Vivarium Seite 13


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Wer nicht von Grund auf umdenken kann, wird nie etwas am Bestehenden ändern.

Anwar Al Sadat

***

Immer weiter.

Die Zeit verflog, sie lief einfach immer weiter-
manchmal schneller als es einem lieb sein mag.
Aus Kindern werden Leute, aus gestanden Leuten werden Greise.
Margas Eltern waren bald - kurz hintereinander - gestorben,
das harte Leben auf dem Allmendehof war zu arg in die Glieder gefahren
so waren die rheumatisch und oft am husten und noch oefter richtig krank.
Nur mit Hilfe der Kraeuterkunst waren sie so lange da auf dieser Welt.
Die Beerdigung fand in aller Stille statt, wie man so treffend zu sagen pflegte.
Aus dem Dorf hat sich niemand dafuer interessiert, der Prediger kam aus der Nachbargemeinde,
der Beerdigungs-Kaffee wurde daheim gehalten.
Es waren nur die Freihoefer, der fremde Prediger und der Schultheis zugegen.

Die Hunde suchten noch laengere Zeit nach den beiden Alten und kamen mit haengen Ohren aus dem Haus zurueck.
Wer einen Hund eng an sich wohnen hatte kennt die Trauer dieser Tiere,
die nicht viel anders ist als bei uns Menschen-
manchmal sogar ausdauernder-
ehrlicher auf alle Faelle!

Johann und Irne hatten alle Haende voll zu tun, die Gefluegelfarm zu fuehren-
bald hatten sie zwei Helfer an der Hand, die sich freuten endlich eine Arbeit zu haben.
Nun war Zeit fuer sich selbst, die heilige Ruhe und ab und an auch fuer die Enkel,
die immer seltener kamen- die Schule beanspruchte viel Zeit,
je weiter die Klassen, um so mehr.

Der Karl interessierte sich noch immer fuer die Gefluegelzucht,
die Ursel nur noch fuer ihren Musikunterricht,
den sie immer mehr in den Vordergrund schob.
Das fuerstliche Haus hatte eine Foederung solcher Kuenste und so kam die Ursel bald darauf nach Siegen
in ein Gymnasium, ein kleines Internat.

Karl war froh, als er daheim als Lehrling bei den Grosseltern antreten konnte.
Nicht, dass jemand denken mag, diese Lehre waere eine bequeme gewesen - eher im Gegenteil:
Kopfrechnen, Buchfuehrung, Geschaeftskonten, Einkaufslisten, Bestell-Listen, Kundenkonten..
und freilich auch ab und zu beim Schlachten und Rupfen helfen,
die Zuchtbedingungen verstehen und anwenden lernen,
Tierkrankheiten erkennen und behandeln, Vorratswirtschaft betreiben - und die Vermarktung haben ihn gut eingebunden.
Es war recht gut zu tun, trotz dem nun fuenf Personen daran arbeiteten, die Fasanerie zu erhalten.

Die Tiere liesen sich praechtig verkaufen, denn gerade an der Qualitaet hatten die Grosseltern stets gearbeitet.
Einfache Huehner halten konnte jeder, aber eine Fleisch-Huehner-Zucht, die dazu noch gesund ist- war schon selten.

Nach und nach hat sich der fuerstliche Hof immer mehr auf die Lieferungen verlassen.
Damit waren die hoefischen Koeche auf der sicheren Seite,
mit diesem Federvieh legte man bei den Gaesten des hohen Hauses immer Ehre ein.

So mancher Fahrgast der Postkutschen mochte etwas mit nach Hause nehmen,
manche ein gesottenes Huhn, andere eine geraeucherte Gaensebrust, andere einen eingelegten Fasan-
oder einen Kraeuterschnaps - wie es beliebt.
Was alle mitnahmen, war ein gutes Erlebnis beim Essen und bei der Naechtigung in den Gastzimmern.

So mancher Reisende hat schon zuvor vor dieser Poststation gehoert und seine Fahrt entsprechend gerichtet.
Eine seltsame Fuhre hielt - und blockierte dabei die Einfahrt -
das Zeichen des Bischofs war auf der Tuere angebracht.
Die Vorhaenge waren zugezogen, ein junger duerrer und blasser Priester sprang heraus und flitzte zum Eingang der Lokalitaet.
Ich habe einen Geleitbrief und muss zum Pfarrer des Ortes - wo finde ich diesen, bloekte er in die Gaststube.
Die Bedienung kam gerade mit vollen Tellern aus der Kueche, Marga hatte wieder einmal gut gekocht..
was ist das Begehr, rief sie aus der Kuechentuer, die in die Gaststube fuehrt.
Mein hoher Herr, der Kardinal sucht den Pfarrer..
(Wie sich spaeter heraus stellte, wollte er sagen:
Im Namen des Kardinals, der Herr Kaplan..)

Marga meinte:
"Und ausgerechnet dieser Mensch soll hier zu finden sein? Das wuerde mich aber wundern!"
Zum Glueck war der Erwin da, der den Weg wies-
so schnell, wie er gekommen, so schnell waren sie wieder weg..
"Was war das denn", meinte der Schultheis- der sich,
bei dem Bier hockend- sicherheitshalber nicht zu erkennen gab,
"Was fuer ein seltsamer rabenschwarzer Vogel! Ihr habt doch eine Gefluegelzucht..."
Alle Gaeste lachten- die Glaeser klirrten und alle hatten ihre Freude.
So, nun genug der Gaudi, meine Frau wird schon warten und das gibt schnell ein Donnerwetter..
Kleiner als gekommen, zog er wieder ab.

Die Koehlers waren recht oft da und brachten ihre Forellen und die Holzkohle-
zwischen den Familien hatte sich eine richtige Freundschaft entwickelt.
Man munkelt, es wuerde an ihre huebschen Tochter liegen,
die schon lange ein Auge auf den Karl geworfen hat-
der als sehr tuechtig bekannt war.
Der Koehler dachte- ich habe vier Toechter und kann hier evtl. eine davon "abladen",
gesagt hat er das aber nie, nicht mal zu seiner Frau.
Die Freihoefler waren allemal eine gute Partie, eine sehr gute sogar.
Das war einmal ganz anders- nun verkehrt hier so mancher, von dem man das nie gedacht haette.

Die Dorfbewohner waren erst einmal ruhig,
man wollte sich nicht versehentlich mit einem der hohen Leute anlegen,
die in dieser Poststation verkehrten,
zumal auch noch der Saegewerksbesitzer, pardon der Schultheis ..

Spaeter war durch eben diesen zu erfahren, dass diese seltsame Bischofskutsche im Ort beim Pfarrer gestanden hat-
recht lange sogar und laut soll es aus der Amtsstube des Pfarrhauses getoent haben.
Es war wohl nur ein Kaplan und kein Kardinal- aber so ist das eben mit den Geruechten-
einer hoert was, der andere schnappt es auf- was der dritte denkt ist dabei oft was ganz anderes.

Nach und nach sind die alten Klatschtanten den letzten Weg gegangen,
die Wirte haben "dicht" gemacht,
der Pfarrer wurde vorsichtiger und schon etwas grau..
der Baecker und der Metzger haben ihre Geschaefte an die Nachkommen weiter gegeben -
was wieder die Naehe zum Freihof brachte, weil sich die Jungen aus der Schule kannten.

Die Besuche der jungen Dora, der Tochter der Koehlers, die hier "ein wenig half",
was sich die beiden jungen Leute geholfen haben ist nicht so recht bekannt geworden-
ausser den bekannt sichtbaren aeusserlichen Zeichen bei der jungen Frau.

Marga prustete vor Lachen, als sie ihren Verdacht dem Erwin, abends im Bette- erzaehlte.
..und wie rot der Knabe geworden ist, du meine Guete, man haette das Licht ausmachen koennen..

Es kam wie es kommen musste- ein Riesenkrach bahnte sich an, als die Mutter der Dora davon erfuhr.
Ihr Vater hielt die Frau ruhig- lass mal, sagte er ruhig, dann ist eine unter der Haube,
fahre mir nur nicht dazwischen !
Fortan war sie deutlich ruhiger, aber innerlich aufgewuehlt, wie das so ist bei Eltern.
"Die haben nun den Altensitz frei, den Margas Eltern bewohnt haben-
besser kann es ein junges Paar nicht treffen.."
Ja, das stimmt schon, meinte Doras Mutter, geldliche Sorgen oder gar Hunger werden die bestimmt nicht haben.

Der Hunger war damals bei vielen Leuten oft zu Gast, auch bei solchen, von denen man das nicht denken sollte.

Der sonstige Verkehr mit dem Fuerstenhaus und mit dem Dorf und mit dem Pfarrer
beschraenkten sich auf das was war,
sonst war dabei stille Uebereinkunft,
nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die Dorfbewohner sind trotz der Schliessung der beiden Wirtshaeuser des Ortes nie wieder zum Freihof gekommen.
Lieber ein Burgfriede als Krieg, dachten sich die Freihoefer.

Eines Tages ging die Tuer und der "Amsterdamer" kam wieder nach Hause..
Rrrruudolf- schrie Marga, was machst du denn hier?
Rudolf kam mit einem Pferdewagen, mit hoher Plane.
Die Fuhre wurde versorgt, das Pferd ausgespannt, gefuettert und gewaessert und gestriegelt,
in eine der Holzboxen getan, wo wohlig dick das Stroh lag und Heu in der Raufe.
Der voll bepackte Wagen kam in die Scheune - in eine stille Ecke, die man mit einem Lattentor sichern konnte.
Es war hier ja die Fuerstliche Poststation, da gab es diese Annehmlichkeiten als Selbstverstaendlichkeit !

Rudolf hatte noch mehr im "Gepaeck":
Zwei Knaben und .. eine Hollaenderin!
Du meine Guete, meinte Erwin, kommt doch erst mal alle herein in die gute Stube und erzaehlt mal !
"Die Unruhen in Holland werden immer schlimmer, der Unabhaengigkeitskrieg mit Spanien geht nun schon so lange-
wir wollten die Familie nicht gefaehrden und sind deshalb lieber heimlich davon gefahren.

Mein Arbeitgeber hat noch mehr Kinder, die den Laden uebernehmen koennen und so war er nicht wenig froh,
dass die Tochter mit mir in die sichere Ferne ziehen konnte.
Der Vater hatte freilich laengst von dem Freihof gehoert, in Amsterdam kommen viele Reisende an,
die Handel trieben und davon -nebenbei- berichtet haben.

Der Abend wurde sehr lang, es war so viel zu erzaehlen-
die Buben waren noch nicht im Schulalter
und wurden erst einmal zu den neuen Grosseltern ins Ehebett gebracht.
Ohne einen Mucks sind sie eingeschlafen, nachdem sie abgefuettert worden waren-
Die Fahrt war doch sehr lang und beschwerlich, eine Woche waren sie unterwegs
und haben dabei immer im Wagen geschlafen..

Eine Flasche guter Moselwein wurde geholt und eine Runde Kornbranntwein-
auf diesen Schreck musste erst einmal "Ordnung gemacht werden".
Die Hollaenderin hies Dorthe und war die deutsche Sprache schon recht gut gewoehnt.
Die Paare verstanden sich gut, auch diesmal kam -diesmal ganz spontan- der Familienrat zusammen..
die halbe Nacht brannten die Lichter und es war alles gut.

Andern Tags wurde geplant wo die junge Familie unterkommen sollte.
Der Scheunenanbau an dem Bauernhof koennte als Wohnhaus ausgebaut werden-
aber so recht gefiel das keinem.

Die Lage und auch die Kundschaft und der Ort gefielen der jungen Familie nicht,
deshalb blieben sie nur ein paar Tage und zogen danach weiter nach Rennerod,
wo der Schultheis eines der alten Geschaeftshaeuser an der Hauptstrasse
in Zahlung genommen hatte - das haette er gerne vermietet..
Nun war dort ein wenig mehr Urbanitaet, mehr Menschen drum herum
"nicht gar so viel Land und Landschaft", wie Rudolf meinte..


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