plaetzchenwolf - Der Krämer 16. Teil



Vivarium Seite 15


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Nur die Ansprüche sind es, die unzufrieden machen.
Was wir nicht begehren, können wir leichter entbehren, darin liegt die ganze Lebensweisheit.
Leider Gottes kommen wir gewöhnlich erst dahinter, wenn es mit dem Leben zur Neige geht.

Karl von Holtei

***

Neue Zeiten.

Mit dem Holland-Laden und auch mit Rennerod hatte man auf dem Freihof nicht so viel zu tun,
das war alles recht weit entfernt.
Ab und zu hörte man etwas voneinander, im Grunde war der Kontakt nicht mehr, als damals in Amsterdam.
Johann und die Irme waren eher alleine, denn auch das Vorderhaus hatte sein Eigenleben,
selbst die Jungen im gleichen Bauernhaus waren für sich, wie das so ist mit Jung und Alt.
Jede Generation hat so ihre eigenen Ideen und Gedanken, keiner von beiden Welten möchte gestört sein,-
die Jungen nicht und auch die Alten nicht, die immer ihr eigenes Ding machten.
Nicht, daß man sich irgendwie gram gewesen wäre,
es ist ganz einfach nur der Alters- und Interessensunterschied gewesen, mehr nicht.
Eines Abends, als im Frühling die ersten Blümchen in der Wiese waren,
als die Vögel anhoben ihr Lied zu singen-
meinte Irme: Du sitzt immer so traurig da herum, dabei bist du doch noch gut zu Fuß!
Johann verstand nicht, was Irme damit sagen wollte, das ist bei den Männern eben so..
sie setzte fort: Ich habe mir einen Mantel in Rennerod besorgen lassen und einen Hut-
noch immer verstand der Johann nicht, was nun kommen sollte.
Soll ich diesen mal zeigen?
"Von mir aus", brummte er etwas dumpf heraus.
Er sann immer noch dem Gesang der Vögel nach, als die Irme mit einem..
Schäferhut in der Tür stand!
Schlimmer noch, sie hatte auch einen langen, wetterfesten Schäfermantel an und
zwei derbe Wanderschuhe in der Hand!
"Ach herrje, ich habe aber auch rein gar nichts verstanden, es tut mir leid!"
Wir sind ein wenig eingerostet und ehe unsere Gelenke ganz steif sind,
sollten wir uns auf die Socken machen, auf Schusters Rappen, wie man zu sagen pflegt!

Der Familienrat wurde einberufen und so wurde die neue Idee offenbart,
gegen die sich Johann in keiner Weise auflehnte- er hat wohl schon lange davon geträumt,
als die Zeit der Ruhe immer mehr und mehr an der Substanz nagte.
Beide begannen bereits einspurig zu denken und zu handeln, auch das Hirn kann sich verknöchern und ungelenk werden..
So weit wollte es die Irme nicht kommen lassen, sie sah ja den Verfall, den der Johann bereits angenagt hatte.
Die Familie wunderte sich ein wenig,
war aber so in ihrem eigenen Geschäft gefangen,
daß man sich für die nach und nach ein wenig "überflüssig" gewordenen jungen Alten kaum Gedanken machte.
Sie waren da, mehr nicht.
Nun gaben die Beiden also irgendwie "den Abschied", gaben sogar den Einsitz frei,
damit die junge Familie von Karl und Dora und Thea großzügig planen konnten.
Das Geld wurde aus dem Versteck geholt und neu sortiert-
ein Streitpunkt war das nie gewesen im Freihof.
Sie ließen alles stehen, alles dort, wo es hin gehörte.
Das war schon mal ein ganz guter Start, falls sich eine Erweiterung der Familie im hinteren Hofe ergeben sollte.

Am nächsten Morgen bereitete Irme eine kräftige warme Hafer Suppe, die sie andächtig schlürften.
Mit zwei wetterfesten Schultersäcken und zwei Stöcken und einer kräftigen Brotzeit und Wasserbehältern und Salben und Tee gerüstet,
gingen sie beizeiten davon- nach hinten weg, beim Köhler vorbei um noch einmal "Ade" zu sagen.
Der Freihof schlief noch tief und fest, sogar die Hühner waren noch nicht wach.

Bei den Köhlers hat man sich nicht lange aufgehalten,
ein kurzes erklärendes Gespräch und gute Wünsche beiderseits-
und schon ging der große und sehr ungewisse Marsch los!

Die Beiden waren sehr aufgeregt - aber es war eine freudige Aufregung und keine,
wie durch die Depeschen ausgelöste,
die von der Herrschaft kamen.
Nun ging es ohne Pfarrer, ohne Landesherrn und ohne Dorfbewohner und ohne Kinder und ohne Enkel
und ohne Verwandte einfach so durch die Lande - ganz auf sich allein gestellt!
Das Gefühl von unbändiger Freiheit, Ungezwungenheit und Lust am Leben durchströmte die beiden -fast- Alten.

Rudolf und Dorthe haben das erst durch die Freihöfer erfahren, desgleichen der Schultheiß.
So konnte kein Offizieller etwas gewußt haben und brauchte nicht zu lügen-
ansonsten hätten sie den guten Freund gerne eingeweiht.
Durch das enge Tal hinab, östlich von Rennerod nach Süden, bei Arborn das Kallenbachtal entlang,
ging es hinab ins Lahntal.
Geschlafen wurde im Heu oder in Kuhlen im Wald, Wasser war überall genug.
Bäckereien und Metzer gab es auch unterwegs-
gegen Geld war alles leicht zu haben.

Sie waren sehr sparsam damit- wer weiß, wie lange die Wanderung sein wird,
außer der Richtung war nichts geplant.
Labende Säuerlingsquellen sind noch heute in dieser Gegend.
Damals noch waren die Höhenwege die besseren, die Täler waren noch recht sumpfig.
Diese Pfade waren dem Johann noch geläufig, verlaufen haben sich die beiden darum kaum.
Und wenn, taten sie das lachend.
Heute sagt man: Der Weg ist das Ziel.
Und so war das eben damals auch.
Sie waren keineswegs die einzigen Wanderer, die unterwegs waren-
man grüßte sich freundlich und unverbindlich, manchmal wurde ein wenig nach dem Woher und Wohin gefragt-
aber mehr der Freundlichkeit halber.
Der Taunus war schon bedeutend freundlicher und milder als das der Westerwald war.
Die Beiden fühlten sich wie in der Sommerfrische.
Hut und Mantel konnten zusammengerollt auf dem Rücken getragen werden.
Sie zogen durch das Weiltal nach Schmitten,
den alten Händlerweg, den der Johann schon einige Male ging.
Nur Marga erfuhr zuvor von dem Felsen über der Weil bei Weilrod..
falls den Beiden etwas zustoßen sollte, könnte man dort die Notgroschen der Wanderer finden.
(Schriftliches wollte man nicht hinterlassen, weil die Zeiten nicht so gut waren)

Ein Stück das Silberbachtal entlang, die Taunushöhen hinter sich lassend,
ging es hinab nach Flörsheim am Main, dort setzte sie ein Fischer über.
Nach Trebur ging es mit der Fähre über den Rhein nach Nierstein,
bei Obrigheim in der warmen Pfalz blieben sie eine Weile und halfen als Schäfer aus.
Das brachte ein wenig Geld in den Beutel.
Guter Wein war dort allemal genug..

Die freie Natur ist den Beiden gut bekommen, sie hatten wieder "Farbe bekommen", wie man so schön sagt.
Wettergegerbt waren Wanderer immer, das gehört sich wohl so.
Einer jungen Bauersfamilie halfen sie die Kühe einzufangen,
Übung hatten sie darin genug.
Zuweilen verdingten sie sich beim Geflügel-Rupfen, eine unbeliebte Arbeit.
Mal gab es Arbeit bei der Obsternte, mal beim Heu machen.
So war einiges an hiesigem Kleingeld im Beutel, was immer unverdächtig ist.

Über Kaiserslautern bis nach Saarbrücken sind sie gekommen.
Noch eh der Winter kam, - einige einfache Wagen,
die sie der Bequemlichkeit halber nahmen, -
halfen dem schnelleren Fortkommen, so waren sie bald in Südfrankreich.

Unterwegs wurde fleißig Französisch gelernt-
zumindest so viel, daß man sich verständigen konnte.
Der Wein war gut und das Essen knapp.
Bei Arles blieben sie eine Weile und halfen tüchtig winzern..
Gänse hüten und gaben Ratschläge für eine gute Federvieh-Zucht-
sie hatten genug des Wissens auf dem Freihof sammeln können.
Leute mit Wissen sind immer gefragt.
Ein Dach über dem Kopf aber auch!
Und wenn die Unterkunft auch noch so einfach war, sie schützte allemal.
Reichtümer haben die Beiden freilich keine sammeln können,
das stand auch nicht in der Absicht.
Die Winzerfamilie war freundlich, fast familiär,
wie das bei Franzosen gerne gehalten wird.
Der Abschied war nicht leicht, vielleicht käme man auf dem Rückweg wieder hier vorbei-
das stand aber noch in den Sternen, die große Wanderung hat gewiß erst so richtig begonnen..

Die Beiden wollen am Mittelmeer entlang wandern- dort war es schön warm und gut gegen kalte Knochen.
Bald kamen sie durch Nice und bestaunten den Hafen Genua mit seinen vielen großen Schiffen,
von denen sogar welche aus Griechenland und Ägypten kamen- unvorstellbar!

Sie waren auf dem Weg nach Venezien, das war klar.
Sie arbeiteten mal hier mal da, halfen bei der Weinernte und im Olivenhain.
Was sich gerade so ergab.
Viel zum Leben brauchten sie in ihrem Alter nicht mehr- so war die Ernährung der kleinste Kummer.
Was würden wohl die Leute vom Freihof treiben, sind noch alle gesund und wohlauf?
Sie konnten nur raten und malten sich vor dem Schlafen aus,
wie die Familie daheim wohl zurecht kommen mag..

Sie konnten nicht wissen, daß Marga schwer krank und nie wieder richtig gesund wurde.
Sie konnten nicht wissen, daß der Schultheiß verstarb und an seiner statt der Pfarrer das große Sagen bekam.
Daß der Holland-Laden sich gut hielt und die Gaststätte immer mehr verfiel,
weil Erwin die Zügel schleifen ließ.
Sie konnten nicht ahnen, daß Rudolf und seine Frau den Verkauf schließen mußten,
weil ein Feuer alles vernichtet hat.
Sie erfuhren auch nicht, daß Rudolf und Frau dem Erwin zu Hilfe kamen,
dort eingezogen sind und zur Rettung des Freihofes beitrugen.
Die Söhne Pfip und Grode gingen öfter mit den Töchtern der Köhler-Familie tanzen-
deren waren noch zwei "übrig", die letzte Tochter war schon mit Herrmann verlobt.
Erwin hat Marga versorgt und ist dafür ins Altenteil mit ihr gezogen.
Beide sind nicht mehr lange unter den Freihöflern geblieben,
der Typhus hat sie dahin gerafft.
Ihr goldnes Geheimnis hat sie dem Erwin sagen müssen
und dieser hätte es fast vergessen dem nächsten Geheimnisträger zu sagen.
Er hatte ganz andere Sorgen in dieser Zeit.

Würden die beiden Wandersleut wieder zum Freihof kommen, fänden sie andere Bedingungen vor,
ganz andere.
Nun waren bald drei der Köhler-Töchter auf dem Freihof,
sozusagen in guten Händen, wohl versorgt und mit ordentlich Arbeit gesegnet.

Karl, der Sohn Erwins und Margas wohnte mit dem Töchterchen Thea auf dem Hof
"im Hinterhaus" sozusagen.
Das Gasthaus betrieben Pfip und Margarete,
der Grode und die Elisabeth übernahmen die Schmiede, nachdem Grode dort die Ausbildung gemacht hatte.
Die Schmiede wurde zu einem stattlichen Gebäude, das ein genaues Ebenbild der Wirtschaft wurde-
nur eben ein Stück weiter, aber parallel zum ersten,
damit die Kutschen fahren konnten und auch zur Sicherheit bei Bränden.
Die Esse der Schmiede wurde ein Stück Richtung Erdkeller versetzt- aus eben diesem Grunde.
In diesem neuen Haus wohnten beide Paare, die Küche der Gaststätte wurde zur Bewirtung,
die ehemalige Tenne, die als Speiseraum genutzt worden ist, hat man zur Tanzfläche und Bühne umgebaut.

Der Gastbetrieb lief immer besser, hier wurde getanzt und sich unterhalten,
immer neue Musiker kamen, - es sprach sich herum, daß man hier gerne gesehen war.

Von Anna hat man nur noch gehört, dass sie als Modeschneiderin nach Paris gegangen ist.

Rudolf und Dorthe sind wieder nach Amsterdam zu Dorthes Vater gezogen, der im Sterben lag-
er wollte das Geschäft in guten Händen wissen,
gut, daß die Zeiten wieder etwas ruhiger wurden.
Ihre Söhne wußten sie gut versorgt auf dem Freihof, der sich in gewisser Weise sehr verjüngt hat.

Was ihnen seltsam vorkam, war der Hilferuf des Vaters - wo Dorthe noch mehr Geschwister wußte..

Aus dem Urselchen wurde eine ältliche Jungfer, die tüchtig weiter unterrichtete.



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"Uboot-Kartusche"

Diese Kartuschen sind für Ideen da, die sich als nützlich erwiesen haben oder auch für nachgetragene Rezepte. Die Bandbreite geht bis zum Tagesgeschehen.

Diesmal möchte ich von der billig angemieteten Garage erzählen, die für heutige Autos zu klein ist - der Vermieter hat keinen Eigenbedarf dafür und ist froh um 20 Euro im Monat, die er mehr im Säckel hat:
Wir lagern dort Paletten und Fahrräder, Teichfolie und ähnlich sperrige Sachen, die im Augenblick nicht gebraucht werden. Das ist allemal sinnvoller, als diese Dinge im Keller zu lagern, der sowieso schon viel zu voll ist. Dort kann man auch den Gartenpool und die Pumpe und den Sandfilter zur Überwinterung lagern..

Vielleicht findet sich eine solche kleine Garage auch bei Euch, geneigte Leserschaft?

***


Interessant ist, daß die heutigen Generationen immer gebildeter geworden sind und hohe Einkommen haben - aber bei einfachen Sachen kläglich versagen und auf Hilfe von uns "Alten" angewiesen sind. Wir Alten haben sehr viel weniger an Einkommen (Rente) als die Jungen, haben aber am Letzten mehr auf dem Konto übrig.. wir haben weniger für uns zwei, als jeder der Jungen für sich alleine. / Wir leben in der Zeit des Akademismus oder Akademitis- wie man das sehen will- und da wird mit Geld gepflastert. In dieser kleinen Garage stand unser alter Corolla, knapp über 4mtr lang und mit diesem Auto sind wir zu viert in Urlaub gefahren. Mit Dachgarten und 3,30mtr Wohnwagen T abbert Silber daran. Seltsamerweise haben 60 PS gereicht, um flott voran zu kommen. (das war vor der Katalysator-Zeit) Die heutigen Autos - zumindest die meisten - sind "Kleinwagen-SUVs" - meistens in schwarz. Sie sehen aus wie aufgeblasene hässliche Mistkäfer und sprengen die Parklücken und.. die alten Garagen. Innen drin haben diese ps-starken Monster weniger Platz als die Autos zuvor. Torheit? Ich denke schon - denn wenn das Tempolimit und div. Überholverbote auf Landstraßen wären, bräuchte man diese extremen "Sicherheitszonen" der Fahrzeuge nicht. Vernunft - statt Beschleunigung, aber das will ja keiner haben- gell?