Vivarium Seite 10


Button

Glaube an Wunder, Liebe und Glück! Schau nach vorn und nicht zurück!
Tu was du willst, und steh dazu; denn dein Leben lebst nur du!

Unbekannt.

***

Die Depesche.

Nun war eben der berittene Bote da, ein herrlicher Anblick in seiner goldbelitzen blauen Uniform.
Kurz, knapp, militaerisch gruessend, entschwand er wieder.
Anwesende Gaeste staunten nicht schlecht, sowas hatten die meisten noch nicht erlebt-
ein fuerstlicher, berittener Bote als besonderes Erlebnis auf der Reise wird einem nicht alle Tage geboten.

Johann und Irme bekamen das alles nicht mehr mit, sie waren ganz fuer sich allein,
Margas Eltern waren zumeist ebenfalls unter sich.
Und sonst war da nur die Wiese, die durch alle Fenster leuchtete..
Huehnergegacker, der Hahn auf dem Mist- ein paar Kraeutersammeleien..
Ab und an dachte Johann ein wenig an seine Zeit als wandernder Kraemer zurueck.
So richtig trauerte er dieser Arbeit nicht nach, man wird ja aelter!
Und das Alter machte auch vor den Beiden nicht halt.

Urselchen wurde zu den Alten geschickt mit der Order doch mal vorbei zu schauen im Vorderhaus..

Das Siegel wurde gebrochen, die Depesche entrollt.
"Ihre Durchlaucht gibt durch mich, den Kaemmerer bekannt:
Die oeffentliche Schank- Erlaubnis wird hiermit entzogen,
Im Dorf gibt es bereits zwei Gastwirtschaften, deren Betreiber sich beschwert haben-
ihr Umsatz sei arg zurueck gegangen und so wuerden andernfalls die Betriebe vor der Schliessung stehen.
Nur die Bewirtung der im Haus wohnenden Reisenden sei jedoch die Bewirtung und Verkoestigung und Trunk
selbstverstaendlich weiterhin gestattet.
Eine Herberge unter fuerstlichem Siegel muss dieser Anordnung in besonderer Weise
verpflichtet werden, um Ruhe unter den Untertanen zu halten.

Gezeichnet xxx in Auftrag des Fuersten zu xxx"

Ach du meine Guete, was tun wir jetzt?
Erwin und Marga waren ratlos - jetzt, wo alles so gut lief!
Johann meinte trocken: Ihr braucht nur ein kleines Schild ueber der Tuer anbringen:
"Bewirtung nur fuer Hausgaeste", das war eigentlich schon alles.
Die lieben Leute aus dem Dorf, so meinte Marga nun, sind so freundlich zu uns-
ich werde das bei der Anstellung bedenken.

Nun macht mal nicht so viel Wind, meinten Margas Eltern,
das legt sich schon wieder, das renkt sich ein.
Die beiden Wirtschaften im Ort sind sauer, weil bei uns die Kutschen halten und deshalb so viel Betrieb ist-
das mit dem Ausschank war nur ein Vorwand, dem Treiben auf dem Freihof eins auszuwischen.

Und so kam es auch- beide Gastwirtschaften haben nicht mehr Gaeste bekommen, im Gegenteil.
Es sprach sich durch die auf dem Freihof taetigen Dorfbewohner schnell herum, wer hier boeses Blut entfacht hat-
und nun blieben die Dorfbewohner von den Dorfkneipen fern, das durfte man nicht unterstuetzen,
so die einhellige Meinung fast aller Bewohner.
So konnte die beiden gemeinen Wirte am Tresen Nickerchen halten,
bis die ein oder zwei Stammsaeufer das Glas erneut gefuellt haben wollten.

Die Folge war, dass man nach der Kirche, wo die beiden Gastwirte die Marga und die beiden Kinder trafen,
ansprachen und "gut Wetter" machen wollten.
"Wir haben nicht mit dem Krieg angefangen" so antwortete sie boese, "das waren andere- gell?"
Der Pfarrer stellte sich -ungefragt- dazu und ergriff Partei fuer die Wirtsleute.
"Wir im Dorf muessen schliesslich zusammenhalten"
Fortan lieferten der Baecker und auch der Metzger nichts mehr an den Freihof..

Daheim angekommen, hat Marga alles haarklein berichtet und zwinkernd gemeint:
Es hat auch was Gutes- nun brauchen wir uns das Getue in der Kirche nicht mehr anhoeren.

Der Schultheis wollte vermitteln, er war eben hier, sagte Erwin.
Er mache sich aber wenig Hoffnungen, weil der Neid die Fronten doch schon zu sehr verhaertet haette.
Er persoenlich moechte sich neutral halten.
Sein Saegewerk lag auch etwas ausserhalb- so war das Dorf mit seinem Getratsche nicht in unmittelbarer Nachbarschaft.
Er lies fortan nur noch die Amtsperson in sich heraus, wenn er mit den Dorfbewohnern sprach.

Der Familienrat war wieder einmal mehr am tagen-
der Schmied schuettelte nur noch den Kopf und meinte:
Ich wuerde am liebsten bei euch bleiben und nicht mehr ins Dorf zurueck gehen!
Da ist aber noch seine Frau und die Kinder- die inzwischen auch schon geschnitten wurden von den Bewohnern.
Nun war doch einiges in Rutschen geraten, durch Neid und Missgunst einiger Leute-
es war nicht nur einer, sondern doch schon einige Personen!
Johann war wieder in seinem Element:
Immer wenn es schwierig wurde, da besann er sich auf seine Anfaenge.
Er bat sich Bedenkzeit aus, zumindest ueber Nacht wollte er darueber schlafen
und vor allen Dingen mit Irme nochmal beratschlagen, was zu raten sei.

Am naechsten Tag hielt eine Kutsche des Fuersten, er, der Herr wollte sich selbst ein Bild von der Lage machen.
Marga lud ihn, den hohen Herrn zum Fruehstueck ein-
verdattert nahm dieser das Angebot an und setzte sich in diese gastliche Stube.
(Gaststube durfte diese bekanntlich nicht mehr genannt werden)
Der Herr hat immer schon gerne gegessen und das sah man ihm auch an.
Marga kochte gut, ihre Hilfskraft sowieso und so gab es franzoesisches Omelette mit Pilzen und ein Glas vom Wein der Loire..
Das schien gemundet zu haben- er wollte noch mehr davon- er bekam es.

Nun fragte er den Erwin, der dazu gekommen war und im Eingang stand:
Was habt ihr getan, warum mag man euch nicht?
Alles wurde haarklein geschildert - und wahrheitsgemaess erklaert.
Der Fuerst meinte anschliessend:
Das deckt sich mit der Schilderung des Schultheis' - ich will euch helfen - nicht zuletzt,
dass mir keine Klagen von den bislang so begeisterten Reisenden zu Ohren kommen !

Selbstverstaendlich darf die Lokalitaet wieder vollkommene Gestattung erfahren.
Das Erlaubnis-Zertifikat folgt, das koennt ihr unter Glas setzen lassen und ueber der Wirtstuer anbringen.
Meinen Segen habt ihr.
Ich konnte mir persoenlich von der hohen Qualitaet der Speise und des Weines ueberzeugen,
sie sind einer fuerstl. Poststation durchaus wuerdig.
Allerdings- eine Bedingung waere da noch..
Marga, als selbstbewusste Frau hob einfach mal an, den hohen Herren zu fragen:
Freilich, welche?
Dieses Omelette mit Pilzen und dem Glase Loire- Wein haette ich mir ausbedungen- wenigstens ab und zu einmal..

Alles lachte - weil auch der Fuerst lachte, dass es nur so schallte!
Geschwind schwang er seinen Dreispitz mit der langen Pfauenfeder dran- und entschwand..

Oh wei, das war ja nochmal gut gegangen, - inzwischen waren alle Bewohner des Freihofes zugegen
und hoerten sich an, was geschehen war.

Die naechste Depesche -mit Widmung- kam bald darauf:
"An die Bewohner des Freihofes!
Die uneingeschraenkte Schankerlaubnis ist fuer alle Zeiten fuer die Fuerstliche Poststation genehmigt.
Der Landesherr, im Auftrag der Kaemmerer.!"

Seht ihr!
An die Bewohner des Freihofes hat man geschrieben..
Johann und Marga staunten und beglueckwuenschten die Marga und den Erwin zu ihrem Erfolg-
gerade Marga hat gut dazu beigetragen..
An diesem Tag gab es dieses spezielle Essen fuer alle- auch fuer die Hilfskraefte.

Von nun an stand links und recht am Schild "Fuerstliche Poststation" eine Fackel bei Dunkelheit.
(Das war wohl die erste beleuchtete Reklametafel im Westerwald, mitten im Nichts.)
Dieses sprach sich im Dorf flott herum und ganze Kolonnen Neugieriger
gingen nun zu diesem fuerstl. Scheiben, das unter Glas ueber dem Eingang prankte.
Man kann sich das Entsetzen vorstellen, dass es den Verschwoerern nicht gelungen war, den Freihof zu erwuergen.

Unterdessen sann man auf diesem nach, wie man das 2. Standbein so stabil machen,
dass man notfalls eine Weile damit ueberleben koenne..

Der Betrieb florierte und war bekannt und auf soliden Fuessen-
Lieferanten aus dem Ort kamen nicht mehr, die Familie des Schmiedes lies keine Ruhe -
sie bekam vom Saegewerksbesitzer, pardon vom Schultheis -
das Haus seiner Eltern angeboten, die schon eine Weile unter der Erde waren.
Miete ist Miete- egal wo wir diese bezahlen meinte die Frau des Schmiedes-
So ist auch mehr Platz um das Haus und wir koennen endlich einen Garten anlegen..
bei der Enge des alten Ortskerns war das undenkbar gewesen.

Nun war das auch geregelt, dem Betrieb standen nun nur noch die Hilfskraefte aus dem Dorf im Weg -
aber gleiches Unrecht mit neuem Unrecht zu beantworten, das lag den Leuten des Freihofes fern.
Man war eigentlich froh, wenn man seine Ruhe und Arbeit hatte.
Des Schmieds Geselle und Lehrling und der Gaststube gehoerige Bedienung und Kuechenhilfe sollte bleiben.
Sein Geld bekam der Schmied nun von Erwin, alles ging ueber eine Kasse.
Das Ziel war: Der Freihof war frei und soll nie wieder von irgendeiner Person abhaengig zu werden!

Johann und Irme waren froh, dass nun endlich Ruhe eingekehrt war und legten sich zufrieden zu Bett..
Am naechsten Tag gingen die beiden dran, den Herrmann vom Saegewerk zu beauftragen:
Eine Fasanerie mit Schutzgehege gegen Fuechse und Raubvoegel sollte entstehen,
als Ergaenzung zu den Huehnern die ebenfalls eine neue recht grosse Behausung bekamen.

Mit Gefluegel laesst sich immer gutes Geld verdienen, wenn dieses fachgerecht gehalten wird.
Das konnte Marga wohl und so brachte sie den Alten dieses Wissen bei.
Der Tag war nicht lange hin, da stand die Anlage- der Herrmann kam mit einigen der jungen Maenner aus dem Dorf-
heimlich und unbemerkt zur Arbeit.
Sie wollten niemanden veraergern und nur ein wenig Geld verdienen.

Um die Lieferanten aus anderen Orten und Regionen brauchte sich der Freihof keine Sorgen zu machen,
die kamen zuverlaessig und gerne.
Hier wurde nicht schlecht bezahlt und .. das Geld kam sofort.
Das sahen die Geschaeftsleute aus dem Ort sehr wohl -
sie konnten oder wollten nichts mehr dagegen tun.
Die Leute des Freihofes sind stolz genug, auf kein Angebot mehr eingehen zu muessen -
wenn sie Helfer brauchten, meldeten sie sich beim Schultheis-
oder sagten den bereits angestellten Leuten aus dem Ort, dass noch jemand gesucht wird..

Schon damals galt: Wer ein Geschaeft betreiben will, muss auch eine gewisse Haerte haben,
sonst sind alle Hasen gefangen.


Button

Zurueck zur Startseite -
Impressum