Vivarium Seite 12


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Frechheit ist der Altersstarrsinn der Jugend.

Unbekannt.

***

Neues Gesinde, neues Glueck, irdenes Geschirr.. Aerger in der Schule.

Die Kleinen kamen am Folgetag aus der Schule und weinten,
der Lehrer habe sie vor allen Kindern ausgelacht, als sie etwas nicht wussten.
Der Pfarrer waere dabei gewesen und habe gesagt:
Seht ihr Kinder, so sind sie, die Heiden !

Erwin und Marga schickten einen Boten mit einem Schriftstueck,
mit dem sie ihre Kinder vom Unterricht abmeldeten.
Der Schultheis hat die Ursel und den Karl nach Rennerod vermittelt,
wo eine weitaus bessere Schule war, mit mehreren Klassen.
Nun fuhren die Kleine mit der Post am fruehen Morgen in die Stadt und am fruehen Abend wieder zurueck.
Teuer, aber nicht zu aendern, wie ihre Eltern fanden.

In dieser -weiterfuehrenden- Schule waren die Bildungsmoeglichkeiten zu erreichen,
die "bessere Leute" in dieser Zeit unbedingt haben mussten..

Wenn die Freihof-Leute schon als "hochnaesig" verrufen waren, dann bitte auch richtig.
(Hochmut war auf dem Hof in Wirklichkeit niemals zu entdecken, gegen das Dorf aber hegte man schon ein wenig Groll)

Von nun an waren sie die "Hochgestochenen",
nicht nur wegen des Schildes vor dem Haus, mit seinen Fackeln, die im Dunkeln..

Der Kontakt in das Kannenbaeckerland kam zustande, man brachte sogar ein Muster der Waschgelegenheit mit-
"Lavoire" genannt, - so wurden diese bis nach Frankreich, Holland, Belgien und Italien angeboten.
Marga suchte sich milde Farben aus, die man wohl "kremefarben" bezeichnete-
jede der zehn Waschschuesseln und Kruege und Seifenschalen in etwas anderer Toenung.

Der Stoffhaendler hat den Auftrag fuer neue Bettwaesche in den gleichen Farben erhalten,
passend zu den Gardinen- wer hatte damals schon Gardinen an den Fenstern?!
Die Kontakte nach Koeln waren da nicht schlecht,
aus Holland kamen die Gardinen.
Sogar Teppiche in grober Webtechnik schmueckten bald darauf die Gastraeume- ueberall und jetzt erst recht!

Die Bewerber um die Dienstbotenposten gaben sich die Klinke in die Hand
und es wurden nur diejenigen eingestellt, die garantiert keine Kontakte zum Dorf hatten.
Der Lohn war gut und so wurde auch die Leistung erwartet- die manchmal recht hohen Gaeste
sollten nie das Gefuehl haben, in der Provinz gestrandet zu sein..

Nun trat man richtig auf, gab alles, was machbar war.
Es traten -bezahlte- Geiger, Floetisten oder andere Kuenstler auf, welche die Gaeste unterhalten sollen.
Das sprach sich schnell herum- die Kutscher sorgten schon dafuer!
Auf diese Weise bekam Ursel Freude an der Musik-
und erhielt entsprechenden Unterricht.
Der Karl war lieber in der Landwirtschaft unterwegs und mochte die Fasane sehr.

Das Federvieh vermehrte sich praechtig, gute Bedingungen waren dafuer Voraussetzung,
das Erlernte haben die Irme und der Johann gut umsetzen koennen.
So war die Hilfe der Marga und des Erwin nicht mehr noetig -
jeder wusste so viel vom anderen Teil des Freihofes und kannte sich darin aus,
dass man sich aushelfen konnte, wenn "Not am Mann war", jemand krank oder sonstwie verhindert.

Bald kamen die Waschgelegenheiten und auch die Stoffe und Teppiche an.
Ein riesiger Stolz war bei den Freihoefern nun direkt mit der Hand zu fassen !
Wie edel sich die Stuben ausnahmen - alle mit Bett und Schrank und Ablagen
und einem Gestell fuer die Waschgelegenheit.
Fuer das Gestell sorgen die "Stellmacher" im Hinterhof- das war deren Gewerk, etwas aus gutem Holz zu bauen.

Der Kaemmerer hat so etwas laeuten hoeren und wollte sich -wieder einmal- direkt vor Ort ein Bild von der Sache machen.
Er staunte nicht schlecht, als er die ordentlich verbesserte Gastlichkeit besah, gediegen, nicht uebertrieben -
zurueckhaltend und doch anspruchsvoll in der Wirkung.
Der Betrieb florierte und das jeden Tag mehr.
Der Kaemmerer war es zufrieden- er konnte immer etwas mehr einnehmen und dem Fuersten davon berichten.
Sonst schickte er seine Leute, hier kam er persoenlich vorbei- vermutlich wegen der franz. Pfannekuchen mit Pilzen?
Er bekam statt dessen ein neues Fasanenragout vorgesetzt mit Pastinaken und Moehren -
ein echter Genuss, der so noch nirgends zu essen war.
Woher habt ihr den Fasan, habt ihr etwa.....?!
Er lies das Wort "wildern" bewusst aus, weil er seine Leute kannte-
aber vielleicht haben die beiden doch einem Wilderer etwas abgekauft?

Esst auf, hoher Herr, esst auf- darf es noch ein Schluck Wein aus Baden sein?
Keine Frage- wer sagt dabei "nein"?
Nach dem Essen kam eine feine Schuessel und Krug und Seife gereicht, damit man sich die Haende waschen konnte-
ein paar dieser "Lavorare" hat man vorsorglich zusaetzlich beipacken lassen-
es kann immer mal etwas entzwei gehen.
Kommt mit, ich will euch was zeigen, meinte Marga selbstbewusst,
kommt mit nach "hinten"..
So gingen sie ueber die beiden Grundstuecke, an dem neuen grossen Huehnerstall vorbei
bis zu einem grossen geschuetzten Gehege, in dem ... jede Menge Fasanen pickten.


"Wir haben unser Angebot an Fasanen bereits an das Fuerstliche Rentamt geschickt",
sagte Marga zum Kaemmerer, der fassungslos staunend dabei stand.
Wir waeren gerne bereit, unseren Zehnt auf diese Weise verrechnen zu lassen-
allerdings moechte ich sagen, dass Fasane empfindlich und anspruchsvoll sind,
man hat sehr viel Arbeit und Sorge mit diesen Tieren !
Der Kaemmerer ueberlegte und rechnete im Kopf aus, wie wohl die Sache laufen koenne-
im fuerstlichen Wildgarten waeren das bei den gesellschaftlichen Jagdveranstaltungen
eine willkommene Abwechslung und eine sehr schmackhafte dazu.
Solche Voegel kannte der Herr eigentlich nur aus hochherrschaftlichen Sitzen,
in weitem Umkreis eher unbekannt.

Gesagt, getan- der Handel war getan, obwohl man mit dem Landesherren eher nicht handeln konnte.
Er hatte hohe Kosten fuer ein Engagement in Holland aufzubringen und alle waren hinter seinem Geld her..

Bald stand am Eingang -und der Freihof hatte nur diese eine einzige -doppelspurige Zufahrt zur Strasse,
alles andere war gut gesichert und bewacht, was noetig war:
"Fuerstlicher Hoflieferant, Fasanerie"

Dieser Anspruch wurde mit der Bedingung verknuepft, dass Gaeste des Herrscherhauses
als Besucher um das Fasanengehege herum gehen und dieses besichtigen duerften.
Das war abgemacht und ohne Schwierigkeiten zu loesen.

Nun kamen noch mehr Gaeste und noch mehr Besucher, die dann auch zu Gaesten im Lokal wurden-
selbst wenn diese nur wenige Zeit auf Besichtigung auf dem Freihof waren.

Nun kamen noch mehr Kutschen- mal zum Anliefern von Futter,
mal fuer Heu und mal fuer Gemuese, Obst, Wein, Backwaren, Fleisch und Wurst-
es wurde so manches Gut gebraucht und alle handelten gerne mit den Freihoeflern.

Die Leute im Dorf knirschten mit den Zaehnen- der Schultheis hat ab und zu ein wenig aus dem Ortgeschehen berichtet..

Der Beherbergungsbetrieb und das Lokal waren fast immer ausgelastet,
so mancher wartete - bis ein Sitzplatz frei wurde.
Im Winter war die Stube durch einen Waermetauscherschacht,
der durch die immer geheizte Kueche seine Energie erhielt, angenehm warm, im Sommer durch die vielen Fenster gut zu kuehlen.
Als Neuerung stellte man irgendwann vor dem Haus ein paar Tische und Stuehle auf-
kellerkuehle Getraenke wurden serviert..
"Alles neumodischer Kram", wie der Schultheis meinte- hingehockt hat er sich aber trotzdem,
da draussen vor dem Haus, wo man die Kutschen ankommen und wegfahren sah, die Strasse im Blick hatte-
"aus so einer neugierigen Ecke muesste sich doch noch mehr machen lassen"
hat er zu Erwin und Marga gesagt.

Bald darauf wurde dort ein laengliches Pavillion gebaut, wo - etwas geschuetzt vor Sonne und Wind-
eine lange, lange Bank mit ein paar laengere, schmale Tische davor auf denen aufgetragen wurde.
Freilich nur fuer den Sommer gedacht, war diese neue Attraktion allemal wieder ein Thema wert.

Die Kutschen, die bisher vorbei fuhren- wurden von ihren Insassen zum Anhalten gebracht-
das war doch zu verlockend!
Kuehle Getraenke, ein paar Leckereien und.. dazu Musik, wo gab es das sonst?
Kaum in grossen Staedten zu finden, auch in Limburg nicht-
bestenfalls in Koeln oder Amsterdam war damit zu rechnen gewesen.
Wenn einer eine Reise tut, so will er auch was erzaehlen koennen-
also hielten praktisch alle Kutschen an dieser Stelle, an der Fuerstlichen Poststation.

Man staunte allemal fuer die fuerstl. Empfehlungen bezueglich des Bewirtungsbetriebes und der Fasanerie-
das war allemal erzaehlenswert.

Der Huehnerhof wuchs ebenso und hat sich gut bewaehrt,
um den Gastbetrieb mit hochwertigem Gefluegel zu beliefern, das weit und breit bekannt war.

Gute Fleischrassen an Huehnern waren die Basis, desgleichen liefen gute Gaense auf dem Hof herum-
die hielten das Weideland kurz -
es war noch sehr viel Platz um die Fasanerie und um die Gebaeude und um den Huehnerstall herum.
Schafe und Kuehe und Schweine waren nun irgendwie nicht mehr noetig,
sie wurden von dem Christian, dem Wanderschaefer mitgenommen.
Hinter den Toiletten, die "nach hinten raus" an der Scheune standen,
war ein Lattenzaun mit Tuerchen noetig geworden, sonst haetten die Kutschen die Gaense ueberfahren..


So viel viel Duenger an, der von den Bauern der Umgebung gut verwendet worden ist-
die kargen Westerwald-Aecker brauchten immer Duenger, sehr viel Duenger,
sonst ist dort gar nichts gewachsen,
egal wieviel Muehe man sich auch gab.
Der Duenger wurde nicht ganz umsonst abgegeben- dafuer gab man Stroh ab,
gut fuer die Huehnerstaelle, gut fuer die Fasanen, die nicht schmutzig sein sollten..

Eine laenger Zeit der Ruhe vor dem naechsten Aerger war nun,
was man durchaus zu schaetzen wusste auf dem Freihof !

In der Zwischenzeit sind die Brombeeren rund um das Grundstueck
-zwischen den grossen Steinen und Zaun- bestens zu einer dichten Hecke heran gewachsen.
Ein guter Schutz gegen Strolche und - fuer so manchen trefflichen Nachtisch oder Konfituere gut..

Der Kraeuterschnaps der Marga hat sich herum gesprochen- sie hat gleich ein paar Sorten parat:
Gegen Magenschmerzen, zum Einreiben oder fuer die Verdauung und Wohlbefinden,
Wildkraeuter gibt es im Fruehjahr reichlich in der Gegend.
Getrocknete Kraeutermischungen gegen Erkaeltungen und allerlei Wehwehchen hatte sie immer parat.
Mit Hilfe des Kraeuterbuches, das sehr ausfuehrlich war, konnte sie so manches echte Heilmittel zusammenstellen.
In dieser Zeit hatte sie ja ihre Hilfen in der Kueche- die schafften die Arbeit auch mal eine Zeit alleine.


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