Vivarium Seite 11


Button

Im Alter haben Erinnerungen denselben Stellenwert wie in der Jugend die Träume.

Erna Behrens Giegl

***

Wie geht es weiter?

Erwin wollte nach Limburg auf den Markt und sich um das Federvieh kuemmern, das in die Gehege sollte,
zusammen mit der Marga sollte die Tour als kleine Reise gelten,
sie hatten noch nie die Zeit gefunden, gemeinsam zu verreisen..
Johann und Irme haben in diesen Tagen die Poststation uebernommen,
so kamen sie nicht aus der Uebung- man weiss ja nie, wozu das gut sein kann.

Hier ging es nicht nur um die Bewirtung, sondern auch um die Beaufsichtigung des Personals,
die Reinigungskontrolle der Fremdenzimmer, die Kueche, die Kasse und die Reparaturauftraege der Kutscher,
die Anlieferer und deren Rechnungen, Begruessung und Verabschiedung der Gaeste und deren Zechen.
Es muss alles wie geplant laufen, es durfte nichts durcheinander geraten.

Abends war noch lange Betrieb in der Station, noch spaet kamen die Kutschen an-
die es gerade noch vor der Dunkelheit bis hierher geschafft hatten.

Ab ging die Kutsche in aller Fruehe und sie fuhr flott,
wie die Landschaft am Fenster vorbei flog!
Das Dorf zeigte sich noch viel enger, als das zu Fuss der Fall war,
ueberall Haeuser, die mit ihren Ecken in die Strasse ragten,
holprige Pflaster und an den Haeusern Holzzaeune und Mauern, die verschachtelt standen.
Dann kam wieder freies Land, bergab bergauf in herrlicher Abwechslung.
Ruhig und gleichmaessig trabten die beiden schweren Pferde,
surrten die hohen Raeder, wippte die Karosse und schwankte wie ein Schiff.
Baeume und Hecken, weite Wiesen - hier und da Felder, die immer zahlreicher wurden,
je naeher die Bischofstadt Limburg kam, die mit ihrem hohen Tuermen
des rot - weissen Dom schon von weitem erkennbar ist.
Bald fuhren sie in die weite Senke, in welcher die Stadt liegt-
immer weiter hinab bis zur Lahn, ueber die alte Lahnbruecke,
bis zum Wochenmarkt. http://www.wochenmarkt-limburg.de/geschichte.html

Die Fahrt war schon zu Ende, eine Herberge schnell gefunden -
Morgen frueh war der Markt und wer zuerst kam, mahlt bekanntlich zuerst.
Bis zur guten Nacht war noch Zeit, sie freuten sich auf einen Spaziergang
durch die herrliche Altstadt, die weit geruehmt wird.
Die Haeuser waren hier hoch und recht schmal, reich ausgeschmueckt allemal
und mit den interessantesten Geschaeften bestueckt.
Die Preise waren, wie man so schoen sagt, "gesalzen" - der Beutel wurde eng an den Leib gepresst-
Diebe lauern ueberall in den grossen Orten.
Welches Treiben, die vielen Lichter, die Leute auf den Strassen -
das war ein so arg anderes Leben als auf den Doerfern, schon mal gar als Zuhause.

Sie nahmen unweit des Domes zur Staerkung ein gutes Stueck Kuchen zu sich,
ehe sie zum Gebet in den Dom gingen-
hoch wie der Himmel steht dieses Monstrum noch heute auf dem hohen,
steilt von der Lahn aufragenden Felsen, die Burg darauf verschwindet fast
hinter diesem gewaltigen Gebaeude mit seinen beiden spitzen Tuermen.
Seltsame Fratzen starrten von den Friesen der Mauern,
das scheunenhohe Portal war unglaublich wuchtig, das seine Fluegel geoeffnet hatte.
Innen war man wie in einer riesigen dunklen Hoehle, mit erschreckend riesigen, hohen bunten Fenstern.
Schon die Beleuchtung war beeindruckend, in schwindelnder Hoehe angebracht,
hingen die Lampen mittig in den Raum,- und doch nur zufaellig zu entdecken!
Viele heilige Ecken und Kanten, viel Gestuehl, breite Wege, auf denen staendig Menschen
-andaechtig langsam und leise- unterwegs waren.
Nur wenige haben gekniet und gebetet, wenige waren zwischen den Baenken-
dort setzten die Beiden sich hin und staunten, liesen die Blicke schweifen-
zum beten sind sie dabei nicht gekommen.
Dann schwoll der unglaubliche Ton der vielen, schweren Glocken an,
majestaetisch und bedeutend, weit ins Land ihre Stimmen verbreitend..

Nun konnten Marga und der Erwin sich die Welt der Reichen in ihren Burgen und Schloessern
schon eher vorstellen, denn die der Geistlichen war auch nicht anders angedacht.
Alles war auf eine gewisse hohe Majestaet ausgelegt, auf Wirkung und Eindruck.

Devotionalienhaendler vor dem Dom, die seltsame Gebilde verkauften,
blutige Herzensbilder, Jesus am Kreuz, goldne Strahlen aus Wolken herab,
hier war alles kaeuflich oder zu kaufen- wie man es sehen mag.
In einem Suessigkeitenladen - ja, das gab es, ein Laden, in dem nur Suessigkeiten feil geboten wurden,
nahmen sie etwas fuer die Ursel und den Karl mit - Lebkuchen aus Nuernberg!
Es waren einige Marktplaetze in dieser Stadt, wo wohlgekleidete Herren wandelten.
Frauen suchten nach Stoffen, Bedienstete trugen die Koerbe hinterher -
hier war von allen Dingen so viel zu sehen, dass der Beutel geschwind leer waere,
wuerde man seinen Geluesten nachgeben..
Besonders Marga fing an zu starren - Schmuck und Geschmeide, wunderbare Kleider,
Friseure, Bader, Schroepfer allerorten, dazwischen Metzger und Baecker,
Toepfe und Geschirr, Stoffe und Kohl, Spielzeug, Tische,
Stuehle und wer weiss was noch alles im Innern der Laeden war,
die unmoeglich alle angeschaut werden konnten.
Der Stundenruf des Nachtwaechters ermahnte, die Herberge aufzusuchen -
die Nacht ist nicht so lang, wie man denkt.
Sie sahen zum ersten Mal eine irdene Waschschuessel mit Krug auf den Zimmern der Herberge.
Das wollten sie unbedingt in der Poststation einfuehren!
Der Wirt vermittelte den Kontakt zu einem Kannenbaecker- so nah an daheim
wurden diese feinen Sachen hergestellt,
sonderbar, dass man davon nie etwas gehoert, geschweige denn gesehen haette.
Solche Dinge wurden meistens exportiert und nur wenig kam in der Heimat selbst auf die Maerkte.
Damals haben noch viele Bauern ihre irdenen Sachen selbst gemacht,
wenn diese auch nicht so haltbar waren, wie richtig gebrannter Ton.

Nach einem kraeftigen frischen Brot (hier gab es jeden Tag frisches Brot,
ein unfassbarer Luxus fuer einfache Leute oder Bauern, (die nur alle 14 Tage gebacken haben),
frische Milch und allerlei Leckereien vor Tage!
Gestaerkt und frisch gingen sie nun zum Wochenmarkt, wo schon einige Haendler auf den Beinen waren.
Tauben, Singvoegel, Enten, Gaense, Huehner- aha, hier sind wir richtig!
Ein paar gute Jungtiere wurden gekauft, dann ging es weiter zu einem Haendler aus Trier,
der ihnen vorab die Fasane zugesagt hatte.
Es wurde noch ein wenig gefachsimpelt und die Zucht besprochen,
schon mussten sie weiter zur Poststation vor der Bruecke -
so war ein (teurer) Tag in der Stadt und eine (teure) Uebernachtung gespart.

Ein Bursche half beim Tragen, kassierte und bedankte sich-
so standen sie nun, mit ihren zwei mit grobem Leinen abgedeckten und doch sehr luftigen Weidekoerben.
Ein Horn ertoente, schnell war die Kutsche da und alles verstaut - und schon ging die Fahrt ab.
Ein Kutscher hat niemals Zeit- Platz da- das Horn schaffte sich auf der Bruecke den noetigen Raum,
die grossen Braunen liesen keinen Zweifel aufkommen, der vorfahren durfte!
Nun nur noch einmal die Fahrt geniesen und nicht einschlafen-
wer weiss, wann sie die naechste Fahrt in diese Stadt haben wuerden.

So rumpelte die Kutsche am fruehen Nachmittag noch durch das Dorf
und schon sah man die Fuerstliche Poststation, den Freihof,
auf der langen Geraden zwischen den Baumreihen auftauchen..
Daheim, endlich daheim!
Alle warteten gespannt auf die Dinge, die berichtet wurden.
Die Kleinen stuerzten sich auf die Lebkuchen und hoerten andaechtig zu.
Johann schuettelte immerfort den Kopf- die Irme wunderte sich ueber die Idee mit den Waschgelegenheiten..
Das Federvieh wurde gut und sicher untergebracht, es bekam erst einmal Wasser und gutes Futter.
Die Fasane waren irgendwie fremd - obwohl in der Nachbarschaft schon so viele Huehner waren.
Totmuede gingen Marga und Erwin zu Bett- nicht ohne nochmal vom Dom erzaehlt zu haben,
der sehr beeindruckend war.

Johann und Irme waren froh, endlich wieder ihren eigenen Kram zu machen
und nicht den Trubel im Vorderhaus weiter machen zu muessen..
Die Tage verliefen wie immer, taeglich kamen die Kutschen an, Gaeste wurden bewirtet,
die Helfer halfen, der Schmied schmiedete, der Geselle arbeitete
an defekten Achsen und gebrochenen Aufhaengungen und Federn der Kutschen..
Essen wurde gekocht und aufgetragen, die Kinder kamen aus der Dorfschule.
Der Lehrer und der Pfarrer liesen sie den Zwist nicht spueren, das war anzumerken.
Nur die Klassenkameraden waren merkwuerdig zu ihnen- sie wurden zuweilen als seltene Voegel angesehen.
Das war ein untruegerisches Zeichen, dass noch immer "etwas im Busch" gewesen sein musste..

Die Ursel und der Karl haben daheim davon erzaehlt und Marga hat nur gemeint:
Die sollen sich nur hueten, bei uns beissen sie auf Granit.

Lange hat es nicht gedauert, bis der naechste Angriff der Pfarr-Front mit den Wirtsleuten kam..
Der Notar kam persoenlich vorbei und wollte eine Unterredung mit der Marga,
es seien "Unstimmigkeiten" bei der Erbschaft der alten Kraeuterfrau "aufgetreten".
Aha, die Leute aus dem Dorf haben wieder etwas ausgeheckt-
wer hat mich zur Anzeige gebracht, sagen sie es ruhig Herr Notar!
Eine Anzeige liegt noch nicht vor, nur eine Anfrage von ein paar "besorgten Buergern",
die eine Richtigkeit der Eigentumsuebertragung ermitteln lassen wollen.
Der Notar sprach weiter:
Bei dem Verkauf der grossen Wiesen durch den Saegewerksbesitzer sind sie schon abgeblitzt,
dieser Kauf ist unanfechtbar, klipp und klar geregelt.
Und nun, meint er weiter, ist eben die Erbschaft dran- tut mir leid,
aber ich kann nichts dafuer, ich tue nur meine Pflicht..

Zu Marga kam nun Erwin und Margas Eltern - sie waren sprachlos,
dass so viel Frechheit in der Welt, ja selbst in einem kleinen Dorf sein konnte-
die Boshaftigkeit und der Neid treiben immer wieder neue Blueten.
Ich kann anbieten, eine oeffentliche Untersuchung anzuberaumen
und die Zeugen der Anklage genau unter die Lupe nehmen zu lassen,
welche Interessen dahinter stehen, aufklaeren lassen.
Das kann ein teurer Spass werden, der sich lange erstrecken kann-
Verhandlungen auf Verhandlungen, Anhoerungen, Schriftstuecke, Aktendurchsichten und so weiter..
Ich biete ihnen an, so der Notar, eine foermlich Widerrede zu setzen,
dann kostet es nicht viel und hat meistens eine gute Wirkung, zumal -aus meiner Sicht- die Sachlage glasklar ist:
Sie sind die rechtmaessige Erbin, die Erblasserin kann ihre Liegenschaften, Hab und Gut vererben, wem sie will,
fuegte der Notar an, ich habe das Schriftstueck schon vorbereitet und so brauchen sie nur noch zu unterzeichnen.
Das tat die Marga gerne, auch die geforderten 19 Kreuzer zahlte sie gern.

Der Notar reiste wieder ab, zuvor bekam er ein kostenloses Mahl serviert und einen guten Wein.

Sie war auf dem Weg zur Kueche, als sie die Hilfskraefte in der Ecke vernahm-
"die haben sich wieder heraus gewunden, der Pfarrer und Frau Anger wird schimpfen"
(Frau Anger war eine der Tratschtanten, die ihren Mann,
den ehemaligen Kuester frueh unter die Erde gebracht hatte
und nun immer auf Streit aus war- zuhause war ja niemand mehr, den man aergern konnte)
Aha, dachte sie - hier wird Spionage betrieben - na wartet, das koennt ihr haben !
Im Bett erzaehlte sie dem Erwin davon.
Am naechsten Tag bekamen die Hilfskraefte die Kuendigung, noch vor der Arbeit.
Der Lohn wurde voll ausgezahlt, sie durften die Lokalitaet jedoch nicht mehr betreten:
Hausverbot und das gleich fuer alle Dorfbewohner.

Der Schultheis bekam die Vorfaelle von Johann erzaehlt, der dort zu tun hatte-
angewidert schuettelte dieser den Kopf- das ist ja unglaublich, die geben wohl niemals auf!
Ich habe auch schon einmal ein solches Gespraech zwischen Baecker und Metzger
und den beiden Wirten in der Gaststube gehoert-
sie wurden still, als sie mich in der Ecke mein Bier trinken sahen.
Der Pfarrer kam danach auch noch zu diesen an den alten Stammtisch, wo ich frueher auch jeden Sonntagmorgen zu finden war.
Heute jedoch war dieses Treffen am Abend- zu ungewohnter Stunde..
Die haben mich das letzte Mal privat im Dorf gesehen, von nun an werde ich noch viel dienstlicher werden.
Gesagt habe ich nichts, ich bin nur aufgestanden und habe mein Bier bezahlt und bin gegangen,
ohne mir anmerken zu lassen, von der Verschwoerung etwas bemerkt zu haben.
Ich werde kuenftig mein Bier auf dem Freihof suchen, soviel ist klar -
er fuhr fort:
Der Schmied hat mit der Sache nichts zu tun, den moegen sie auch nicht..


Button

Zurueck zur Startseite -
Impressum