plaetzchenwolf - Hennes, Kurzgeschichte





Hennes Detektiv und Schriftsteller, fiktive Erzählung in mehreren Akten.


Der Morgen schien zum Fenster des alten vergammelten Bauernhauses hinein, der Hahn schrie sich schon seit einer Stunde die Kehle heiser, die Katze verlangte lautstark nach ihrer Milch - "ich schlafe nie wieder bei offenem Fenster" murmelte Hennes in seinem kargen Zimmer unter dem Dach.

Seine Eltern betrieben den Hof schon in der zigsten Generationennachfolge, sein etwas älterer Bruder half Vater und Mutter bei der Bewirtschaftung. Heinz soll den Hof einmal übernehmen und er gab sich redlich Mühe dabei, genau aufzupassen und den Eltern Freude zu machen. Heinz war nicht so gut in der Schule und deshalb war ihm diese Arbeit genau richtig.

Hennes jedoch fiel alles leicht, er wollte ins Gymnasium gehen, aber das war seinen Eltern schlicht zu teuer - das Schulgeld war zwar abgeschafft, aber was da alles drumherum dran hing, war eben für diese bescheidenen Leute zu viel.Hennes verstand das und absolviere die mittlere Reife mit Bravour, wählte den gerade neu geschaffenen "2. Bildungsweg" und stieg bei der Gewerkschaft ein als Lehrling zum Büroangestellen.

Man denke, so Mutter, unser Sohn hat es zum Angestellten gebracht und andere sind zeitlebens Arbeiter geblieben!
Die Eltern waren stolz auf Hennes.
Andere junge Männer hatten schon ein Mofa, er aber nicht mal ein Fahrrad - und so tippelte er die 2 Kilometer zum Bahnhof hin und am Abend wieder zurück. Die Kreisstadt war nur 15 Kilometer entfernt, aber irgendwie doch eine kleine Reise von seinem dörflichen Idyll weg - in eine fremde und geheimnisvolle Welt:

So ging jeder Tag in Früh um halb Sechs los, was seinen Bruder zum verächtlichen Kommentar trieb: "Hennes hält Waschorgien und parfümiert sich" Der Zug ging um viertel nach Sieben - Hennes mußte sich sputen, um pünktlich zu sein. Die Bemerkung seines- immer schmuddeligen Bruders- hat er dabei "überhört".

***

Hennes wurde vom Heinz, seinem Bruder immer aufgezogen, weil er die Küche in Beschlag nahm. Seit uralten Tagen hat man sich dort am "Wasserstein" gewaschen. Alle haben sich dort gewaschen - nach und nach. Das alte Bauernhaus hatte eben noch keine Toilette im Haus, sondern draussen im Hof und auch noch kein Bad, das hatten zu dieser Zeit nur neue Häuser, manche sogar gekachtelt - man stelle sich diesen Luxus vor !

Heinz vergaß nie zu stänkern: "Das riecht ja wie in einem Frisörladen - igittigitt!"
Der Bruder war schon um halb Drei in der Nacht dabei das Vieh zu versorgen, das ging schon immer bei den Bauersleut' zu.
Hennes schnappte sich schnell eine dicke Schnitte selbstgebackenes Brot, das seit Generationen in der Küche gebacken wurde, bestrich dieses mit guter eigener Butter und selbstgemachtem Quetsche-Hoink (Pflaumenmus, stückig) - während er dieses futterte, zog er sich für den Marsch an und ging seine tägliche Strecke zum Bahnhof. Flotten Schrittes. Sein größter Traum war ein kleines Transistorradio, damit der Weg etwas unterhaltsamer sein sollte - diesen Traum hat er sich erst nach der Lehrzeit erfüllen können.
2 Kilometer hin und 2 Kilometer wieder zurück, sagte er täglich zu sich selbst und in der Stadt sind es nochmal drei Straßen weit, bis zum Gewerkschaftsbüro. Diese Stelle bekam er nur durch "Beziehungen", wie man so salopp sagt - sein Onkel hat das eingefädelt. Ein solcher Büroposten war damals sehr rar, zumal diese bevorzugt mit den deutschen Kriegsflüchtlingen aus dem Osten besetzt wurden.
Die Einheimischen sagten dazu: Die "ski-Krankheit" - Schlabinski, Kukowski, Kowalinsky etc..

So verging Tag um Tag, Woche für Woche - zwischendrin immer wieder Berufsschule und gute Noten. Lernen war irgendwie schon immer sein Steckenpferd gewesen und so fiel ihm die Aufgabe leicht.
Auf dem Heimweg vom Bahnhof roch er schon den Pinges in der Röhre, den Mutter vorbereitet hatte, die Familie hat Mittags gegessen und er als Einziger eben am Abend. Zu dem Pinges gab es eingemachte Birnen als Kompott. Für Hennes war das ein Festmahl, eines seiner zig Lieblingsgerichte, wie er immer wieder betonte. Junge Männer können unheimlich futtern!

***

Die Gesellenprüfung hat er mit Lob abgeschlossen und bekam somit eine Förderungsbewilligung ausgesprochen. Für zwei Jahre besuchte er danach das Wirtschaftsgymnasium oder Fachschule und belegte das Fach Journalistik und Rhetorik. Hennes wollte unbedingt Schriftsteller werden und so schrieb er schon seit Jahren, aber die Scripts wollte keiner lesen. (So wird es wohl den meisten Leuten der schreibenden Zunft gegangen sein - aller Anfang ist schwer!)
Um diese Ausbildung zu finanzieren, konnte er seine Eltern nicht heran ziehen, denn hier war das Geld knapp - seit Generationen schon.
So arbeitete er Sonntags als Kellner oder schob Schicht an der Tankstelle, trug Zeitungen aus und ähnliche kleine Zuverdienste, die sich so ergaben, brachten eine erklägliche Summe ein. "Sich regen bringt Segen" stand über der Küchentür des alten Bauernhauses.. und "wer wetten will, will betrügen" und "Altes Brot ist nicht hart; kein Brot- das ist hart!"
Eine Tages, als er gerade die Auto - Scheiben für einen guten Kunden säuberte und die Zapfpistole noch nicht durch ihr Klacken den gefüllten Wagentank verkündete - sprach ihn ein bekannter Mann an, der hinter dem Lenkrad des wunderbaren Wagens saß:
"Hier ihr Trinkgeld" - Der Mann war immer großzügig, wenn jemand seinen Job gut tat. Er hielt einen Schein zum Fenster hinaus, Hennes nahm diesen an, trabte ins Kassenhäuschen und brachte den Restbetrag und die Quittung zum Wagenfenster.
"Ich sehe bei ihnen aus der Brusttasche ein Manuskript leuchten - schreiben sie etwa auch, sind wir Kollegen?"
Er stotterte verlegen herum, was eigentlich nicht Hennes Art war: "Ja, seit ein paar Jahren, aber es will keiner lesen, also werde ich auch keinen Verleger finden!"

Ja, das kenne ich von früher, in meiner Zeit war das auch nicht leichter - aber wenn sie ein Stück fertig haben, würde ich das gerne mal lesen..
Hennes druckste herum, es war ihm etwas peinlich, denn sein Script war noch nicht so weit, aber daheim, da waren einige Romane fertig..
"Wir sehen uns also nächsten Sonntag? Ich tanke immer Sonntags, schon wegen des Revolverblattes und der Brötchen, welches ich dabei mitbringe..! Auch wir Schriftsteller brauchen die Inspiration - von außen."

***

Er konnte es kaum abwarten den Tank-Kunden oder Schriftsteller zu treffen. So eine Woche kann verflixt lang sein, wenn man auf etwas wartet, auf das man sich freut.

Hennes arbeitet sehr an seinem Studium und war fast der Klassenprimus, schrieb nur Bestnoten und das alles ohne viel dafür zu tun. Deshalb war er bei seinen Klassenkameraden nicht beliebt. Seinem Bruder Heinz war das alles unheimlich und so verzog er sich lieber aufs Feld oder zu den Rindern.
Mutter gab immer mal ein paar Aufträge an Hennes, die aus dem Laden in der Stadt mitgebracht werden sollten. Deshalb ging jener immer ziemlich bepackt diese 2km hin und 2km zurück, murrte aber nie.
Ab und an gingen aus dem Dorf ein paar Leute um die gleiche Zeit mit zum Bahnhof und so traf man sich - Jahr um Jahr an der Milchpritsche vor dem Dorf, wo die Molkerei die Milch der Bauern abholte. (In den Hof ist die Molkerei nie gefahren - die Bauern fuhren mit einer Art Sackkarren die großen Kannen zur Milchpritsche - 2 Ösen hielten die Kanne auf der Fuhre)
Es gab immer was zu erzählen, denn es hatte - wie schon gesagt - kaum jemand ein Auto oder Motorrad und so war der Fußmarsch etwas ganz Natürliches. Man mag sich heute, bald 60 Jahre später, kaum mehr vorstellen, wie wenig befahren die Straßen waren. Wenn mal ein Auto brummte, schauten die Daheimgebliebenen gerne zum Fenster hinaus, um zu sehen wer da wohl..
Neu im Ort war die Müllabfuhr mit einem richtigen Müll-Laster und nicht mehr wie bisher von einem Bauernwagen abgeholt, der den Kram dann in den "Schinngraben" warf. Nun fuhr man den Abfall in die zentrale Deponie bei der Stadt.
Walter, sein Schulkamerad fragte Hennes:
"Wann haltet ihr Hausschlachtung? Mir wäre gerade mal wieder nach richtiger Wurst - unsere ist längst alle und meinen Eltern ist die Metzgerei zu teuer."? (Das hat sich bis zum heutigen Tage so gehalten - teuer und nun auch noch mies, mit "E-Vitaminen" überfrachtet)
Hennes hatte keine Ahnung, da hätte er besser den Heinz fragen sollen.. deshalb schüttelte er stumm den Kopf und ging weiter des Weges.

***

Der "halbe Samstag" kam, es war damals ganz selbstverständlich, ein Arbeitstag wie jeder andere, nur eben etwas kürzer. Von "halber" Arbeitszeit konnte noch keine Rede sein. Die 5-Tagewoche kam erst einige Jahre später und da auch nicht überall. Hennes schleppte eine Waschbütte aus der Stadt mit sich, denn die Eltern hatten kein Auto und Vater nur ein altes Motorrad aus der Vorkriegszeit, das nur ansprang, wenn es Lust dazu hatte.
Schwer hin das Ding von seinem Rücken, die Schultasche in der Hand, träumte er noch immer von "seinem" Transistorradio, das was es nicht gab. Durch den weiterführenden Schulbesuch hatte er weniger als den Lehrlingslohn zuvor und so war eben sparen angesagt.
Todmüde fiel zu ins Bett, neben sich eine selbstangerührte Limonade aus Gelee, etwas Zucker und Wasser. So einfach Limonade oder gar Bier war im Ort nirgendwo zu kaufen. Deshalb lief die Kneipe auch so gut. Obwohl ab und an dort Mädels waren, zog es ihn nicht hin - ich bin zu müde...
Endlich kam der Sonntag und schon ging es geschwind die Straße entlang 2km hin und später auch wieder 2km zurück- aber daran dachte er gerade nicht, sondern an das Gespräch mit dem Schriftsteller- halt!
Schnell zurück und die Mappe holen, die er sich schon aus dem Stapel fertiger Scripts auf den Nachtisch gelegt hatte.
Heinz foppte: Na, da bist du ja schon wieder..
Hennes antwortete nicht, denn sein Frühstücksbrot befüllte gerade den ganzen Mundraum- und so hastete er Richtung Bahnhof.
In der Stadt angekommen, zog er sich noch ein Vi vil aus dem Automaten für 10 Pfennig, damit er keinen Mundgeruch vor dem Schriftsteller zur Schau stellen muss.

Die Kunden kamen und fuhren wieder, aber "sein" Schriftsteller blieb wohl aus. Enttäuscht schnürte er sein Päckchen, nahm die Entlohnung entgegen, verabschiedete sich höflich und trabte zum Bahnhof. Kaum war er auf der Straße, hielt der wunderbare Wagen neben ihm an und die Beifahrertür ging auf..
Steig ein, ich fahre sowieso am Bahnhof vorbei!
Das ließ er sich nicht zweimal sagen - und schon nahm er auf der roten Ledersitzbank Platz. Direkt neben dem großen weißen Lenkrad mit dem glänzenden Chromring und dann erst die Amaturen! Hennes war ganz hin und her gerissen und starrte durch die Frontscheibe, wo mitten auf dem Kühler der Stern prankte- das Cabriodach war offen, die Vögel hörte man, die Reifen und den Fahrtwind.. der Motor schnurrte ganz leise.

***

Ich sage dir, daß ich dein Manuskript gelesen und für gut befunden habe. Es fehlt sicherlich noch der Feinschliff und ein paar Korrekturen habe ich auch dazu getan, damit man sieht worauf es ankommt. Der Schriftsteller schenkte Hennes ein paar seiner Romane - Wildwestromane um genau zu sein. Sicher, sagt er, viele nennen das Kitsch, aber man kann ganz gut davon leben. Bestimmt liest bei dir zuhause auch so mancher Romane?
Ja, Mutter, wenn sie mal nichts zu tun hat, ich muß ihr diese Hefte immer aus der Stadt mitbringen.
Siehst du? Wir Schriftsteller verkaufen eine Phantasiewelt, damit die Menschen aus ihrer Lethargie heraus kommen und auf andere Gedanken, danach geht es den Meisten wieder besser.
Mal sind es erbarmungslose Schurken und Halsabschneider, dann wieder Resi von der Alm oder ein alter Buchhalter, der einen ungewollten Skandal auslöste.. Wilderer und ein Graf dürfen freilich niemals fehlen, das hat jeder Schriftsteller drauf, wie Ehebrecher und Einbrecher, Sittenstrolche und Politiker auf Abwegen.

Hennes klebte an den Mundbewegungen des feinen Herrn und staunte.
Dieser fragte: Weißt du auch schon was dein Lieblingsthema ist?
"Liebesgeschichten ganz sicher nicht", meinte Hennes leicht unsicher, denn dazu fehlt mir die Erfahrung und von der Welt habe ich auch noch nicht viel gesehen, eigentlich könnte man doch Reisen und die Schriftstellerei verbinden - oder?
Das gibt es schon lange, Altvater Goethe war so einer.. oder Ludwig Börne, aber es gibt eine ganze Anzahl modernerer Vertreter dieser Gattung, antwortete der Schriftsteller ruhig.

Nun ist ersteinmal die Frage nach der Finanzierbarkeit eines solchen Objektes und du müßtest einen Verlag oder eine Zeitung finden, die deine Erzählungen abdruckt und vor allen Dingen bereit ist, dafür Geld zu zahlen.

Richtig Geld bekommt man aber erst, wenn man bekannt ist- und hier beißt sich die Katze in den Schwanz..
..hast du noch keine Wildwestromane gelesen?
Doch schon, aber ich konnte damit nicht so viel anfangen, weil wir nur einmal mit der Familie im Kino waren und dieser Film war noch mit Untertiteln..

So wir sind am Bahnhof - ich gebe dir dein Manuskript wieder und ein paar meiner Romane dazu, versuche so viel wie möglich daraus zu lernen !
Man verabschiedete sich sehr kollegial, wenn diese Phrase schon erlaubt ist..

***

Zuhause angekommen, hat Hennes noch lange in seinem korrigierten Manuskript gelesen. Am anderen Morgen wachte er auf und hatte das Script noch in der Hand. Er sputete sich für seine 2km Fußmarsch, nahm Mutters Einkaufszettel mit und hastete mit der Schnitte in der Hand los. Auf dem Weg und im Zug dachte er über ein neues Thema nach, wie so oft. Die Schulstunden vergingen wie im Fluge und die Ferien waren nicht mehr lange hin, wo er eine Kurzzeitstelle als Verpacker zugesagt bekommen hat.

Auf dem Nachhauseweg durch die Stadt kam er ab und an am Wochenmarkt vorbei - diesmal war die Schule eine Stunde früher zuende und so war Zeit für gewisse Studien über das Verhalten der Besucher und Marktbetreiber. Das sehr verschiedene Verhalten der ansässigen Bewohner und dies der Dorfbewohner, die hier einkauften, war für ihn sehr interessant.

Wie gesagt, kaum jemand besaß ein Fahrzeug, fast alle fuhren deshalb mit der Bahn und schleppten in Taschen und Rucksäcken ihren Einkauf nach Hause. Zuvor hatten sie von ihren Erzeugnissen, - so sie eine kleine Landwirtschaft betrieben - Butter, Eier und Handkäse, gestrickte Strümpfe mit in die Stadt genommen und bei ihren festen Abnehmern getauscht oder verkauft. Zuvor aber gönnten sie sich etwas in der Kaffeestube der kleinen Bäckerei. (Dort wurde, was heute nicht mehr ist- noch richtig gebacken)

Die Frauen nahmen sich dort ein Stück Kuchen oder Gebäck mit Kaffee, Männer ein Stück heiße Fleischwurst, Brötchen und ein kleines Bier - der Bäcker war rührig und gegenüber war sein Kumpel, der die Metzgerei betrieb..

Hennes Block war bald voller Notizen und so ging zufrieden zum Zug, wo schon einige Marktbesucher mit Tüten und Taschen alle Sitzplätze belegt hatten. So mußte er während der Fahrt stehen, die Taschen zwischen den Beinen eingeklemmt. Nun nur noch 2km nach Hause und schon war die Zeit, an seinem neuen Roman zu schreiben.

***

Diesmal floß der Text nur so aus seiner Feder, wie man früher sagte und die Seiten wurden schnell voll. Der Titel war auch schon gefunden: Die Marktfrau und ihr geheimes Leben. Es sollte ein Krimi werden, wo sich die Marktfrau mit ihrem Liebhaber jede Woche auf dem Markt traf um einen perfiden Plan wider ihren Gatten ausheckte, der ein Trunkenbold war.

Hennes hat ganz genau aufgepasst und jedes Gespräch auf dem Markt belauscht, dem er habhaft werden konnte - das tat er schon geraume Zeit und sammelte so etliche Erfahrungen und viele zwischenmenschliche Skurrilitäten ein. Einige Dinge hat Hennes beim Frisör erfahren, jene Sorte Dienstleister, die damals noch sehr geschwätzig gewesen sind.

Dann kamen die Ferien und seine Gelegenheitsarbeit als Verpacker- die für seine Schriftstellerei pures Gold wert war:
Hier arbeiteten die Frauen aus der Stadt, deren Männer nicht genug verdienten oder wo man sich etwas hinzu verdienen wollte. Wünsche waren in dieser Zeit der 1960iger Jahre riesengroß: Nach dem Krieg ging es gut aufwärts und man wollte ich etwas gönnen - die einen träumten von einer Italienreise, zumindest bis an den Gardasee, andere schwärmten von einer Hollywoodschaukel oder von einer Einbauküche, von einer Küchenmaschine oder einer elektrischen Waschmaschine, einem Staubsauger oder was auch immer - endlich war zu haben, was man sich immer wünschte.

Die Stadt hatte gleich mehrere große Kaufhäuser, die ihre Blütezeit erlebten - sie vertrieben auch über Kataloge ihre bunten Sortimente. Überall lagen in den Haushalten diese dicken neuen "Familienbibeln" herum, in denen Zettel klebten. Hier hatte jedes Familienmitglied sich das ausgesuchte Stück markiert, damit bei der halbjährlichen Bestellung nichts und keiner vergessen ging.

Die Leute verdienten noch nicht so viel, aber die Zeit war golden, es ging aufwärts. Die Wirtschaft boomte und Italien kam nahe- diesmal allerdings als Gastarbeiter, die an Deutschlands "Wirtschaftswunder" teilhaben wollten und ihr sauer verdientes Geld nach Hause schickten.

***

Hennes verpackte und verpackte- bald war er so geschickt wie die fest eingestellte Mannschaft, die gerade zum Teil im Urlaub war und deshalb Aushilfen brauchte. Das ist mein Glück, dachte er und freute sich still, schrieb zwischendrin ein paar Notizen der Gesprächsfetzen, die er von den Kollegen aufschnappte auf.

Eines Tages hörte er zufällig einen Gesprächsfetzen zwischen einem düster ausschauenden Kohlenträger und der Inhaberin der Firma auf, die ihn als Verpacker beschäftigte:
Gustav, weinerte sie, du mußt was tun- er hat mich schon wieder geschlage' und gedemütigt- mach' ihn alle, mach' ihn alle- psst, sei still, vielleicht hört jemand mit..
Das war früh am Morgen, wo die Baustoffwagen ihre Kohlen und Briketts anlandeten und die schweren Säcke in die Keller geschleppt wurden. Derbe Burschen mit ordentlich Kraft waren dabei, die 50kg Jutesäcke auf dem Rücken zu tragen - einen Ellenbogen in die Seite gestützt, mit der anderen derben Hand den Sack am Schopf gepackt, ging es flotten Schrittes die engen, manchmal feuchten Stufen hinab. Nur ein Lederschutz auf dem Rücken der Träger minderte deren Last. Ein Trinkgeld und fertig- der nächste Kunde wartet schon.
Vielleicht war diesmal in einem der Säcke, die man sonst leer über dem Arm die Stufen hinauf zum Lastwagen trug- ein seltsam schwerer, voller Sack? Nicht immer schaute der Fahrer was sein Träger tat, denn er gönnte sich während der Pausen einen Schluck aus der Thermoskanne, eine typische Sache der 50iger und 60iger Jahre. Er hielt gerne dabei sein Nickerchen.
Auf alle Fälle war der Gatte seiner Chefin verreist, wie es hieß. Als er nach 14 Tagen noch immer nicht wieder im Haus war, staunten die Nachbarn schon etwas: Der muß aber Kohle haben, wenn er sich einen so langen Urlaub leisten kann..

Diese kleinen und mittleren Städte waren nicht wie heute anonymisiert oder mit Fremden voll, noch nicht so arg mit studierten Leuten, man unterhielt sich damals wie auf dem Dorf, jeder kannte irgendwie jeden.

***

Die drei Wochen Ferienjob gingen zuende, deshalb ging sein Krimi mithilfe von Gerüchten oder Stadtgesprächen weiter, die man so auf dem Wochenmarkt mitbekam: "Psst - haben sie schon gehört, was mit dem Otto passiert ist, dem seine Frau soll doch mit dem Kohlenträger durchgebrannt sein..?"

Hm, murmelte Hennes daheim, "dem seine Frau", aber gut, so soll es sein..
Vor dem Bauernhaus hielt ein feiner Mercedes und die Fanfare des Wagens blies kurz an, der Schriftsteller stieg aus und bewegte sich Richtung Haustüre zu - als Mutter nach oben rief:
Erwartet jemand von euch Besuch?
Geschwind wie der Blitz war Hennes zur Stelle- der Schriftsteller trat ein und wurde von Mutter in die Küche gelotst, wo er einen Kaffee bekam.
"Junger Mann, ihr letztes Manuskript, das sie mir mit der Post schickten, hat mich überzeugt. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, habe ich das abtippen lassen und gebe hier das Original zurück. Sie sollten sich zur wichtigen Angelegenheit werden lassen, diese gut aufzuheben! Schon als Nachweis der Urheberschaft."
Wie üblich hängte sich Mutter in das Gespräch, wie wohl überall- "was machen sie mit der Abschrift?"
Der Schriftsteller lächelte, weil ihm die Frage sowas von glasklar war: "Ich wollte ihren Sohn heute fragen, ob er für mich im Auftrag arbeiten will, denn ich brauche immer ein paar Sonderthemen, um aktuell und vor allen Dingen vielseitig zu sein. Von nix kommt nix!"
Ich denke, meint der Schriftsteller, wir gehen mal eine halbe Stunde zusammen durch die Felder, vielleicht kommen wir zusammen und ich vermarkte dann ihre Idee oder sie schreiben nach meinen Einfällen ..
So verabschiedete er sich mit Pralinen von Mutter und ging mit Hennes los.
Demonstrativ ließ er den Wagenschlüssel auf dem Küchentisch liegen und meinte: "Wir sind bald wieder da, mit etwas Glück setzen wir den Vertrag auf!"
Erst nach einer Stunde tauchten beide wieder auf, wohl zufrieden mit ihrer Übereinkunft..
Sie haben den Vertrag unter der Dorflinde gemacht, ein einfacher Zettel mit Durchschrift und beiden Unterschriften.
Sein künftiger Auftraggeber oder Chef oder Verleger verabschiedete sich und Hennes hat den Vertrag in einen Bilderrahmen getan und an seine Stubenwand gehängt:
10% des Reinerlöses eines jeden Romans werden ausgezahlt, zuzüglich Schreibmaterial und Reisekosten.
Wieviel ist denn das? Mutter wollte alles genau wissen, aber das wußte Hennes auch nicht..
So ging er eben am nächsten Morgen 2km zum Bahnhof, von dort zur Fachschule, dann wieder 2km -mit Einkaufstaschen- nach Hause.

***

Die Zeit der Prüfungen stand bevor und Hennes lernte nicht mal dafür, weil ihm der Stoff einfach nur leicht vorkam.
Er bestand mit "gut" und war es zufrieden.
Seine schriftstellerische Arbeit war ihm eindeutig wichtiger, welcher er sich nun viel mehr widmen konnte.
Er arbeitete nebenbei mal hier und mal da, so daß er zuhause seinen Eltern Haushaltsgeld zahlen konnte, worüber man sehr froh war: In der alten Landwirtschaft waren die Barmittel sehr sehr begrenzt und immer mußte etwas bezahlt werden, mal die Saat, mal eine Reparatur der alten Maschinen.. mal war der Tierarzt im Stall und so weiter. Damals zahlte man mit "Wechsel" das Saatgut und Maschinen, diese Wechsel wurden nach der Ernte "eingelöst", also die Zeche bezahlt.

Nun klingelte der Postbote und brachte Vaters spärliche Invalidenrente, rief dabei jedoch aus: Es ist eine Zahlungsanweisung für Hennes dabei, deshalb muß er hier unterschreiben!
Er kam die steile enge Treppe hinab zur Haustür und rieb sich die Augen, als der die Hunderter sah, die der Postbote in Händen hielt: "Hier sind ihre 500 Deutsche Mark von Schriftsteller Angerer, dem Romanschreiber" Er quittierte, gab Mutter einen Teil und zog sich auf sein Zimmer zurück - bestellte aus dem Katalog des Versandhauses ein Transistorradio und ein paar neue Klamotten..
(Dieses Geld war ungefähr so viel wie ein Verkäufer in einem der Warenhäuser im Monat an Brutto-Gehalt hatte, zumindest nicht viel weniger. Die Durchschnittsgehälter waren allerdings schon etwas höher, ca 588 DM, damit konnte man keine Bäume ausreißen.)
Heimlich genoß er die Bewunderung der Familie, die sich über Hennes Erfolg zugleich wunderte wie freute.
Er half nun, da er von der Schulzeit befreit war, auch öfter in der Landwirtschaft mit, was von allen begrüßt wurde - hier kann man nie genug Helfer haben und immer ist was zu tun!
Er hat schon früh gelernt, daß Selbständigkeit nicht zur Einbildung führen wird: "Selbst" und "ständig", wie der Tankstelleninhaber immer sagte.

Dennoch war ihm die schriftstellerische Tätigkeit die liebste und der ging er überall nach, wo er ging und stand. Der Block und Stift waren immer griffbereit.

***

Großbriefe gingen zur Post, Geldanweisungen kamen zurück, so ging das ein ganzes Jahr reibungslos. Der Schriftsteller war zufrieden, seine Verkäufe waren sehr gut angewachsen und so beteiligte er auch den Hennes, der schon fast doppelt so viel wie zuvor verdiente. Man schrieb das Jahr 1966, als erstmalig sein Name auf einem der Romane des Schriftstellers als Urheber auftauchte. Der nächste Besuch seines Chefs offenbarte noch mehr:
"Ich will mich zurück ziehen und die Schriftstellerei an den Nagel hängen, den kleinen Verlag, den ich mir in den besten Jahren kaufen konnte, werde ich weiter betreiben - ich hoffe, daß wir weiter in Geschäftskontakten bleiben!"
Hennes freute sich sehr und versprach dem Verlag treu zu bleiben.
Hennes kaufte sich einen gebrauchten "Käfer", der nun auch der Familie zur Verfügung stand und ganz neue Erlebnisse brachte.
Nun bekam er sein erstes Girokonto und der Geldbriefträger brachte nur noch Vaters Rente, die auch bald auf ein Konto kamen, das bei der "Bäuerlichen", der Raiffeisen eingerichtet wurde. So war das auf dem Land, eine Hand wusch die andere.
Vater ließ sich fahren, denn er hatte - wie viele damals - nur den "alten Dreier", der hätte nur für ein kleines Motorrad mit Beiwagen oder für einen Goggomobil gereicht und die waren vergleichsweise teuer, weil gesucht..
Hennes fuhr mit Mutter einmal die Woche in die Stadt, weil der kleine Dorfladen einige Dinge nicht führte. (Sehr viel später sollte dieser Filialist mit kleinen Supermärkten aufs Land kommen, wenn die "Tante - Emma - Länden" ausgestorben sein werden.)
Ab und an fuhren bei ihm auch "Anhalter" aus dem Dorf oder von unterwegs mit, weil das damals so war- einer hilft dem anderen.
Nicht lange und es kamen noch ein paar Autos in die Haushalte des Ortes, nach und nach, wie die Fernseher und die Waschmaschinen überall Einzug hielten. Bald war auch der letzte Bauernhof mit einem Bad ausgestattet, dann folgte die Zentralheizung, wo bislang ganz selbstverständlich mit Öfen geheizt wurde.

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Die Feder wurde durch eine gebrauchte Schreibmaschine ersetzt und nun ging es nochmal flotter mit den Manuskripten vonstatten. Unterwegs machte man sich seine Skizzen und Bemerkungen, hielt ein Thema fest und das war es auch schon bald - nur das Thema Korrekturlesen war noch ein Problem. Der Schriftsteller wollte lieber seine Freizeit genießen und so gewann Hennes den alten Dorfschullehrer, der in Pension war und der sich furchtbar langweilte, als seine Frau gestorben war.. damals bekamen die Lehrer noch nicht so viel Rente, deshalb freute dieser sich über das Zubrot - die Miete war eben auch nicht billig.

Hennes blühte auf und schon bald besuchte ihn eine junge Frau zuhause, die er schon ein paar Male mit dem Auto in die Stadt mitnahm. Mutter war ganz aus dem Häuschen und freute sich sehr, besonders weil sie sich mit Vater schon darüber Sorgen machten, daß Hennes nie irgendwelche Ambitionen zeigte..

Ich bin die Sieglinde, sagte sie schüchtern, aus dem Nachbardorf, wo mein Vater die Gastwirtschaft hat. Die zierliche Kleine war etwa in Hennes Alter, vermutlich kannten sie sich von der Konfirmation her, denn die Orte waren im gleichen Kirchspiel.

Sie unterhielten sich über dies und das, Sieglinde half beim Abwasch- wie sie das wohl daheim auch tat und bald tuschelte sie mit Mutter, als wären es Freundinnen oder Verschworene.
Heinz schaute ganz linkisch zur Tür herein und lief gleich wieder weg: "Weiberkram"..da mache ich lieber den Traktor sauber, der damals eine unglaublich Investition der Kleinbauern war- und nur mithilfe der Genossenschaftlichen zu schultern.

Am frühen Abend fuhr Hennes die Sieglinde nach Hause, wie versprochen.

***

Er parkte den Käfer dezent am Rande des Parkplatzes vor der Gastwirtschaft und schon ging es los: Wo warst du denn die ganze Zeit, Sieglinde- wir hätten dich hier hinter der Theke gebraucht! Heute abend kommt der Kegelverein und die Stammtische werden auch besetzt sein, Vater kann im Augenblick nicht, denn der liegt mit der Grippe im Bett.

Kein Problem sagt Hennes, ich fahre nach Hause und sage Bescheid, daß sich niemand ängstig und helfe euch, ist doch klar. Kellnern und hinter der Theke ist mir nichts fremd, das habe ich oft genug während des Studium machen dürfen.
Und so kam es auch- bald war der Käfer wieder da und der Hennes zog sich die Schürze an und zapfte bereits das 1. Bier, unterhielt sich mit den Gästen, die er zum Teil aus seinen verschiedensten Jobs her kannte.
Die jungen Leute "schmissen den Laden" ganz alleine und Sieglindes Mutter konnte sich dem kranken Manne widmen.
Am Abend gingen die Gäste nach und nach, sie hatten das vorbereitete Essen serviert und kassiert, schlossen die Gaststube ab und .. schliefen auf der langen Eckbank des Lokales Arm in Arm ein, todmüde und kaputt.
Am nächsten Morgen kamen die Eltern und wollten nach dem Rechen sehen und mußten lachen: So hat das bei uns auch angefangen- weißt du noch?
Dann bereiteten sie das Frühstück und weckten die jungen Leute: FFFFFFRRRRRRühstück, Aufstehen!
Schlaftrunken setzten sie sich an den gedeckten Tisch und nebenbei zählte Vater die Einnahmen - Mensch, wir wart ja richtig gut, es scheint mir ein ziemlicher Ausverkauf gewesen zu sein gestern Abend!
Hennes spielte gestern abend auf seiner Gitarre und spontan haben sich andere Leute mit ihren Musikinstrumenten dazu gesellt, meinte Sieglinde- es war richtig Stimmung im Saal!
Zwischen den Musikstücken wurde nachgezapft und serviert, kassiert und abgeräumt - den Gästen war das wohl recht, denn wer hier saß, der hatte Zeit.
Das ging ein paar Wochen so, daß Hennes sich hier als Aushilfe betätigte, ohne Geld dafür zu nehmen. Zwischendrin machte er sich Notizen für seinen neuen Roman: "Der Hinterwäldler", eine fast typischen Wilderergeschichte, aber in den 1960iger Jahren spielend, wo der Täter ein Lokal betrieb.

***

Wir haben noch Platz unter dem Dach - meinte Sieglinde plötzlich, als gerade kein Gast in der Stube war.. was willst du damit sagen, meinte er trocken und begriffsstutzig wie fast alle Männer. Ihre Mutter hat das freilich mitbekommen, denn es gibt keine besseren Ohren als die der künftigen Schwiegermütter.. Die Gastwirtsleute hatte nur das eine Kind, der Sohn war bei einem Unfall ums Leben gekommen und das hatten die Beiden nie überwinden können.

Damals war es noch üblich, daß sich die Gegeneltern besuchten um sich kennen zu lernen. Diese Treffen sind immer etwas nervös und seltsam- die Jungen sind dem ferngeblieben, wie das eben so war. Die hatten bessere Dinge zu tun - fix nach der Vorstellerei verschwanden sie geräuschlos im Heuschober der Scheune. Hennes wußte: Heinz ist gerade auf dem Acker und hat bis Mittag zu tun, die Eltern redeten miteinander.

Als sie vorsichtig ums Eck lugten und die Bahn frei war, traute sie sich aus der Scheune um dann gerade noch den Abschied zu sehen, wo sich die Elternpaare herzlich zeigten - und bald darauf in ein brüllendes Gelächter ausbrachen:
"Vielleicht solltet ihr das Heu aus den Haaren..?"
Die Jungen leuchteten wie die polierten Äpfel auf dem Weihnachtsteller.
Die Mütter wurden dann plötzlich still und mußten ganz eilig in ihre Küchen um aufzuräumen. Die Väter klopften sich auf die Schultern: Na, das kann ja was geben !
Damals waren die Bräuche noch strenger, ohne eine kirchliche Heirat wäre das nicht gegangen und ohne verheiratet zu sein, durfte kein Paar zusammen wohnen, ohne evtl. durch den "Kuppeleiparagraphen" Probleme befürchten zu müssen - besonders die Eltern, die das Zimmer zur Verfügung gestellt haben.
Also haben sie die Beiden offiziell verlobt und auch nicht herum geheimnist.
Eine relativ kleine Hochzeit fand am freien Tag der Gaststätte statt und bald war Kirche und Feier vergessen - denn der Alltag holte alle Teile schneller ein, als man glauben sollte: Das Geld will verdient sein, Luft und Liebe ist ja schön, meinten die Väter unisono, aber davon wird man sehr hungrig !

***

Heinz fand es bald recht ruhig auf dem alten Hof und druckste herum: "Ein Steckenpferd sollte man haben"
Die Eltern schauten sich an und er wußte gleich, was beide dachten. Nee nee, das wird nix, mit Weibsbildern mag ich nicht, da muß man ja immer gewaschen sein und gut duften, nee nee..

Sieglinde und Hennes werkelten bald an ihrer eigenen Wohnung herum und hatten alle Hände voll zu tun.
Hennes hatte nun weniger Zeit "Detektiv" zu spielen und seltsame "Fälle" aus den Gesprächen der Marktbesucher heraus zu filtern, um diese in seinen Romanen zu verarbeiten. Das war wohl einerseits bedauerlich, aber andererseits taten sich ihm ganz neue Felder auf, wenn man zeitweise als Gastwirt tätig sein darf.

Sieglindes Eltern haben sich großzügig gezeigt und halfen den Beiden, so wie sie es noch konnten, spendeten einen Gutschein für den fälligen Besuch im Möbelhaus.

Nicht lange hin und man war eingerichtet - und auch hier lag der Versandhauskatalog wie eine Familienbibel auf dem Schrank..
Gerade war die 1968iger Studentenbewegung, als die Hochzeitsglocken läuteten und ohne großen Pomp die Feierlichkeiten durchgezogen wurden - "Bescheidenheit ist eine Tugend, genau wie Freundlichkeit zu jedem, sonst kann man keine Gaststätte führen!" Vater hatte wohl recht. Übertreibungen hätten den Anschein erweckt, daß man hochmütig sei und diesen Eindruck galt es unbedingt zu vermeiden.
"Heinz als Brautjungfer, ich werf' mich weg und hast du gesehen, wer den Strauß aufgefangen hat, den ich warf?"
Nein, sagte er - wer? Dora vom Nachbarhof..
Na prima, dann kommen die richtigen zwei Besen zusammen!
Die Eltern hörten dieses Gespräch und prusteten vor Lachen.
Die fahren ja noch mit dem Ochsen aufs Feld, wie vor tausend Jahren!

***

Nun lebt der Hennes mit seiner Frau im Gasthaus, in den oberen Stuben und unter dem Dach kann es so richtig gemütlich sein, vermutlich schöner als in sonst einer Wohnung. Statt Schränke gab es kleine Zimmer, die früher wohl für Bedienstete gedacht waren, alle Räume hatten schräge Wände. Das Wohnzimmer war der größte und höchste Raum, mit den zwei mächtigen Eichenständern, die jeweils zwei Abzweigungen besaßen. Die Alten waren weitsichtig genug, das Dach damals schon isolieren zu lassen, was keineswegs selbstverständlich war. Ein Bad hat man auch eingebaut, was bei einem Gasthaus Stand der Dinge war, wollte man Gäste haben.

Die Eltern lebten in einem Anbau, der über den Toilettenanlagen der Gaststätte großzügig Raum bot.
Über Küche und Gastwirtschaft waren die sechs Gästezimmer, die Vater mit Dusche und WC ausstatten ließ - damals noch recht neu und innovativ.

Das Gasthaus lief gut, aber Übernachtungsgäste waren eher selten, weil in diesem Dorf eben "der Hund begraben liegt", so Mutter nebenbei aus der Küche..
Steffi, die Nachbarin half ihr seit Jahr und Tag in der Küche, denn alleine schafft das keiner.

In dieser Woche war Schlachttag, wo der Hausmetzger und sein Gehilfe im Innenhof werkelte- eine dicke Sau wurde geschlachtet und zerwirkt, die Wurschtsupp war der Renner an diesem Abend in der Wirtschaft.
Dabei wurde fleißig Korn getrunken, aus Dauborn, wie sich das seit vielen Jahrzehnten gehört.
Die Jungen halfen nach Leibeskräften und wurden bald recht beliebt bei den Gästen.
Der Umsatz war prima und die Eltern freuten sich.

Das Flaschenbier war im Ort noch nicht so recht angekommen, die privaten Verkaufsstellen kamen in Mode, wo man Mineralwasser, Limo und Bier kaufen konnte. Das sollten die Wirtschaften später zu spüren bekommen!
Hennes hatte das schon in einem Roman thematisiert und sich seine Gedanken gemacht, wenn die alte Form der Gastwirtschaft mal nicht mehr so gut gehen würde.

***

Die Beiden gingen an ihrem freien Tag ausgiebig in der Stadt flanieren, sahen dies und das, Hennes machte sich - wie immer - Notizen, um für den nächsten Krimi gerüstet zu sein. Wie zufällig hört sein geschultes Ohr den Satz:

"Wenn das heraus kommt, was da drin ist, kommt er rein und nie wieder raus.." Zuvor las man in der Zeitung, daß jemand seine Frau zerstückelt hatte.. die Rede war von einem Metzger, der wohl nicht gerade saubere Sachen machte. (Was nichts mit dem Mord zu tun hatte, welcher Jahre zurück lag)

Auf jeden Fall war der nächste Krimi gesichert und die Schreibmaschine hatte zu tun, der alte Lehrer war inzwischen gut eingedeckt mit Material und das war sein "Fernsehgerät", wie er immer witzelte. Die anderen Leute im Dorf haben TV und Phono, ich brauche das nicht.
Heinz und Dora legten schon Pläne an, wie sie beide Höfe zusammen bewirtschaften konnten, wenn die Alten nicht mehr können, wie man damals sagte. Sie bekamen bald Zwillinge, zwei Buben und freuten sich über die "Stammhalter".

Wie überall stichelten die Alten, wenn sich nicht gleich Nachwuchs einstellt - darunter litten Hennes und Sieglinde anfangs schon ein wenig, freuten sich aber um so mehr über die "sturmfreie" Zeit, die mit Kindern eben so nicht mehr gegeben ist. Trautes Heim, Glück allein?

Die Kinder auf der Straße riefen immer:
"Sie mal da, ein verliebtes Ehepaar!"
Die Gaststube lief bald nicht mehr so gut, weil immer mehr Modernität gefragt war, man ging zum Griechen oder Italiener viel lieber als in die heimischen Lokale.
Die Vier berieten sich und kamen übereins, daß ein Umbau der Geschäftsidee nötig sei.
Sie machten aus der typisch hessischen Gaststätte ein Äppelwoi Lokal oder Straußwirtschaft, das in der Gegend einzig war.
Die Gastzimmer wurden an angehende Techniker vermietet, die in der nahen Stadt studierten - ein gutes und vor allen Dingen dauerhaftes Geschäft.

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Die Straußenwirtschaft wurde bald zum Wanderziel der wieder auflebenden Bewegung, hier konnte man zu günstigen Preisen deftiges Eisbein, Rippchen mit Kraut und.. Apfelwein und Apfelsaft zu sich nehmen. Andere Speisen waren nun nicht mehr im Angebot und der Dorfmetzger lieferte gerne. Die Wirtschaft begann wieder an Fahrt aufzunehmen.

Von der alten Kelterei der Gegend kam das "Stöffchen" und der Saft, Produkte mit besten Ruf.
In der Stadt nannte man das "Szenelokal", wo die Vier nicht genau wußten, was damit gemeint sein könnte - moderne Zeiten!
Die Zeit wurde moderner, die Autos auch, die Zeit der "Emanzipation der Frau" wurde auch auf die Dörfer geschleudert, obwohl man hier nicht viel damit anfangen konnte. Frauen haben immer das Haus und die Kinder, Männer in den Gruben und auf dem Feld ihr Werk getan - diese Aufteilung geriet nun ins Wanken, nicht zuletzt durch die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Schließung der Gruben, die nicht mehr genug Ertrag erbrachten.

Arbeitslosigkeit durch Automatisierung in den Betrieben machte die Runde, die Frauen waren gezwungen in der Stadt zu arbeiten um die Familien über die Runden zu bringen. Ein enormer Wandel in der Gesellschaftsstruktur auf dem Lande setzte ein: Nach und nach wurden aus Dörfern Schlafstätten der Pendler. Die ersten Supermärkte ließen die Tante Emma-Läden absterben, die noch übrig geblieben waren. In jeder Familie war nun ein Auto vorhanden- und.. Schulden.

Diese Umstrukturierung konnte die Gastwirtschaft nur mithilfe der Gelder aus Hennes Schreiberei überleben, die sehr gut lief. Er bekam sogar Anfragen von Regisseuren und Filmemachern, die sich in seinem Fundus bedienten um neue Themen zu haben.

***

Es wurde ruhig in der Wirtschaft und nur zum Wochenende kamen ein paar Ausflügler, die sich den "Geheimtipp" weiter gaben.

Leben hätte man davon nicht können, mit 2 Paaren überhaupt nicht. Also mußte eine neue Lösung her. Zu verkaufen wäre eine Wirtschaft in dieser Zeit nicht gewesen, denn es ging den anderen Gastwirten ähnlich, die ebenfalls mit dem Verkauf ihres Gemäuers liebäugelten.

Hennes verdiente gut und der Rest der Familie eben nicht - diese Schieflage war nicht lange zu ertragen und bevor der erste Streit kam, sann man um Abhilfe der Situation.
Die Idee kam Vater, als er bei der Genossenschaftlichen war und zufällig ein Gespräch anhörte:
"Wir haben keinen richtigen Versammlungsraum, weder der Gesangverein noch die anderen Vereine, wenn größere Feierlichkeiten anstehen. Der Gemeindesaal ist noch in weiter Ferne, falls die Grundschulen zentralisiert werden und die Dorfschule mit den Klassen 1-4 geschlossen wird, da würden die Räumlichkeiten frei. Die Gemeinde hat aber kein Geld für einen Umbau.."
Die Familien waren sich bald einig- wir müssen einen Kredit aufnehmen und den Innenhof als eingeschossige Halle bebauen, die Toilettenanlage erweitern. Die Eltern würden dann in die Gastzimmer umziehen, der Anbau wäre somit frei dafür. Die alte Gaststube bliebe erhalten, ebenso die Küche.

Einstimmig beschlossen.
Dann kamen bald die Bauleute und eine weit tragende Halle mit Podium entstand. Mit stabilem Tanz-Parkett. Die Halle ohne Fenster sollte mit automatischen Oberlichtern die Klimatisierung schaffen. Die Raumhöhe mit 5mtr sollte dem beitragen. Dazu wurde das kleine baufällige Nachbargrundstück gekauft, das schon lange leer stand.

So entstand in kurzer Zeit eine der modernsten Gesellschaftshallen dieser Zeit.

***

Mithilfe von Landesbaudarlehen und Strukturzuschüssen geriet der Plan und die Bewirtschaftung begann.
Die Halle wurde auf Zeit von den Vereinen und später auch von anderen Events reserviert und war bald ständig ausgebucht. Mal übte der Gesangverein, mal trainierten Handballer darin, mal waren Tanzveranstaltungen geplant, dann die Kirmes oder große Hochzeiten, Parteiversammlungen oder Lichtbildvorträge.
Die Bewirtung war sehr flexibel und umfasste ein breites Spektrum - was die Organisatoren eben so bestellt haben. Hennes brauchte die Stadt nun nicht mehr, um interessante Dinge zu erfahren..
Die Äppelwoi-Lokalität blieb unberührt und lief immer besser, auch wenn nebenbei auch Bier gezapft wurde, wie das schon immer war. Statt Langeweile war nun Vollbeschäftigung angesagt und Hennes schrieb weiter und weiter - man beschäftigte schon mehrere Kräfte aus dem Ort, die froh um einen Nebenverdienst waren.

Der Saal ließ sich gut vermieten, weil die Preise moderat gehalten wurden und der Service und das Essen bekannt war.
Hennes schrieb seinen Krimi fertig und wartete danach - wie immer - auf eine Inspiration.
Die Zwillige von Heinz und Dora wuchsen und gediehen, der Doppelhof wurde ein wenig modifiziert zum "Biohof", eine neue Erscheinung, die gerade in Mode kam. Nur mit pflanzlichen Wirkstoffen gegen die alten Krankheiten vorzugehen bereitet eben mehr Mühe und vor allen Dingen Wissen. Die Beiden arbeiteten daran, zum Musterbetrieb der "biologisch-dynamischen-Erzeugung" zu werden und hatten deshalb recht viele Fachleute zu Besuch. Eigentlich haben die Generationen zuvor schon ebenso gewurschtelt - ohne Chemie und Kunstdünger, eine große Umstellung war "Bio" nun wirklich nicht gewesen.
Ihr Absatzmarkt war die Kleinmarkthalle, hier wurden gute Preise aufgerufen, die bei weitem lohnender waren, als die Massenproduktion der anderen Höfe.
Reiche Leute aus der Stadt zahlen eben gerne mal den dreifachen Preis für einen Salatkopf ohne Chemie, desgleiche für Eier und Butter und Obst.

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Hennes und Sieglinde mußten hintereinander beide Eltern beerdigen, sie waren ganz einfach am Ende ihrer Kräfte. Sie arbeiteten bis zum Schluß hart mit, weil sie Angst vor dem Altenheim hatten, das in dieser Zeit eine Art Abschiebeanstalt für lästige Eltern geworden war - die Jungen waren nunmehr alle berufstätig und hatten keine Zeit sich um die eigenen Eltern zu kümmern, wie das in dem Jahrtausende alten Generationenvertrag geregelt wurde. Wenn niemand mehr zuhause ist, hat der alte Mensch keine Hilfe. Die heutige Pflegekraft war zu dieser Zeit noch nicht einmal angedacht.

Am Grabe war man sich einig: Die Beiden sind bis zuletzt zufrieden in ihrer Arbeit gewesen.
Ohne die Eltern war irgendwie alles leer und fade, Hennes und Sieglinde sahen keinen Sinn mehr in ihrem Tun in dem Gemäuer, das seine Seelen verloren zu haben schien.
Als Sieglinde schwanger wurde, haben sie das ganze Anwesen verkauft und sind in eine Eigentumswohnung in der unweiten Kurstadt gezogen. Hier waren Kindergärten, Ärzte und Geschäfte aller Art, ein wunderschöner Kurpark und einen Balkon mit Blick ins Grüne hatten sie auch.

Hennes war der Meinung, daß sich die Frau um Wohnung und Kind kümmern und die restliche Zeit genießen, statt verdrießen sollte. (Sie hatte damals auch noch keinen Beruf erlernen können, weil sie in der Gaststätte half.) Er war praktisch immer bei seiner Familie und schrieb seine Romane, wo inzwischen auch Bestseller dabei waren. Er schrieb niemals dicke Bücher, sondern immer nur diese typischen Groschenromane, von denen man recht gut lebte.

Seine Sieglinde ist eine stattliche Frau geworden und das blieb auch den Casanovas der Stadt nicht verborgen, die sich die Köpfe verdrehten. Inzwischen kamen diese Typen aus vielen Ländern in die Stadt, um hier eine Anstellung zu finden.

***

Sieglinde kam erst spät aus dem Park nach Hause und sagte, daß sie beim Arzt war, weil sie Blutungen gehabt habe und dabei sei das Kind abgegangen. Sie war aber seltsamer Weise nicht betrübt, sondern nahm diese Tatsache eher gelassen hin und wurde auch bald wieder genesen.

Sie nahm wohl heimlich die Pille, die man in dieser Zeit bereits auf Rezept bekam und wirkte immer etwas mehr lethargisch und abwesend. Hennes schob das auf eine Kindbettdepression und versuchte immer sie aufzumuntern.
Eines Tages saß er auf dem Balkon und tippte auf der Schreibmaschine herum, um noch geschwind ein Manuskript zu schaffen, bevor der junge Student auftauchte, den er für die Korrekturlesungen gewonnen hatte. Der alte Lehrer war auch nicht mehr und so war Hennes im Zugzwang. Wer schreibt kennt das nur zu gut.
Diesmal hatte sich der junge Mann wohl verspätet und Sieglinde war noch beim Einkauf - also hat er noch geschwind den Haushalt gemacht und legte sich etwas aufs Ohr. Sie kam mit Einkaufstaschen nach Hause, stellte diese in der Küche ab und meinte: Ich bin noch zum Joggen verabredet, unterwegs sind mir ein paar andere Frauen begegnet, die sich auf diese Weise fit halten wollen - es macht dir doch nichts aus - oder?
Nein, ach was, geh nur, ich bin gerade so müde von der langen Schreiberei und muß sowieso warten, bis der Student kommt.
Ein Zettel war im Briefkasten, wo sich eben dieser entschuldigen läßt, er habe heute noch wichtige Vorlesungen zu besuchen.
Sie räumte den Inhalt der Tüten in den Kühlschrank und ins Vorratsregal und rief beim Gehen: Bis nachher also! Und schon war die Tür zu und eine seltsame Stille war in der Wohnung.

***

Hennes konnte nicht mehr einschlafen und beschloß ebenfalls durch den Park zu gehen, vielleicht käme er ja dabei auf einen neuen Gedanken , sinnierte er auf einem Croissant herum kauend, das er in der kleinen Konditorei in der Auslage so hinreisend fand. Dort hörte er - während der Expresso schlückchenweise das Croisannat weich machte: Die Frau des Schriftstellers .. tuschelte jemand.

Die Sache mit Sieglinde rührte irgendwo im Inneren und er konnte sich partout nicht erklären warum. 7. Sinn? Eifersucht? Er wischte die Bedenken zur Seite und lachte über sich selbst.
Er ging am Softeis-Stand vorbei, der gerade als ein kleines Novum in der Stadt von Groß und Klein gefeiert wurde, kaufte sich die kleinste Portion und ging ruhig und etwas verträumt die Seitenweg des Parks, weil im die vielen Leute auf den Hauptwegen in den Gedanken störten.
Ab und an saßen Paare auf den vielen Bänken des Parks, innig umschlungen. Auf dem Parallelweg zu dem, welchen er gerade auf dem Kies schritt,- um eine alte Eiche herum hat man eine Bank gebaut. Er sah deutlich, daß die junge Frau in den Armen eines stark gebräunten großen Mannes das Kleid an hatte, das er Sieglinde zum Geburtstag geschenkte hatte .. sie zeigte sehr viel Bein, hatte feine Stöckelschuhe an.
Er beschloß spontan einen Bogen zu gehen und die Sache von der anderen Seite her zu beleuchten oder zu verifizieren.
Ohne Zweifel, sie hatte das Kleid an, ist aber mit dem Jogginganzug aus der Wohnung gegangen und das vor Stunden..

Tags darauf wiederholte sich das gleiche Spiel, sie ging Joggen und Hennes schlich nach einer halben Stunde nach.
Wieder kam er an dieser Bank vorbei -
Sie saß freizügig mit ihm auf der runden Bank- aber wer war das? War das der Student, der sein Korrekturleser sein sollte?
Dieser Typ war viel kleiner und hatte eine blasse Haut, er könnte das wohl sein. Der Andere vom Vortag war das definitiv nicht. Noch ein Liebhaber?
Irgendwie kannte er diesen blassen jungen Mann, der wohl als Verpacker angefangen hatte und wie er jobbte, um über Wasser zu bleiben -
Irgendwie kannte er diesen gebräunten Typen zuvor, war das nicht der Pfarrer?

Seine Gedanken wirrten im Kopf herum.
Damals haben viele Italiener in Deutschland Arbeit gefunden und sind dann geblieben, statt nach Beendigung der Aufenthaltsgenehmigung wieder zurück zu reisen. Dann kam die humane "Familienzusammenführung" und die Sache verselbständigte sich zu einem unendlichen Zustrom aus einigen anderen Ländern, sogar bis nach Kurdistan und Afghanistan hinein, aber das kam deutlich später. Italienern folgen Spanier, Griechen und Jugoslawen..

***

Nun war die Sache raus, er war sein eigener Detektiv geworden und sein eigener Fall war der mit seiner eigenen Frau. Dieses Heimspiel gefiel im überhaupt nicht. Als er wieder in der Wohnung war, schrieb er an einem neuen Thema: Der Detektiv in dir. Dann kam Sieglinde nach Hause und tat, als sei sie joggen gewesen- sie war im Joggingdress und duschte erst einmal ausgiebig um dann am Abend vor dem Fernseher einzuschlafen.

Am nächsen Tag betrieb sie wieder das gleiche Spiel, diesmal mit dem bleichen Studenten, der Korrektur lesen sollte, am Tage drauf traf sie sich mit einem älteren Mann, den er als ihr Arzt identifizierte, bei dem sie mit der Blutung war.
Immer kam sie zurück im Jogginganzug, als wäre nichts gewesen.
Nun stellte er sie zur Rede und sie sagte nicht viel, nahm sich die bereit gestellte Tasche und ging.
Sie ist weg!
Einfach so.
Warum und wieso war Hennes total unverständlich, wo sie doch ein Traumpaar waren und alles teilten.
Nach 14 Tagen - er schrieb seine Geschichte in der Zwischenzeit als Roman auf, rief sie an und verlangte die Scheidung. Hennes wußte nichts mehr zu sagen und seine Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet.
Er ging zu ihrem Arzt und wollte erfahren, ob sie in der Praxis noch in der Patientendatei gelistet sei.
"Sie verstehen ganz sicher, daß ich ihnen nichts sagen darf, aber fragen sie doch einmal den Pfarrer der Gemeinde hier, ein großer, braungebrannter sportlicher Mann, sie werden ihn nicht verfehlen können.."
Aha, so schaut heute also "Seelsorge" aus, murmelte er, bedankte sich und ging.
Und er ging zum Pfarramt - auf dem Weg dorthin kam er an dieser Parkbank vorbei und sah die Beiden wieder eng umschlungen.

***

Hennes war fassungslos - sollte er die Beiden zur Rede stellen oder auf den Scheidungswunsch eingehen oder sich lieber "tot stellen", er wußte sich keinen Rat. Er beschloß denen "Liebenden" heimlich zu folgen. Lange mußte er nicht warten, als sie sich erhoben und.. einfach verabschiedeten wie gute Freunde. Sie ging nach Hause und er ins Pfarrhaus, wo seine Frau wartet und drei Kinder, wie Hennes heraus fand.

Nun war er es, der später nach Hause kam und eine Einkaufstasche trug. Sie wirkte abwesend, irgendwie wie in einer anderen Welt und ihre Augen waren glasig.
Sie antwortete auf keine Frage und ging gleich zu Bett.
Am anderen Morgen packte sie ihre Koffer und lud sie in ein Taxi und verschwand endgültig aus seinem Leben.
Ohne Abschiedswort und ohne Gruß.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, ein Vordruck zur Einwiligung der Scheidung und keine Zeile weiter.
"Abzugeben im Pfarrhaus der Kirchgemeinde St. Augustin, hier."

Aha, nun hatte er endlich einen Grund diesen seltsamen Herrn Pfarrer einmal persönlich zu sprechen!
Auf dem Weg dorthin ging er zum Bäcker und zum Metzger, holte sich etwas Wurst und zwei Brötchen und fragte - wie beiläufig - ein wenig über den Pfarrer aus.
Das ist ein Weiberheld, der läßt nichts anbrennen und er hat zig Affären, weshalb er hier hin strafversetzt worden ist..
Aha.
Weshalb will sie die Scheidung? Das passt doch alles gar nicht zusammen!
Die Gedanken kreisen im Kopf, als er vor der Tür des Pfarrhauses ankam und nach kurzem Zögern klingelte.
Eine korpulente Frau öffnete und im Hintergrund plärrten die Kinder umeinand - oje.
Ich möchte ihren Mann, den Pastor sprechen, sagte er gedrückt.
Das kann ich auch von mir sagen, ich suche ihn auch - er scheint durchgebrannt zu sein - wieso suchen sie ihn?
Er erzählte von seinem Schicksal und sie lachte:
Das macht der schon seit Jahren so. Erst verführt er, dann ruiniert er und dann haut er ab.

***

Den Wisch können sie auch bei der Stadtverwaltung abgeben, denn - sie sehen es ja - wird zur Zeit hier nichts angenommen.. zur mir kommt er irgendwann immer wieder zurück. Ich muß nur warten, bis er sich die Hörner wieder einmal mehr abgestoßen hat.

Entsetzt schaute Hennes die zerzauste Frau an und murmelte eine Entschuldigung, drehte sich um und warf den Wisch in den nächsten Papierkorb.

Zuhause angekommen klappte er die Schreibmaschine auf und tippte los..
Nachdem dieser letzte Roman im Verkauf erschien, gut ein halbes Jahr später, rief jemand an, der sich für seine "Detektei" interessierte:
Ich denke, sie sind der geeignete Mann um mir bei meinem Problem zu helfen. Jemanden, der einen klaren Verstand hat und der nirgendwo als Detektiv eingetragen ist, den man vom Gesicht her nicht kennt.
Ich hätte sie in meiner Sache gerne unter vier Augen gesprochen und nicht am Telefon - wann haben sie Zeit?
Er wartete das "ok, ich bin einverstanden" nicht ab und nannte ein kleines Lokal in der Nachbarstadt und die Uhrzeit am nächsten Tag.
In der Nacht hatte Hennes seltsame Träume und sah seine Sieglinde wieder zu ihm zurück kommen.

In dem besagten Lokal wartet ein blasser älterer Mann, der dem jungen Studenten sehr ähnlich sah: Ich suche meinen Sohn, er antwortet nicht auf Brief und ans Telefon geht er auch nicht mehr, was gar nicht seine Art ist. Die letzte Meldung war, daß er bei ihnen als Korrekturleser zuverdiente, um das Studium leichter zu finanzieren. Er wirkte verzweifelt, so daß Hennes versprach sich mal gründlicher umzusehen.

Gleich nach diesem Treffen fuhr er in der Studentenunterkunft vorbei und fragte nach dem jungen Mann.
Niemand wußte etwas, er hatte sein Zimmer unaufgeräumt verlassen und ist auch in der Uni nicht mehr aufgetaucht.

***

Eine Bemerkung einer Kommilitonin kam im Weggehen:
Er geht ab und an in die Kirche, er hat dort einen Job angenommen - vielleicht ist er da?
Fragen sie mich nicht in welche, das kann ich nicht sagen..

Hennes rief nacheinander alle Kirchen an und fragte nach dem Gelegenheitsmitarbeiter, aber er bekam immer nur verneinende Antworten. Die letzte Kirche war die unseres seltsamen Pfarrers, der seine Frau immer wieder sitzen ließ.

Sie schon wieder, haben sie meinen Mann gefunden?
Nein Frau Pastor, tut mir leid, aber ich suche Richard Braunfeld, der hier als Student eingetragen ist und in ihrer Pfarrei aushelfen soll.
Ach ja, sie meinen den blassen Grünschnabel, der ab und an in der Registratur arbeitet?
Der ist schon einen Weile nicht mehr bei uns gewesen.
Sie öffnete den Briefkasten, weil sie gerade auf dem Weg dorthin war und stutzte- halt, warten sie!
Es ist ein Brief von meinem Mann - schauen wir mal, was er schreibt.
Zittrige Hände öffnen das Couvert und da liest sie laut vor:
"Nach vielen Irrwegen bin ich bei meinem Richard angekommen und werde mich von dir scheiden lassen. Bitte beiliegendes Formular unterschreiben - ich komme für die Kinder auf."
Ach du Scheiße!
Das entfuhr ihr ganz spontan und sie wurde ganz bleich und stammelte .. entschuldigen sie bitte, in diesen Kram will ich sie nicht mit hineinziehen, denn ich werde wohl ausziehen müssen und zum Amt gehen und um Hilfe bitten.
Hennes sagte trocken: Meine Wohnung steht leer und ist groß genug, meine Frau ist davon gelaufen mit wechselnden Bekannten und ihr Mann ist einer davon. Also ist es nicht mehr als folgerichtig, wenn sie bei mir einziehen. Keine Angst, ich bin kein Sexprotz.
Sie nickte stumm und so war ihr die Pein vor dem Amt erspart - die Kinder packten ihre Siebensachen und kamen gleich mit. Auch Irma besaß nicht viel Persönliches und hatte nur wenig Kleidung - er war furchtbar geizig, sagte sie die ganze Zeit, furchtbar geizig.
Unterwegs gab Hennes für alle Softeis aus.
Hennes, Irma und die drei Kinder- eine tolle Truppe mit größerem Handgepäck beladen, steuerten seine Wohnung an wie eine Zigeunergruppe.

***

Hennes, Irma und die drei Kinder gingen nach oben in ihre neue Bleibe, Irma richtete sich das Notlager ein und am nächsten Tag sollten die Betten im Gästezimmer aufgestellt werden.
Der Abend verlief mit intensiven Gesprächen im Beisein der Kinder, bei Chips und Cola, Hennes hatte zuvor eine große Pfanne Rühreier gemacht und Toastbrot und Salat dazu gegeben.
Auf diese Weise beruhigt, schlief das Erste schon ein, in Hannes Arm ruhte Sabinchen fest und tief, wie in Abrahams Schoß.
Irma sah das wohl und sie hatte sich zuvor gut zurecht gemacht und erschient gar nicht mehr zerzaust.
Am anderen Tag kam tatsächlich die Lieferung des Online-Versenders und brachte Bastelmaterial: Drei Kinderbetten mit Matratzen und Bettwäsche,viel Karton und eine unverständliche Aufbauanleitung.
So hatten alle zu tun und Hennes stand in der Küche um Kartoffelsalat zu machen - die große Obstschüssel ist wohl dafür gut genug, meinte er zu sich selber.
Irma füllte den Scheidungsantrag aus, brachte die Kleinen in den Kindergarten und den Rolf zur Schule.
Die kleine Lore war krank und wurde zum Arzt gebracht und malte inzwischen in einem Schulheft Kringelchen..
Als Irma wieder im neuen Zuhause war, setzte sie sich erst einmal zu einem Pott Kaffee in die Küche.

"Drei Kinder - eines ist immer krank, das andere hat Probleme in der Schule und das Dritte hat etwas kaputt gemacht. Darüber habe ich mir das Rauchen abgewöhnt, weil einfach keine Zeit mehr dafür ist - Haushalt, Post, Kochen, Kinder abholen - ich bin immer todmüde."

Hennes lachte seit langer Zeit endlich mal wieder:
"Ich wollte immer Kinder haben, aber es hatte nicht sollen sein."
Gemeinsam gingen sie die Kinder abholen und geschwind noch etwas einkaufen, denn diese Mengen hatte er bisher noch nicht kaufen müssen, die in einer 5 köpfigen Familie verzehrt werden. Ein Kunde meinte trocken, als sie die Waren auf das Band luden: "Sie kaufen wohl nur einmal im Jahr ein?"

Das Kochen hat Hennes gerne übernommen - nun waren ja auch genug gute Kostverwerter am Tisch!

Sie serviert und kontrollierte nebenbei die Schulaufgaben, anschließend wusch sie ab.
Die Kinder spielten und zänkten miteinander, vertrugen sich wieder und taten, als wäre nichts gewesen.
Ab und an trafen sich die Blicke der Beiden verstohlen- sollten sie hier jemand gefunden haben, der treu und zuverlässig ist und trotz der Kinder interessiert sein?
Die Kinder sangen Ringelreihen - Schau mal da, ein verliebtes Ehepaar..
Peinlich berührt sahen sie die "Partner" an und lachten, wie schon sehr lange nicht mehr..

***

Sie schlief im Ehebett, alle drei Kinder in der Mitte - trotz der neuen Kinderbettchen, die nebenan aufgebaut waren.
Die neuen Eltern mußte aufpassen, nicht heraus gedrängt zu werden, es war eng, aber vertraulich und so schliefen sie fest wie die Murmeltiere ein.
Nach dem Frühstück fuhr sie mit dem alten Volkswagen einkaufen, er brachte die Kinder weg und tippte daheim wie verrückt seinen Kriminalroman weiter. Es floß nur so aus seinen Fingern und so kam Seite für Seite unglaublich flott zusammen. Es war wie eine Entladung. Die Ideen kamen von allen Seiten und so schrieb er diese zuerst einmal in seinen Block.

Kaum darauf klingelte es an der Tür und die Kripo stand dort und bat um Einlaß: Wir müssen sie verhören, auch wenn der Fall eindeutig ist:
Wann haben sie ihre Frau Sieglinde das letzte Mal gesehen?
Der Fragekatalog war lang und er war geschockt - was ist mir ihr?
Ihre Frau wurde erdrosselt, die mutmaßlichen Mörder sind zwei Männer.
Mehr wissen wir nicht und die beiden Typen schweigen- Händchen haltend; es sei ein Mord im Affekt gewesen, weil sie seit einiger Zeit von ihrer Frau - Herr Hennes H. erpresst worden seien.
Hennes unterzeichnete alles und schüttelte nur noch den Kopf.
Sachen gibt es, ich fasse das alles nicht und er erzählte den Beamten seine Erlebnisse bis eben zum jetzigen Stand.
Das Protokoll wurde abgehakt und man verabschiedete sich.
In der Tür trafen sie auf die ehemalige Frau Pastor.. und gingen mit ihr nochmal zurück um ein weiteres Protokoll aufzunehmen. (Das erspart uns eine Menge Lauferei.. so die Kripobeamten)
Nachdem die neue Familie wieder alleine war, wurde das weitere Prozedere besprochen:
Wenn die offizielle Todesbenachrichtigung kommt, sind einige Gänge bei den Ämtern nötig, die Bestattung der Toten, die Erbnachfolge bezüglich der Eigentumswohnung und der nicht unerheblichen Barschaft aus dem Verkauf der Gaststätte, die neue standesamtliche Hochzeit mit Irma, die Adoptionsanträge für die drei Kinder, den Eintrag auf eheliche ideelle Eigentumsanteile und so weiter und so fort, eine unglaubliche Odyssee, die da bevor stand. Aber sie waren guten Mutes und voller Zuversicht- das spürten freilich auch die Kinder.
An diesem Abend ließ man sich Pizza ins Haus kommen, jeder nach seinem Geschmack und Vorlieben. Die Kinder bekamen eine Kinderbowle und die Erwachsenen Sekt geliefert. Der Bote war besonders freundlich, denn eine große Familie muß man sich gut warm halten !

Im Kindergarten und in der Schule erzählten die Kinder stolz: Unser neuer Vater ist Schriftsteller und Detektiv!
So wurde sein Kriminalroman doch noch fertig und mit überraschenden Inhalten gefüllt - sein eigenes Schicksal hielt er als Manuskript in den Händen und brachte es baldigst zum Verleger. Es wurde ein guter Erfolg und der Rubel floß. (Was bei einer Familie auch bitter nötig ist)

Der Krimi war noch nicht lange im Verkauf, da kam auch schon die erste Anfrage an Hennes als Detektiv:
"Mein Mann ist von heute auf morgen weg.. er wollte nur Zigaretten holen und kam nicht wieder!"

***

Kinder wie die Zeit vergeht. Irma, Hennes, Sabinchen, Rolf und Lore war der Betrieb in der Stadt eigentlich zu viel, ständig der Autolärm und die fremden Gerüche und lautstarkes Leben in dem ehemaligen Mietsblock, in dem die Eigentumswohnung zum Verkauf stand. Eine von 4 Stück in dem 30 Einheiten Haus. Mit 100qm war diese gut geschnitten und könnte auch gut wieder verkauft werden, so dachte Hennes gerade und sprach mit ihr darüber. Sie war sowieso Feuer und Flamme für einen solchen Plan, denn den Kleinen waren Tiere und frische Luft lieber als Softeis.

Sie fuhren zu ihm nach Hause, wo Heinz und Dora nun das Regiment führten. Sie freuten sich wie die Schneekönige, endlich wieder etwas von ihrem Bruder zu hören und dann gleich mit 3 Kindern? Wie ist das denn gekommen? Abwechselnd erzählten die Beiden ihre Story, während die Kinder mit Heinz den Stall besichtigten und die Kühe und die Ferkelchen streichelten, die Hühner fütterten dafür viel Löwenzahn von der Wiese sammeln mußten.
Dora meinte nur: "Meine Eltern leben nun schon eine Weile nicht mehr und das Haus steht leer - die kleine Scheune ist sowieso verfallen und kann abgerissen werden, die Nebengebäude lassen sich gut zur Garage und Waschküche umbauen - wir würden euch das Anwesen - ohne Äcker und Wiesen, gerne verkaufen. Wir brauchen immer frisches Kapital, das ist wohl klar.
Dann kamen die Zwillinge zurück vom Kindergarten und ein riesiges Hallo ging los- die Kinder tobten bis sie müde auf der Wiese bei Rharbarberkuchen und frischer Milch auf ihrer Spieldecke einschliefen.

Die Erwachsenen schauten sich Doras Elternhof gemeinsam an- und Irma meinte: Man könnte die angebaute Tenne wunderbar zu einem riesigen Aufenthaltsraum umbauen lassen, als XXL Wohnzimmer sozusagen. Zimmer für die Kinder sind auch genug vorhanden und die kleine Küche mit dem neugierigen Fenstern gefällt mir auch sehr gut. Die Bausubstanz ist gut, so daß nur einfache Renovierungsarbeiten nötig wären.

***

Am Abend fuhren sie wieder zu ihrer Stadtwohnung und beratschlagten. Ihr Mann saß nun bekanntlich im Gefängnis, denn auf Todschlag gibt es keine sonderliche Milde und deshalb bekam Irma vom Amt das Geld das ihr Mann für die Kinder zahlen müßte. Das ist allgemein so geregelt worden. Der Sträfling war danach eben auch noch Schuldner der aufgelaufenen Summe.

Die Beiden hängten ein Schild an die Haustür: Eigentumswohnung umständehalber zu verkaufen, Angebote hier in den Briefkasten werfen, die Angaben über Größe und Ausstattung etc. wurden auf dem Aushang freilich auch genannt.

Ein türkischer Bauunternehmer hatte in diesem Block seine ganze Sippschaft untergebracht - das Haus gehörte ihm - und nun war er freilich erpicht darauf, die letzten 4 fremden - oder besser gesagt - einheimischen Bewohnerpaare aus dem Block zu bekommen.

Er riß den Zettel an der Haustür ab und klopfte kurzerhand an der Wohnungstür der Beiden und verhandelte sofort über den Kaufpreis. Am nächten Tag beim -türkischen- Notar, gegenüber dem türkischen Friseur und dem ebensolchen Gemüseladen und Baugeschäft wurde der Vertrag gemacht und ..bar gezahlt, unterschrieben und fertig inklusive der Möbel verkauft, wie auf einem orientalischen Basar, meinte Heinz später, als die Familie noch am Abend auf dem Hof eintraf.

Die Beiden haben ebenfalls gleich in bar gezahlt, obwohl der Notarbesuch erst in der nächsten Woche stattfand. Um es kurz zu machen: Die Stadtwohnung in dieser Lage kostete doppelt so viel wie der alte Bauernhof mit 5000qm Grundstück. (Das hat man Dora und Heinz aber nicht gesagt, denn Neid ist ein schlechter Nachbar.)
Die erste Nacht roch nach Heu und neu und überhaupt - was für ein Luxus, vom Hahn und vom Vogelgezwischer geweckt zu werden und nicht vom Müll-Laster!

***

Die neue Familie hatte sehr viel mit Behördenkram und dem Ummelden der Kinder auf eine andere Schule und einen anderen Kindergarten zu tun, Hennes hatte sein Konto bei der Genossenschaftlichen beibehalten, das er schon in der Lehrzeit angelegt hat und zahlte hier eine richtig gute Menge Geld ein.
Die Zwillige Bernd und Tobias haben die beiden Jüngsten im Kindergarten eingeführt, der Große hatte wenig Probleme mit dem Bus in die Großgemeinde zu fahren, wo die Gesamtschule etabliert ist. Rolf war irgendwie dem Hennes sehr ähnlich, obwohl es nicht sein leiblicher Vater gewesen ist. Lore war eine Träumerin, das Sabinchen bereitete jedem nur Freude.
Während die Baufirma die Tenne und die Remise ausbaute, die alte Scheue abriß, schrieb Hennes am nächsten Roman: Unser neues Leben auf dem Lande.
Die fünf Kinder wurden unzertrennlich und waren mal bei den seinen Eltern, dann bei Heinz und Dora, dann wieder bei Hennes und Irma - immer wo gerade was los war.
Ein Sommer auf dem Landsitz nahm seinen Anfang.
"Schriftsteller und Detektiv" stand auf einem feinen Messingschild am der Einfahrt zum Altenhof. Den Namen hatten sie gerne und behielten ihn so bei. Hier auf dem Land kennt man die "Hausnamen" und nennt auch die Nachfolger immer danach. (Schusters, Bäckers, Schneiders)

Es war noch kein Monat vergangen, da waren die Bauarbeiten abgeschlossen, die Zufahrt mit den wasserdurchlässigen Pflastersteinen verlegt, die Tenne mit ihren großen thermoverglasten Scheiben fertig und auch die Garage, neben welcher die Waschküche eingebaut worden ist. Ein neues Bad und noch ein paar Tapezierarbeiten, ein wenig Farbe auf das Fachwerk und fertig..

Der Altenhof sah richtig gut aus, von der Straße unscheinbar und wie immer, nach hinten fast wie in einem Park so fein angelegt. Ohne Gemüse und ohne Landwirtschaft oder Tiere- bis eines Tages bei Heinz junge Hunde zur Welt kamen, von da an war die "tierfreie Zone" dahin. Bald fegten auch noch 4 Hunde von Hof zu Hof - mit den Kindern..

***

Irma fand in der Post eine seltsamen Brief, der keinen Absender hatte und legte diesen erst einmal auf den Küchentisch, wo die Post immer landet. Die Familie saß bei Tisch bei Quellkartoffel mit frischem Kräuterquark, "bio" versteht sich. Hennes wunderte sich, daß ein Brief noch verschlossen war und sah sie an- er ist für dich, nicht für mich. Also öffnete sie das Couvert und las, wurde bleich und erschrak. Sie schickte die Kinder nach draussen, die gerade den letzten Happen verspeist hatten.

"Wegen dir habe ich mich strafbar gemacht und 6 Jahre Knast wegen Todschlags bekommen, darüber hinaus hat man mir fristlos als Pfarrer gekündigt und nun kommt das Sozialamt und will den Unterhalt für die Kinder eintreiben. Wenn ich dich erwische, mache ich dich alle!"

Einige "schmückende" Gemeinheiten folgten, die man hier nicht lesen mag.

Noch am gleichen Tag haben die Beiden den Brief bei der Polizei abgegeben und erfahren, daß Irmas Mann wohl ausgebrochen sein muß - nun wird er bestimmt noch eifriger gesucht werden. Die Kinder! Entfuhr es ihr, woher kennt er meine Adresse?

Eilig fuhr man nach Hause und sah die Kinder auf der Wiese spielen, während ein fremder Wagen langsam an den Höfen vorbei fuhr. Ein Anruf bei der Polizei erbrachte, daß es ein Zivilwagen war, der unauffällig observieren sollte.

Viel später kam heraus, dass eine Mitarbeiterin des Sozialamtes auf den smarten braungebrannten Typen herein gefallen ist und die Adresse nannte..
Das Aussehen war diesmal sein Schicksal, denn so kamen aus dem Dorf Hinweise, daß ein solcher auffälliger Kerl im Dorfkrug abgestiegen sei.
Nun wird er noch länger "brummen", meinte Hennes ruhig.

Der Abendfrieden war wieder hergestellt und er tippte bis in die Nacht am neuen Roman, während sie ein paar neue Socken strickte. Den Kindern hat man von diesem Vorfall mit ihrem leiblichen Vater kein Wörtchen gesagt. Alle waren froh, daß sie nun einen neuen Papa hatten, der sich den ganzen Tag um die Kleinen kümmert.

***

Bald waren die Socken und der Roman fertig, die Socken wurden angezogen und der Roman ging in Druck.
Die Familie machte einen Ausflug in die Großgemeinde, dort hat der Autohändler einen V WBus inseriert, mit Panoramadach. Ein älteres und gut restauriertes Stück mit Boxermotor im Heck und Ersatzrad unter der Windschutzscheibe: "Wie ein Safaribus!" Die Kinder waren begeistert. Der alte Käfer hat sogar noch einen Liebhaber gefunden, der das gute Stück zurecht machen will. Zufrieden holten sie den Safaribus am nächsten Tag ab und machten auch gleich einen Ausflug in ein Burger-Lokal, was die Kinder freilich sehr begeistert hat.

Der Händler hat noch ein altes Moped dazu gegeben, das sich Hennes zurecht machte - damit wollte er unauffällig observieren, wenn er wieder einmal Detektiv spielen "mußte".

Und so kam der nächste Auftrag per Telefon:
Ich werde seit einiger Zeit verfolgt, sowie ich aus der Wohnung gehe, meine Bekannten meinen schon, ich hätte Paranoja, bitte helfen sie mir unauffällig. Meine Adresse - äh, haben sie was zum Schreiben parat?

Als Schriftsteller und Detektiv muß ich mir solche Dinge merken können, das gehört zum Geschäft guter Mann!
Ich denke, wir treffen uns vor der Lubentiuskirche um 15 Uhr am morgigen Tag - ok?
Ja in Ordnung, soll ich etwas Besonderes anziehen oder eine Rose im Knopfloch oder so? Ach was, das ist nur für Filmregisseure glaubwürdig, mir wäre das zu auffällig. Seien sie einfach da, ich werde sie schon erkennen.

Er legte auf und der Anrufer starrte noch etwas in die Hörmuschel, bevor er begriff: Ein fixer Junge !

Das alte Moped Marke Kr eidler lief noch wie ein Uhrwerk und wurde unauffällig unweit des Einsatzortes abgestellt. Langsam ging Hennes mit einer Gefriertüte in der Hand die Straße zur Kirche entlang und schaute sich unauffällig um. Ein älterer Herr, vermutlich Buchhalter oder Lehrer, mit Nickelbrille und Schirm am Arm- obwohl heute kein Regen angesagt war- las auf der Bank vor der Kirche die Tageszeitung..
Sehen sie ihren Verfolger gerade oder als sie aus dem Haus gingen?
Verdutzt starrte der Mann ihn an - woher wissen sie?
Ein Detektiv weiß sowas. Aha.
Links am Parkautomat, da steht er, ein dickerer Mann mittleren Alters, der mir nicht bekannt ist - was machen sie jetzt?
Lassen sie nur, lesen sie ruhig weiter, ich überquere die Straße, setze mich auf die Bank und schäle umständlich eine Orange - wenn er geht, gehe ich auch..

***

Er setzte sich und fing mit der Schälerei an, mit einem kleinen Taschenmesserchen als Hilfsmittel, fing die Schalen mit dieser untergelegten Gefriertüte auf. Diese einfachen Thermodinger, die man im Supermarkt kaufen konnte, um Tiefkühlkost nach Hause zu tragen. Der Dicke - so nannte er den Verdächtigen, rührte sich so lange nicht, wie der Klient auf seiner Bank saß. Als dieser sich erhob und Richtung Park spaziere, ging auch der Dicke nach - in ziemlichem Abstand. So ging der Weg am Brunnen vorbei, in die Freistraße zur Bankfiliale, dort hielt der Klient an, sah auf die Uhr und warf einen Brief in den Nachtschalter. Hennes dachte dabei an eine verspätete Überweisung, denn die Bank hat gerade vor wenigen Minuten geschlossen. Der Dicke näherte sich kaum und ging um einen Kiosk-Pavillion herum und dann dem Klienten nach bis vor eine Gaststätte.. er öffnete die Tür und ging in den Gastraum. Der Verdächtige stand noch immer an der gleichen Stelle und verzog sich erst nach über einer halben Stunde. Hennes ging ihm unauffällig nach..

Als Tarnung benutzte Hennes einen Wendetrenchcoat und Wendehut, damit die Farben und Muster einen anderen Eindruck zeigten. So ging es durch die halbe Stadt bis zu einem kleinen Büro, wo der Mann drin verschwand. "Observationen und Nachforschungen, diskret, Hans Otterbein"

Ach herrje, ein Kollege! Er klopfte an und trat ein, ohne auf ein "Herrein" zu warten. Er legte seine Visitenkarte auf den Tisch und der Kollege staunte nicht schlecht: Die Sache mit dem Wendezeugs ist wirklich gut, ich habe sie nicht bemerkt! Unter uns - weshalb observieren sie meinen Klienten?

Eigentlich darf ich das nicht sagen, aber dieser Buchhalter soll hunderttausende zur Seite geschafft haben und wir ermitteln nun, bei welcher Bank sein Depot angelegt wurde oder ob er das Geld sonstwo versteckt hat. Oha, das ist ja ein starkes Stück, meinte Hennes kleinlaut - was tun? Ich biete ihnen an, daß wir gemeinsam ermitteln - haben sie einen Gedanken?
Ja, denn er hatte die ganze Zeit die Börsennachrichten vor sich und welche Bank ist darin der erste Anlaufpunkt? Na die Broker & Invest - Filiale in der Nähe der Kirche. Hennes meint - das schaffe ich, warten sie am besten weiter weg im Park und frühstücken unauffällig, bis ich sie anrufe. Zuerst nehme ich -unverabredet mit diesem- den eigenen Klienten in Augenschein und wenn dieser aus der Bank kommt, die Kontoauszüge noch nicht verstecken konnte...

***

Der Tag X kam und er beobachtete, wie sein Klient sich kurz auf die Bank vor der Kirche setzte, die Zeitung aufschlug und so tat, als würde er lesen - er sah sich genau um, sah aber nur Menschen an der Haltestelle, die ihm den Rücken zugekehrt haben um nach dem Bus zu sehen. Der "harmlose Alte" ging fix um die Kirche in die Bankfiliale. Hennes sah durch die Tür zum Tresen und als der neue Verdächtige sich umdrehte, tat er es ebenso fix. In der Tür rempelten sie zusammen und Hennes entschuldigte sich umständlich: Oh, das tut mir leid, ich war so in Gedanken und habe sie nicht bemerkt. Macht nichts, zischte der Alte, arbeiten sie weiter!

Das war aber gar nicht mehr so freundlich - schau an.
Er ging mit den Kontoauszügen zum Kollegen und dort bekam er seinen Lohn in bar ausgezahlt. Danke Herr Kollege, das war eine ausgezeichnete Arbeit. Vielleicht haben wir wieder mal die Ehre? Gerne.

Daheim wedelte er mit den Geldscheinen vor Irma herum:
Schau mal - deine Shoppingtour ist gerettet - das reicht, um die ganze Familie gut und neu einzukleiden..
Waaah, wie hast du das denn gemacht?
Das darf ich nicht sagen, denn es belastet dich nur sinnlos -steck das Geld einfach ein und sei still- und das war sie auch, freudig erregt, wie zu Weihnachten.

Die Biohof-Familie mußte da schon deutlich mehr sparen, das sah denen auch an. Bauern, besonders Biobauern machten damals schon einen schmuddeligen Eindruck, obwohl auch hier nicht gerade am Hungertuch geknabbert werden mußte.

Im Gemeinschaftsraum, der Tenne also, wartete der Verleger auf ihn um die Konditionen für die weiteren Romane festzulegen. Sie waren sich bald handelseinig und dann folgte ein Angebot des Verlegers, für sein Tageblatt eine Fortsetzungskolumne zu schreiben, die als anonymisierte Klatschspalte der Stadt ein operatives Türchen öffnen sollte.

Er willigte ein, denn seine "Informanten" waren inzwischen zahlreich - das hatte er schon in frühen Jugendjahren gut gekonnt, es war ein glattes Heimspiel, das auch noch Spaß machte!

***

Die Zahl der Kolumnen unter einem Alias floß nur so aus seiner Feder oder besser gesagt - Schreibmaschine. Seinen Namen hätte er kaum darunter setzen können, ohne die Informanten zu verlieren, das war ihm klar. Die Rubrik war sehr bald recht beliebt und mancher lachte und mancher ärgerte sich darüber - gelesen haben das wohl fast alle.

Seine Mutter starb an Altersschwäche, sein Vater nicht viel später, wie das so ist im Leben. Sie hatten für genug Nachwuchs gesorgt und den Weg für die Jungen schön bereitet, in aller Bescheidenheit und ohne jemals politisch oder gesellschaftlich tätig gewesen zu sein. Zwei Exemplare arbeitsamer Bescheidenheit, wie so viele Leute auf dem Land.

Aber auch hier veränderte sich einiges- die Alten starben weg und hatten keine Nachfolger für die Landwirtschaft, weil der Nachwuchs lieber studierte und in der Stadt im Büro arbeiten wollte. Höfe verfielen, wurden verkauft und die Felder von immer größeren Großbauern oder von der Stadt als Bauland gekauft, denn sie haben sich selbst das Vorkaufsrecht in die Gesetze geschrieben, ohne die Bevölkerung zuvor befragt zu haben..

In so einer Kolumne konnte man vieles verarbeiten und aufarbeiten, was manchem Schreibtischtäter gar nicht gefallen hat.. so zum Beispiel die Vergabe interessanter Posten bei der Sparkasse und der Stadtverwaltung, im Kreiskrankenhaus und wo auch immer - traf man auf die gleichen Familiennamen..

Der Verleger lächelte und meinte: Hier haben sie aber in ein Wespennest gestochen, ich werde von bösen Anrufen nur so bombadiert und alle wollen wissen, wer hinter dem Alias steckt. Meine Verkaufszahlen sind kräftig gestiegen - wer hätte das gedacht?

Die Warnung kam an und er sah sich vor - mit einigen dieser Seilschaftler und Trittbrettfahrer oder Gewogenheitsritter war nicht zu spaßen, die gingen wohl geschwind "über Leichen", wie man im Volksmund sagt. Strafrechtlich hatte man nichts in der Hand, sonst wäre gegen den Verlag wohl eine Anzeige gekommen - es war nur eine Kolumne, eine Satire, eine Art gesellschaftlicher Harlekin, mehr nicht.
Der betroffene Hund bellt!

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Der Erfolg der Kolumne brachte recht gutes Geld und Hennes freute sich - das hat er schon zu seiner Lehrzeit erträumt.

Die Familien haben sich sehr gut zusammen gerauft und gingen fleißig ihren Gewerken nach. Nur Irma wurde ein wenig beneidet, weil sie "nur" die Kinder zu betreuen hatte und sonst ihrem kleinen Haus- und Gartenhobby frönte, wie eine feine Lady. Und das war sie auch. Ihr Fitnessprogramm hat sie knallhart durchgezogen und war nun eine richtig flotte Frau geworden, mit den richtigen Proportionen. Keine Spur mehr von "sich hängen lassen" und von "mit den Nerven am Ende", denn hier draußen auf dem Land war nicht nur Ruhe, es war sogar totale Stille, wären die blöden Verkehrsflieger nicht, die immer mehr geworden sind in den letzten Jahren. Hennes hatte immer recht gut zu tun und so kamen auch andere Verlage und Zeitungen auf den Gedanken, etwas von ihm veröffentlichen zu wollen. Heinz und Dora belieferten den nahen kleinen Supermarkt, wo sie einen eigene Gondel gemietet hatten. Die Produkte liefen prima und es wurde praktisch jeder Preis gezahlt - weil eben die Frische und die Qualität stimmten. Echte Bioware ist ihr Geld wert. Ab und zu tauchte der Detektiv auf, um mit seinem "Kollegen" ein wenig zu tratschen, zu grillen und ein Bier zu trinken. So erfuhr Hennes immer wieder neue Dinge, die anonymisiert und in einer anderen Gegend angesiedelt, ihr Echo in seinen Scripts fanden.

Eines Tages wurde die Scheibe des Küchenfensters eingeworfen und sie sah gerade noch, wie ein verbeulter gelber Kleinwagen hinter der Hecke verschwand.. der Stein war mit einem Papier umwickelt, welchen sie ganz genau so liegen ließ, bis die Polizei den Fall aufgenommen hatte..

***

Die Polizisten wickelten den Stein aus und entzifferten die Schrift auf dem Papier. Mit zittriger Hand geschrieben stand dort zu lesen:

"Du dreckige alte Schlampe mit deinen Bastarden wirst mir büßen müssen, da kannst du dich drauf verlassen!"

Hennes rief den Berufskollegen an und fragte diesen, welchen Wagen denn der Buchhalter fuhr - und staunte nicht schlecht, als dieser etwas von einer kleinen alten Rostbeule erzählte, "gelb wie ein Postkasten", so meinte er spöttisch. Hennes bedankte sich und meinte, daß er nun etwas "gut hätte" bei ihm. Die Polizisten waren noch anwesend und bei der Spurensicherung, als sie diese Nachricht erhielten. Sie schimpften zwar, weil das ihre Aufgabe sei - aber waren nicht böse darum, einen Fall schnell zum Abschluß gebracht zu haben.

Später stellte sich heraus, daß der Buchhalter die Verurteilung für diese große Unterschlagung noch vor sich hatte und auf freiem Fuße war. Er wollte die Tat wohl dem ehemaligen Pfarrer in die Schuhe schieben, der gerade auf Sozialisation bei den Stadtwerken -probeweise- eingesetzt worden war.

Bald darauf wurde der Täter in Sicherungsverwahrung genommen und mithilfe eines Psychologen für einige Zeit festgesetzt. Er wurde als voll schuldfähig erkannt und war seiner Chance auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren, beraubt.
Tja, meinte Heinz zu ihm, wer an der Straße baut - "hat viele Meister" meinte Hennes und nicht "Feinde".. diesen Spruch hast du verhunzt ! Sie lachten und gingen erst einmal mit ihrem Bier Richtung Grill, wo die ganze Bande bereits außen rum hockte und auf die Flammen wartete. Irma und Dora hatten jeweils einen besonderen Salat gezaubert und den ellenlangen großen Familien-Grilltisch gedeckt.
Heute war Putenhacksteak-Tag, eine besondere Spezialität des Biohofes - als hätten sie den Braten gerochen, kam der Detektiv der Stadt und ein Streifenwagen vorbei, die noch eine Aussage unterschrieben haben wollten. Hennes wurde bedrängt, die Detektivarbeit ruhen zu lassen - was er gerne zusagte. So ganz ungefährlich ist die Sache ja nicht, gell? Er wollte seine Familie nicht gefährden.

Niemand ist wieder gegangen, ohne einen feinen Happen gegessen zu haben.

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Nach der Grillparty, die bis spät am Abend ging, fiel man in die Bettchen und zum ersten Mal schlief auch Irma ruhig: Hennes war nicht mehr gefährdet, weil der die Detektivarbeit einstellen wollte. Die Schriftstellerei ging unverdrossen weiter und brachte schönes Geld ein - seine Informaten waren emsig und trugen so einige seltsame Dinge zusammen.
So zum Beispiel diese seltsamen Namensgleichheiten in allen öffentlichen oder halböffentlichen Stellen, immer tauchte ein Familienname auf in leitenden Positionen. Wie seltsam, zumal dieser so häufig nicht vorkam in der Gegend.

Er grub weiter und fand, daß irgendwann einmal jemand diesen Namens eine leitende Position erklommen hatte und über die ortsansässige Partei und / oder Gewerkschaft alle Fäden zog, bis sich ein weiteres Familienmitglied in diesen Reihen befand. Das ging bis zu einem richtigen Spinnennetz, wo ein Antragsteller oder Patient quasi "quervernetzt" war, ohne das auch nur zu ahnen. Eine subtile Art von Druck wurde dadurch aufgebaut und Unsicherheit bei den "Kunden" des Finanzamtes, im Krankenhaus, bei der Bank und bei der Stadtverwaltung, selbst in Schulen und im Altenheim, es tauchte mindestens ein Name dieser Sippe auf.
Er beschloß darüber keine weiteren praktischen Recherchen vor Ort anzustellen und "nur" einen Krimi über Korruption, Erpressung, Bestechung, Schiebung, Seilschaftler und verborgene Mafia ähnliche Strukturen in diesem unserem Land zu schreiben.

Ein fiktiver Inspektor geht einem mysteriösen Selbstmord nach, der keiner sein konnte - ein spannendes Thema !

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Der Roman war in einer Woche fertig und so lieferte er diesen beim Verleger ab, mit dem er sich im Cafe bei einem Stückchen Apfelkuchen und Apfelsaft unterhielt. Die Zeiten, so der Verleger, sind nicht mehr was sie mal waren, das Internet macht uns alle kaputt - die Auflagen sind rapide gesunken, die Abonnenten springen ab. Hennes sagte nicht, daß die hohen Preisvorstellung der Verlage die Schuld trugen, sondern nickte nur stumm. (Wenn man bedenkt, was so ein Exemplar dieses Käseblattes kostet, das zur Häfte aus Werbung bestand..) Na ja, ich werden den Verlag an den großen Konkurrenten verkaufen müssen, damit mit einem blauen Auge der Einstieg in den Ruhestand bezahlt werden kann. Ich hoffe, sie haben Verständnis für meine Lage.

Das kam einer Kündigung des Kontraktes gleich, aber was will man machen, wenn der Laden nicht mehr läuft, ist eben Schicht im Schacht. Seine Romane wird er wohl demnächst irgendwo anders verlegen lassen müssen. Er streckte die Fühler aus und fand in Polen eine Druckerei, die den Auftrag gerne annahm. Die Vermarktung erfolgte dann auf eigene Kappe an den Kiosken.

In den Anfangsjahren des Internets lief die Konkurrenz bekanntlich erst an - was wird sein, wenn diese Idee in jedem Haushalt eintrifft?
4 Serien konnte er auf diese Weise unter die Leute bringen, aber langsam wurde die Luft knapp in diesem Metier.
Er sann nach Abhilfe und fand ein Inserat im Tageblatt, wo eine kleine Sozietätsdruckerei ihre Dienste anbot.
Er fuhr in diese Stadt und verhandelte mit den Leuten über ein neues Produkt - das er in steigenden Stückzahlen zu verkaufen hoffte: Ein sehr eng begrenztes Tratschblatt, das wie eine große Kolumne sein sollte- voll mit Neuigkeiten der direkten Heimat. Vom Tagesgesehen der Stadt bis zu Vereinsnachrichten und Bekanntmachungen der Behörden, aber vollkommen ohne Werbung und im Format DIN A4, geheftet, zum Sammeln.

***

Der Vertrag lief an und beide Seiten freuten sich über den gelungenen Abschluß.

"Der Stadtpfeifer" wurde geschrieben und mithilfe der Informanten schnell gefüllt - Hennes traf sich in dieser Zeit mit einigen Vereinen, querbeet durch das Angebot und bekam regen Zuspruch: Bislang mußten diese ihre Bekanntmachungen selbst drucken, wo immer weniger Freiwillige bereit waren, ihre Freizeit dafür zu opfern. Der Stadtpfeifer nahm keine Gebühren dafür !

Das erste dieser Wochenschriften erschien und wurde in den Kiosken und Buchläden und Einkaufsmärkten verteilt:
Der Preis war recht günstig und die Aufmacher versprachen eine Unterhaltung, die es so noch nie gab:
Ohne Politik und ohne Werbung !
Die 2. Folge war schon nach kurzer Zeit ausverkauft und mußte nachbeordert werden - kein Problem bei einer kleinen Druckerei.
Nach ein paar Wochen liefen die Verkaufszahlen stark und Hennes entschied sich dafür ansprechende Ordner mit dem Stadtpfeifer-Emblem zu verkaufen, damit die Exemplare schön ordentlich gesammelt werden konnten. Die Papier- und Druckqualität waren dem entsprechend von Anfang an ausgelegt und auch gleich gelocht.
Ganz selten blieben ein paar Exemplare übrig, die hat er dann mit nach Hause genommen: Hier wurden sie sorgfältig gelagert - für den Fall, daß jemand ein Stück nachkaufen mochte - er kannte die Sammler und ihr Fable. Jedes Exemplar hatte ein Lesezeichen-Kordelchen eingearbeitet.
Mit dem Patentrecht in der Tasche lebt es sich leichter, auch wenn es erst einmal Geld kostet..
Er holte die Exemplare anfänglich persönlich in der Druckerei ab und fuhr diese dann auch aus, bis er einen zuverlässigen Mitarbeiter fand, der diesen Job gerne machte.
Ideen muß man haben!

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So vergingen ein paar Jahre und das Familieneinkommen war gesichert, weil sein Stadtpfeifer konkurrenzlos und einzig weit und breit war. Die Lektüre war sehr kurzweilig, zuweilen witzig und scharf, wenn es um Miß-Stände ging, die aufgedeckt werden wollten oder mußten. Die Bevölkerung hat ein Recht auf umfassende und unparteiische Information, besonders wenn die direkte Heimat davon betroffen ist.
Er nahm seine Reportertätigkeit sehr ernst und sprach mit vielen Leuten, wichtigen und unwichtigen, nahm alle Meinung auf und verarbeitete diese zu einer vielschichtigen Darstellung der Geschehnisse.
Es gab eine Rätselseite, eine nachdenkliche Seite, eine witzige und mit dem neuesten Fortsetzungsroman seiner Produktion oder Krimi, was gerade anstand.

Sein Ruf wurde immer besser und das Ansehen der Familie profitierte davon, das half auch dem Biohof recht gut, der sich in dieser Bekanntheit des Familien - Namens sonnte.

Hennes sah in Rolf seinen Nachfolger, aber auch in den beiden Zwillingen- die ähnlich interessiert waren:
Er hatte nun sehr viel Wissen zu vermitteln, das man in den Schulen nicht lernen konnte und die Jungen passten sehr gut auf, einer fing als Lehrling in eben dieser Druckerei an.. der andere studierte Journalismus..
Man kann sich schon denken, daß in einer Zeit, wo Zeitungen und Verlage sterben, auch der Stadtpfeifer davon betroffen werden könnte.. aber da hat die Welt die Rechnung ohne Hennes gemacht - er hat das Sparen noch von der Pike an gelernt und brauchte keinen "Worstcaseszenario-Notfallplan".
Irma war das klar, deshalb sah sie der neuen Entwicklung mit Gelassenheit entgegegen.

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Das Leben tat was es immer tat- es veränderte sich und beim nächsten besten Einbruch der Wirtschaftslage bestellten die Leute die teuren Hochglanzmagazine und die sogar die Fernsehzeitung oder das Tageblatt ab.
"Spare in der Not, dann da hast du Zeit dazu"
Diesen Spruch hatte Hennes über seinem Schreibtisch angebracht und so lebte er auch.
Dem Biohof ging es mal eben nicht so gut, weil selbst wohlhabende Leute sparten.
Die große Finanzkrise hat viele Sparten sehr gebeutelt und Arbeitslose geschaffen und eine hohe Staatverschuldung, weil "systemwichtige Banken" gerettet werden mußten.

Die kleine Druckerei wurde durch seine Aufträge über Wasser gehalten und bat ihn, Teilhaber zu werden.
Seine Rücklagen waren prima, aber Hennes nahm lieber einen verbilligten Investitionskredit bei der Bank auf, konnte diese Zinsen von der Steuer absetzen und bekam eine Förderung dazu.
Die Teilhaberschaft war sowieso sein Traum, der nun endlich Wirklichkeit wurde. Der Laden wurde etwas modernisiert und auf Vordermann gebracht, das Personal gesiebt und auf Zuverlässigkeit abgeklopft. Die meisten Beschäftigten waren auf 400 Euro Basis, - von diesen Leuten gab es mehr als genug.
Daß diese tolle Neuigkeit im Stadtpfeifer groß gefeiert wurde, ist klar und verständlich.
Der Landrat war bei der Schlüsselübergabe und der Feierlichkeit zugegen und das war wieder ein regionaler Bericht, den die Leute lesen wollten:
Hier entstehen ganz konkret neue Arbeitsplätze !

***

Die Stadtpfeifer-Exemplare wurden überall aus den Regalen gerissen und gingen weg wie warme Semmeln. Dieses Heft ist eben nur einmal die Woche erschienen und das hat Hennes ganz absichtlich gemacht: Gutes darf gerne etwas rar sein.
(Wenn die Kunden die letzte Ausgabe oder eine der vorherigen haben wollten, hat Hennes sie persönlich ins Haus gebracht)
Bald war er bekannt wie ein bunter Hund, wie man so schön sagt und so erfuhr Hennes auch Dinge, die man nicht an die große Glocke hängt und wo auch kein Name genannt werden darf, ohne in Teufels Küche zu kommen.
Ganz brisante Sachen verpackte er als Satire und kam gut an damit, weil jeder wußte wer gemeint war - aber weder der Redakteur noch der Informant angreifbar wurden.
Man muß heute sehr vorsichtig sein und wenn man etwas sagt, dann eben durch die Blume!
So war immer was zu tun, zu recherchieren, zu schreiben, zu beaufsichtigen und Irma führte das Hauptbüro zuhause, das keinen Feierabend kennt- während das in der Druckerei längst Feierabend hatte.

Der Bürgermeister stand eines schönen Abends vor seiner Haustür und begehrte eine kleine Audienz, wie er sich scherzend auszudrücken beliebte.. man muß dazu sagen, daß öfter über seine Streiche berichtet worden ist im Stadtpfeifer, wo er sich seine Säckel randvoll gemacht hat.
Herein, wenns kein Schneider ist, tönt es von innen, die Tür ist bei uns immer offen.
Hinter der Tür lauerte einer der großen und sehr wachsamen Hunde, jederzeit bereit einzuspringen, wenn Gefahr droht.
Dieser stellte den Kamm- ein untrügliches Zeichen für Hundehalter:
Vorsicht! Hier kommt ein Toxiker zu Besuch.
Der Bürgermeister hielt sich nicht lange auf, er behielt den Hut und den Mantel an und drohte offen mit Verleumdungs- und Unterlassungsklage.
Danach schlug die Tür hart ins Schloss und der feine Herr war weg, Splitt flog über die Auffahrt, als der Luxuswagen davon stob.
Der gleiche bekannte Name..

***

Nach einem Jahr liefen die Druckmaschinen nur noch für den Stadtpfeifer und er übernahm den Betrieb ganz und gar. Niemand war böse darum, denn die Arbeitsplätze gehen bekanntlich vor.
Das einzige Blatt oder besser Zeitschrift, die auf diese Art und Weise sich so vollkommen von den üblichen Angeboten abhob, bekam in anderen Städten Nachahmer unter dem gleichen Namen:
So flossen Tandiemen zu, die spürbar die Kapitaldecke erhöhten. Die Nutzer dieses Namens mußten sich zudem verpflichten, in gleicher Weise zu arbeiten und keine Werbung und keine Weltpolitik einfließen zu lassen, ja sogar den selben Ordner bei ihm zu kaufen, wo man die Exemplare abheften konnte. Voran war hinter seinem Stadtpfeifer der Name seiner Stadt gedruckt:
Stadtpfeifer Ralensburg Ausgabe 14. 1990
Bei Nichterfüllung des Vertrages wäre dieser geplatzt und diese Leute hätten sich einen anderen Namen für ihr Blatt suchen müssen.
Der Anwalt der Stadt war dabei sehr gerne behilflich.

Das Geschäftliche hat er bald einem Prokuristen übertragen, der auch gleich "der Redakteur" genannt wurde. Die Steuer übertrug er einem Steuerbüro und so war er frei für das, was schon seine Lieblingsbeschäftigung als Lehrbub war:
Zuhören, aufpassen und verarbeiten.
Seine Beiträge waren danach nicht mehr so häufig, was die Leser mit Beifall quittierten:
Hier gönnt jemand anderen Leuten den Job!

***

Doch nun zurück zu unserem Toxiker an der Haustür des alten Bauernhauses: Der ungebetene Gast kam nocheinmal vorbei, setzte sich an den Küchentisch, wo die Hausfrau Irma gerade werkelte und legte los:
Was soll das mit der Beschuldigung, daß überall die gleichen Nachnamen auftauchen, unterstellen sie mir oder uns allen Korruption und Vetternwirtschaft?
Hennes hörte das und kam aus seinem Büro.
Ich bin es, den sie vermutlich suchen, meine Frau mit ihrem Ansinnen zu behelligen, ist nicht die feine Art.
Ich gebe ihnen die Adresse meines Anwaltes und der wird ihnen gerne weiter helfen. Das Honorar geht zu ihren Lasten.
Exakt diesen Wortlaut schrieb seine Frau mit und auch, daß der feine Herr die Haustür hinter sich zuknallte.
In der nächsten Ausgabe stand dieser Vorfall haarklein drin und der Bürgermeister mußte sich vor der Stadtverordnetenversammlung rechtfertigen. Zum Anwalt ist er übrigens nicht gegangen - nun aber war der Stein ins Rollen gekommen und genau in diese Falle ist der studierte Herr blindlinks in seiner Wut getappt!

Nicht lange hin und er mußte sich vor dem Kreisausschuß verantworten und Fakten offenlegen..
Im Stadtpfeifer war wieder was los und die Leute redeten sich die Köpfe heiß. Ein Ausschuß wurde gebildet und man untersuchte jeden Fall, jede Einstellung mit diesem besagten Familiennamen haargenau und fand mehr als genug Schiebereien, wo so schon Beschwerden angesammelt hatten.
Zeitgleich war überall dort Kassensturz, wo diese Vettern tätig waren und .. es kam zu einer Kündigungswelle, die auch den Bürgermeister nicht verschonte. (Auch er trug diesen Namen)

***

Hennes war kein Dummkopf und so sann er ständig nach neuen Ideen. So eine Idee war die, über die Mund-zu-Mund-Propaganda geeignete, besonders zuverlässige Leute zu finden, die seine -anonymen - Leute vor Ort sein sollen.

Anonym aus dem Grunde, weil manchen rachsüchtigen Personen besser kein Wind in die Segel kommen sollte. Seine Schar war durch die Mitwirkung des Detektives und des Anwaltes recht bald gefunden. Es waren durch die Bank gestandene Personen, die nie irgendwo aufgefallen sind.

Die jeweiligen Berichte wurden in den Briefkasten am Verlagsgebäude abgegeben, mit einem geheimen Schlüssel, den nur der Redakteur alias Prokurist kannte.
Auf diese Weise hat sich Hennes -fast- selbst überflüssig gemacht. Der Stadtpfeifer gedieh und immer mehr "Verborgenes" kam an das Licht der Sonne. Anonymisiert mit anderen -fiktiven- Namen. Die rührigen Vereine hatten bald ihre eigene Seite in dieser Zeitschrift.

Manche berichteten wertneutral über Partei- oder Umweltschutzversammlungen, über Fördergelder für dies oder das. Auf alle Fälle blieb nichts außen vor und jeder wußte, wenn die Sparkasse ein Event angesetzt hatte oder das Autohaus eine Show präsentierte. Selbst städtische Bekanntmachungen wurden hier veröffentlicht.

Nach einiger Zeit fing sein Sohn als Lehrling in dem Verlagshaus an - was ihn doch schon sehr an seine Jugend erinnerte. Rolf hatte jedoch weitergehende Pläne, die sich in dieser Stadt nicht verwirklichen ließen. Auch die beiden Töchter, Lore und Sabinchen wollten nicht hier bleiben. Die Zwillinge Bernd und Tobias wollten nun doch lieber auf dem Dorf und bei dem Biohof bleiben, zur Freude von Heinz und Dora. So sind Kinder eben.

***

Hennes besann sich und gab mithilfe des Anwaltes und Notars eine Schätzung des Betriebes und des Verlages mitsamt der Copyrights in Auftrag und stückelte daraus 1000 Anteile. Diese Anteilsscheine wurden über die Sparkasse verkauft an jeden, der einen haben wollte, aber nur einen Schein pro Person, die nur vererbt aber nicht übertragen werden konnten. (So hat man allen evtl. Übernahmeversuchen den Riegel vorgeschoben) Der Erlös kam zur treuhänderischen Verwaltung dieser Bank als stille Reserve. Sein Anteil von 30% hat Hennes sich auszahlen lassen und in einem Rentenfond für seine Frau angelegt.

Nun saß er zufrieden auf seiner Bank und las den Stadtpfeifer - was sonst?!
Jetzt konnte er sich seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Romaneschreiben widmen und zwar voll und ganz.
Sein neues Werk steckte noch in der Schreibmaschine: "Der alternative Zeitungsverlag", ein Verschwörungskrimi mit Tiefgang.

Der Bürgermeister hat bald darauf abgedankt, "aus gesundheitlichen Gründen", wie er verlautbaren ließ.
(Mit vollem Pensionsanspruch, weil er länger als 8 Jahre im Amte war)
Gerade wollte Hennes -mit der Reise-Schreibmaschine auf dem Schoß auf der Gartenbank, wo gerade die Sonne hingewandert war- da meldete der Hund einen Besucher an. Dieser ging geradewegs durch das Gartentürchen, das eigentlich immer versperrt war und stolperte über die Blumenbeete, laut schimpfend. Sein Rechtsanwalt mit Gehilfe kam aufgebracht auf ihn zu und schimpfte wie ein Rohrspatz: Die Transaktion mit den 1000 Anteilsscheinen ist beim Kartellamt angezeigt worden und nun haben wir die Kontrolleure im Haus.. bei der Sparkasse war ebenfalls die Razzia in dieser Sache, mit dem Verdacht auf Geldwäsche, wie man uns sagte.

***

Die Sache kann ich aufklären, denn dafür sind genügend Recherchen gelaufen- die ich als Fallbeispiele hier in diesem Ordner gesammelt habe. Dort ist man abgewiesen worden mit einer solchen Klage, weil es um ein schieres inhabergeführes Privatgeschäft geht, das keinen Aktiencharakter hat, also nicht börsennotiert ist. Wer dafür mehr bietet als der Nominalwert, hat Pech: Bei der Veräußerung verfällt der Schein zugunsten des Fonds. Der Inhaber kann den Schein nur an den Herausgeber verkaufen und erhält dabei seine Prämie, die sich in dieser Zeit als Gewinn angesammelt hat. Vererben kann man den Schein, mehr aber auch nicht. Jeder darf nur einen haben.
Inzwischen kam Irene mit Kaffee und Kuchen und die Beiden haben sich schon deutlich beruhigt und die Akte eingesteckt. (Ich schicke die Akte wieder retour, seien sie unbesorgt)

Als die Beiden wieder weg waren, unterhielt man sich noch lange darüber, wer wohl der Initiator der Sache gewesen sein mochte. Die Vermutungen gingen in viele Richtungen und so ging Hennes an dem folgenden Tag in die Stadt auf Tour.

Seine ehemaligen Informanten hatten allesamt unterschiedliche Verdächte, aber etwas Konkretes gab es nicht. Kam der Stein überhaupt von einem der Einwohner ins Rollen oder gab es einen Anstoß von außen?

Er ging zu seinem Freund, dem Detektiven und berichtete, gab diesem den Auftrag zu recherchieren. Froh, wieder einen Auftrag bekommen zu haben, ging dieser gleich zu Werke. Einen Verdacht hatte er schon im Vorfeld, wie man so schön sagt..

***

Während Hennes sich mit ein paar alten Freunden im Cafe unterhielt, packte der Detektiv seine Siebensachen und startete auf Erkundungstour.

Wieder zuhause fing er an, sich Stichpunkte von diesem neuen Fall zu machen und dachte sich: Irgendwann werde ich das in einem anderen Roman verwenden. Als Schriftsteller kann man nie genug Material an der Seite liegen haben. Neue Ideen sind so rar wie Edelsteine.
Die Kinder waren nun in einem Alter, wo sie selten zuhause sind oder so spät kommen, daß die Eltern längst schon schlafen - bis auf ein gedämpftes "wuff" war von deren Rückkehr nicht zu bemerken und .. "dämlicher Köter, wirst du wohl still sein!" Das bedeutete für den schweren Hund sich lautstark in seinem "Körbchen" herum zu drehen und sich geräuschvoll plumpsen zu lassen, wobei die Halskette klirrte.
Am anderen Morgen war sie schon früh auf und hatte frische Brötchen gebacken, die durch das ganze Haus dufteten.
Sie waren noch im Schlafdress, als es läutete - der Detektiv setzte sich wortlos an den Frühstückstisch und freute sich auf die Brötchen..

Er futterte mit großem Appetit, besonders die Bioprodukte als Belag, die im Laden viel zu teuer sind.
Hennes hatte schon zuvor die Vermutung, die jetzt eine Bestätigung fand - der alte Buchhalter giftete herum und mithilfe seines Bewährungshelfers startete man nun durch, um dem Treiben ein Ende machen.
Der Spuk war schnell vorbei und der Buchhalter hatte noch eine Kerbe mehr auf dem Kerbholz.
Das las man auch im Stadtpfeifer ausführlich, wieder ein spannendes Thema mehr,
das ein zusätzliche Brisanz hatte: Dieser Buchhalter war früher für einige Zeit im Stadtparlament und in der roten Partei, er hatte einen bestimmten Namen.. eben der, welcher rein zufällig überall zu finden war.

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Der Stadtpfeifer ist also zum Selbstläufer geworden, so freute man sich überall und bald waren alle Anleihen verkauft. Zeitungen sind überall auf dem absteigenden Ast, aber hier ging es aufwärts - langsam, aber stetig! Von "Krise" war hier keine Rede.

Hennes und Irma haben das Leben auf dem Lande aus vollen Zügen genießen können und hatten Urlaub gewiß nicht nötig. Die Kinder gingen schon ihre eigenen Wege und so vagabundierten die Beiden gerne durch die Einkaufspassagen der Stadt und sprachen mal hier mit zufälligen Bekannten, mal dort - und so verfuhr man doch nochmal Dinge, die unbekannt waren.

Der alte Sambabus wurde gerade gründlich renoviert um noch zig Jahre seinen zuverlässigen Dienst leisten zu können. Bis dahin war das Fahrrad angesagt und so schlimm fanden die Eheleute das eigentlich gar nicht.

Als sie bei der Bank ankamen, schauten Hennes nochmal kurz rein, um sich über denen Gedanken zu den Anteilsscheinen zu informieren. Aber es war wohl alles im Lot und verstanden worden, was unlängst in dieser Sache ablief. Inzwischen sind weitere 1000 Scheine in der Bearbeitung, die für neue Druckmaschinen gebraucht wurden. Der Bankmensch meinte trocken: Die gehen gut weg, der Verlag braucht sich keine Sorgen zu machen. Beim Detektiv jedoch verlangte ein Klient, den er als den ehemaligen Pfarrer identifizierte, welcher sich dadurch geoutet hatte, die Adresse von Irma und Hennes ausfindig zu machen zu wollen..

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Ihr müßt auf der Hut sein, denn irgendwo wird er euere Adresse sicher erfahren - von mir bekam er keine Antwort in dieser Sache. Die Beiden dankten höflich und sagten bei der unweit befindlichen Polizeistation Bescheid, damit diese schon mal im Vorfeld auf der Hut waren. Dort konnte man sich nicht so recht erklären, weshalb dieser Verbrecher wieder auf freiem Fuß war- so vermuteten sie "Freigang wegen guter Führung" oder Aussetzung des Vollzugs wegen Bewährung, also Tötung im Affekt. Nach einem Anruf bei der vorgesetzten Stelle meinten die Wachhabenden bitter: "Er konnte glaubhaft versichern, daß es kein Rachefeldzug war". Seien sie aufmerksam und rufen sofort an - ja?

Aber es kam an diesem Tag niemand vorbei, auch am nächsten und übernächsten Tag nicht. Dann rief die Wache an und sagte:
Sie brauchen sich keine Gedanken mehr zu machen, wir haben den Typen hinter Schloß und Riegel geschafft, wo er nun schmoren darf bis er alt und grau wird. Er hat im Park versucht einer alten Frau das Fahrrad zu entwenden und - wie er zugab, zu ihnen zu fahren - und diese stürzte so unglücklich auf den Rinnstein, daß sie noch auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. Die Senioren war schon 86 Jahre alt. Ach ja, er hatte sich im Eisenwarenladen eine Axt gekauft..

.. man sah Hennes und Irma die Blässe an, als sie sich Tags darauf persönlich bedankten und auf den Schreck hinterdrein in der Stadtschenke einkehrten. Zuvor jedoch lieferte er eine spontane Mitteilung an den Stadtpfeifer in dieser Sache.

Ein Tag mit garantiertem Gruseleffekt ging am heimischen Kamin zuende und der Glühwein schmeckte.

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Die beiden Landbewohner verkauften alle ihre Anteile bei allen Beteiligungen, teilten die Summe auf, - so daß auch die Kinder genug davon bekamen.
Der Schriftsteller zog sich auf seine Schriftstellerei zurück und ging mit seiner Frau regelmäßig in der Geschäftsstraße spazieren und anschließend in das alte kleine Cafe, wo man viele Dinge erfahren konnte..
Die Romane liefen wieder an, als wäre das ganze Zwischenspiel nie gewesen.
Mit Bruder und Schwägerin kamen beide wunderbar aus, die Kinder vertrugen sich noch immer wie Geschwister.
Die Tage auf dem Landsitz waren gleich, gleich zufrieden und ruhig - ohne Skandale und ohne spektakuläre Geschehnisse.
Ein paar Wochen später trugen sie den Schriftsteller a.D. Angerer zu Grabe.


*** ENDE ***





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