Schattenseite 65


Der Kräuterdeber 1

Moderne Zeiten, alte Antworten?
Deber ging wie jeder andere Junge zur Schule, schloß mit der mittleren Reife ab, ging in in die Lehre bei einem Drogisten, las in seiner Freizeit ausschließlich Bücher über Kräuter und Naturheilkunde. Danach starben kurz hintereinander seine schon betagten Eltern und liesen ihn allein. Eine weitere Anstellung bekam er nicht, denn die Drogerien sind inzwischen alle ausgestorben oder in Filialketten mit seltsamen Führungsebenen und ziemlich unkundigem Personal dabei den Markt zu bedienen. Dort ist er mit seinem archaischen Wissen sofort abgeblitzt, zumal er es ablehnte als gelernter Drogist Parfüm und Diätfutter oder BHs zu verkaufen, eben den Ramsch, den diese Ketten vertreiben. Das Publikum hat sich wohl sehr verändert, sinnierte er. Vorbei die Zeiten, als man noch Steingutgefäße und Glaskaraffen auf der Empore in Reih und Glied stehen sah, vorbei die Zeit der "Apotheker-Schubladen", mit den halbrunden Messinggriffschalen, in welche so herrlich viele kleine Sachen verstaut werden konnten. Vorbei die Zeit, wo man alles auf der Feinwaage wog und mit dem Mörser zusammen hieb. So schrieb er Bewerbungen, die aber nicht angenommen wurden, weil er keinen Computer hatte und auch kein "Handy", mit dem man heute kommuniziert. Als die Eltern gestorben waren, hat er das Telefon abgemeldet und folglich auch keinen Zugang zum "Festnetz" und ohne Smartphone gibt es auch kein Internet. Er hätte damit sowieso nichts anfangen können. Das Problem fing schon in der Berufsschule an zu brennen und nun wurde dieses Problem, ja Manko - immer schlimmer. Als die Schulkameraden mit dem Smartphone daddelten und die Lehrer über "Wordprogramme" sprachen und "Pdf-Dateien", sah er zum Fenster hinaus oder las heimlich in seinen "Hexenbüchern", wie die anderen spöttisch meinten. Auf diese Weise ist er den Mädels sehr fremd geworden, genau wie seinen Altersgenossen. Die Eltern hatten ihm das alte große Haus hinterlassen, er war das einzige Kind. Er vermietete alle zwei Stockwerke und die große Mansardenwohnung des Hauses und zog in die Remise um, die als Waschküche genutzt worden war und nun eben sein karges Bett und ein paar Schränke aufnahm. Wasseranschluss und Toilette waren noch funktionstüchtig, ein alter Waschkessel mit Holzfeuerung war auch darin, wo er sich heißes Wasser machen konnte und nicht zu frieren brauchte. Zwei kleinere Räume und ein Speicherchen über diesen beiden waren sein neues Zuhause. Vater hat alles in Ordnung bringen lassen, bevor ihn die Kräfte verließen - ein Glück für Deber, der sich für diese haustechnischen Dinge nicht begeistern konnte. Ein Auto oder Motorrad hatte er nicht, nur ein Fahrrad von der Mutter, eines mit drei Gängen und zwei Körben daran, zum einkaufen. Er interessierte sich nie für Motorfahrzeuge, deshalb war ihm auch kein Führerschein gekommen - wozu, sagte er sich, das kostet doch nur Geld. Von der monatlichen Miete konnte er deshalb nicht schlecht auskommen, so lag er unter der "Lohnsteuergrenze", wie man ihm beim Finanzamt sagte. Eine Arbeit hat er weder gesucht noch jemals wieder angetreten, war nie beim Arbeits- oder Sozialamt vorstellig geworden. Wohl aber in der städtischen Bücherei und im Buchantiquariat, wo er ein häufiger Gast war. Weder Fernseher noch Radio waren in dieser Remise zu finden, ja nicht einmal elektrisches Licht - in der heutigen Zeit ein echtes Unding, ein Unikum sozusagen.





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Vor dem Haus war ein Blumengarten und hinter dem Haus ein Hof, die Einfahrt war breit genug, dass hier drei Autos der Mieter hintereinander parken konnten. Mittig des Hofes hat Deber eine Reihe Feldsteine gelegt und ein niedriger Jägerzaun mit schmalem Türchen dahinter, die sein privates Reich abgrenzen sollten. Davor konnten die Mieter Wäsche trocknen oder den Kindern einen Spielplatz anlegen, als Terrasse mit Grillecke nutzen. Fast wie im eigenen Haus wohnten sie und fanden das gut. Die Miete war human, dafür achtete jeder auf einen pfleglichen Umgang mit den Dingen, damit die Umlagen lt. Mietvertrag nicht sinnlos in die Höhe getrieben wurden. So hat er -nach Mutters Muster, denn Vater taugte wohl für geldliche Dinge nicht- die Dinge sauber geregelt. Die Mieter waren gut ausgesucht und zuverlässig, mit sicheren Einkommen, dass wohl niemals das Amt für eine der Mieten aufzukommen brauchte. Die Remise hatte hinten hinaus, wie man hierzulande sagt, einen Garten. Als Vater diesen noch bewirtschaften konnte, war alles recht gepflegt und gut angelegt worden. Eine kleine Laube war darin und ein Springbrunnen. Beide Dinge sind inzwischen zerfallen und marode, also hat Deber das abgeräumt und eine Bank mit Blechüberdach an die Remise gestellt, ein Klapptischchen an der Wand festgeschraubt, damit sein Wasserkrug und Glas und sein Buch dort geschützt abgelegt werden konnte. Diese Häuser aus den 1950iger Jahren waren von den Flüchtlingen gebaut worden, die aus den damaligen Ostgebieten vertrieben worden sind. Diese Leute waren den Gartenbau gewöhnt, der für die Ernährung der Familie ordentlich beitrug. Man hielt sich damals auch Haustiere, die geschlachtet werden konnten oder Milch gaben - z.B. eine Ziege, andere hatten Hühner und Gänse, Hasen und später auch Puten. Auf diese Weise war der Garten recht gut gedüngt worden. Die durch die Tierhaltung hohe Umzäunung hat sich gut gehalten und so sind die Kräuterbeete unseres Deber gut geschützt vor all zu eifrigen Betrachtern. Deber hat den ganzen Garten gründlich umgegraben, die Wiese und die Blumenbeet entfernt und einen Wildkräutergarten angelegt. Heilkräuter gegen dieses und jenes Weh-Weh, härtere Sachen für den Apothekengebrauch, für die immer Abnehmer waren. Fachkundig angebaut und sortiert, sorgfältig getrocknet und in Tüten verpackt, warteten diese Elaborate in dem Remisen-Speicher auf Kunden, die alle Insider oder Apotheker waren. Sein Ruf war bald exzellent, er galt als absolut fachkundig und zuverlässig. Der Preis für seine Kräuter war gut. Deber führte sorgsam Buch, damit keine Unstimmigkeiten bei der Steuer aufkommen konnten. Das Finanzamt spielte anfänglich verrückt, weil er keine "maschinenlesbare" Steuererklärung hatte, sondern alles mit Zetteln und einer Klatte belegte - auch die Mieteinahmen und Ausgaben, wie Anno dunnemals.





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Aber das saß er aus, wie alles in seinem Leben: Er konnte glaubhaft nachweisen, dass er unter der Steuerpflicht ist und auch keine Krankenkasse habe, die zu bezahlen sei, zu keiner Lohnsteuer heran gezogen werden konnte, weil er keinen Lohn nicht hatte - die Fernseh-Zwangsgebühr mußte auch er zahlen, obwohl er kein empfangstaugliches Gerät, ja nicht einmal Strom hatte.. nicht mal die Hälfte aller Leute nutzen die öffentlich rechtlichen Angebote, ob TV, Internet oder Rundfunk - trotzdem muss jeder zahlen. Seltsam, meinte Deber auf dem Finanzamt, sehr seltsam. Der Nächste bitte!

Solche Dinge interessieren heute nur noch Aussteiger und andere Querulanten, wozu er sich aber nicht zählte. Sein Leben war irgendwie zufällig "alternativ" gelaufen, nicht dass er das bewusst betrieben hätte.

Man fragte seinen Rat an, kam gerne mal vorbei, wenn ein böses Leiden vom Arzt nicht in den Griff zu bekommen war. So mancher Arzt holte sich einen Rat bei ihm - bis die Tanten des Gesundheitsamtes und des Gewerbeamtes und der Aerztekammer sogleich mit harten Strafen drohten. Nachweisen konnte man dem Deber aber nie etwas und ein privater Rat ist schließlich nicht strafbar - oder? Solange er keine Heilkunst betrieb und dafür Geld nahm, war alles in trockenen Tüchern. Seine Formulierungen waren etwa in dieser Art: Dein Arzt wird dir wohl zu Spitzwegerich-Saft gegen deinen schlimmen Husten raten.. ich darf keine Heilkunst betreiben. Eine Ausbildung zum Heilpraktiker war auch nicht sein Ding, weil ihm dabei einige Dinge recht merkwürdig vorkamen - z.B. Esoterik und chinesische Akkupunkturen etc. So beschränkte sich Deber auf den Anbau von Heilpflanzen aller Art, auf das Sammeln von Wildkräutern und bestimmten Moosen und Pilzen, Rinden und was er so für seine Hexenküche brauchte. Die Zeit schritt fort, wie sie das so zu tun pflegt - Deber saß auf seiner Bank und trank seinen Kräutertee, las in einem dicken alten Wälzer, den wohl einmal ein Apotheker nach Kneipp schrieb. Ab und zu holte er sich einen Bleistift und einen Zettel und notierte sich etwas und murmelte für Laien wenig verständliche Dinge. Die Kinder des Hauses lachten und sprachen respektvoll vom "Kräuterdeber", der wieder einmal "umgeht" und sein Hexenwerk tut. Ab und zu schrie ein Kind, wenn es sich beim wilden Spiel auf dem Hof verletzt hat und das brachte Mutter und Kind schnell zu ihm, wo Wickel aufgelegt worden sind - ohne Geld dafür zu nehmen. In der Kirche war er nicht, der Deber und in keiner Partei oder sonstwo in einem Verein gelistet, aber jeder kannte ihn. Er schickte die Leute zu den Apotheken und Ärzten, damit ihm von dieser Seite kein Ungemach ins Haus, pardon - Remise platzen konnte.





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Es war ein sehr kalter Wintertag, Deber hatte vorgesorgt und schon im Sommer mit dem Sammeln von Holz begonnen, das er irgendwo fand - selbst am Flußufer, wo von Überschwemmungen her Strandgut angelandet war. Dieses krumme Zeugs, wie die Nachbarn verächtlich sagten, hat der sorgsam geschnitten und getrocknet, für den Winter abgedeckt und abgelagert verheizt. Er hatte den ganzen Winter über immer genug heißes Wasser, weil der Kessel gut gefüllt über dem Feuer dieses alten 1940iger Jahre - Kessels in dem großen Kupferbottig stand. Selbstverständlich wurde fleissig Regenwasser aufgefangen, das ist gut für die Pflanzen, sagte er den Kindern immer, die brauchen weiches Wasser.







Für einen Gemüsegarten und für Hühner "und so ein Zeugs" hatte Deber keine Zeit, die Bücher waren ihm lieber.. bald hatte er eine recht brauchbare Sammlung von den unterschiedlichsten Kräutern parat in seinem trockenen Speicher, durch den der Kamin lief - wie praktisch. Alles war voller Drahtregale, nur ein schmaler Durchgang war geblieben. Die Kräuter waren wichtig, nicht die Bequemlichkeit. Nach oben kam man nur mit der Holzleiter, die aussen unter dem Dach hing.





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Zusammen mit einem Freund wuchtete er den alten Küchenofen aus dem Keller des Hauses in seine Remise, entfernte den Waschkessel nach draussen in den Garten. Jetzt konnte Deber endlich kochen und hatte eine Backröhre zur Verfügung und trotzdem immer heißes Wasser in dem "Schiff" des Herdes. Immer nur kalter Kram und Dosenfutter war denn doch ein wenig zu hart, selbst für einen Junggesellen, wie man ehedem zu ledigen Männern zu sagen pflegte. Der Schornsteinfeger war mit dieser Lösung auch einverstanden, den kannte Deber schon sehr lange und sie duzten sich. Der alte Herd zeigte sich von seiner besten Seite, er war eine gute Heizquelle und so lies er die Tür zwischen den beiden Räumen auf, so war die Kälte gebannt. Eine Trennwand aus Gipskarton hat bald darauf den "Sanitärbereich" abgetrennt und wohnlicher gemacht. (Wer kocht schon gerne neben dem Klo, das Vater in die Remise eingebaut hat, weil er zu faul war bis ins Haus zu gehen um seine Notdurft zwischen der Gartenarbeit zu verrichten..) Diese "Faulheit" zeigt sich heute als Luxus, als ein sehr praktisches Ding. Ein ebenso praktisches Ding war es wohl, dass man "gute Sachen" aufhob- wie eben diesen alten Küchenherd. Weggeworfen ist schnell, sagte Vater immer. Wer kann sich heute noch ein Leben ohne Heizung und Strom vorstellen? Das war allen Leuten ein Rätsel, warum und wie der Deber damit zurecht kommen kann. Für ihn jedoch war es ein Befreiungsschlag gegen Rechnungen, einfach ein letztes Stück Freiheit: Keine Gasrechnung, keine Stromrechnung, keine Telefonrechnung(en), keine Zeitungen oder Zeitschriften-Abos, nur diese leidige G ez, für Sendungen, die er mit keinem einzigen Ding hätte empfangen können und das schrieb er des Öfteren an div. Gremien. Ohne Erfolg - ist das demokratisch? Mit diesen Gedanken ging er zu Bett. Anderntags lachte die Sonne ins Gesicht, denn einen Wecker, den hatte er nicht - warum auch zu einer bestimmten Stunde aufstehen, wo er kein "müssen" nötig hatte? Exakt das war es, was ihn von einer bezahlten Arbeit, von einem Beruf oder "Job" abhielt. Manche betitelten ihn als Faullenzer, Taugenichts und Scharlatan, die meisten Mitmenschen jedoch waren höflich: Wenn sie nicht so eingebunden wären in die Abzahlungen und Verpflichtungen, ja dann.. aber es ist wie es ist, so jammerten sie immerfort. Deber hatte ganz andere Dinge zu tun, er schrieb schon seit der Schulzeit an seinem Tagebuch, das eigentlich eher ein Kräuterbuch geworden war, denn "persönliche Dinge" hatte er so gut wie keine, die dort eingetragen werden könnten. So bezog sich vieles auf das Wachstum der Pflanzen, das Wetter und die Vorkommen von Pflanzen etc. Was er nicht hatte, war Langeweile: Die Kräuter wurden früh am Morgen geerntet oder gesammelt, dann an der Luft getrocknet, manche auch an Kordeln über dem Herd, der als erste Amtshandlung angefeuert wurde, wie zu uralten Zeiten. Er ging den Weg am Waldrand entlang, wo niemand mit dem Hund geht - wer mag schon "kontaminierte" Kräuter kaufen? Ein Bestimmungsbuch brauchte Deber dazu nicht, denn mit den Jahren kommt die Übung, die bekanntlich den Meister macht. So kamen einige Stunden zusammen und viele Kräuter in Leinentüchern in die selbstgemachte "Botanisiertrommel", die er als Gepäck dabei hatte. Das scharfe Messer half die Stängel abzuschneiden. Mit Stock und Hut und diesem seltsamen Behälter zog er jeden Tag in der Wachstumsperiode los und kam mit reicher Beute zurück. Die Standorte der Pflanzen kannte er bald sehr genau, auch die mitten im Wald. Es muß für die Pendler wohl ein seltsames Bild gewesen sein, wenn über die Felder und Wiesenwege ein einsamer Mann mit dieser seltsamen Ausrüstung ging! Sozusagen mit den Wildtieren auf du und du - sie kannten den Deber und hatten kaum Scheu vor ihm. An der Straße angekommen, wunderte er sich immer wieder, wie grottenhässlich die Autos geworden waren, fast wie Karrikaturen oder Schöpfungen von ausgemachten Autohassern und teuer waren diese Dinger! Unglaublich! Deber hat zufällig in der kostenlosen Zeitung gewickelte Reklameblätter gefunden und gelesen. Wie machen die Pendler das nur, wie bekommt man eine solche Summe zusammen? Mit diesen Gedanken ging er leichten Herzens in den Ort, zu seinem Haus und zu seiner Remise zurück, die schuldenfrei sind.. darauf hatten seine Eltern immer geachtet und gesagt: Halte das Anwesen immer schuldenfrei, sonst beginnt die Versklavung !





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Überhaupt war Sparen so eine Art Hobby für ihn, er brauchte nur sehr wenig Geld für sich und so war die "Sparrate" nicht von schlechten Eltern, die er auf die "hohe Kante" legen konnte. Wer weiß, wenn was am Haus kaputt ist, kann man nie genug Reserven haben.. das Brot buk er selber, das alte Rezeptheft der Oma war noch immer aufgehoben worden, von allen gut gehütet. Wer noch nie sein Brot selbst gebacken hat, kann sich den Unterschied zu dem heutigen Industrieprodukt (auch das von den Bäckereifilialen) kaum vorstellen. Mit seinem alten Fahrrad war er gut dabei und die Besorgungen waren kein Problem. Wasserkisten oder Bier und Wein etc. waren nicht einzukaufen, denn ihm genügte das Leitungswasser und sein eigener Tee - für jedes Weh-Weh gab es schließlich ein Kräutlein und für den Genuß Pfefferminze und Hagebutten etc. Auch Alkoholika der stärkeren Sorte waren nicht sein Ding, nicht mal zum Einlegen von Früchten, wenn man von Franzbranntwein zum Desinfizieren mal absieht. Obst und Gemüse und auch andere Waren kaufte er am liebsten, wenn diese "herabgesetzt" und somit billiger waren. Einen Kühlschrank hatte Deber freilich auch nicht, der hätte ohne Strom auch nicht viel genutzt. Unter der Remise war ein knapper Erdkeller, dort hat Vater immer seine Kartoffeln und Rüben gelagert - ein idealer Ort mit gleichbleibender Kühle. Ein "Bückkeller", so hat er diesen immer genannt. Sparsamkeit ist seine Tugend gewesen, das hat er von den Eltern übernommen, die aus dem Nichts aufgebaut haben, wie sie sagten. (Über die Zuschüsse und Vergünstigungen sagen sie nie etwas) Stolz sind sie gewesen, Vater war im Tagebau und Mutter als Verkäuferin beschäftigt und das Kind gaben sie bei einer Tante ab, erst am Abend und am Samstag kam die Familie so recht zusammen. So war er ein Sparfuchs geworden und kaufte nur das, was gerade richtig billig war. So z.B. kleidete Deber sich ausschließlich mit Handwerker-Klamotten und Schuhe ein, die im Baumarkt reduziert angeboten wurden. Derbes graues Zeugs. Daran konnte man ihn schon von weitem erkennen, so "unauffällig" war sein "Outfit". Der Hausrat war noch von den Eltern - dieser hat keinen Pfennig gekostet. Bald kamen einige Kräuterleute, Apotheker, Naturheiler und Teehersteller zu ihm in den Hof und suchten sich die entsprechenden Kräuter vor Ort - gegen bar und Quittung - aus. Die Vermarktung war nun wohl -buchstäblich- in trockenen Tüchern. Der Papierladen im Supermarkt bestellte eine Menge neutrale Papiertüten, die Deber dann nach Bedarf beschriftete und ins Lager packte. Billig waren die Kräuter nicht, er orientierte sich an einem Fachkatalog, den ein Heilpraktiker auf seinen Wunsch hin besorgte. Diese Preise sollten sein Standard sein und als Dreingabe war sein Angebot eben ganz frisch und .. absolut ohne Spritzmittel. Er benötigte kein "Biosiegel", sondern setzte auf Vertrauen. Dieses Vertrauen schlug ihm immer entgegen, denn wer so asketisch lebt, wird wohl kaum das Geld für diesen Chemie-Kram ausgeben und zudem hat bei Deber noch keiner eine dieser Giftspritzen herum stehen sehen. Das beruhigt. Das Dach war mit Betonziegeln eingedeckt und nicht mit Asbestplatten - wie beruhigend. Vater war schon seiner Zeit vorraus, als alle mit Ethernitplatten und ebensolchen Kunstschiefern eindecken liesen. Früher waren es also Tonziegeln, als diese nicht mehr gut waren, kamen eben "Frankfurter Pf anne" zum Einsatz. Regenwasser sammeln ist viel viel billiger als das teure Kommunenwasser, sagte er sich immer wieder und hob eine Grube aus, legte eine Teichfolie hinein und ein paar alte Blechdach-Platten darauf, die mit alten Backsteinen beschwert wurden. Nun konnte so richtig viel von diesem Regenwasser gesammelt werden, von beiden Dachhälften der Remise. Bald waren mehrere tausend Liter in dieser Zisterne. Der Überlauf ging in eine kleine Sickergrube in der Mitte des Kräutergartens.





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Er ging nie zu Kirche, ist nie getauft worden und seine Eltern haben damals bereits zu viele Fragen an den Pfarrer gehabt, warum Gott das Ausbomben und die Vertreibung zugelassen habe, wo sie doch so gute und gläubige Leute gewesen seien - der "Geistliche" schwieg immerzu, bis die Eltern aus der Kirche austraten. In den Vereinen kam Deber nicht gut an - eben weil seine Eltern "Gottlose" waren und weil er als Sonderling galt. Also konnte er sich diese Mitgliedschaften nebst Beiträgen auch gleich sparen. Als er versuchte sich politisch zu betätigen, hat man sogleich -nicht nur eins- ein Bein gestellt und weggegrault. Jeder Versuche von seiner Seite sich in die kommunale Gemeinschaft einzubringen, ist schon im Ansatz gescheitert. Nein, ein Massenmensch ist er nie gewesen und vermutlich wird er auch nie einer werden, das war Deber vollkommen klar. Vermutlich wurde er auch deshalb nicht als "tauglich" gemustert und auch nie nach einem "Ersatzdienst" gedrängt. Wäre er ein Massenmensch oder halbwegs "normal" gewesen, wäre diese Seite wohl kaum zu schreiben gewesen sein: Von normalen Menschen wird nichts berichtet, nur von aussergewöhnlichen. Eigentlich wusste kaum jemand von der Remise und seinem Leben dort drin, es wäre auch niemandem eingängig gewesen, wie er, der Kräuterdeber, sein Leben gestaltete und finanzierte. Irgendwie existierte er für die Verwaltung nur am Rande. Jeden Monat hob er fast alles von der Bank ab, bis auf die festen Abzüge - die Einnahmen aus den drei Mieten waren nicht mal so schlecht, aber die Ausgaben an die Kommune, den Gas- und Stromlieferant und die Abfallwirtschaft waren auch nicht von schlechten Eltern - das aber wurde als "Mietumlage" fast ganz bezahlt. Das abgehobene Geld behielt er in bar bei sich in der Remise versteckt, noch nie hat er eine Kreditkarte oder so etwas beansprucht. Deber war ein sehr vorsichtiger Kalkulierer, ganz ohne Frage. Sein Lebensunterhalt war vielleicht mit 100 Euro im Monat getan, denn ein Vielfraß oder Luxusfreund war er gewiß nicht. Er ging "mit den Hühnern zu Bett und stand mit dem Hahnenschrei" auf, wenn auch kein Federvieh bei ihm auf dem Hof zu sehen war. Diesen Part besorgten die Vögel, die ihn ziemlich nah begleiteten. Sie wussten: Wo Deber ist, gibt es keine Katzen, die hat er mit der Zwille und Trockenerbsen vergrault - besser, als wenn die Kräuter mit Katzenkacke - und noch schlimmer, mit der Kater-Marke befleckt werden würden. Das war irgendwie "reaktionär", wie er in seinen Selbstgesprächen immer sagte. Aber sind nicht alle Entscheidungen, die auf Vernunft basieren, "reaktionär", reagiert man nicht mit solchen Entscheidungen nur, kann man das noch "Entscheidung" nennen oder ist das nur Reaktion? Nein, ein Autor wollte Deber nie sein, auch kein Philosoph. Wie hieß das so schön in einer lateinischen Sprüchesammlung? "Ein Philosoph wärst du geblieben, wenn du geschwiegen hättest!" Ob es diese Einstellung oder die seiner politischen Unentschlossenheit war, konnte er selbst nicht sagen; zu den Wahlen ist er gegangen, hat aber nie gewählt: Ein leerer Stimmzettel in der Urne. Ihm war Politik egal, ob kommunal oder die im Land, denn Nachrichten empfing er nicht und das was im "Käseblatt", der Gratisausgabe der Zeitung war und die Papiertonne regelmäßig füllte, mit dem konnte er herzlich wenig anfangen und selbst wenn, ändern hätte er an den Zuständen nicht das Geringste können, weder mit noch ohne Wahlzettel. Die Rattenfänger mussten also ohne ihn auskommen. Die Zeit verging, so wie sie das immer tut und auch dem Deber schlug die biologische Uhr ein Schnippchen, als er zufällig beim Einkauf auf eine seiner Schulkameradinnen traf. Sie war schon geschieden, wie das heute eben so ist und ist kinderlos geblieben. Beide hatten ihren Volltime-Job und für private Dinge war kaum die Zeit und so lebt man sich heute auseinander, in dieser ach so guten Zeit. Jeder hatte genug zu bezahlen, an der gemeinsamen Eigentumswohnung, an zwei Autos, am Urlaub auf Raten, an der neuen Küche, an Handy-Verträgen und so weiter und so fort. Recht bald war in der Beziehung "Schicht im Schacht" und "tote Hose", keiner bekam den Schwung zusammen, neu anzufangen und so vergingen ein paar Jährchen, in denen man sich auseinander lebte: Sie saß vor dem Fernseher und besorgte den Haushalt, er ging mit Kollegen in die Kneipe, weil heute diese ausserbetriebliche Gemeinsamkeit gefordert wird, wenn man halbwegs "weiterkommen" will. Aussenseiter sind nicht beliebt und wer pünktlich Feierabend macht, den mag man auch nicht.. schnell ist man in einer oder mehreren dieser Vereinsfallen getappt und das klaut das bißchen Freizeit ganz geschwind, weil man sich einbringen muss - und wer dort ist, kann nicht zeitgleich daheim sein und seine "Partnerschaft" pflegen, wie man so schön sagt. Bald war gähnende oder lähmende Stille zwischen den Beiden. Auch hier schlug die "biologische Uhr" zu, sie machte das mit einer inneren Unruhe, mit Schweißausbrüchen, unruhigem Schlafverhalten und .. Kränzen unter den Augen klar, was sie wollte: Fortpflanzung, die Natur will sich fortpflanzen und keine Kredite für Autos und Krimskrams bedienen.





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Sibylle war fertig mit der Welt, wie sie sagte und das sah man ihr auch an, total am Boden und in ihrem Selbstwertgefühl schwer beschädigt. Ihre Arbeit in einem Steuerbüro würde für Deber schon recht gelegen kommen, aber das war ein Gedanke, den er schnell wieder verwarf: Wie sollte eine Frau, wenn sie es denn tatsächlich wollen würde, in seiner armen Remise zurande kommen, "die wird mir glatt verrückt, weil sie gewohnt ist mit 110% zu laufen", sagte er zu sich. Die Unterhaltung im Laden war auch nicht lange, sagen wir es war vielleicht eine halbe Stunde, wo sie mindestens 5x auf ihre Uhr blickte, um nur keinen Termin zu verpassen. Ihre Augenlider zuckten ständig und das Bein wippte nervös, wie das auch bei "Burnout" - Patienten der Fall ist. Bald darauf sahen sich die Beiden wieder und sie sagte von sich aus: Ich brauche ein wenig Ruhe, darf ich einmal deinen Kräutergarten sehen? Er bejahte eifrig, vielleicht ein klein wenig zu eifrig, was sie bemerkte - wie Frauen diese Feinheiten immer bemerken, weil sie eine "Antenne" dafür zu haben scheinen. Es vergingen ein paar Wochen, dann fuhr ein Wagen in den Hof und eine total aufgelöste Frau klopfte an die Tür der Remise. Als keiner öffnete, ging sie aussen herum Richtung Garten und setzte sich auf die Bank. Vor der Bank war ein Blumenuntersetzer mit Brotkrümeln darin und auf dem ausgeklappten Wandtisch stand ein Glas mit Himbeersaft und einem Bierdeckel darauf, daneben eine Glaskanne mit frischem Wasser und ein Buch. Sibylla Merian - aha. Bald darauf kam Deber mit dem Rad vom Einkauf zurück, tappte mit der Beute in die Remise und verstaute den Kram sorgsam im kühlen "Bück-Keller", damit alles frisch blieb- als der die Bodenklappe wieder schloß, sah er durch die kleinen alten Metallfenster mit ihren Eisenstegen einen Haarschopf, so rot wie ein Sonnenuntergang leuchten. Ja, er fühlte etwas die Unruhe in sich aufsteigen, die aber gleich von seinem inneren Ich beruhigt wurde: Lass die Finger weg, das kann nicht gut sein, das bringt nur Kummer! Er ging um die Remise in den Garten zur Bank, wo die Schulkameradin saß und begrüßte sie - ihre Begrüßung war eine herzliche Umarmung, eine Geste, die unser Held so ganz und gar nicht gewohnt war. Verdaddert stand er da, unsicher und wußte nichts mit der Situation anzufangen. Sie spürte das und fing zu erzählen an: Ich bin dabei die gemeinsame Wohnung von meinen Sachen zu entleeren, dabei fiel mir auf, wie wenig ich tatsächlich besitze. Er, mein ehem. Mann will in der Wohnung bleiben und zahlt mir dafür meinen Anteil aus, wenn sein Bausparvertrag zuteilungsreif ist. Das wird wohl in Bälde der Fall sein. Nun suche ich was Neues - die Wohnung hat 99.000 Euro gekostet und er hat davon einen Anteil von 2/3, weil er eben mehr verdient und eingezahlt hat in den Kreditvertrag. Somit stehen mir 33.000 Euro zu, wie unser Anwalt riet. Weißt du vielleicht etwas, wo eine Wohnung frei ist oder ein Zimmer? Ich will eigentlich keine eigene Wohnung, weil mir so etwas viel zu groß und umständlich war und ist. So viel Zeit habe ich nicht, wenn Dienstschluß ist und die Pendelstrecke hinter mir liegt, bin ich einfach nur noch müde und falle ins Bett. Oh, meinte Deber betroffen, ich kann dir nur mit meinem Zimmer dienen, wo -zumindest übergangsweise- ein Plätzchen wäre. Viel Platz ist da nicht und komfortabel ist das auch nicht. Dafür kostet es keine Miete und keiner geht dir auf den Zeiger: Telefon und Multimedia und TV gibt es nicht, ja nicht einmal elektrisches Licht! Wenn es dunkel ist, sieht man nichts, murmelte sie und .. sie hatte den Koffer schon im Auto. Einen einzigen Koffer und eine Tasche. Ich muß dir was sagen: Er hat mich rausgeworfen und nun ist schon Nachmittag - es bliebe nur noch ein Hotelzimmer und so viel verdiene ich nun auch wieder nicht, dass mir diese Preise bezahlbar wären. Schwätz nicht, ich helfe dir und wir laden das gerade mal in die Remise.. "Sibylla" konnte ihr Glück kaum fassen und war wohl eine Spur zu freundlich für den armen Junggesellen, der in sich zusammen zuckte: Das kann ja was geben! Ach du lieber Himmel, meine Ruhe ist dahin! Kaum waren sie im Zimmer, zündete Deber die große Kerze an, damit ein wohliges Licht aus der Lampe sich im Raum verteilen konnte. Man sah alles, aber nicht so gleisend hell wie bei einer Birne und wenn diese noch so wenig Watt gehabt hätte. Er ging in die Küche, setzte einen Melisse-Tee auf, wärmte den Backstein auf und steckte diesen in eine gehäkelte Hülle. Diese hatte seine Mutter gemacht, damit man sich die Füße wärmen konnte. Eine sehr praktische Sache, die bei ihm angekommen war. Nun saß Sibylle im alten Ohrenbackensessel aus Leder, dem Lieblingsplatz von Vater und hatte eine Decke umgehängt, trank den Tee und stellte die Füße, die bei Frauen bekanntlich immer kalt sind, auf den "gehäkelten Backstein" und .. schlief sehr bald ein.





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Der Morgen graute und Deber wurde wach, das Auto und Sibylla waren weg und auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem stand: "Ich habe mich wunderbar erholt und mich in deinem Bad fertig gemacht, das noch warme Wasser im Küchenherd war prima und ausreichend - die Dusche habe ich nicht vermisst. Entschuldige, aber von dem Brot und dem Käse habe ich etwas gegessen und dann zur Arbeit gefahren. Heute am frühen Abend werde ich zurück sein und für uns beide eine Pizza mitbringen.. PS: Der Spiegel ist zu hoch angebracht.. Und was stand auf der "Agenda" an diesem Morgen? Nun, er hängte den Spiegel tiefer und sorgte für eine Ablage für ihre Utensilien, holte die alte Wanne aus dem Keller des Hauses und stellte diese in das Bad und schloss das Wasser und Abwasser an. Gelernt ist gelernt - das hat schon Vater so gemacht, der alles aufgehoben hat, "was noch gut war". Diese uralte Zinkwanne mit Löwenfüßen wollte Mutter damals nicht mehr haben, weil eben die eingemauerten Badewannen und gefliesten Bäder in Mode kamen und so kam das Ding in den Keller. Jahrelang hat sie ihre leeren und gereinigten Einmachgläser darin aufbewahrt, damit das Ding für irgendetwas nütze war, wie sie sich damals ausdrückte. Dort im Keller stand noch mehr "sinnloses Zeugs" und wenn dort etwas mehr Platz entstand, hatten die Mieter eben einen Raum mehr zur Verfügung, den sie gut gebrauchen konnten. Der Tag begann schon zu Bett zu gehen, dann hatte er sein Tagwerk getan und das Bad fertig. Zumindest nach seinen Ansprüchen. Wie das bei einer Frau ausschaut, die doch schon einen gewissen Luxus einer modernen Eigentumswohnung gewöhnt war, kann so ein Eremit wohl eher nicht abschätzen. Müde sank er in den Ohrenbackensessel und schlief bald ein. Als er wieder erwachte, dämmert es bereits und die Sonne warf ihre ersten Strahlen in das Zimmer. Was war das denn? Sibylla lag - nur mit der Unterwäsche bekleidet in seinem Bett und hatte ein Bein über die Bettdecke gelegt, wie Frauen das gerne tun. Oh Mann, was für ein Anblick für einen "Junggesellen"! Er tat, als ob er schliefe und lies seine Augen spazieren gehen. Vermutlich hat er diese zu unecht zugepetzt, als sie sich regte und lachte. Mach' dir keine zu schnellen Hoffnungen, ich bin für alles viel zu kaputt und von der gescheiterten Ehe habe ich mehr als die Nase voll. Deber stotterte herum und wollte was sagen, aber die Kehle war irgendwie zu trocken - so machte er lieber einen Kaffee und frische Brötchen - mit der alten Backröhre kein Problem. Spaßend meinte er über die Schulter gesprochen: Eier kann ich aber keine legen! Das macht nichts, ich habe gestern welche mitgebracht. Die Pizza müssen wir heute eben zu Mittag kurz aufbacken, denn du hast gestern Abend so seelig geschlummert, da wollte ich dich nicht mehr wecken und bin geschwind ins Bett geschlüpft. Ich hoffe, dass dir das recht war! Und wie es das war.. das war leicht zu erkennen. Heute habe ich mir frei genommen, sagte sie und meinte: Wenn es dir recht ist, beginne ich mit dem Hausputz. Das musste ja kommen! Sie kehrte alles von oben nach unten, putzte, wischte, besserte sogar abgeblätterte Farbe aus, mit den kl. Farbtöpfchen, die auf der Fensterbank standen. Bald glänzte die ganze Remise und sah sehr viel besser aus als je zuvor. Ich habe vor hier zu bleiben, wenn es dir genehm ist - flüsterte sie. Und er nickte nur stumm.





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Ihm war klar: Kinder wollte sie keine haben - ob es an ihr oder an dem Geschiedenen lag, war dabei egal. Ausprobieren war erst einmal nicht drin und vermutlich hat sie davon auch die Nase voll. Es gibt im Leben wichtigere Dinge, z.B. Vertrauen und Wärme, Geborgenheit und ein stilles Glück, das viel länger anhält als das recht kurze Strohfeuer der Leidenschaft junger und illusionistischerer Jahre. Sie ging bald von aussen zu Werke, stellte die Leiter an und besserte aus, was bröselig geworden ist. Sie konnte sogar mit Maurermörtel umgehen! Danach gab es diese Gestern-Abend-noch-frisch-Pizza und sie ging ins Bad. Deber spülte ab und las noch ein wenig, dann hat ihn das Wasser gedrückt. Als er die Tür aufmachte, traf in fast der Schlag - sie war in der Wanne und wusch sich ungeniert. Bleib- und mach dein Geschäft, ich hoffe nur, dass es kein großes wird - beide lachten. Diese Art Vertrautheit war Deber total fremd und darüber mußte er noch lange nachdenken. Den Nachmittag haben sie gemeinsam auf der Gartenbank verbracht und Kaffee getrunken und gelesen, still, in aller Ruhe und Bescheidenheit, total ungestört. Denn kaum jemand wusste von dem Leben hier in der Remise und schon einmal gar nicht von der neuen Bewohnerin. Debers Briefkasten war an der Backsteinsäule an dem Einfahrtstor zum Grundstück, niemand ahnte, dass der Hausherr gar nicht im Haus wohnhaft war. Wenn - was ganz selten vorkam - ein Päckchen oder Einschreiben kam, ging das in die Parterre-Wohnung, so hatte man sich verabredet. (Dafür durften die Kinder eben mal was, was sie in Mietshäusern eben nicht dürfen: Laut spielen.) Was Deber nicht klar wurde und weshalb er die Gelegenheit für seine Frage nutzte, war: Ich verstehe nicht ganz, wie du mit meinen Verhältnissen hier in der Remise zurande kommst oder damit zufrieden sein kannst! Sie schmunzelte nur und meinte nach einer ganzen Weile: Weißt du, wir haben immer nur auf das geachtet, was man von uns hält, wie man uns einstuft und wie etwas auf Besucher wirkt. Mehr scheinen als sein, so nennt man das wohl. Immer das neueste Auto auf Raten, denn die Raten sieht ja keiner. Immer mit weiten Reisen prahlen und Ansichtskarten an Leute schicken, die man eigentlich nicht mag. Mein Mann, pardon ehemaliger Mann sieht gut aus und ist erfolgreich in seinem Beruf, aber menschlich ist er aus Holz. Im Beruf bin ich eine sogenannte Vorzimmer-Eule, immer adrett und freundlich, wie die Damen am Flugschalter. Diese Fassade kann ich halten, aber privat komme ich damit nicht hin, ich bin ganz anders. Eigentlich bin ich lieber in der freien Natur, da wo keiner ist und kein Verkehr ist, abseits sozusagen und hier in der Remise ist man ganz allein, wenn man das will. Übrigens ist mein Geld angekommen - ich teile das gerne mir dir, wenn du wert darauf legst. Nein, sagte er, ich danke recht schön, aber gespart habe ich Einiges und brauchen, brauchen kann ich Geld nur als Mittel zum Zweck, bestimmt nicht als Selbstzweck. Eine Frau im Haus macht erst die Gemütlichkeit aus, ein alter Spruch bewahrheitet sich doch immer wieder, ging es ihm durch den Kopf. Eine Frau im Haus.. ein paar Tage später sah er ihr in die Augen und meinte, als er sich sicher war: Es klopft an der Tür. Wo - ich höre nichts! Als sie öffnete, standen dort zwei Musikanten, die aufspielten und Kerzen waren aufgestellt. Jede Menge Kerzen. Er hielt um ihre Hand an und hatte auch gleich die Ringe dabei - in dieser Woche noch haben die beiden standesamtlich geheiratet.. so kann das gehen! Er wachte aus seinem Traum auf und rieb sich die Augen, keine Sibylla, keine Badewanne, keine Musikanten, keine Kerzen, keine Ringe, kein fremdes Auto im Hof, nur spielende Kinder, die lautstark mit Blechdosen kickten.. die Flecke an der Wand waren noch da, die Teetasse stand dort wo sie immer stand, keine Frauenwäsche über dem Ohrenbackensessel. Was ein schneller scheuer Blick im Supermarkt in einer unbedachten Stunde alles bewirken kann ! Nicht einmal das Gespräch fand statt, dämmerte es ihm. Ich werde alt, vermutlich müssen einige Schrauben nachgezogen werden. Danach verlief sein Leben so wie es immer war, tagein, tagaus, ohne Überraschungen und ohne Krankheiten. Er war dieses Leben zufrieden und wollte garantiert nie wieder daran rütteln.





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Am nächsten Tag war Deber ganz gerädert und mit unglaublich dicken Augen vor dem Spiegel: Na alter Knabe, geht's wieder? Bist du wieder auf dem Boden, zurück im trauten Heim? Mann, das war ein Traum, unglaublich sowas. Da fiel im ein, dass er etwas von dem Tee getrunken hat, den er für einen Apotheker zusammen stellen sollte - es war auch ein wenig Fliegenpilz darin. Vermutlich wollte der Mann seine Gelenkschmerzen damit kurieren. Da kann man mal wieder sehen, welche Kraft die Natur hat, so sinnierte er- das muß ich nicht nochmal probieren. Er konnte an diesem Morgen kaum etwas arbeiten, weil ab und zu der Schwindel kam. Mit viel Flüssigkeitszufuhr ging es dann gegen Mittag wieder besser und nach einem Schläfchen war Deber wieder auf dem Damm. Er jätete noch ein wenig im Garten herum, begoß dieses und jenes Beet, legte ein Brett zwischen zwei Reihen Maiglöckchen, welche bald geerntet werden sollen. Erst am nächsten Tag traute er sich auf das Rad um einkaufen zu fahren. Er hatte wieder einmal Glück, was kein Zufall war- er kannte längst die Modalitäten des Ladens, wann die Preise herab gezeichnet werden und Schnäppchen gemacht werden können. So mancher Beutegreifer trifft sich dort an diesem "Bück-Regal". So war es auch diesmal. Er traf einen Schulkameraden, den er seit Jahren schon nicht mehr gesehen hat und sprach ein paar Takte mit ihm. Es ist schon spannend, wie sich die Vita unterscheiden. Der Schulkamerad war gerade geschieden, rothaarig war er auch (die gleiche Farbe wie im Traum) so jammerte er die ganze Zeit seiner Frau nach, über die er zeitgleich schimpfte wie ein Rohrspatz. Deber schob Zeitmangel vor und verabschiedete sich hastig. Wie ein Déjà-vu-Erlebnis kam ihm die Sache vor und unheimlich. Auf der Fahrt nach Hause entkam er knapp einem Zusammenstoß mit einem Linienbus, der Reifen ging platt und so mußte er das Rad mit Gepäck nach Hause schieben.. daheim ist Post angekommen: Ein Brief mit einer Zahlungsaufforderung von der Gemeinde - oh, das habe ich ganz vergessen! Tage gibt es, da bleibt man am besten im Bett. Als der Apotheker - wie vereinbart - die Kräutermischung abholte, erzählte Deber von seinem seltsamen Traum, aber nicht in Einzelheiten, das versteht sich von selbst. Dem Manne war das nicht einmal unbekannt, aber es helfe bei seinen Schmerzen, wie er sagte und: Wie haben sie dosiert? Ach herrje, das ist fast die 10fache Dosis, kein Wunder, dass sie solche Probleme bekamen.. seien sie froh, dass das nur ein Traum war, denn Frauen werden sehr teuer und nerven zuweilen mehr als eine Krankheit. Lachen, dann folgte eine Verabschiedung wie unter Geheimnisträgern. Von diesen Dingen bekam man im Haus nichts mit, die Mieter hatten ihre eigenen Probleme und Tagesgeschehnisse. Er rieb sich die Stirn, griff noch in die Zeitungsbox und holte das Käseblatt hervor - heute will ich mich mal wieder gruseln und etwas über Politik lesen. Er grüßte den vorbei eilenden Paketboten, der immer so freundlich war und strauchelte fast, als er die Überschrift las: Schwerer Unfall auf der B 4, eine Frau aus unserer Stadt wurde dabei getötet, weil sie aus dem Auto geschleudert wurde. Wir trauern um Sibylle Z., die als engagierte Chorleiterin in unserer Stadt tätig war. Das Foto zeigte eine ältere Aufnahme mit ..einer rothaarigen Frau, die ganz ohne Zweifel seine Schulkameradin war. Nun kam das große Gruseln über Deber, der noch den Beerdigungstermin aufschrieb und zwei Tage später zum Friedhof zur Beisetzung ging. Ganz unspektakulär und ohne allzuviele bekannte Gesichter verlief diese Bestattung, kaum ein Wort mit den anderen Trauernden wurde gewechselt, obwohl einige Schulkameraden anwesend waren. Mit dem "Kräuterdeber" wollten etablierte Bürger nichts zu tun haben, obwohl er sich nie etwas zu Schulden hat kommen lassen. So sind sie, die lieben Mitmenschen.





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Die Tage kamen, die Tage gingen, in der Remise war alles ruhig und wie immer, man hätte fast die Uhr nach Deber stellen können. Aber wie das so im Leben ist, geht nichts ohne Probleme ab. Die kleinen Fensterscheiben sind noch immer schmutzig, wie sie waren und die Metallstreben zwischen den Scheiben staubig, wie gehabt. Der Putz an der Wand ist immer noch etwas abgeblättert - die Farbe stand noch immer auf dem Fenstersims, die Abendsonne lachte rot in die Stube - dieses Rot ! Du meine Güte, dachte er, werde ich noch mal ohne an diese Farbe denken zu müssen, einschlafen können? So las er lieber noch etwas aus dem dicken Buch, das diesmal nicht den im Traum gesehenen Titel trug, sondern von Merians Pflanzenwelten berichtete. So kann es kommen. Er ging nochmal zu seinen Kräutern, ordnete und erntete ein paar, hing sie zum Trocknen auf, bevor die Sonne ganz verschwand. Dann ging er zu Bett, müde - aber an Schlafen war nicht zu denken, weil die Gedanken um diese Sibylla kreisten, die eigentlich Sibylle hieß. Wie soll ich dabei zur Ruhe kommen? Nach zwei Melisse-Tees gingen die Augen zu und erst spät am nächsten Vormittag wieder auf. Total gerädert kletterte er aus dem Bett und kochte sich erst einmal einen Kaffee. Das Trugbild der Frau in der Badewanne blitzte kurz auf, weshalb er einen Blick ins Bad warf.. nee, da war keine Wanne und auch keine Sibylla, nur eine kahle Wand mit Flecken. Er lachte über sich selber und seine Einfalt, frühstückte in Ruhe und begann den Tag zu ordnen. Nie zuvor war er so durcheinander gewesen, noch nie so tiefgreifend erschüttert. Es war irgendetwas anderes, als einer der Träume aus der Pubertät, etwas was nachhallte und ihn nicht mehr los lies. Vielleicht ist das die Einsamkeit oder das Gefühl, das aus den Hormonen gesteuert wird - wer weiß? Später kam wieder so eine Gratiszeitung in den Kasten, diemal stand dort eine Berichtigung: Wir entschuldigen uns für die Verwechslung bei dem Bericht über den Unfall auf der B 4, wo eine Frau um's Leben kam. Die abgebildete Person ist eine Mitwirkende des Chores, nicht die Leiterin, die getötet wurde. Kein Bild dabei, einfach nur dieser Satz und fertig. Vielleicht war ich auf einer ganz anderen Beerdigung und diese Leute waren nicht meine Klassen- sondern eher Schulkameraden, die etwas älteren Jahrganges waren? Deshalb war ich mir auch nicht so sicher, ob ich diese Gesichter wirklich kenne oder verwechselt habe. Die Menschen haben die Angewohnheit, ihr Aussehen meistenteils ziemlich zu verändern. Manche erkennt man zweifelsfrei wieder, bei den meisten habe ich so meine Probleme. Die Gedanken schweifen ab, als er nach einem seiner Einkaufskörbe auf dem Fahrrad griff, gerade als eine Rothaarige in seinem Alter vorbei eilte - langsam spinnst du, sagte er zu sich selber. Im Markt lud er seinen Kram ein, überlegte noch, ob nicht doch eine Flasche Wein fein wäre - als er angesprochen wurde: Du bist doch der Kräuterdeber, wie die Leute sagen? Es war diese Rothaarige, es war Sibylle, deren Bild als Todesmeldung in der Zeitung war. Ja, sagte er verdattert und was meine Schulkameradin anbelangt, sage ich nur: Totgesagte leben länger ! Beide lachten und gruselten sich doch einigermaßen über diese Verwechslung. Ich werde oft darauf angesprochen, sagt sie und langsam kommt mir die Sache seltsam vor. Ich muß weiter, habe leider keine Zeit, wir leben gerade in Scheidung und der Termin ist in einer Stunde. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder ! Ein kurzes "Tschüß" und weiter. So besonders gut hat Deber an diesem Abend seinen Schlaf nicht finden können, wieder ging das nur nach ein paar Tassen Beruhigungstee. (Den Wein hat er darüber ganz vergessen und im Laden stehen lassen)





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Der nächste Morgen war klar und fühlte sich gut an. Voller Tatendrang futterte er sein Frühstück auf und verzehrte noch ein Stück "preisreduzierten" Kuchen aus dem "Bückregal", da kam auch schon ein Auto auf den Hof gefahren und jemand klopfte an die Tür. Wer da? Ich bin's, darf ich dich einfach mal so spontan besuchen? Aha - oje, warte bitte, ich muß mir erst mal.. da stand sie auch schon im Raum, die Sibylle und stellte Blumen mit einer Vase auf den Tisch. Deber wußte nicht ein noch aus, stotterte herum wie behindert und hatte eine trockene Kehle: Du Hexe, was machst du mit mir? Sie sahen sich tief in die Augen und dann geschah exakt - bis auf ein paar kleine Abweichungen - das, was er zuvor in seinem Traum sah. Wie ein Déjà-vu-Erlebnis kam ihm die Sache vor und unheimlich, richtig gruselig und so fragte er sie: Hast du mir etwas eingegeben, was ich nicht beeinflussen konnte? Sie sagte nicht viel, nur soviel, dass ihre Urgroßmutter eine seltene Gabe gehabt haben soll und sie viele Leute im Ort als gefährliche Frau mieden. Nun saß "Sibylla" im alten Ohrenbackensessel aus Leder, dem Lieblingsplatz von Vater und hatte eine Decke umgehängt, trank den Tee und stellte die Füße, die bei Frauen bekanntlich immer kalt sind, auf den "gehäkelten Backstein" und .. schlief sehr bald ein. Der Morgen graute und Deber wurde wach, das Auto und Sibylle waren weg und auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem stand: "Ich habe mich wunderbar erholt und mich in deinem Bad fertig gemacht, das noch warme Wasser im Küchenherd war prima und ausreichend - die Dusche habe ich nicht vermisst. Entschuldige, aber von dem Brot und dem Käse habe ich etwas gegessen und dann zur Arbeit gefahren. Heute am frühen Abend werde ich zurück sein und für uns beide eine Pizza mitbringen.. PS: Der Spiegel ist zu hoch angebracht.." Der weitere Ablauf dürfte nun bekannt sein: Und was stand auf der "Agenda" an diesem Morgen? Nun, er hängte den Spiegel tiefer und sorgte für eine Ablage für ihre Utensilien, holte die alte Wanne aus dem Keller des Hauses und stellte diese in das Bad und schloss das Wasser und Abwasser an...

..und wie ging das weiter?

Sibylle hat den Job gekündigt und einen 400Euro-Job mit kleiner freiwilliger Renteneinzahlung angenommen und fuhr mit einem eigenen (gebrauchten) Rad in das Büro der Stadt. Das Auto hat sie verkauft und das Geld buchstäblich unter das Kopfkissen gelegt. (Wo die Beiden ihre Kohle versteckt haben, kann ich hier freilich nicht sagen, nur soviel, dass es weder im Haus noch in der Remise lag.) Deber hat den Keller in Ordnung gebracht und eine zusätzliche kleine Wohnung zur Vermietung freigegeben. Die Fenster darin waren eher größere Oberlichter, weil der Keller halb in der Erde gebaut war. Die Wohnung war aber gemütlich und immerhin noch 50qm groß. Ideal für eine Einzelperson oder zwei genügsame Leute. Auf diese Weise kam noch etwas Miete dazu, die zusammen mit dem 400 Euro Job der Partnerin genug zum Leben gab, ohne auf eine Hilfe vom Amt angewiesen zu sein. Die Beiden brauchten nicht so viel für sich, so konnten sie prima leben und gut sparen. Deber war die Rente "wumpe", wie er sich ausdrückte. Die Miete lief ja weiter und Wohnungen werden immer gesucht. Später wird er für seine paar Jahre Einzahlung eine Minirente haben - immerhin. So eine Radtour, das sagten sie sich, ist allemal das billigste "Fitness-Programm" das man haben kann und so praktisch, weil auch gleich der Einkauf mit erledigt wird.. auf alle Fälle hat sie wohl den Komfort in keiner Weise vermißt, sie lebte hier in der Remise richtig auf und begann ihr Leben neu. Ohne Zwang und mit viel Freizeit, ihr Dasein begann einen Sinn zu bekommen.





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Sicher fragten sich die Nachbarn, wie diese beiden wohl über die Runden kommen, aber deren äusserste Bescheidenheit war deutlich genug zu sehen. Aber als "Habenichtse" wurden sie nicht angesehen. Ohne Auto zu leben ist schon exotisch geworden, obwohl eigentlich in der kleinen Stadt alle wichtigen Dinge nah zu kaufen sind und ein Auto evtl. fragwürdig erscheinen lassen. Prestigegründe kehren das um und mit Prestige hatten die Beiden nichts am Hut. Kein Goldschmuck, keine Wertanlagen waren denen wichtig. Deber versicherte sich bei Sibylle mit und zahlte in die Krankenkasse ein, ca 120 Euro incl. Pflegeversicherung, weil seine Rahmenbedingungen so waren, dass auch er nicht mehr als netto 450 Euro von den Mieten an Einkommen hatte, weil die Rücklagen abgezogen werden müssen. Rechnen gehört bei Beiden zum täglichen Geschäft und wer heute über die Runden kommen will, darf kein Dummer und kein Fauler sein. Die Modalitäten zwischen den - inzwischen verheirateten - Beiden waren klar, Spaß und Arbeit wechslten sich in lockerer Folge ab, Deber holte nach, was er als Junggeselle versäumte und Sibylle war endlich frei und selbstbestimmt und trotzdem geachtet, ja geradezu hofiert. "Ich war nie eine Dame", sagte schon seine Mutter. Aber sie war eine beachtenswerte Frau, die keinen Widerspruch duldete. "Emanzipieren" mußte sich Mutter garantiert nicht, das müssen nur Dummköpfe, so lachte sie, als die Rede darauf kam. "..eine Frau lenkt, sie muß gar nix, sie kann wenn sie das möchte und damit basta!" Daran hielt sich Sibylle, wenn die Situation einmal nicht nach ihrem Kopf lief - was sehr selten passierte. So ein Junggeselle ist schon mal etwas "verknöchert", das liegt in der Natur der Sache. Kinder brauchten die beiden Leute nicht, die waren im Haus genug - manchmal klopften sie an die Remise, wenn ihre Eltern noch arbeiten waren und die Schule früher aus - hier konnten sie sich ausheulen, wenn die Noten schlecht oder jemand ungerecht gewesen ist. Ab und zu gab es auch ein wenig "Nachhilfe", was deren Eltern sehr dankbar quittierten. Ein wenig Hausmeister muss man immer spielen, wenn etwas vermietet wird, da waren sich beide einig. Manche Behördenleute ärgerten sich schon mal, wenn man denen in der Remise nichts anhaben oder unterjubeln konnte, das kam hinten herum raus. Wer einige Leute im Haus hat, erfährt schon so manches, was nicht offiziell ist. Auf diese Weise konnten die Beiden - wie Judokämpfer - sich durch das Leben taktieren, ohne bevormundet zu werden. Dazu gehörte auch das Testament und Pflegeverfügung auf Gegenseitigkeit. Somit war die finanzielle Sache geregelt und der Kräuteralltag begann Fahrt aufzunehmen. Sibylle arbeitete nur 3 Tage die Woche halbtags und hatte dann ihre Ruhe. Sie fuhren mit den Rädern hinaus und erweiterten den Radius der Kräutersammelei, setzten sich schon mal ein ein Cafe und lagen auf der Wiese am Wald.. die Einkäufe gerieten immer mehr zur beliebten Ablenkung, wie für andere Leute das Fernsehen. So eine Art Schnäppchenjagd, denn es waren ja gleich mehrere "Wettbewerber" in der kleinen Stadt. Strom haben die Beiden nie legen lassen, nicht mal vom Heizungskeller aus, was ja legitim gewesen wäre. Nicht mal Taschenlampen oder ein Batterie-Radio war in der Remise "erlaubt" und diese "Erlaubnisse" haben sie sich immer und ausschließlich selber gegeben. Der "edle Stolz der Unabhängigkeit" war das eigentliche Ziel.





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In anderen Orten haben Vereine Kräuterlehrpfade und Seminare und Kräutermärkte gehalten, die unseren Beiden aber recht suspekt nach Jahrmarkt gerochen haben. "Die Leute zertrampeln mehr, als die Sache wert hat" entfuhr es Sibylle, da bleibt nichts hängen außer einer heillosen Arbeit danach. Deber hat mir ihr schon über ein solches Projekt gesprochen, das die Kräuter und die Kräuterheilkunde wieder stärker in das Bewusstsein der Leute bringen könnte, wie er dachte. Sie darauf: Nee, die kaufen lieber in der Apotheke, wo alles so praktisch abgepackt in Teebeuteln zu kaufen ist. Womöglich auch noch als Hustenmischung oder Blasen- und Nierentee. Viele fahren lieber zum Drogeriemarkt und holen sich das Zeug noch viel billiger. Wer weiß, wo diese Zutaten angebaut worden sind. Vielleicht neben der Autobahn oder in der Einflugschneise? Auf Schadstoffe untersucht sind die bestimmt auch nicht. Irgendein Arzt oder Apotheker muß dafür wohl unterschrieben haben, sonst geht da gar nichts. Meistens passiert ja auch nichts und wenn nicht gerade total überdosiert wird und es zu einem Todesfall kommt, wo der Pathologe tätig wird, läuft eben der Verkauf weiter. Und dann handelt es sich nur um einen Einzelfall, denn es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn gleich ein paar Leute daran sterben. (Wie damals bei div. Salmonellengeschichten sterben nur die schon ohnehin nicht mehr so gesund gewesen sind) Die Beiden wollten kein Risiko eingehen und blieben also bei Debers altem Konzept der Vermarktung. Auch wenn so manches Kraut am Ende ausging, die Produktion sollte nicht vergrößert werden: Debers Plan sah das nicht vor, denn die Freizeit und innere Ruhe waren ihm viel wichtiger als "Expansion" des Geschäftes. Es sollte nur zum Leben beitragen - und ein Steckenpferd sein, mehr nicht. In der Folgezeit kam ein neuer Bürgermeister ins Amt, der seine eigene Heerschar nach und nach einschleuste. Neue Gewogenheiten, neues Glück, so schien der Mann zu denken - ein Doktorgrad, wie die Zeitung titelte. (Noch immer das kostenlose Exemplar, das ungefragt die Zeitungsbox und den Briefkasten verstopfte, das mit den vielen Prospekten darin, das immer nur zufällig und bei Langeweile gelesen worden ist) Was ist denn das für ein Doktor - Deber? Nun Sibylle, ich kann es dir nicht sagen, aber ein Arzt oder Apotheker oder Forscher soll es wohl nicht sein, wie man hört. Der Nachbar hat das Gespräch während des Unkrautjätens am Zaun mitbekommen und sagte - wie beläufig: Der hat BWL studiert und seinen Doktor gemacht. Vielleicht kommt mit dem die Stadt aus den Schulden heraus, der "Sonnenkönig" davor hinterlassen hat. Seltsam ist nur, dass jeder abgesetzte Bürgermeister ur-uralt geworden ist, den die Stadt jemals hatte, das geht freilich alles zu Lasten des Etats. Dann grüßte der Nachbar und machte sich an sein Tomatengerüst, das noch repariert werden mußte, bevor die neuen Pflänzchen gesetzt werden.





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Bald kamen Nachtragsforderungen von der Stadt, die zur "Haushaltskonsolidierung" nötig seien, wie es zu lesen war. Aha, so macht der das! Der Neue tat seine Arbeit immer nur so geschickt deligieren, so daß man die Taten nicht direkt auf ihn zurückführen konnte. Die Kontrolleure sind bald gekommen und haben sich dies und das anschauen wollen. Die Erlaubnis dazu haben sie direkt vor Ort erhalten wollen - jedoch waren viele Leute zur Arbeit und nicht daheim, als diese Leute auf den Grundstücken herum liefen. Das gab böses Blut in der Bevölkerung, die von der Stadt angeschrieben wurden: "Ihre Regenwasserabführung ist nach Vorschrift xyz nicht ordnungsgemäß oder muss den besonderen Bedingungen des Umweltschutzes.. blah blah angepasst werden." Bei den Beiden standen diese Kontrolleure schon im Hof, als sie von Deber nach Hause geschickt wurden: Hier haben sie nichts verloren, das ist Privatgrund, gehen sie besser, bevor eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs geschaltet werden muß! In dieser Zeit, so erzählten sich die Nachbarn über den Zaun, kamen einige seltsame Rechnungen, in denen eine "Regenwasserabgabe" gezahlt werden muss. Bei den meisten Liegenschaften wurde mit dem Hubschrauber aus festgestellt, welche "Flächen versiegelt" sind und welche nicht. Daran hat sich diese Sonderabgabe bemessen, "nach dem Schlüssel der Landesregierung" aha, ein Schlüssel. Zahlen mußten auch die Beiden und die Bewohner des Hauses, weil die Kommune "unter dem Schutzschirm" stünde, wie man auf Anfrage mitteilte. Uns sind die Hände gebunden.. Deber schimpfte: So gebunden scheinen die Hände nicht zu sein, wenn sie zeitgleich das Geld der Bewohner mit beiden Händen hinaus werfen und Prestigeprojekte starten können, wie das neue Hallenbad mit allem Pi-Pa-Po. Aber so war das ja schon immer, das hat schon meine Ur-Großmutter gesagt, die das Kaiserreich noch erleben mußte. Sibylle meinte: Das kann dann aber nur eine Erzählung deiner Oma gewesen sein - na egal, zu sagen hatte die Bevölkerung noch nie etwas und auch die heutigen Mitwirkungsrechte sind sooo dünn, daß sie kaum zu spüren sind. Der (Sonnen) König ist tot, es lebe der (neue) König und der lies mal eben das Wasser, das vom Himmel fiel und immer kostenlos war, versilbern.. so konnte Hof gehalten werden und residiert, Geld ausgegeben, das eigentlich nicht da war. "Generieren" nennen das die Studierten heute und fürstlich verdienen, ja das tun sie auch, weil "das eben so ist und die Vorgaben von dem Land gemacht werden" - je mehr Einwohner in der Stadt leben, um so besser verdient der Bürgermeister, sein Gehalt steigt nach dieser Zahl. Was lag für ihn also näher, als sofort nach einer Unterkunft zu schauen, die Flüchtlinge aufnehmen konnte. In einem alten und seit Jahren leerstehenden Hotel fand er diese Unterkunft auch. Mit Landesmitteln wurde der Schuppen hergerichtet und ausgestattet - der Besitzer hatte nichts dagegen und verdiente mit. Dass das weitere Schulden brachte, wird die Bevölkerung erst einmal nicht interessieren und dann kann das der Nachfolger auslöffeln.. nicht kleckern, sondern klotzen hat er im Studium gelernt. Bald wurden "Radarfallen" von einem Unternehmen aufgestellt, an welchen die Stadt mitverdiente. Die Gebühren für selbstverständliche Handreichungen der Behörden - pardon - "Verwaltungsakte" wurden alle teurer, selbst das Ausleihen von Büchern aus der städtischen Bibliothek und die Kindergärten - die Flüchtlinge zahlten von alldem nichts, sie bekamen auch die Eintrittskarten umsonst, bekamen Heizung, Wasser, Strom, Essen, Kleidung, Nachschulungen, Sprachunterricht und Unterkunft gratis. Seltsame Zeiten, seltsame Sitten oder quam tempora, quam modi.





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Die Beiden störten sich weniger an den benachbarten Asylanten in dem alten Hotel, sondern eher daran, daß diese Zeche die Allgemeinheit zahlen mußte, ungefragt. Dabei waren die Entscheidungsträger um Ausreden nicht verlegen, wenn es um die Aufnahme "unbegleiteter Jugendlicher" oder um deren direkter, persönlicher oder privater Beteiligung an den Kosten schlechterdings ging: Eigentlich zahlt der, der etwas bestellt hat - oder? Das macht ärgerlich und verdrossen, wie viele Leute empfanden, die nicht gerade in den Befürworterparteien "gefirmt" worden waren. Mit dem "mein und dein" nahmen es diese Neulinge nicht genau, kurz, es mußte fortan alles genau abgeschlossen und bewacht werden, wenn man die Sachen am nächsten Tag noch wiederfinden wollte. Wer etwas sagte, wurde lautstark beschimpft und bespuckt, wenn das weiter ging, war man ruck zuck von einem dutzend junger Männer umringt, die mit tätlicher Gewalt nicht zimperlich gewesen sind. Die Polizei versuchte sich "politisch korrekt" zu verhalten und ist erst einmal ein paar Runden um den Block gefahren, bis sich die Sache fast von allein gegeben hatte. Auf diese Weise machten die Baumärkte und Handwerker gute Geschäfte - mit Riegeln, Schlössern, Alarmanlagen und ähnlichem Kram. Zustände sind das, wie im alten Rom, schimpfte eine alte Frau, die lieber auf die anderen Straßenseite gewechselt ist. Nun ja, der Personalausweis, das Wassergeld, die Abwassergebühr, die Parkgebühren und die Abgaben für Müll und Stadtreinigung wurden erhöht - "moderat", wie man betonte. Das Land wird sicht- und spürbar ein anderes, da war man sich einig. Ob das an der Europäischen Union oder an viel zu viel kommunistischem Einfluß lag, war keinem so richtig klar. In diese Gespräche wurde jeder leicht verwickelt, in den Geschäften, bei Nachbarn und Verwandten. Die ganze Bevölkerung war wie mundtot gemacht, die DDR lies grüßen, obwohl diese schon lange tot war. Die danach arbeitslosen Partei-Ideologen und Demagogen sind wohl in den westlichen Parteien untergekommen und haben sich hochgewurschtelt und aufwärts gebuckelt, bis sie das Ruder in der Hand hatten. Weil sie von all diesem Kram nichts mehr hören und sehen wollten, haben sie auch die kostenlose Zeitung nur noch weggeworfen und nicht mehr gelesen. Zwischen ihrem Zaun und dem alten Hotel waren zum Glück dicke, ausgewilderte Büsche mit wildem Brombeergestrüpp, das über die Jahre des Leerstandes gewachsen war. Den anderen Nachbarn ging es nicht so gut, ständen flogen Bälle in die Blumen und Kräuterbeete, wobei die Kinder über den Zaun kletterten und diesen alsbald ruiniert hatten. Die mühsam gezogenen Erdbeeren wurden gleich mit abgeerntet.. Spielzeuge mitgenommen und auf der Hollywoodschaukel geturnt. Wehe, wenn ein Fenster gekippt geblieben ist! Dann riefen Nachbarn die Feuerwehr, weil ein meterhohes Feuer bei diesem Hotel war- nahe am Dachüberstand- weshalb schnell gelöscht werden mußte. Man wollte einfach nur mal ein Lagerfeuer haben, wie daheim in Somalia oder Afghanistan oder wo sonst diese Leute hergekommen waren. Sie kannten genau ihre Rechte, denn heimische Wohlstandsrentner der Lehrersorte half denen dabei, sich gegen die Behörden durchzusetzen.





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In der Remise jedoch war es noch recht ruhig, auch wenn ab und an und immer wieder der eine oder die andere Behörde versuchte etwas auszukundschaften, womit man Geld "generieren" oder einfach nur um Vorschriften zu machen. Noch konnten diese Leute aussen vor gehalten werden - aber wie lange wird das gut gehen? Die ärgern sich sehr, so Sibylle, dass sie uns nicht an den Eiern halten können, da wir keine Arbeitslosengelder oder Sozialknete in Anspruch nehmen, nicht mal Wohnbeihilfe und ähnliche Wohltaten.. Das Kräutergeschäft lief gut und der Renner war in dieser Saison der Spitzwegrich. Das ist der anhaltenden Erkältungswelle zu verdanken, die schon sehr grippeähnlich, aber viel länger als diese verlief. Ein kleiner Arzneimittelhersteller machte daraus seinen beliebten und gut wirksamen Hustensaft, der sich prima verkaufen lies. Dieser Geschäftsführer schickte seinen Unterhändler regelmäßig zum Abholen der neuen Charge dieses Wildkrautes. An etlichen Tagen im Jahr haben die Beiden größere Mengen davon ernten und trocknen können - in Wald und Flur. Ein kostenloser Rohstoff, den Mutter Natur spendete. Die Beiden waren sehr zufrieden mit ihrem Leben und ihrem Glück, das dennoch zu ihnen kam, wenn auch auf wunderliche Weise. Das Schicksal war ihnen gut gesonnen. Tage vergingen und sie saßen zusammen auf der Gartenbank und arbeiteten gerne mal nichts, genossen den Sonnenschein und den Gesang der Vögel. Ab und an versuchte jemand nachzuschauen, ob man in diesem Garten nicht etwas hätte ernten können - aber mit diesen Kräutern konnten diese Typen wohl nichts anfangen. Mit der Zwille und den Trockenerbsen hielt man sich so manchen Fressfeind auf Distanz. Diesen Satz mag man auslegen wie man will. In der Natur ist das eben so und nur durch unsere Zivilisation relativiert worden, was sich ein "Stückweit" aufzulösen begann. Wir wollen nicht länger diese Ruhe und Vertrautheit stören, die bei diesen Leuten -für alle sichtbar- zeigte und gehen wieder unserer eigenen Wege.. Vermutlich lebten sie ihr stilles Leben und gingen allem aus dem Weg, was irgendwie nach Stress roch - das Testament haben die Beiden so gemacht, dass an die 4 Mietparteien ein Schreiben ging, in welchem stand, dass nach dem Ableben des Letztverbliebenen (Eigentümers) die bewohnte Wohnung in das Eigentum des jeweiligen Mieters übergehen sollte. Die Nutzung des Gartens und der Remise soll ein Gemeinschaftsprojekt werden. Den Ort des Geld - Verstecks der Beiden war im "letzten Willen" festgehalten, ein versiegelter Brief, der beim Notar hinterlegt wurde. Dort stand auch der Verwendungszweck: Gemeinschaftlich, zur Erhaltung des Hauses. Die Bewohner haben sich riesig gefreut und auch gerne beim Notar unterschrieben. So lohnt sich die Mietzahlung allemal und war der Grund für ein rauschendes Hof-Fest mit Musikanten und Cateringservice. Sogar die Presse war dabei - die Vertreter der Stadt hat man nicht eingeladen.
Ein Leben am Rande der Stadt, unbeachtet wie ein unscheinbares Blümchen an einer großen Mauer,
ein sogenanntes "Mauerblümchen"!

















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