leben zur Neige geht.

Karl von Holtei

***

Neue Zeiten.

Mit dem Holland-Laden und auch mit Rennerod hatte man auf dem Freihof nicht zu viel zu tun,
das war alles recht weit.
Ab und zu hoerte man etwas voneinander, im Grunde war der Kontakt nicht mehr, als damals nach Amsterdam.
Johann und die Irme waren eher alleine, denn auch das Vorderhaus hatte sein Eigenleben,
selbst die Jungen im gleichen Bauernhaus waren fuer sich, wie das so ist mit Jung und Alt.
Jede Generation hat so ihre eigenen Ideen und Gedanken, keiner von beiden Welten moechte gestoert sein,-
die Jungen nicht und auch die Alten nicht, die immer ihr eigenes Ding machten.
Nicht, dass man sich irgendwie gram gewesen waere,
es ist ganz einfach nur der Alters- und Interessensunterschied gewesen, mehr nicht.
Eines Abends, als im Fruehling die ersten Bluemchen in der Wiese waren,
als die Voegel anhoben ihr Lied zu singen-
meinte Irme: Du sitzt immer so traurig da herum, dabei bist du doch noch gut zu Fuss!
Johann verstand nicht, was Irme damit sagen wollte, das ist bei den Maennern eben so..
sie setzte fort: Ich habe mir einen Mantel in Rennerod besorgen lassen und einen Hut-
noch immer verstand der Johann nicht, was nun kommen sollte.
Soll ich diesen mal zeigen?
"Von mir aus", brummte er etwas dumpf heraus.
Er sann immer noch dem Gesang der Voegel nach, als die Irme mit einem..
Schaeferhut in der Tuer stand!
Schlimmer noch, sie hatte auch einen langen, wetterfesten Schaefermantel an und
zwei derbe Wanderschuhe in der Hand!
"Ach herrje, ich habe aber auch rein gar nichts verstanden, es tut mir leid!"
Wir sind ein wenig eingerostet und ehe unsere Gelenke ganz steif sind,
sollten wir uns auf die Socken machen, auf Schusters Rappen, wie man zu sagen pflegt!

Der Familienrat wurde einberufen und so wurde die neue Idee offenbart,
gegen die sich Johann in keiner Weise auflehnte- er hat wohl schon lange davon getraeumt,
als die Zeit der Ruhe immer mehr und mehr an der Substanz nagte.
Beide begannen bereits einspurig zu denken und zu handeln, auch das Hirn kann sich verknoechern und ungelenk werden..
So weit wollte es die Irme nicht kommen lassen, sie sah ja den Verfall, den der Johann bereits angenagt hatte.
Die Familie wunderte sich ein wenig,
war aber so in ihrem eigenen Geschaeft gefangen,
dass man sich fuer die nach und nach ein wenig "ueberfluessig" gewordenen jungen Alten kaum Gedanken machte.
Sie waren da, mehr nicht.
Nun gaben die Beiden also irgendwie "den Abschied", gaben sogar den Einsitz frei,
damit die junge Familie von Karl und Dora und Thea grosszuegig planen konnten.
Das Geld wurde aus dem Versteck geholt und neu sortiert-
ein Streitpunkt war das nie gewesen im Freihof.
Sie liesen alles stehen, alles dort, wo es hin gehoerte.
Das war schon mal ein ganz guter Start, falls sich eine Erweiterung der Familie ergeben sollte.

Am naechsten Morgen bereitete Irme eine kraeftige warme Suppe, die sie andaechtig schluerften.
Mit zwei wetterfesten Schultersaecken und zwei Stoecken und einer kraeftigen Brotzeit geruestet,
gingen sie beizeiten davon- nach hinten weg, beim Koehler vorbei um noch einmal "Ade" zu sagen.
Der Freihof schlief noch tief und fest, sogar die Huehner waren noch nicht wach.

Bei den Koehlers hat man sich nicht lange aufgehalten,
ein kurzes erklaerendes Gespraech und gute Wuensche beiderseits-
und schon ging der grosse und sehr ungewisse Marsch los!

Die Beiden waren sehr aufgeregt - aber es war eine freudige Aufregung und keine,
wie durch die Depeschen ausgeloeste,
die von der Herrschaft kamen.
Nun ging es ohne Pfarrer, ohne Landesherrn und ohne Dorfbewohner und ohne Kinder und ohne Enkel
und ohne Verwandte einfach so durch die Lande - ganz auf sich allein gestellt!
Das Gefuehl von unbaendiger Freiheit, Ungezwungenheit und Lust am Leben durchstroemte die beiden -fast- Alten.

Rudolf und Dorthe haben das erst durch die Freihoefer erfahren, desgleichen der Schultheis.
So konnte kein Offizieller etwas gewusst haben und brauchte nicht zu luegen-
ansonsten haetten sie den guten Freund gerne eingeweiht.
Durch das enge Tal hinab, oestlich von Rennerod nach Sueden, bei Arborn das Kallenbachtal entlang,
ging es hinab ins Lahntal.
Geschlafen wurde im Heu oder in Kuhlen im Wald, Wasser war ueberall genug.
Baeckereien und Metzer gab es auch unterwegs-
gegen Geld war alles leicht zu haben.

Sie waren sehr sparsam damit- wer weiss, wie lange die Wanderung sein wird,
ausser der Richtung war nichts geplant.
Labende Saeuerlingsquellen sind noch heute in dieser Gegend.
Damals noch waren die Hoehenwege die besseren, die Taeler waren noch recht sumpfig.
Diese Pfade ware dem Johann noch gelaeufig, verlaufen haben sich die beiden darum kaum.
Und wenn, taten sie das lachend.
Heute sagt man: Der Weg ist das Ziel.
Und so war das eben damals auch.
Sie waren keineswegs die einzigen Wanderer, die unterwegs waren-
man gruesste sich freundlich und unverbindlich, manchmal wurde ein wenig nach dem Woher und Wohin gefragt-
aber mehr der Freundlichkeit halber.
Der Taunus war schon bedeutend freundlicher und milder als das der Westerwald war.
Die Beiden fuehlten sich wie in der Sommerfrische.
Hut und Mantel konnten zusammengerollt auf dem Ruecken getragen werden.
Sie zogen durch das Weiltal nach Schmitten,
den alten Haendlerweg, den der Johann schon einige Male ging.
Nur Marga erfuhr zuvor von dem Felsen ueber der Weil bei Weilrod..
falls den Beiden etwas zustossen sollte, koennte man dort die Notgroschen der Wanderer finden.
(Schriftliches wollte man nicht hinterlassen, weil die Zeiten nicht so gut waren)

Ein Stueck das Silberbachtal entlang, die Taunushoehen hinter sich lassend,
ging es hinab nach Floersheim am Main, dort setzte sie ein Fischer ueber.
Nach Trebur ging es mit der Faehre ueber den Rhein nach Nierstein,
bei Obrigheim in der warmen Pfalz blieben sie eine Weile und halfen als Schaefer aus.
Das brachte ein wenig Geld in den Beutel.
Guter Wein war dort allemal genug..

Die freie Natur ist den Beiden gut bekommen, sie hatten wieder "Farbe bekommen", wie man so schoen sagt.
Wettergegerbt waren Wanderer immer, das gehoert sich wohl so.
Einer jungen Bauersfamilie halfen sie die Kuehe einzufangen,
Uebung hatten sie darin genug.
Zuweilen verdingten sie sich beim Gefluegel-Rupfen, eine unbeliebte Arbeit.
Mal gab es Arbeit bei der Obsternte, mal beim Heu machen.
So war einiges an hiesigem Kleingeld im Beutel, was immer unverdaechtig ist.

Ueber Kaiserslautern bis nach Saarbruecken sind sie gekommen.
Noch eh der Winter kam, - einige einfache Wagen,
die sie der Bequemlichkeit halber nahmen, -
halfen dem schnelleren Fortkommen, waren sie in Suedfrankreich.

Unterwegs wurde fleissig Franzoesisch gelernt-
zumindest so viel, dass man sich verstaendigen konnte.
Der Wein war gut und das Essen knapp.
Bei Arles blieben sie eine Weile und halfen fleissig winzern..
Gaense hueten und gaben Ratschlaege fuer eine gute Federvieh-Zucht-
sie hatten genug des Wissens auf dem Freihof sammeln koennen.
Leute mit Wissen sind immer gefragt.
Ein Dach ueber dem Kopf aber auch!
Und wenn die Unterkunft auch noch so einfach war, sie schuetzte allemal.
Reichtuemer haben die Beiden freilich keine sammeln koennen,
das stand auch nicht in der Absicht.
Die Winzerfamilie war freundlich, fast familiaer,
wie das bei Franzosen gerne gehalten wird.
Der Abschied war nicht leicht, vielleicht kaeme man auf dem Rueckweg wieder hier vorbei-
das stand aber noch in den Sternen, die grosse Wanderung hat gewiss erst so richtig begonnen..

Die Beiden wollen am Mittelmeer entlang wandern- dort war es schoen warm und gut gegen kalte Knochen.
Bald kamen sie durch Nice und bestaunten den Hafen Genua mit seinen vielen grossen Schiffen,
von denen sogar welche aus Griechenland und Aegypten kamen- unvorstellbar!

Sie waren auf dem Weg nach Venezien, das war klar.
Sie arbeiteten mal hier mal da, halfen bei der Weinernte und im Olivenhain.
Was sich gerade so ergab.
Viel zum Leben brauchten sie in ihrem Alter nicht mehr- so war die Ernaehrung der kleinste Kummer.
Was wuerden wohl die Leute vom Freihof treiben, sind noch alle gesund und wohlauf?
Sie konnten nur raten und malten sich vor dem Schlafen aus,
wie die Familie daheim wohl zurecht kommen mag..

Sie konnten nicht wissen, dass Marga schwer krank und nie wieder richtig gesund wurde.
Sie konnten nicht wissen, dass der Schultheis verstarb und an seiner statt der Pfarrer das grosse Sagen bekam.
Dass der Holland-Laden sich gut hielt und die Gaststaette immer mehr verfiel,
weil Erwin die Zuegel schleifen lies.
Sie konnten nicht ahnen, dass Rudolf und seine Frau den Laden schliessen mussten,
weil ein Feuer alles vernichtet hat.
Sie erfuhren auch nicht, dass Rudolf und Dorthe dem Erwin zu Hilfe kamen,
dort eingezogen sind und zur Rettung des Freihofes beitrugen.
Die Soehne Pfip und Grode gingen oefter mit den Toechtern der Koehler-Familie tanzen-
deren waren noch zwei "uebrig", die letzte Tochter war schon mit Herrmann verlobt.
Erwin hat Marga versorgt und ist dafuer ins Altenteil mit ihr gezogen.
Beide sind nicht mehr lange unter den Freihoeflern geblieben,
der Typhus hat sich dahin gerafft.
Ihr goldnes Geheimnis hat sie dem Erwin sagen muessen
und dieser haetet es bald vergessen dem naechsten Geheimnistraeger zu sagen.
Er hatte ganz andere Sorgen in dieser Zeit.

Wuerden die beiden Wandersleut wieder zum Freihof kommen, faenden sie andere Bedingungen vor,
ganz andere.
Nun waren bald drei der Koehler-Toechter auf dem Freihof,
sozusagen in guten Haenden, wohl versorgt und mit ordentlich Arbeit gesegnet.

Karl, der Sohn Erwins und Margas wohnte mit dem Toechterchen Thea auf dem Hof
"im Hinterhaus" sozusagen.
Das Gasthaus betrieben Pfip und Margarete,
der Grode und die Elisabeth uebernahmen die Schmiede, nachdem Grode dort die Ausbildung gemacht hatte.
Die Schmiede wurde zu einem stattlichen Gebaeude, das ein genaues Ebenbild der Wirtschaft wurde-
nur eben ein Stueck weiter, aber parallel zum ersten,
damit die Kutschen fahren konnten und auch zur Sicherheit bei Braenden.
Die Esse der Schmiede wurde ein Stueck Richtung Erdkeller versetzt- aus eben diesem Grunde.
In diesem neuen Haus wohnten beide Paare, die Kueche der Gaststaette wurde zur Bewirtung,
die ehemalige Tenne, die als Speiseraum genutzt worden ist, hat man zur Tanzflaeche und Buehne umgebaut.

Der Gastbetrieb lief immer besser, hier wurde getanzt und sich unterhalten,
immer neue Musiker kamen, - es sprach sich herum, dass man hier gerne gesehen war.

Von Anna hat man nur noch gehoert, dass sie als Modeschneiderin nach Paris gegangen ist.

Rudolf und Dorthe sind wieder nach Amsterdam zu Dorthes Vater gezogen, der im Sterben lag-
er wollte das Geschaeft in guten Haenden wissen,
gut, dass die Zeiten wieder etwas ruhiger wurden.
Ihre Soehne wussten sie gut versorgt auf dem Freihof, der sich in gewisser Weise sehr verjuengt hat.

Was ihnen seltsam vorkam, war der Hilferuf des Vaters - wo Dorthe noch mehr Geschwister wusste..

Aus dem Urselchen wurde eine aeltliche Jungfer, die tuechtig weiter unterrichtete.



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